Matthias Dell
12.01.2013 | 09:41 161

Heute Held, morgen Zensor

Rassismus Kevin-Prince Boateng verlässt aus Protest das Feld und der Thienemann Verlag ersetzt diffamierende Wörter – das gleiche Thema, und doch sind die Reaktionen verschieden

Zwei Geschichten sind in der letzten Woche öffentlich geworden. Beide handeln vom selben Problem, und obwohl das so ist, waren die Reaktionen höchst verschieden. Die eine Geschichte wurde als Erfolg gefeiert, die andere als Niederlage gegeißelt. Wie geht so etwas? Vermutlich hat das mit dem Problem zu tun, von dem die Geschichten handeln: Rassismus.

Die erste Geschichte ist die von Kevin-Prince Boateng, einem Berliner Fußballer in Diensten des AC Mailand. In einem Freundschaftsspiel gegen einen italienischen Viertligisten hatte der afrodeutsche Fußballer von rassistischen Beleidigungen genug. Er stoppte mitten im Spiel, griff den Ball und schoß ihn in Richtung der Ränge, von denen die Verunglimpfungen kamen. Dann verließ er das Feld und mit ihm seine Mitspieler. Danach gab es überall Unterstützungsbekundungen, auch von Leuten wie Klubeigner Silvio Berlusconi, den man bislang, vorsichtig gesagt, nicht als antirassistischen Aktivisten wahrgenommen hatte.

In der zweiten Geschichte fehlt diese Zustimmung, dabei geht es auch um ein Zeichen gegen Rassismus. Die taz hatte am Wochenende verkündet, dass der Thienemann Verlag, der die Bücher Ottfried Preußlers verlegt, eine Neuausgabe von Die kleine Hexe plant, in der mit Einverständnis der Familie des Autors rassistische Begriffe wie „Neger“ nicht mehr vorkommen.

Das übliche Arsenal

Die Reaktion? Ein Shitstorm. 200 Mails seien am Wochenende eingetroffen, sagte Geschäftsführer Klaus Willberg, davon über 90 Prozent harsch ablehnend. „Politische Korrektheit“, DDR, Zensur, Orwell, kurz vor der Bücherverbrennung – das übliche Arsenal an scheinbaren Argumenten gegen solche „Säuberungen“, wie Irmtraud Gutschke im Neuen Deutschland allen Ernstes meinte schreiben zu müssen.

Boateng finden alle gut, den Thienemann Verlag die meisten doof. Wie geht so was? Die Erklärung für die Zustimmung für Boateng hat viele Gründe. Der wichtigste ist vielleicht, dass sich das Problem auf eine Gruppe Fans abwälzen lässt, „Idioten“, wie sich das Fernsehen in anderen Fällen distanzieren würde. Es ist in diesem Fall so leicht und klar, Boatengs Aktion beizupflichten, dass selbst Berlusconi darauf kommt.

Bei Preußlers Büchern kann man den Rassismus dagegen nicht so leicht verorten und isolieren. Er betrifft quasi jeden Fan, und von denen gibt es bei Preußler – nicht zu Unrecht – nicht wenige. Deshalb fühlt sich auch Irmtraud Gutschke angegriffen, anstatt eine Erfolgsgeschichte zu vermelden. Eine Frage, die es auszuhalten gilt, lautet also: Kann jemand ein toller Kinderbuchautor sein und trotzdem diffamierende Begriffe verwenden? Ja, das geht. Es hat vor allem mit der Zeit zu tun, in der die tollen Kinderbücher geschrieben wurden, weshalb eine überarbeitete Neuausgabe nur konsequent ist. Im literarischen Geschäft ist das alles andere als unüblich.

Der in diesem Zusammenhang gern geäußerten Sorge, dass nur hermetische Werktreue den Kindern von heute die schlimme Welt von gestern nicht vorenthalte, kann beruhigend entgegnet werden: So schön, wie die einzelnen Aktionen sind – es wird noch viele Boatengs und Thienemann Verlage brauchen, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie stark unsere Kultur, unsere Geschichte und unser Alltag von Rassismen geprägt sind. Auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen, weil es unangenehme Gefühle produziert: Wer ist schon gern ein Idiot?

Kommentare (161)

Petuschki 12.01.2013 | 11:07

"Kann jemand ein toller Kinderbuchautor sein und trotzdem diffamierende Begriffe verwenden? Ja, das geht."

