Magda
03.03.2013 | 23:11 25

Volksabstimmung in der Schweiz

Managerboni Daniel Vasella heißt er, der ehemalige Chef des Pharmakonzerns Novartis, dessen Ausscheiden mit dem "goldenen Handschlag" von 72 Millionen Euro vergütet wurde

Volksabstimmung in der Schweiz

Daniel Vasella

Foto: Sebastien Bozon / AFP / Getty Images

Dieser Skandal verstärkte die Empörung der Schweizer, die heute per Volksabstimmung - genannt die Abzocker-Initiative - versuchten, die Managergehälter zu deckeln. Vasella hat kürzlich offiziell bekundet, er verzichte auf das Geld bzw. lasse es gemeinnützigen Zwecken zukommen. Das hat aber diese Volksabstimmung nicht verhindern können.
Die Abstimmung war erfolgreich. Und nun dürfen die Chefs nicht mehr einfach bestimmen, wer was kriegt, sondern sie müssen den Aktionären der Unternehmen ihre Entscheidungen transparent machen. Dies sei das schärfste Aktienrecht der Welt, vermitteln die Medien. Z. B. der Spiegel

Entsprechend hart war der Kampf um die Meinungen zu dieser Abstimmung im Vorfeld. Natürlich wurden die bekannten Argumente unter die Wählerinnen und Wähler gebracht. Die Schweiz wird Probleme bekommen mit der internationalen Wirtschaft. 

Ungleichheit sei auch ein Motor von Veränderung hat Daniel Vasella* irgendwo einmal gesagt. Das erinnerte u. a. an die Aussagen eines gewissen Rainer Hank von der FAZ in seinem Buch, "Das Ende der Gleichheit" vor Jahr und Tag, der radikalen Wettbewerb forderte, der zwar zu mehr Ungleichheit, aber höherer Chancengleichheit führe, und deshalb letztlich gerechter sei, und dass sich der Staat aus den meisten Bereichen zurückziehen sollte. Voll im Zeitstrom gesurft ist er damals. Schrieb - reichlich obszön - von der "Spreizung der Einkommen", damit Ungerechtigkeiten verschleiernd. Inzwischen ist das auch alles Schnee von gestern. Hank mit seinem nicht sehr erfolgreichen Buch sitzt jetzt zivilisierter in den Medienrunden. Es ist ziemlich vorbei und aus mit einer Liberalität, die immer nur die Wirtschaft meint.

Die Schweiz ist manchmal ein erstaunliches Land. Mehr plebiszitäre Elemente und eine Abneigung, jeden "Hut zu grüßen" - das ist schon ein Ding. 

* Vielleicht sollte man noch anmerken, dass es hier nicht um eine totale Gleichmachung geht, sondern um eine Haltung, die soziale Ungleichheiten als normal und produktiv lobt und preist. 

 

Kommentare (25)

Costa Esmeralda 04.03.2013 | 02:23

Wer möchte, der kann an dieser Volksabstimmung in unserem Nachbarland, an der hohen Zustimmung zu Grillos Partei, am Volkszorn in Südeuropa erkennen, dass sich allerorts ein Zorn gegen politische und wirtschaftliche Oligarchien breitmacht. Es wird die Zeit kommen, in dem auch der deutsche Untertan nicht länger auf HartzIV und Euro-Rettung vertraut und den Oligarchien an den Karren geht. LG, CE

Lukasz Szopa 04.03.2013 | 09:05

Die eigentliche Frage der Abstimmung war: "Wollen Sie die Volksinitiative "gegen die Abzockerei" annehmen?", mit der zusätzlichen Erklärung: "

Volksinitiative «gegen die Abzockerei»

Die Initiative will bei börsenkotierten Unternehmen den Einfluss der Aktionärinnen und Aktionäre auf die Vergütungen des Verwaltungsrats und der Geschäftsleitung stärken. Dadurch sollen missbräuchlich überhöhte Vergütungen verhindert werden." (http://www.bk.admin.ch/themen/pore/va/03032013/index.html)

D.h. entgegen dem, was in den Medien und in Blogs kursiert, ging es der Initiative nicht um "mehr Gleichheit in der Gesellschaft" - sondern um den Schutz der Aktionäre! Denn die hohen Vergütungen der Aufsichtsräte und des Verwaltungsrats (nicht mit den s.g. Investmentbanken-Boni zu verwechseln!!) schaden erstmals den Eigentümern eines Unternehmens (höhere Kosten -> weniger Profit -> Unternehmenswert sindkt -> weniger Dividende/niedrigerer Aktienkurs).

