Joachim Petrick
17.12.2012 | 22:06 22

Hannah Arendts "Holzweg"

Politische Theorie Hannah Arendt hat sich seit ihrer Flucht aus Nazi- Deutschland im Jahre 1933, von der Philosophie weg, mit sozial engagiertem Elan zur politischen Theorie hingewendet

Hannah Arendt (1906- 1975) hat sich spätestens seit ihrer  Flucht aus Nazi- Deutschland im Jahre 1933, von der Philosophie weg, mit sozial engagiertem Elan  zur politischen Theorie hingewendet, weil ihr die Intellektuellen im allgemeinen wie die Philosophen im Besonderen in Deutschland, Europa zu einfallsreich, zu verblümt, zu kreativ  in ihrer Urteilskraft  über die NS- Herrschaft waren.

Der Schock im Jahre 1933 sei nicht die Machtergreifung der Nazis in Deutschlnd gewesen. Dass die Nazis Feinde der Judenheit waren, war ja seit Jahren bekannt.
Nein!, ihr Schock sei damals gewesen, dass sich vormalige Weggefährten/innen in Wissenschaft, Kultur, Politik, Journalismus, Wirtschaft, Gesellschaft auf eine akademisch ergebnisorientierte Spekulation des Für und Wider der Optionen einließen, die die Nazi- Herrschaft möglichweise der Menschheitsgeschichte böte.

Von da ab wollte Hannah Arendt niemals mehr Philosphin, sondern politische Theoretikerin geheißen sein, auch wenn die Bemühungen, u. a. durch den jungen Günter Gaus in seinem legendären Gespräch"Zur Person"  mit ihr im Jahre 1963, so schmeichelhat unterwegs, sie genau in die Ecke der Großen Philosophen verorten wollten.

Philsophie, die nach Resulaten strebte, sei es mit einer Perspektive von Tausend Jahren, sei es mit dem Willen, die nächsten zehn Jahre "wachstumsorientiert",  planend,  zu bestimmen, war ihr ein Grausen, weil der Wohnsitz des Denkens nicht Resultate, sondern das Erstaunen an sich sei.
Bei diesem Ansatz ihrer "Holzwegtheorie" erwies Hannah Arendt. im Jahre 1906 in Hannover geboren, nach dem frühen Tod ihres Vaters,  in Königsberg aufgewachsen, Immanuell Kant die Weihen des "Unerschütterbaren", des "Unfehlbaren"  im Denken, der sich niemals auf Ergebnisse seines Denkens verlegt habe, sondern lebenslang dem Erstaunen verpflichtet blieb. So als ob solchermaßen Verpflichtungen zu etwas wie dem Erstaunen denkbar sind.
Hatte doch gerade Immanuell Kant mit seinem Begriff vom "Kategorischen Imperativ" ,

erwachsen über die reine in die praktische Vernunft, ganz besonders im Trüben fischend, namenlose Netze ausgelegt, in denen sich Nachfolgende, wie Friedrich Hegel, Karl Marx, Friedrich Engels ganz, weniger Arthur Schopenhauer,  Friedrich Nietzsche,  auf System Resultate versessen, heillos strebend, verheddernd, verfangen mochten.
Das ficht Hannah Arendt aber in ihrem Urteil über Immanuell Kant als den wahren Denker nicht an.
So gut kommt bei Hannah Arendt nur noch Martin Heidegger, neben dem unabdinglich grandiosen Karl Jaspers, weg.

Bei Martin Heidegger findet Hannah Arendt mit der ganzen Wucht ihrer Persönlichkeit  reichlich Futter für ihre "Holzwegtheorie".
Wobei die Redewendung

