hest
10.09.2012 | 13:12 9

Können Suchmaschinen Instinkte haben?

Google in der Kritik Bei der Klage von Bettina Wulff gegen Google geht es um die Ehre - allerdings für beide. Der Webkonzern muss womöglich den „Ruf“ seiner Suchergebnisse verteidigen

Können Suchmaschinen Instinkte haben?

bettina… und dann?

Foto: Screenshot

Mit einer Klage vor dem Landgericht Hamburg will Bettina Wulff, Gattin des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, den Suchmaschinenbetreiber Google zu einer Unterlassung zwingen: es sollen bei Anfragen via Google keine Suchwortvervollständigungen ihres Namens mit bestimmten Begriffen und Wörtern mehr erfolgen, die laut Süddeutscher Zeitung komplett auf Gerüchten basieren.

Wohlgemerkt, mit dieser Klage rückt Frau Wullf nicht jene ins juristische Visier, die die Gerüchte erfinden und in die Welt setzen, also die Urheber einer Verleumdung. Vielmehr trifft es in diesem Fall den Hinweisgeber zu den (Weiter-)Verbreitern dieser Gerüchte. Neben Google erhob Wullf auch eine Klage gegen den Fernsehmoderator Günter Jauch, der bereits im Dezember vergangenen Jahres diesen Gerüchten Aufmerksamkeit verschaffte, in Form einer diesbezüglichen Frage an Frau Wulff. Jauch hat bereits öffentlich eingelenkt, auch wenn er meinte, mit dem Zitieren eines Artikels aus der Berliner Zeitung nicht wirklich zur Aufschaukelung substanzlosen Geredes beigetragen zu haben. Hat er, wie sich jetzt zeigt, eben doch. So unbefriedigend die Begründung seines Zugeständnisses auch sein mag  – TV-Kollege Chrisoph Lütgert etwa meint, für Jauch sei es ein Eigentor  – zumindest hat Jauch reagiert und entschieden: als professioneller Journalist, als öffentlicher Mensch und als TV-Gigant. Er hat Rollenbewusstsein, Instinkt und Moral gezeigt, wie auch immer man diese letztlich bewerten mag. Der Internet-Gigant Google hingegen reagierte auf die Klage und die Berichte und Diskussionen (bisher), wie gewohnt: gar nicht. Wird er aber (müssen), um sein Rollenbewusstsein deutlich zu machen. Inwieweit Google dabei tatsächlich zur Disposition stellt, ob ein bloßer „Auskunftgeber“ in Asunahmefällen, etwa bei, sagen wir mal „bedenklichen“ Auskünften, so etwas wie journalistische Ethik oder Moral zu beweisen hat, ist die eine spannende Frage.  Doch in der vordersten von mehreren denkbaren Diskussionsfrontlinien dürfte für das Unternehmen Google der „gute Ruf“ seiner Auskünfte stehen: also die Güte und Vertrauenswürdigkeit der „Treffer“. Denn hauptsächlich davon hängt die Nutzungshäufigkeit der seit Jahren marktbeherrschenden Suchmaschine ab und davon wiederum die Anzeigenerlöse, die das alles andere tragende Fundament des Unternehmens sind.