Mag sein, dass viele Wähler und die Menschen rund um die Schweiz dieses Votum als "Zeichen gegen die Bosse" verstanden hatten. Eigentlich war es aber ein Thema zum Macht- und Geldverhältnis zwischen den Aktionären und den Managern, also ein s.g. Principal-Agent-Problem.

Magda 04.03.2013 | 09:33

Es wird ganz gewiss noch eine kritische Würdigung dieser Volksabstimmung geben. Natürlich hat die mit dem Unmut der Aktionäre zu tun.

"entgegen dem, was in den Medien und in Blogs kursiert, ging es der Initiative nicht um "mehr Gleichheit in der Gesellschaft"

In meinem Blog "kursiert" das nicht. Ich habe mir - am Rande der Abstimmung - noch Gedanken gemacht über eine Aussage von Daniel Vasella. Und - es ging auch um eine Debatte, die in der Schweiz selbst über diese Volksabstimmung hinaus geführt wird. In der ging es durchaus um die Frage der Gerechtigkeit. Und auch noch in verschiedenen Interviews. 

Ich habe vorausgesetzt, dass die Leser die Managerboni von den Boni der Investmentbanker unterscheiden können.

Dass die Volksabstimmung in der Schweiz keine Fundamentalabsage an alle Auswüchse neoliberalen Wirtschaftens ist, das ist wohl allen klar. Allein schon die plebiszitäre Vorgehensweise verdient Respekt. Wer alles will, kriegt am Ende nichts. 

Lukasz Szopa 04.03.2013 | 09:43

Stimmt, in Ihrem Blog findet diese Meinung nur indirekt statt - indem Sie ja andere Autoren zitieren (R. Hank). Vielleicht habe ich voreilig auf die meiner Meinung nach "allzu frohen" Texte und Stellungnahmen zu dieser Abstimmung meinen kritischen Senf dazu gegeben ,die unter dem Motto laufen "Sogar die Schweizer wehren sich gegen den bösen Kapitalismus".

Leider kenne ich die Debatte in der Schweiz selbst so gut wie gar nicht, zugegeben.

eldorado 04.03.2013 | 09:49

Hier hat's noch mehr über die Abstimmung in der Schweiz, auch mit links:

https://www.freitag.de/autoren/oberham/der-superiormensch-im-glasturm#1362339540983223

Wegen dem Namen der Initiative "Abzockerinitiative" wurden wir alnge getäuscht, bis dann endlich Klarheit herrschte. Da trat schon eine gewisse Ernüchterung ein. Viele haben einfach mal aus dem Grunde ja gestimmt, aus dem Grunde: So geht es definitiv nicht weiter, im Wissen, dass bald, diesen Herbst über die Initiative 1:12 abgestimmt wird, die dann, sollte sie durchkommen, wirklich den Managerlöhnen an den Kragen geht. Da darf der bestverdienende in einer Firma höchstens 12 mal mehr verdienen, als der, der am schlechtesten verdient.

In diesem Sinne ist die Abzockerinitiative einfach ein Auftackt für noch mehr.

 

Magda 04.03.2013 | 09:54

Leider kenne ich die Debatte in der Schweiz selbst so gut wie gar nicht, zugegeben.

Mir ist aufgefallen, dass selbst die umtriebigen "Nachdenkseiten" nur einen einzigen Beitrag dazu - einen aus der FAZ - aufgegriffen haben. Das macht schon deutlich, dass da kein profundes kapitalismuskritisches Element gesehen wird. Aber, dass in der Schweiz - mal mit schockierenden, mal mit ganz vernünftigen Resultaten - eine Volksabstimmung initiiert werden kann, hat mich zu diesem kurzen Blog animiert. Natürlich gewinnt man so eine Abstimmung nicht, wenn man sie allein mit der Sorge der Aktionäre begründet. Aber der "Aufhänger" Gerechtigkeit hat da schon was gebracht. In der Schweiz wird seit geraumer Zeit über die gleichen Fragen wie in Deutschland geredet über die berühmte Schere zwischen arm und reich und so weiter.

mcmac 04.03.2013 | 10:41

Im vergangenen Sommer hatte ich in Zürich ein höchst anregendes und interessantes Gespräch mit zwei jungen Leuten der schweizer Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Und gestern stnd ich am Nachmittag auf dem halbzerstörten Stuttgarter Hauptbahnhof, um jemanden abzuholen; da flimmerte das Ergenbins der Abstimmung in der Schweiz über die allgegenwärtig-aufdringlichen N24-Bildschirme (die man leider vergaß zu zerstören). Ich habe mich erst einmal diebisch gefreut. Und müsste wieder an diesen Abend am Ufer des Zürcher Sees letzten Sommer denken und mein Erstaunen darüber, wie frei, konsequent und quasi unidelogisch links die Schweizer doch sind. Meinen Respekt vor diesen uralten Demokraten!

fahrwax 04.03.2013 | 13:35

Weder die schweizerische Verfasstheit, noch die die wirtschaftliche Konstitution der Schweiz lassen sich mit der BRD vergleichen.

