Klaus Kosok
10.11.2012 | 09:00 9

Was suchen Erntemaschinen im Weinberg?

Der Trinker Die Mechanisierung macht auch vor dem Rebberg nicht Halt. In seiner letzten Kolumne erklärt uns der Trinker die Vor- und Nachteile dieser Entwicklung

Was suchen Erntemaschinen im Weinberg?

Illustration: Otto

Kirpy und gut. So wirbt eine deutsche Firma für ihren „Spargelvollernter“ und verspricht vor allem Zeitgewinn, Kostenersparnis und Personalunabhängigkeit. Tatsächlich verringern sich die reinen Erntekosten für unser liebstes Saisongemüse beim Einsatz moderner Erntemaschinen auf ein Fünftel. Diese Reduktion zeitintensiver Arbeit durch technische Neuerung hat das zuständige Bundesministerium unlängst dazu bewogen, die Kirpy mit dem Innovationspreis für Gartenbau auszuzeichnen.

Was für die Spargelernte durchaus ein Novum ist, wird bei der Weinernte schon lange praktiziert. Vor etwa 50 Jahren fanden in den USA erste maschinelle Weinlesen statt. Auch hier war Wirtschaftlichkeit, war das Kurz-und-gut der entscheidende Grund der Umstellung.

Was bei der Handlese rechnerisch mehrere Arbeitstage in Anspruch nimmt, leistet die Maschine unterdessen in einigen Arbeitsstunden. Kostenrückgang: mindestens um die Hälfte. Die Mechanisierung erspart dem Winzer zudem die Suche nach Saisonarbeitern und die Sorge um deren Zuverlässigkeit. Hinzu kommt die Möglichkeit einer zügigen Lese zur optimalen Zeit.

Mittlerweile ist der Einsatz des slapper, einer Vollerntemaschine mit diversen Ernteprogrammen und vielen Funktionen, überall da verbreitet, wo Weinbergsverhältnisse und getroffene Regelungen es zulassen. Verteidigt wird diese Entwicklung nicht nur aus Kostengründen, sondern auch mit dem Hinweis auf die Qualität der neuen Erntemaschinen. Die richtige Einstellung des Mechanismus ihrer Schüttelstäbe verspricht einen schonenden Umgang mit den Reben, und ihre Trennsysteme stellen die Beseitigung von Blättern und Verunreinigungen aus dem Lesegut in Aussicht.

Der Maschine fehlt der Kennerblick

Dass die grapeliner auch nachts eingesetzt werden können, kommt den hitzeanfälligen Trauben zugute. Der bei der Maschinenernte vormals übliche Qualitätsverlust, so meinen deren Befürworter, gehe deshalb heutzutage gegen null.

Unbestritten ist allerdings, dass der Maschine Kennerblick und Fürsorglichkeit abgehen. So schließen ihre Hersteller Schäden an Böden und Rebstöcken sowie Fremdanteile und austretenden Most im Lesegut nicht aus. Wegen des Anteils beschädigter Trauben ist oftmals eine sofortige Schwefelung zum Schutz vor einsetzender Gärung oder Oxidation unerlässlich. Längst haben sich aus diesen Gründen Gegner der Maschinenernte formiert. Sie verweisen vornehmlich auf die Ungleichzeitigkeit der Traubenentwicklung in den Parzellen oder am einzelnen Rebstock und favorisieren deshalb mehrfache, selektive Handlesen. Dem Vollernter dagegen ist Selektion unter solchen spezifischen Aspekten oder nach rigorosen Qualitätskriterien nicht möglich. Noch immer gilt daher Handlese als ein Markenzeichen hochwertiger Weine.

Ich erinnere mich daran, wie ein Bordeaux-Winzer mit den Tränen zu kämpfen hatte, als er mir von der Umstellung seines Betriebs auf maschinelle Lese erzählte. Er litt offensichtlich an der bitteren Erfahrung, sich aus finanzieller Not von ureigenen Vorstellungen verabschieden zu müssen. Allein das war für ihn ein Qualitätsverlust, und allein deshalb sah er in der Maschinenernte keine gleichwertige Alternative. Sein Misstrauen galt im Übrigen wohl der inneren Leere von Apparaturen generell. Vermutlich bedingt eine solche Skepsis auch die gelegentliche Behauptung, maschinell geernteten Weinen mangele es an Authentizität und Charakter.

Es stellt sich da aber die Frage, ob solche Attribute lediglich dem Metaphernbestand eines romantischen Traditionalismus entstammen, der sich blauäugig gegen notwendige technologische Innovation sträubt.

Kommentare (9)

PLless 11.11.2012 | 21:48

Lieber Klaus Kosok,

vielen Dank für Ihren wunderbaren Beitrag. Wenn eine Argumentation in einer Frage mündet, macht mir das Lesen einfach mehr Spass.