Gewiss: Es geht in diesem Fall zunächst um Googles Umgang mit den Such-Anfragen, nicht um den mit den Such-Ergebnissen, auch wenn letztere bei ersteren durchaus eine Rolle spielen, dazu gleich mehr. Und von den Ergebnis-Listen, den „Rankings“ zu Google-Suchanfragen ist ja bekannt, dass sie eben nicht hehre statistische oder gar wissenschaftliche Wahrhaftigkeiten repräsentieren, sondern eine komplexe Mischung sind: aus bezahltem Trefferplatz, Besuchs-, Aufenthalts- und Such-Verhalten der Internetnutzer, Verlinkungs- und Zitierhäufigkeiten und weiteren Bewertungen, welche Google für sinnvoll hält. Worum es bei der Wulff-Klage aber vor allem geht, ist die durch Google automatisierte Vervollständigung der Suchanfrage selbst, auf englisch auto-complete. Hierbei bietet Google im Suchfeld schon nach Eintippen eines Buchstabens beziehungsweise Wortes mögliche Such-Begriffe oder eben Begriffs-Kombinationen an. Bespielsweise erschien als Vorschlag „Olympiade London“ schon bei Eintippen von „Ol“ oder „Oly“. Solche Vorschläge generiert Google ebenfalls aus einer Mixtur von Parametern: Die bisherigen Suchbegriffe des einzelnen Nutzers ebenso wie die gerade „aktuellen“, also häufig eingegebenen Suchbegriffe aller Google-Nutzer; aber auch generell populäre Treffer, sprich beliebte Webseiten, die zu der vermeintlichen, vermutlichen Suchanfrage passen können – oder auch passen sollen: weil dahinter gewisse (zahlende) Anbieter stehen. Und das ist vermutlich nicht alles.

Wie genau Googles „auto-complete“ funktioniert, was genau die zuständigen Algorithmen enthalten, das behält Google für sich. Klar hingegen ist: Zum einen filtern jegliche Algorithmen immer nur und immer genau so, wie es ihre Programmierer ihnen vorgeben: in jedem „auto-complete“ steckt also immer auch menschliche Intention, also pure Absicht. Zum anderen legen Google-Mitarbeiter händisch und ebenso intendiert Hand an die auto-complete-Mechanismen an. Darauf weist Marcus Schwarze von der Rhein-Zeitung hin: „Google erlaubt beileibe nicht alle automatischen Vervollständigungen. Google filtert nach subjektiven Kriterien … Das erklärt das US-Unternehmen auf seiner eigenen Seite.“ Tatsächlich finden sich bei Google, sogar auf Deutsch, so etwas wie Beschreibungen und Richtlinien für die „Automatische Vervollständigung“. Hierauf geht auch der auf Internet-Recht fokussierte Jurist Henning-Ernst Müller im Beck-Blog ein „Wenn sich also die Google-Anwälte darauf berufen, das Autocomplete gebe eben nur die häufige Suche nach bestimmten Wortkombinationen objektiv wieder, dann argumentieren sie glatt an der Wahrheit vorbei. Redaktionelle Eingriffe finden statt, Google nimmt Einfluss.“ 

Im Klartext: Irgendwo und irgendwie ist (also doch) ein Mensch oder ein Stab von Menschen bei Google damit beschäftigt, die Such-„Vervollständigungen“ zu bewerten, zu editieren, zu beeinflussen. Interessant und eine gute Frage dabei ist, woher die Impulse kommen, die durch den Dschungel der intendierten Algorithmen hindurch für eine solche menschliche Aufmerksamkeit sorgen: Sind es ungewöhnliche Ausschläge in (internen) statistischen Erfassungen, Protokollen, Analysen? Oder sind es „Storms“ in Social Media Communities? Lösen Berichte in „etablierten“ Medien einen Alarm aus? Oder erst (hoch gewichtete) gerichtsanhängige Klagen? Vielleicht schlägt sogar ein lebens- und/oder berufserfahrener Instinkt an? (Der letzten Bastion der Natur gegenüber den Algorithmen, nicht wahr HAL?) Wie dem sei: Ob nun agierend oder nur -re-agierend, wirkungsvoll handeln kann eine Google-interne, hier zunächst mal vermutete auto-complete Task Force nur mittels gewisser inhaltlicher Leitlinien, Vorgaben. Und da ist die spannende Frage, wer diese definiert – und auf welche Moral- oder Ethik-Grundsätze dabei aufgebaut wird. Wie sehr als „Medium“ diese task force sich oder Google womöglich sieht? (Einschliessliche presserechtlicher und/oder genre-ethischer Relevanz).