"Sich auf dem Holzweg befinden"

durch Hannah Arendt eine wundersame Umdeutung erfährt, weil bei ihr die Begrifflichkeit des "Holzweges" mit Martin Heidegger, insperiert durch Karl Jaspers, nicht als Sackgasse, sondern als Ab- Transportweg für die gefällten Bäume im Dickicht unserer Gedankenurwälder gedacht ist.
Martin Heidegger selber sei nie auf Resulate seines Denkens aus gewesen, außer binnen befristeten zehn Monaten um das Jahr 1935, als er sich, aus der Ferne seiner "denkenden Stille" kommend, auf laute Nähe zur NS- Staatsideologie eingelassen habe, läßt Hannah Arendt sich in einem Feature im Jahre 1969 zum 80zigsten Geburtstag von Martin Heidegger vernehmen.
Nach Martin Heidegger braucht Denken Ferne zur Nähe, Nähe zur Ferne und das in Weltabgeschiedenheit, bei absoluter Zurückgezogenheit und Stille, dass selbst der Ton der eigenen Stimme verstummt, damit "Innerer Raum" für das Erwachen des Erstaunens zu entstehen vermag.
Hannah Arendt, frech, frei  und munter, meint mit ihrer ungstümen Urteilskraft in etwa:
"Das denkende Ich bleibt lebenslang alterlos, wird älter, ohne zu altern.

Das denkende Ich teilt sich selber und anderen  nicht in Resultaten mit und strebt, eigenschaftlos, wie es ist,  auch nicht danach, Denn hier im denkenden Ich als Wohnsitz des Erstaunens bestimme eben nicht das Sein das Bewußtsein"

Dass aber selbst das Erstaunen an sich in unserer Gegenwart für Denkende die Dichte von Systemcharakter erfahren hat, indem wir, lokal und global, tagaus, tagein, ja stündlich, im Sinne ursprünglichen Denkens,  allen Grund und medial viel angefettetes Futter zum Erstaunen haben, denn die gesamtmenschheitlichen Verhältnisse erhellen sich nicht in allgemeinen Denkprozessen durch persönliche Erfahrung und Anschauung, sondern nebeln sich, detailversessen abspaltend,  verdunkeln ein.

Hannah Arendt verdeutlicht diesen Ansatz des Denkens folgendermaßen:
"Wenn also ein Mensch einem anderen Menschen, Angesicht zu Angesicht, gegenüber steht, kann er diesen zwar wahrnehmen, aber nicht über ihn denken.

"Banalität des Bösen" am Fall des Adolf Eichmanns entlang
Frage:
"Liegt in Zeiten, wo die persönliche Urteilskraft der Menschen als Kleinmütigkeit, als unerwünschter Eigensinn, Eigenschaft,  gar Verhängnis für die Existenz von Religion, Rasse, Volk und Vaterland propagandistisch an den öffentlichen Pranger gestellt ist, dem Bösen schlechthin  kein wirkliches Urteil über die Welt, zugrunde, das sich aus persönlicher Erfahrung und Anschauung nährt noch nähren darf und so, prekär  salonfähig geworden, als gesellschaftspolitische Selbstverständlichkeit kommuniziert wird?"

Hannah Arendt prägt als Berichterstatterin des "Adolf Eichmann" Prozesses in Jerusalem im Jahre 1961 im Auftrag des amerikanischen Magazins "New Yorker", stilbildend,  den Begriff von der "Banalität des Bösen" mit dem Hinweis, dass Adolf Eichmann kein Dämon, sondern ein "Nichts" und wenn überhaupt etwas, dann vielleicht ein "Hanswurst" sei, über den sie beim Studium von 3.600 Seiten seiner Polizeiakten nicht wisse, wie oft sie gelacht, aber dass sie laut gelacht habe.

Hier gerät Hannah Arendt engagiert auf eine Gratwanderung zwischen aufklärenden Boulevardstil und Treue zu ihrem Haupthema, den Wurzeln der Urteilskraft des Menschen durch nichts außer reiner Erfahrung und Anschauung seinem Wesen nach.

Das bringt nicht nur viele Leser ihres späteren Buches "Eichmann in Jerusalem" , sondern auch ehemalige Freunde, Weggefährten im Urteil über ihre Person, Werk und Schaffen ins Straucheln.

Die einen, insbesondere im deutsch- und französischsprachigen  Raum, sehen, ablehend hier, unselig lobend da,  im Begriff "Banalität des Bösen" eine willkommene  bzw. unmenschliche Verharmlosung, gar "Bagatellisierung" der NS- Verbrechen.

