lebowski
14.04.2012 | 13:49 8

Selbstanklage

Gelingt es also, statt mit Hierarchie solidarisch, ja egalitär, „ohne Chefs“ zu werken, bleibt immer noch die Feuerprobe auf den Märkten. Es kann sich dabei sogar herausstellen, dass eine Dosis persönlicher Beziehung, Verbundenheit und Freundschaft, eines Denkens in Wir statt Ich ein Vorteil in der Konkurrenz und produktiver ist und dass ein wenig Rücksicht auf die Natur Zugkraft hat im Marketing. Schließlich hat die antiautoritäre Revolte von 1968 und danach auch gezeigt, dass flache Hierarchien, Zulassen von Widerspruch und Kreativität und Mannigfaltigkeit statt Einfalt gut ist fürs Geschäft. „Macht, was ihr wollt, bloß seid produktiv“ – das ist der aufgeklärte Standpunkt liberaler Kapitalverwertung. Bloß wird alles, „was ihr wollt“, durch das Bilanz-Sieb von „Seid produktiv“ gepresst und dabei alles ausgeschieden, was der Logik des Gelds, des Marktes, der Verwertung nicht entspricht. Was übrig bleibt – ist das, was wir Tag für Tag als Geschäft und Job erleben. Der Markt korrodiert solidarisches Werken und Wirken zu einem, das dem Geldverhältnis entspricht, macht die Genossenschaft am Ende wieder zu einer von „Ungenossen“, um noch einmal Max Weber zu zitieren.

Außerdem haben die Menschen, die sich da vom Mainstream abwenden und „solidarisch wirtschaften“ wollen, kein anderes Leben als eins mit Geld, Markt und Konkurrenz gelernt. Dessen Öde, Stress, Demütigungen und Lebensgefährlichkeit drängen uns zu Neuem, in dem wir schlecht geübt sind. Wenn der „alte Mensch“ mit dem neuen Leben nicht gut zurechtkommt, tut er in seiner Ratlosigkeit leicht wieder oder weiter, was er zwar nicht mag und was ihn und die Seinen schädigt, was er aber besser kann.

 

Lorenz Glatz in Streifzüge

Kommentare (8)

claudia 15.04.2012 | 08:41

>>Außerdem haben die Menschen, die sich da vom Mainstream abwenden und „solidarisch wirtschaften“ wollen, kein anderes Leben als eins mit Geld, Markt und Konkurrenz gelernt.
Das zum Einen, zum Anderen müssen sie sich auch in einer von den Bedürfnissen der Kapitalrendite gelenkten Welt bewegen.

Wer sich kompromisslos für eine grundlegende gesellschaftliche Erneuerung entscheidet wird von dieser renditegesteuerten Welt isoliert und hat die ökonomischen Probleme, mit mit denen Cuba seit der Revolution kämpft.
Wer ohne staatliche Organisation eine kapitalismusüberwindende Ökonomie aufbaut, muss sich von vornherein auf dem kapitalistischen Markt bewegen. Das ist nur um den Preis gewisser Anpassungen* möglich, die Ziele können dann nicht so hoch gesteckt werden. Das ist beim Kooperativenverbund von Mondragón (Mondragón Corporación Cooperativa) der Fall.
Die Leute wollten einfach eine sichere ökonomische Lebensgrundlage haben. Und sie wussten, dass man sich dafür nicht mehrwertabsaugende Läuse in den Pelz setzen darf.

Es haben sich einzelne Genossenschaften aus dem Verbund gelöst, um die ökonomische Demokratie weiter zu entwickeln, als dies in der MCC gelungen ist. Mondragón bleibt hochinteressant, wenn um wirtschaftsdemokratische Fortschritte geht.

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An vielen Stellen wurden und werden wertvolle Erfahrungen gesammelt: In Mondragón, in Venezuela, in Cuba, und auch schon nach der russischen Revolution. Auch die Erkenntnisse, wie es nicht geht, sind wertvoll. Weiterentwicklung setzt die Bereitschaft zur Auswertung von Fehlern voraus.

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*In Mondragón galt urspünglich der Grundsatz, dass das höchste Gehalt maximal das dreifache des niedrigsten Gehaltes betragen darf. Auch die Aufassung,dass jemand über einen längeren Zeitraum die 3-fache Leistung wie die Anderen erbringen könnte, ist ja schon grenzwertig. Aber man kann nicht eine excellente Ausbildung betreiben und erwarten, dass nicht Leute mit Geld abgeworben werden. Von Firmen, bei denen die niedrigsten Gehälter weit unter dem Mondragón-Niveau liegen.