Eine Antwort kann man dann auch kaum versuchen. An Ihrem "kleinen" Beispiel zeigen Sie ja so nachvollziehbar, wie komplex Dinge sein können. Der/die ArbeiterIn im Weinberg hat bestimmt nicht nur Freude an dieser eintönigen, anstrengenden und wenig lohnenden Beschäftigung. Er/sie ist in einem mehr oder weniger rigiden Herrschaftsverhältnis gebunden und macht das nicht aus freien Stücken.

Andererseits stirbt mit der Lesemaschine auch ein Stück Kultur. Das Handgemachte - Traditionalismus hin oder her - ist von anderer Qualität. Und es steht vermutlich nicht selten außerhalb der monströsen zeitgenössischen Profitlogik. Das allein wertet es schon auf.

Wenn man das alles noch ein Stück mehr abstrahiert erhält man vielleicht sogar ein heuristisches Schema für viele Praxisfelder. Und jedesmal kann es angesichts der komplexen Situation keine einfache Antwort geben. Um so wichtiger ist es zu fragen!!

P.S.: Wissen Sie, wieviel Wein so ca. maschinengeernetet wird?

Klaus Kosok 12.11.2012 | 14:34

Lieber Pl less,

soweit ich weiß, wird der weitaus größere Teil der Traubenernte weltweit maschinell gelesen. Der Vollernter macht dabei - trotz gegenläufiger Bemühungen - auch vor klassischen Grand Cru-Lagen (z.B. in Burgund) nicht halt. Und auch die Steillagen sind gegen diese Entwicklung nicht gefeit. Einzig bestimmte Formen der Reberziehung vertragen vorläufig noch keine Maschinenernte. Große Güter (vor allem der Neuen Welt) ernten fast ausschließlich mit dem grapeliner.

Herzlich

Klaus Kosok

Klaus Kosok 13.11.2012 | 13:43

Lieber Weinsztein,

erklären kann man sich die entsprechenden Auffassungen z.B. dann, wenn man bedenkt, dass im maschinellen Lesegut (teils unreife) Trauben mit Grauschimmelbefall oder auch Restbestände der Weinbergsfauna anfallen können. Beides ergibt nicht gerade reintönige bzw. authentische Weine.

Die potentiellen Mängel der maschinellen Weinlese kann man allerdings weitgehend beseitigen, wenn man eine Vor- und eine Nachlese (per Hand), also wiederum Selektion betreibt.

Die Beispiele, die Sie nennen, können sehr leicht zu grünen Tanninen (erheblichen Bitternoten) im Wein führen. Auch diese sind wahrlich kein Genuss. Ich selbst würde z.B. auch nicht Stielmus dann als authentisch bezeichnen, wenn ich ihn mit jeder Menge Sand verspeisen müsste.

Herzlich

Klaus Kosok

Vaustein 13.11.2012 | 17:36

Vor einigen Jahren war ich in Frankreich unterwegs um Wein einzukaufen. In Vouvray an der Loire besuchte ich ein Weingut um Chenin blanc zu verkosten. Die Probe fand statt in einer Tuffsteinhöhle, die auf ca. 10 km Länge die Weine mehrer Winzer beherbergte. Lagerung aller Weine erfolgte im Barrique. Die Weinlese ging dort etappenweise von Hand vor sich. Etappenweise deswegen, weil man bestrebt war, die jeweils reifen Trauben zu ernten. Die Lese begann Ende September und hörte - wenn das Wetter mitspielte - im Dezember auf. Da hoffte man dann auf "Eiswein".

Die Ergebnisse konnten sich sehen - und vor allerm - trinken lassen. Es waren Weine von so erlesener Qualität, wie man sie hierzulande nur äusserst selten erhält. Ahnliches lernte ich dann auch in Sancerre kennen.

Weine vom Vollernter können von einem geschickten Kellermeister  gut hingetrimmt werden. Aber man schmeckts halt doch.

Vaustein 14.11.2012 | 14:17

Der Boden ist ungemein wichtig. Zwei Beispiele: Sancerre, hier ist der Boden durchsetzt mit Feuersteinen, ebenso in der Nacbarlage Pouilly Fumé. Der mineralische Feuersteingeschmack ist kennzeichnend für diesen Wein. 

Ähnlich ist es bei den diversen Lagen  an der Mosel. Nur ist es hier kein Feuerstein, sondern der Schiefer, der dem Moselwein seinen  Geschmack verleiht. Seit neuestem spricht man hier vom Terroir.

 

Lechaim 03.12.2012 | 15:08
Bevor der Vollernter zum Einsatz kommt, wird durch fleissige Winzerhände unerwünschtes Traubengut vom Stock entfernt. Das ganze sogar mindestens zweimnal: a) vor der Reife werden Trauben abgeschnitten, um den übrigen mehr Nährstoffe , Sonne usw. zu geben und b) kurz vor dem Maschineneinsatz, um unerwünschtes Traubengut zu entfernen. Es gibt sogar Weinsorten, bei denen ist "krankes", sprich edelfaules Traubengut ein muss, bei andern nicht. Stichwort "Ruländer" und "Grauburgunder". Die selbe Rebsorte, nur in anderem Zustand gelesen. Zum Wohle! Gruss vom Kaiserstuhl