Andere wiederum, eher im englischsprachigen Raum, sehen in  der ruchlosen Praxis der Nazi- Ideologie, staatlich organisierte  Verbrechen, bei propagierter Not und Gefahr für die Reinheit der deutschen Rasse, Führer, Volk ("Volk ohne Raum", Bestseller von Hans Grimm) und Vaterland, zur Selbstverständlichkeit erhoben, verdunkelnd, kollektiv dumpf in persönlicher Urteilskraft herabgesetzt,  für alle Zeiten zu verklären.

Mit welchen ironischem Biss und Humor Hannah Arendt bei ihren Vorträgen, Artikeln, dem Verfassen ihrer Bücher unterwegs ist, läßt sich einmal mehr an folgendem Beispiel verdeutlichen:

Hannah Arendt verwahrte isch immer wieder gegen den Begriff "Verbrechen gegen die Menschlichkeit ".

Dieser Begriff klänge, als hätten die Nazis, die Stalinisten u. a.  es bei ihren administrierten Verbrechen, nur an einem bestimmten Maß von Menschlichkeit gegenüber ihren Opfern fehlen lassen, mahnte Hannah Arendt in all ihrer Urteilskraft immer wieder an, lieber den Begriff

 "Verbrechen gegen die Menschheit"

zu kommunizieren.

Eine andere Sache ist bei Hannah Arendt, die Sache  mit den Widerrufen. Widerufe an sich gab es und konnte es für Hannah Arendt sowenig wie für Martin Heidegger, noch Immanulell Kant geben. Was es für sie und ihre Wahlverwandtschaft gab, war:

"Tag für Tag dämmere mit dem Morgen die Einheit von Leidenschaft und Denken herauf, mit Erstaunen, urteilsfreudig,  ein Neudenken des schon Gedachten zu stiften"

Denn die Neigung des Systembaus rühre nicht aus dem Denken des Menschen an sich, sondern aus den Quellen des  Willens und der sei eine andere Geschichte als die Geschichte des Denkens.

Bei ihrem Urteil über Adolf Eichmann als "Hanswurst" im Reich der "Banalität des Bösen"  vernachlässigt Hannah Arendt das, was sie in dem legendären Gespräch mit Günter Gaus als Unterlassung nachdrücklich anklingen läßt:

Die Erforschung der Geschichte der imperial kolonialistischen Vorjahre und der Jahre des Ersten Weltkriegs (1914- 1918) selber als Fegefeuer und Vorhölle des Versuchs, verifizierend, zu identifizieren, ausgerechnet bzw. bezeichnenderweise in den entwickelten Ländern der Welt, massenwirksam die persönliche Urteilskraft der Menschen auf der Basis ihrer alltäglichen Erfahrungen und Anschauungen als Vaterlandsverrat, Illoyalität gegenüber dem Zeitgeist der sogenannten Moderne zu diskriminieren.

Hannah Arendt (lacht):

"Die Geschichte des Ersten Weltkrieges hätte ich damals als junge Studentin gerne an der UNI in Königsberg, oder war es Freiburg?, kritisch erforscht.

Ich höre noch heute die Stimme eines Professors:

"Nee! Nee! Da wird nichts draus.  ich lasse mir doch nicht von Ihnen meine großen Gefühle über diese soldatisch  erhaben heldische Zeit vermasseln!"
JP


http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/hr/2012/Sendung-vom-16122012-104.html
"Er war ein Hanswurst!“
Warum Hannah Arendt im Massenmörder Adolf Eichmann die "Banalität des Bösen" entdeckte
Film von Margarethe von Trottha über "Hannah Arendt" startet  am 10. Januar 2013 in den Kinos



Kommentare (22)

Avatar
Ehemaliger Nutzer 17.12.2012 | 22:59

Ich fürchte da wird eine soap opera draus. Möglicherweise werden uns Martin und Hannah als Nackedeis in einer Marburger Dachstube präsentiert und Martin flüstert ihr ins Ohr: Aaah das war gut - auch wenn es ein Holzweg ist. Und Nietzsche unter dem Bett murmelt der Wille zur Macht ist die reine Leiblichkeit, das Verleiblichen des Bewusstseins bringt endlich den Übermenschen hervor, der endlich das Unerlaubte in Unschuld denken und ausleben kann, die Herde der Wehleidigen darf ich  nutzen,  worauf die edle Winifred hinter dem Vorhang antwortet: So sehe ich es auch, er war ja so warmherzig.

kenua 18.12.2012 | 16:30

Solche Pauschalurteile über Philosophen, Kant und Heidegger als absolut wahre, gute und schöne, Marx und Hegel und noch einige so abqualifizieren, zeugt nicht von ernsthaftem Nachdenken.

