liz weidinger
05.12.2012 | 13:28 2

Schlampe als Stereotyp

Musikkolumne Cool oder voll rassistisch? Auf jeden Fall schwierig, weil übersexualisiert, kämpferisch und post-apokalyptisch. Rapperin Brooke Candy und ihre Crew spielen mit Klischees

Claire Boucher aka Grimes bessert gerade mit ihrem im März erschienen Album Visions die Frauenquote von vielen Jahrescharts auf. Außerdem dient sie als Lieblingsbeispiel für den stilprägenden Jahrestrend des sphärenhaften Collagen-Sound, der nicht mehr mit theoretischen Erörterungen rund um Hauntology erklärt werden soll. Die Kanadierin mit ihrer Sci-Fi-Internet-Affinität, ihrem Hang zu DIY und Chart-Pop ist eine meiner aktuellen Lieblingskünstlerinnen. Mit ihrem Video zu Genesis hat sich sich selbst übertroffen.

Quelle: Vimeo

Darin kontrastiert Boucher ihre gehauchten, unverständlichen Lyrics des obersten Tonspektrums im Magna-Schulmädchenlook, mit einer Pythonschlange als Britney-Spears-Anspielung, einem Dutzend fröhlich geschwungener Waffen und der verstörenden „Internet-Personality“ Brooke Candy, zu der Boucher einfach mal ein paar Wochen nach Los Angeles gezogen ist.

Warrior-Queen

Candy kennt die Szene, ist mit Newcomer-Kollegin Kreayshawn genauso wie mit Gender-Bender-Rapper_in Mykki Blanco befreundet und hostet diverse Veranstaltungen. Spätestens seit ihrem grandiosen Auftritt in dem Video von Grimes, ist sie mit ihrem übersexualisierten und post-apokalyptischen Kämpferinnen-Style nicht mehr nur dem Netzpublikum bekannt.

Seit Oktober kann nun Candys eigenes musikalisches Schaffen, abseits ihrer Auftritte in sozialen Medien, in Fashion-Magazinen oder auf Partyfotos begutachtet werden. Die seit knapp einem Jahr auch als Stripperin arbeitende Künstlerin hat passend zu ihrem Style ein Manifest verfasst und liefert gleichzeitig eine Hymne für die Slutwalks im nächsten Jahr. „It’s time to take the word back / Slut is now a compliment / A sexy ass female who running shit and confident”, lässt sie ihre Hörer_innen wissen.

Quelle: Youtube

Eine Umdeutung von beleidigenden Bezeichnungen für Frauen wie Bitch, Slut oder Schlampe ist schon lange im feministischen Repertoire der subversiven Wiederholungen vorhanden und funktioniert, meiner Meinung nach, bei Brooke Candy mindestens genauso gut wie bei der hierzulande mit ihrer Bitchism-Philosophie für Aufmerksamkeit sorgenden Lady Bitch Ray.

Das Ding mit der Aneignung

Candy zeigt mit dem Video jedoch nicht nur wie Aneignung von Begriffen und Styles Machtstrukturen in Frage stellt, sondern auch wie sie diese fortschreibt. So bedient sich die Rapperin rassistischer, klassistischer und ableistischer Stereotype, wenn sie schwarze Kinder als Accessoire in das Video integriert, ein asiatisch-erscheinendes Kleinkind an einer Leine durch die Straßen führt, sich mit Stripper_innenästhetik schmückt oder mit einem vergoldeten Rollstuhl umherfahren lässt. Damit zeigt sich der schmale Grad im Spiel mit Bedeutungen, das immer auch nach den Sprechpositionen fragt. Wurde doch schon Kreayshawn mit ihrem Hit „Gucci Gucci“ die parasitäre bis parodistische Verwendung ikonischer Symbole schwarzer Popkultur vorgeworfen, wie das Sonja Eismann in ihrer Rezension zusammenfasst. Aus einer Machtposition heraus Styles und Codes marginalisierter Gruppen zu verwenden, um sich als exotischer Freak zu inszenieren, reproduziert Ausschlussmechanismen viel eher als sie aufzuweichen. Ein extremeres Beispiel lieferte die von Candy bewunderte Yo-Landi Vi$$er mit ihrem südafrikanischen Rap-Rave-Projekt Die Antwoord. In ihrem letzten Video zu Fatty Boom Boom verwenden die beiden Künstler_innen einfach mal die rassistisch geprägte Blackface-Maskierung, die eigentlich häufiger auf drittklassigen Theaterbühnen, als in Musikvideos zu finden ist.

Provokation hin oder her. Wer diskriminierende Stereotype verwendet, um das hippste Video zu veröffentlichen, hat kein Recht sich über Lady Gaga lustig zu machen, sondern spielt genauso mit im kapitalistischen Spiel der Bedeutungskreisläufe.

Kommentare (2)

crumar 06.12.2012 | 11:53

Ich lese Ihre Kolumnen wirklich gerne, weil mich Musik aus der Frauenperspektive interessiert und schaue mir alle verlinkten Videos an.

Nach jeder Kolumne bin ich jedoch zunehmend ratloser, weil ich ihre teils enthusiastischen Empfehlungen einfach nicht nachvollziehen kann.

Thematisch ist m.E. das Spektrum der Songs zusammenzufassen in: "Me, myself and I". Eine permanente *Selbstbespiegelung* im Rahmen der Bedeutungskreisläufe. 

Ich schaffe es einfach nicht, daran oder überhaupt die "Subversion" zu erkennen.

Und musikalisch gesehen muss ich Lethe zustimmen. Es ist ein Spiel mit Versatzstücken, aber kein Spiel mit der Musik als Form.

Das erweckt bei mir den Eindruck, als wäre die Musik nur der Bühnenhintergrund oder eine beliebige Klangtapete, vor dem die Künstlerinnen sich vorwiegend selbst inszenieren wollen und können.

Sehr merkwürdig das und irgendwie nichtssagend...