Für den Journalisten Wolfgang Michal, Mitherausgeber der Mediendiskursplattform CARTA, bewege sich Google mit Diensten wie auto-complete weiter in eine publizistische Position hinein, und müsse sich, wenn auch erst auf juristischen Druck hin, zu den damit verbundenen Verantwortungen bekennen: „Das Recht zwingt die „neutralen“ Plattformen dazu, redaktionelle und verlegerische Aufgaben wahrzunehmen, also auszuwählen, zu filtern, zu ordnen, zu hierarchisieren und zu bewerten. Manche nennen das Zensur, andere sehen darin die Notwendigkeit zur Verantwortung. Die Grenzen sind hier fließend und werden noch zu vielen weiteren Konflikten führen.“ Juristen, wie der auf „Internet-Law“ bloggende Anwalt Thomas Stadler, sehen in Suchmaschinen Vermittler eines neuen Typus, für die sich spezielle Rechtsfragen ganz neu stellen – und ebenso gesondert zu beantworten sind: „Es geht hier also ganz grundlegend um die Frage der Aufrechterhaltung nützlicher und hilfreicher Suchmaschinenfunktionen. Letztlich diskutiert man also nur wieder die in wechselndem Gewand regelmäßig wiederkehrende Frage, inwieweit man Intermediäre für rechtswidrige Inhalte Dritter in Haftung nehmen kann.“

Aus der Perspektive von Google könnte sich die Wulff-Klage zu einer sprichwörtlichen Gretchenfrage entwickeln. Sollte im Verlaufe von Klage, möglichem Prozess und den daran geknüpften Diskussionen die Skepsis gegenüber den auto-complete-Vorschlägen und damit -Auskünften von Google erhöhen, könnte das fatale Folgen haben. Entstünde langsam aber sicher in breiten Internet-Nutzer-Kreisen der Eindruck, dass Google aus geschäftlichen Gründen auch systematisch eher zweifelhaften, anrüchigen oder hahnebüchenen Mutmaßungen und letztlich deren Urhebern Raum gibt – durch so etwas wie automatisierter Beihilfe zur Popularisierung – dann wäre das auch Gift für den (noch guten) Ruf der Such-Ergebnisse. Diese sind und bleiben das wichtigste Gut das Internetkonzerns. Misstrauen gegenüber den Rankings könnte, nein, würde dem Anzeigengeschäft gewiss schaden. Es geht also bei der Causa Bettina Wulff auch um die Ehre von Google.

Die Frage dabei ist, ob Suchmaschinentechnologien so etwas wie Instinkt haben können oder gar sollen, und wie diese dann implentiert, instruiert und dirigiert werden können. Doch zunächst einmal sollte Google selbst Instinkt beweisen, und klar oder klärend Position beziehen.

Kommentare (9)

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Ehemaliger Nutzer 11.09.2012 | 03:32

Im Zusammenhang mit dem Ehepaar Wulff von "Ehre" zu sprechen, halte ich für einen Treppenwitz.

Ich gehe davon aus, dass der Schuss für Bettina genauso nach hinten los geht, wie es bei ihrem Gatten geschah.

Es kann einfach nichts wiederhergestellt werden, was es zuvor nicht gab.

"Nichts dazu gelernt" ist da noch eine wohlwollende Einschätzung solch dümmlichen Ansinnens ......

.... schließlich kann jeder Nutzer selbst entscheiden, ob er die „auto-complete“ Funktion der Google-Suche aktiviert, oder eben nicht.

Bei Microsofts Suche "bing" erscheint bereits bei der Eingabe von "Bettina" bettina wulff rotlicht als erster Treffer. Ob Frau Wulff nun auch Microsoft verklagt?

Sisyphos Boucher 11.09.2012 | 08:47

Bettina Wulff geht es nur um Öffentlichkeit, nicht um Ehre oder so. Die Verkaufszahlen ihres Buches einerseits, und andererseits hat sie sich gerade als Marketingberaterin selbständig gemacht. Möglicherweise ist sie ihr erstes und wichtigstes Referenzprojekt für spätere Kunden.

Die Auseinandersetzung mit Google ist nur eine Zukunftsinvestition für die Dame, egal, ob sie sich gerichtlich durchsetzen wird oder nicht.

Lukasz Szopa 11.09.2012 | 10:02

Vergessen wir mal die Frau Wulff.