Als Soziologin mag sie gut gewesen sein, aber die philosophischen Aussagen dazu können kaum taugen.

Na ja, vielleicht lese ichs mal.

Danke für den Hinweis.

Joachim Petrick 18.12.2012 | 17:19

kenua kenua 18.12.2012 | 16:30

 

Hannah Arendt greift nicht die Phiosophie als solche an, sondern den, anschwellend, ergebnisorientierten Umgang mit ihr.

Genau daran misst sie die lange Reihe an Philosophen und nennt dabei im Ertsaunen als Wohnsitz des Denkens, einladend,  urteilsmächtig, debattenoffen,  ihre Favoriten.

 

Steht dabei Hannah Arendt nicht, wie sonst keine, für einen aufklärerisch linken Boulevard?, eine Empörungskultur mit Niveau, wie diese der Freitag seit seiner Gründung  im jahre 1991 , per defitionem, repräsentieren will?

kenua 18.12.2012 | 17:41

Das ist wahrscheinlich, aber ich kann das nicht beurteilen.

Ich habe mich, an der Uni als Nebenhörer, mit Kant und Fichte beschäfigt, selber viel rumgelesen, mir an der Phänomenologie die Zähne ausgebissen.

Mit meinem naturwissenschaftlichen Hintergrund bastle ich an einer eigenen Version rum, nehme dazu alle möglichen Anregungen auf. Da geht es aber einfach um Durchblick, die prakisch-politische Komponente ist da aber echt nicht wichig.

Kein noch so geniales Werk hätte Hitler verhinder, und was hälfe es heute, wenn es das gäbe ?

Aber wie gesagt, mit der Empörungskultur haben Sie wohl recht.

Aber auch da stehe ich eher auf fundierte Aussagen.

Gruss kenua

Joachim Petrick 18.12.2012 | 20:28

kenua kenua 18.12.2012 | 17:41

 


"Mit meinem naturwissenschaftlichen Hintergrund bastle ich an einer eigenen Version rum, nehme dazu alle möglichen Anregungen auf. Da geht es aber einfach um Durchblick, die prakisch-politische Komponente ist da aber echt nicht wichig."

ich vermute, da sind Sie schon sehr dem nahe, indem, was Hannah Arnedt "Urteilen" nennt. Urteilen nur aus persönlicher Erfahrung und Anschauung, ohne diese zu verallgemeinern noch zu verabsolutieren.

Ergebnisse ergeben sich für Hannah Arendt aus der Sache und Abstimmungslage der  Res Publika, und dass nicht nur in sachen von Inneren und ußeren, sondern auch in wissenschaftlichen, kulturellen,woirtschaftlichen,  alltäglichen, beruflichen, nachbarschaftlichen Angelegenheiten von vorübergehenden Assoziations, wie sie diese in den USA beschreibt.

Für Hannah Arendt ist das Verhängnis der Philosophie ja nicht, dass diese Irrtümer kultivierend fortschreibt, sondern als Sache der Res Publika aus dem öffentlichen Raum als "Sprechende Philsophie", wie dies Peter Sloterdijk nennt, durch ihre Akademisierung verbannt und verschunden ist .

Mein Weg zum Erstaunen als Wohnort des Denkens führte mich zu einigen Semestern des Studiums der Religionswissenschaften an der FU/Westberlin, während außerhalb der FU Räume die gesellschaftliche "Bude", blockübergreifend, hüben und drüben, brenzlig roch und qualmte.