Ähnlich ist allerdings die üble Bewertung abhängiger Arbeit zugunsten einer angeblichen Elite deren Einkünfte aus eben dieser Arbeit gespeist werden müssen.

Leider ist, mit der Begrenzung von Managerboni, jedoch die Auszehrung abhängiger Arbeit nicht beendet, allein die dienstleistende Funktionselite, die überbezahlten Knechte der Geldwirtschaft, sollen maßvoll in ihren Einkünften begrenzt werden. Das ist Augenwischerei, eine reine Schönheitsoperation. Damit ist noch kein Finanzmarkt reguliert, das ist weiterhin aufgeschoben auf Sankt Nimmerlein.

Dankbar greifen bereits die hiesigen Türöffner des Neoliberalismus diese Beruhigungspille als Wahlkampfmunition auf.

Lasst euch nicht verarschen!

 

 

voodoente 04.03.2013 | 15:02

Diese Abstimmung in der Schweiz ist vielleicht nicht mehr als ein Signal, die Umsetzung steht ja noch aus. Immerhin wird aber über Dinge wie die 12 zu 1 Regel öffentlich nachgedacht.
In vielen Dingen ist die Schweiz übrigens weit konservativer als Deutschland. Was Arbeitnehmerrechte betrifft zum Beispiel oder die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

hier noch ein weiterer Link

http://www.tageswoche.ch/de/2013_09/schweiz/517730/und-der-gewinner-ist-die-krise.htm

Oberham 04.03.2013 | 15:14

 Es ist ziemlich vorbei und aus mit einer Liberalität, die immer nur die Wirtschaft meint.

Sanftere Wörter heilen leider keine Fakten, Fakten, die wie Messer in die Gesellschaft schneiden und sich unter dem Verband, dem eloquentem Verband aus Phrasen und Scheinheiligkeit immer mehr der Lebenskraft aller Menschen bemächtigen.

Die Minder - Initiative sehe ich zwar auch positiv - nur - werden die Schweizer ernsthaft Widerstand leisten, so sie in den wohlformulierten Begründungen für künftige zigstellige Millionengagen verpufft?

Oder werden Maßlosigkeit und Dreistigkeit tatsächlich zurückstecken?

Immerhin, die Dinge geraten vielleicht tatsächich in Bewegung, wer weiß, vielleicht bewirken manche Wörter - aus hörberem Munde - künftig mehr, als der Sprecher sich wünscht.

Es ist interessant!

Uhlaa 04.03.2013 | 15:43

Mit diesen 72Millionen könnte ich meine Mietwohnung rund 210 mal kaufen. Oder anders herum: mindestens 210 Haushalte könnten ohne Zukunftsangst im Eigenheim wohnen.

Solche Zuwendungen "für nichts" spalten die Gesellschaft. Hunderte, Tausende, vielleicht sogar Millionen Bürger müssen diese Auswüchse mit Armut und Leid bezahlen - eine Schande für die Gesellschaft.

Corina Wagner 04.03.2013 | 20:21

Dieser „goldene Handschlag“ hat zu Recht auch hier in Deutschland eine Welle von Empörung ausgelöst. Ich hätte auch der Deckelung von Managergehältern zugestimmt, wär ich Schweizer Bürgerin. Würde man mich fragen, ob ich auch für ein Votum in Deutschland wäre, so wäre ich sofort für eine Volksabstimmung. Diese Debatte ist nun ein guter Anfang.

Unsere Kanzlerin agiert meiner Ansicht nach mit Blick auf die Schweiz in ihren Aussagen sehr zögerlich, sitzt die Sache aus, bis die EU reagiert. Tja, da fragt man sich insgeheim mit leicht ironischem Unterton, ob unsere Manager in Deutschland zu wenig verdienen. Mir kommen fast die Tränen vor Rührung.

Danke für diesen gelungenen Beitrag!

LG
Corina

gelse 05.03.2013 | 05:49

Ich habe mich schon manchmal gefragt, ob die Leutchen, die stets ihre Adrenalinpumpe fremdbetätigen lassen, mal gegen die "faulen Arbeitslosen", mal gegen die "selbstherrlichen Manager", die Unterschiede in den Kampagnen wahrnehmen können. Sie lassen sich gegen alles gleichförmig empören, gegen arbeitslos gewordene Kollegen, gegen einen Bundespräsidenten oder gegen die Oberdiener der Renditejunkies.
Nur niemals für sich selber.