Das geht vor allem dann, wenn der Begriff im Nachhinein einen Bedeutungswandel erfahren hat. Beispiel "Dirne": im Mittelalter eine junge Frau, ein Mädchen, heute "Prostituierte"

Wenn wir Alles nach den semantischen politisch korrekten Einengungen formen möchten, dann wird nichts besser. PC wird nicht der Gegenwart und der Vergangenheit gerecht, ist einfach eine weiche Selbstzensur - und erstickt alles in Wohlfühl-Watte.
Die Welt ist aber anders.

Wolfram Heinrich 12.01.2013 | 11:43

Kevin-Prince Boateng verlässt aus Protest das Feld und der Thienemann Verlag ersetzt diffamierende Wörter – das gleiche Thema, und doch sind die Reaktionen verschieden

 

Völlig unterschiedliche Reaktionen auf absolut vergleichbare Situationen. Dem Schöngeist ist dies unverständlich.

Boateng schallen von den Rängen widerwärtige Haßgesänge entgegen, er wird beleidigt und verhöhnt. Preußler verwendet für Menschen schwarzer Hautfarbe das Wort "Neger", nicht um diese Menschen, die er sehr freundlich schildert, zu beleidigen oder zu verhöhnen. Das ist das gleiche Thema, das sind vergleichbare Vorgänge?

 

Ciao

Wolfram

Matthias Dell 12.01.2013 | 12:02

gegen die "wohlfühl-watte" (die ich für einen irreführenden begriff halte) lässt sich vor allem dann tapfer ankämpfen, wenn man sich von diffamierenden wörtern nicht gemeint fühlen muss. dass nichts besser werde, wenn man leute nicht mehr ohne not diffamiert, halte ich für eine widerlegbare behauptung - ich zumindest würde den umstand, dass menschen nicht mehr sinnlos diffamiert werden, für eine besserung halten

Popkontext 12.01.2013 | 14:14

Ich habe deinen Artikel noch nicht gelesen, aber was du in dem Kommentar hier sagst sehe ich generell auch so. Ausnahme sind für mich eben Kinderbücher, wie im hier vorliegenden Fall. Da finde ich das völlig ok, wenn Wörter, deren rassistische Konnotation damals (und von einigen heute) noch nicht reflektiert wurde, wie "Neger", oder Worte, die einen Bedeutungswandel durchgemacht haben wie "Dirne" durch heute gebräuchliche ersetzt werden.

Hfftl 12.01.2013 | 14:22

Es gibt keine rassistischen Begriffe, sondern rassistisch kann nur die Gesinnung sein, mit der Begriffe verwendet werden. Diese Gesinnung war beim italienischen Fußball-Pöbel erkennbar vorhanden, bei Preußler oder Lindgren ebenso erkennbar nicht.

Wer mit bestimmten Begriffen derart automatisch rassistische Assoziationen verbindet, dass er fälschlich die Begriffe selbst als rassistisch diffamiert, täte gut daran, sich zuallererst mit der Frage nach seinem eigenen latenten Rassismus auseinanderzuzsetzen.

Hfftl 12.01.2013 | 14:50

Eine Haltung oder gar Ideologie wird nicht durch einzelne Wörter transportiert, sondern durch den Kontext ihrer Verwendung. Und wer ständig krampfhaft nach Alibi-Wörtern sucht, um ein bestimmtes Wort unter allen Umständen zu vermeiden, zeigt damit, dass er selbst genau die Probleme hat (z.B. mit einem eigenen latenten Rassismus), deren er andere mit so selbstgerecht erhobenem Zeigefinger bezichtigt.

mymind 12.01.2013 | 15:13

Ihr Verweis belegt doch gerade, dass nicht das Wort an sich rassistisch ist, sondern die aus rassistischen Motiven verbreitete Definition. Das gilt auch für das Wort ´Zigeuner´ uvm. Würden die Indianer in Europa leben, dann stände vermutlich das Wort ´Häuptling´ auch auf dem Index.

Was passiert, wenn z.B. in 10 oder 20  Jahren die Worte `Schwarze, Roma, Sinti´ etc. als diskriminierend & rassistisch eingestuft werden?