Das Erstaunen ist mir, verstärkt durch eine Kultur "Lachender Gelassenheit" bisher, unverschuldet,  erhalten geblieben.

tschüss
JP

chrislow 12.01.2013 | 22:21

Zitat:

"Hannah Arendt verdeutlicht diesen Ansatz des Denkens folgendermaßen:
"Wenn also ein Mensch einem anderen Menschen, Angesicht zu Angesicht, gegenüber steht, kann er diesen zwar wahrnehmen, aber nicht über ihn denken."

-> Sehr präzise ausgesagt. "Über" ihn zu denken, ist dann ein Ding der Unmöglichkeit - wenn die Bedingungen im Individuum entsprechend bestehen. Das Ganze hat mit einer höheren Dosis Emphatie zu tun, die im Moment der Gegenüberstellung auch eine hohe Wirkung auf Individuen haben wird. Ausnahmen bestätigen hier eine besondere Regel, der sich keiner wirklich bewusst ist. Vielleicht ist es keinem möglich darüber bewusst zu werden? Angst fressen eben Seele auf.


Was dann darunter bezüglich dem Fall Adolf Eichmann und persönlicher Urteilskraft von H. Arendt geschrieben steht, trifft heute schon wieder zu - oder hat eh immer zugetroffen. Angesichts der Gegenüberstellung und der dabei auftretenen Bewusstseinsstarre (die prägend wirkt und konditioniert), ist es nur logisch, dass sowas heute auch nicht existiert - nicht in jedem Menschen; eher in den wenigsten und auch nur dann stark Themenbezogen (eingeschränkt/eingeängt) funktioniert (hochspezialisierung moderner Lebenswelten).

Zitat:

"...den Wurzeln der Urteilskraft des Menschen durch nichts außer reiner Erfahrung und Anschauung ..."

-> Das ist auch meine Zielsetzung. Blöd nur, dass dazu in komplexen Gesellschaften nicht genug Lebenszeit zu sein scheint. 
Ausserdem ... kann man nicht auch Adolf Eichmann solcherart unterstellen? Dass nun gerade damals der Anteil Ideologie größer gewesen sei, der beeinflut hat, ist nicht anzunehmen - sondern eher an weniger Ideologie zu glauben. Die recht neuen technischen Möglichkeiten und Strategien haben das wenige damals schon so effektiv wirken lassen. Und wie gesagt: Systeme (zur Organisation) sind zuweilen selbstrechtfertigend und verschaffen wiederum eigene Anschauung und Erfahrungen - nur... innerhalb der Systeme ohne Einfluß von extern. Deswegen ist offenbar das neue Ziel: gnadenlose Globalisierung aller Lebensbereiche, damit hier keine inerten Systeme mehr ungestört be/enstehen können...!
---

Noch ein Zitat:

"Denn die Neigung des Systembaus rühre nicht aus dem Denken des Menschen an sich, sondern aus den Quellen des  Willens und der sei eine andere Geschichte als die Geschichte des Denkens."

-> Ja, wenn man denn auch mal über die Quelle des Willens laut denken würde....!? Ich wäre sehr gespannt.

Allerdings vermute ich schon eine (un)Quelle, die hier verantwortung nicht tragen will oder wollte und nun ideologisch gesehen keine mehr tragen muß - demokratie ist eben was anderes, als Technokratie und Diktatur kombiniert (oder doch nicht? nur Oberflächlich?).

Ja, Willensfreiheit ist das eine und Willensfähigkeit das andere Problem dabei. Und im Zweifel kommt immer alles zusammen nicht zustande. Jedenfalls ist die Idee noch kein Wille - und frei wäre der schon gar nicht.

-----

Also ganz ehrlich... "urteilskraft" der Menschen... muß die nicht angeischts der Unauflösbarkeit der Welt durch das Individuum immer angezweifelt werden?

Oder wird die schon immer angezweifelt? Wie auch immer - aber jede mögliche Antwort hätte immer besondere Folgen, wenn dann doch noch irgendwo Urteilsfähigkeit vorhanden wäre...

Joachim Petrick 13.01.2013 | 00:24


Ich fange einmal mit der Urteilskraft an.