Schwerwiegender war, dass die MCC zugekaufte Betriebe nicht in Genossenschaften umgewandelt hatte und damit gegenüber den dortigen Angestellten als Kapitalist auftritt: Über die Verwendung der erarbeiteten Überschüsse entscheidet die Genossenschaft, was auf eine Ausbeutung der Angestellten in der zugekauften Betrieben hinausläuft.
Das soll nun geändert werden.

j.kelim 15.04.2012 | 14:35

Einmal ist da eine Kulturelite gleich eines neuzeitlichen Rittertums, das abgesondert ein Eigenleben führt und sich in ihrer Selbstbespiegelung den Massen eine Denkweise aufzwingt, dass gelebte Phantasie nur wenigen von Geburt an in die Wiege gelegt wurde.
Der Wert eines Menschen bemisst sich nun mal daran, was er an äußerem Blendwerk besitzt und nicht daran, was er an innerem Verständnis lebt.

Mann kann einen Wald nicht nur mit „nützlichen“ Bäumen bepflanzen und nur deshalb, weil daran Äpfel, Birnen oder Nüsse hängen. Die Natur hat ebenso Bäume hervorgebracht die auf den ersten Anschein zu nichts zu gebrauchen sind noch nicht einmal um einen Schrank daraus herzustellen und doch würde ein Wald alsbald vermodern gäbe es nicht jene Bäume in deren Schatten anderen erst ermöglicht, überhaupt Früchte zu tragen.

Doch genau das tun wir. Schon in Kindergärten und Schule wird unterschieden, zwischen nützlichen und nutzlosen Kinder.
Und so wachsen die Nützlichen getrennt von den Nutzlosen auf.

Seltsam, dass die Nützlichen sich später danach sehnen spirituell zu versuchen zu einer ganzheitlichen Lebensweise zu finden und bewundern dabei irgend eine ferne kooperative in der alle zusammenarbeiten, selbst aber wollen sie unter sich bleiben.

Jedermann weiß, wie nützlich es ist, nützlich zu sein
und niemand weiß, wie nützlich es ist, nutzlos zu sein.

(Dschuang Dsi)

lebowski 16.04.2012 | 15:40

Immerhin gibt es auch Prominente, die die Nutzlosigkeit verteidigen.
Gerhart Polt in der Süddeutschen Zeitung:

"Es gibt auch schöne Langeweile.
Die Muße, ja. Die Zeit, in der der Mensch nicht handeln muss, in der er eben gar nichts muss, sondern nur so herumschildkrötelt. Er hat nicht das Damoklesschwert der Produktivität über sich schweben, sondern tut einfach, was ihm einfällt. Oder er tut auch nicht, was ihm einfällt, das ist vielleicht noch schöner.

Wenn man Sie so ruhig dasitzen sieht, wirken Sie eher wie die Inkarnation des Müßiggangs.
Ich sinnlose vor mich hin, und das mit Begeisterung. Wenn nichts passiert, passiert ja nur scheinbar nichts, weil irgendwas passiert ja immer, und wenn eine Ameise übern Sandboden läuft oder Staubpartikel durchs Fenster sichtbar werden, weil die Sonne reinscheint. Die Frage ist, ob es einem gelingt, sich diesem Angebot zu öffnen."

sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/36659/1/1

j.kelim 17.04.2012 | 12:52

“Ich hab mal einen gekannt, der war Billettlzwicker, der hat Fahrkarten abgestempelt. Der hatte den Zwang, immer mit einer Mappe herumzulaufen. Ohne diese Mappe hatte der Angst, die anderen ertappen ihn womöglich als Müßiggänger.“

Danke!

Ich kenne auch jemanden, der zieht beim hinausgehen, eine Brille ohne Gestell an und trägt immer eine braune abgewetzte Lehrerledertasche mit sich herum, sichtbar auf dem Fahrrad, an der aus einer Ecke die Frankfurter Allgemeine rausschaut.
Jedes Mal, wenn ich ihn treffe sagt er mir, dass er sich nie Langweile, er kenne aber andere, denen sprichwörtlich, die Decke auf den Kopf fällt.

Eines der Errungenschaften dieses Jahrhunderts ist sicherlich: - sich selbst und anderen, (wenn ausführbar) immer das Gegenteil dessen zu zeigen, was man ist.