Der Google-Algorithmus arbeitet so, daß er sich die gestellten Anfragen merkt und sammelt, und danach eben die meist benutzten als Vorschlag anbietet.

Beispiel: Wenn innerhalb einer kurzen Zeit zigtausende google-User den Suchbegriff "Lukasz Szopa Angleranfänger" oder "-Angler" oder "-Fischen" eingeben, wird nach wenigen Tagen der Algoithmus neuen Usern diese Wort-Kombinationen vorschlagen - die es ja vorher gar nicht gab. Wenn danach monatelang keine Sau mehr in diese Richtung suchen wird, oder aber nun zigtausende nach "Lukasz Szopa Cirkusnummer" suchen - wird Google nun dieses als "Top-Such-Vorschlag" nehmen. Somit hat Google "Recht" indem man meint, es sei nicht Googles Entscheidung, irgendwelche Suchvorschläge "top" zu machen, sondern es sind die User, die etwas suchen, und dann wird dieser Suche durch den Algotithmus "nachgeholfen". 

Da der Algorithmus aber von Google stammt und die Website ja auch, ist Google hier mindestens ein "Weitersager", ein Sprachohr, ein Lautsprecher - selbst wenn es selber kein "Autor" oder "Redner" ist.

Ein anderer Punkt ist aber auch, daß Google durchaus diese "Top-Such-Vorschläge" manipuliert - das gibt der Konzern auch offen zu. Etwa bei Suchanfragen wie "Sex", "Porno", "Terror", "Nazi", "Bomb" etc. etc. Ist zwar "gut gemeint", aber auf jeden Fall eine Steuerung des angeblich so automatischen und "objektiven" Algorithmus.

hest 11.09.2012 | 10:41

@Lukasz Sopa: „… daß Google durchaus diese "Top-Such-Vorschläge" manipuliert“. Ganz genau, und darum geht es ja: Suchvorschläge sind eine Dienstleistung und für deren Qualität oder auch Güte kann/sollte/will der Anbieter eben nicht allein auf „die Weisheit der“ suchfanragenden „Massen“ vertrauen – er muss redaktionell eingreifen. Dass er dafür dann wohl auch telemediengesetzrechtliche Verantwortung trägt und haftbar ist, meint übrigens „Telemedicu“ Reto Manz auf seinem juristischen Blog:

http://www.retosphere.de/offenenetze/2012/09/10/suchmaschinen-auto-suggest-und-die-privilegierung-nach-dem-tmg/?piwik_campaign=rss-reader

Frank R 15.09.2012 | 16:14

Es geht für mich schon damit los, dass ich nicht möchte, dass weitererzählt wird, wonach ich suche. Die Eingabe in das Google-Suchfeld ist meine private Information, die niemanden etwas angeht. Seit Google Suchanfragen komplettiert, fühle ich mich beobachtet und kontrolliert. Vergeblich suche ich nach konsequenten Stellungnahmen von Datenschutzbeauftragten.  

Das Dilemma geht weit über Einzelpersonen hinaus. Gibt man "Erfurt, Schule" ein, ergänzt Google sofort um "Massaker" oder "Amok". Wie lange noch? Wie sollen sich Erfurter Schulen (und Schüler) da im Web positionieren?

 

hest 17.09.2012 | 08:13

Sehr guter Punkt, finde ich, denn er spricht die zweite Distinktion von Such-„Maschinen“ zu suchenden „Menschen“ an: Die DISKRETION. Chauffeure, Concièrges oder auch Buchhändler brüllen ja eben nicht werbewirksam in die Gegend, „Hey, schon wieder einer, der nach 'sowas wie in 50 Shades of Grey' sucht!“ – und sie tun es nicht, weil Diskretion zur Dienstleistung gehört. Die Indiskretion der Komplettierung bei Google ist zwar anonym, aber dennoch sehr aufdringlich – und die Frage ist, ob sie wirklich sein muss. Oder anders, und an dieser Stelle mal wieder richtig links gefragt: Wem nützt sie? (Vermutete Antwort: Google Geschäft mit Anzeigen)