Ist es mit dieser nicht wie mit der Meinungsfreiheit, d. h. Meinugsfreiheit manifestiert sich nicht dadurch, dass diese hochprofessionell zutage tritt, sondern, dass diese, wie die Urteilkraft, wie er Wille einfach da ist und Raum für sich beansprucht.

Allein dazu braucht es lebenslang Anreize, Ermutigung.

Daran hat es mutmaßlich nicht nur bei Adolf Eichmann lebenslang gefehlt.

D. h . Adolf Eichmann hatte als Sohn des Krieges weder persönliche Erfahrung noch Anschauung von dem was, Urteilskraft, eigener Wille, freie Meinung ist.

Mit ihrem Begriff von der "Banalität des Bösen" hat Hannah Arendt dieser Abwesenheit von persönlicher Erfahrung und Anschauung bei der Organisation staatlich geforderten Verbrechens  einen populistischen Namen gegeben.

Gleichwohl stellt sich mir die Frage, ob Hannah Arendt da nicht, unter Vernachlässigung massenpsychologischer Phänomene ("Masse und Macht"  Ortega y Gasset), dem Mythos der Nazis, mit dämonisch magischer Kraft des Hakenkreuzes als dem Zeichen des "Heiligen Bösen" schlechthin  ihren unabdinglichen Marsch in eine Tausendjährige Geschichte zu vollziehen, aufgesessen ist?

Joachim Petrick 13.01.2013 | 00:31


"Angesichts der Gegenüberstellung und der dabei auftretenen Bewusstseinsstarre (die prägend wirkt und konditioniert), ist es nur logisch, dass sowas heute auch nicht existiert.........."

ich bin mir nicht sicher, ob es hier um Bewusstseinsstarre geht und nicht eher um Kontemplation über viele Kanäle, fünf Sinnesorgane, Hören, Sehen, Schmecken, Riechen, Tasten  geht?

Ist das nicht wie der Unerschied vom Schreiben und Lesen?, wer liest kann nicht gleichzeitig schreiben wie umgekehrt?

Joachim Petrick 13.01.2013 | 00:47


Ich denke Hannah Arendt hat sich da eben gar in zweierlei Hinsicht getäuscht, einmal, wie Du richtig schreibst, was Adolf Eichmanns unbabdinglichen Ehrgeiz in der Organisation von und Beteiligung  an Verbrechen betrifft,  und zum anderen  ist Hannah Arendt der gewollten Täuschung der NS- Propaganda aufgesessen, die das Böse als Dämon schlechthin wie eine ungeheuerliche Monstranz in ganz Europa mit kaltem Kalkül vor sich hergetragen hat, weil das angeblich ganze Divisionen ersetzen könnte und konnte

chrislow 13.01.2013 | 12:12

Mag sein, dass man nicht gleichzeitig wahrnehmen und darüber denken kann.

Aber es ist so, dass ich gleichzeitig einen Baum anschauen kann und über ihn denken. Beim Menschen ist das nicht möglich - so der Blick ins Gesicht (Augen) zielt und der andere zurückguckt.

Dabei sind besondere Interaktionen dem Denken im Wege - sprich: es wird kognition verhindert. Für viele Menschen ist der Blick in ein anderes Gesicht / Augen eine Extremsituation, die sie nicht überwinden können. Also ist Bewusstseinsstarre eine gute Wahl.

Leider ist hierbei wissenschaftlich kein Interesse, woran es liegt. Man forscht lieber an toten Gegenständen oder aus anderen Perspektiven, die sie selbst nicht blosstellen oder kompromitieren.

chrislow 14.01.2013 | 12:28

"Nein" zusagen ist keine Lösung oder überhaupt "die" Lösung.  Bei Eichnmann bin ich gewillt, ein Nein als bessere Strategie zu erkennen. In meinem Lebensalltag aber sieht es anders aus.

Abgesehen davon sagen wir täglich unzählige Male Nein zu irgendwas. Ist schon wieder die Frage nach dem richtigen Einsatz dieser Ablehnung.  Und da kommt dann Ideologie ins Spiel, die uns das abnehmen will. Und das ist heute nicht anders, als damals. Sogesehen: Banal!  (ob böse oder gut ist hier gleich)