MopperKopp 12.01.2013 | 15:16

Ein spannendes Thema. Jeder Profifußballer weiß, müsste wissen, dass er nicht nur deshalb Millionen verdient, weil er einen Ball so schön treten kann, treten!, nein, das reicht nicht, er ist gleichzeitig Projektionsfläche, einerseits für Werbung, andererseits für Konsumenten. Was sagt Adidas, wenn ein Spieler, Werbeträger für ihre Schuhe, von den Zielpersonen, dem Publikum, als Schnecke und lahme Ente beschimpft wird? Was sagt der Spieler? Was sagt der Humanist?

Manche mögen denken: harmlos, völlig harmlos. Wissen sie, ob Schnecke nicht möglicherweise an irgendeinem Ort dieser Welt das schlimmste Schimpfwort überhaupt ist? Blödsinn? Wer weiß? 

Schon sind wir bei einem der größten Irrtümer der Gegenwart: Globalisierung vereinheitlicht und ebnet alle kulturellen Unterschiede gnadenlos ein. Kaum etwas stimmt weniger. Noch nie prallten ansonsten vor sich hintümelnde kleinstregionale Unterschiede so krass aufeinander. So wird beispielsweise der Jargon der C-Jugend-Anhänger, größtenteils aus Dorfnazis bestehend, weltweit mit allen möglichen mehr oder weniger kritischen Sprachgewohnheiten konfrontiert. Ein höchst explosives Gemenge.

Und nun? Ehrenkodex? Sprachregelungen? Wer? Von wem? 

Gleichzeitig erschaffen Medien Tag für Tag neue Rassismen, Bild kreiert den faulen Griechen und unzählige weitere Nationalismen, dies wird begeistert von tumben Fans aufgegriffen und beim nächsten Spiel entsprechenden Personen vor den Latz geknallt, was anschließend beispielsweise von der Sprachkavallerie des Freitag kritisiert wird, allerdings etwas verhalten, da die oberen Ebenen der Verlage unter Einhaltung aller sprachlichen Anstandsregeln und unter Ausschluss der Öffentlichkeit miteinander kommunizieren.

Das Feld der Akteure und Betroffenen wächst und wächst, es wechselt zusätzlich. Werbung, Unternehmen, regionale Gewohnheiten, Medien, Literatur, Anstand, Sitte ...

Vielleicht ist es wie mit einem Chemie-Experimentierkasten, man kombiniert und schaut, ob es knallt, ruft: Lauf endlich, du lahme weiße Ente. Ist das nun rassistisch oder verstößt es gegen Tierrecht?

Matthias Dell 12.01.2013 | 15:31

liebe magda,

diese zweifel sind nicht ohne berechtigung, und da sollte demnächst mal aufklärung zu her. das argument ist richtig, man sollte nur nicht vergessen, man sollte es nur jeweils im konkreten fall diskutieren. kritische ausgaben machen bei kindern wenig sinn, wer will schon fußnoten vorlesen zum einschlafen? dass man in diesem fall mit dem argument, den kindern a posteriori eine welt zu beschönigen, die grausam war, argumentiert, macht in meinen augen nicht viel sinn: wenn das kind das diffamierende wort hört, dann versteht es nichts über die welt von damals. dann wird nur das wort reproduziert, und das kind kann dann, wie andernorts ja auch kommentatoren hier, sagen, ich bin damit groß geworden und trotzdem kein rassist. ich habe neulich mit zehnjährigen gesprochen und war baff, was die für ein - man könnte sagen: ganz natürliches - verhältnis zum umgang mit marginalisierten und diffamierten gruppen haben (schwule, schwarze), wo die eltern noch glauben, ihre kindheit verteidigen zu müssen, weil man das in der gesagt hat und sie nun annehmen, ihre kindheit wäre scheiße gewesen, wenn sie sich eingestünden, dass dort ein herrschaftsdiskurs herrschte, der einem heute unangenehm ist. 

ein anderer punkt - auch da wird an der aufklärung gearbeitet - wäre die frage, wie viel eigentlich (aus gutem grund) verschwunden ist (etwa auf dem theater), was antisemitisch war oder antisemitismen beinhaltete, und wo kein mensch die kultur ins feld führt, die es zu bewahren gilt. letztlich kreist das immer um fragen wie wagner- oder lutherrezeption, und wenn man da ein gelingendes verhältnis zu finden will, dann kommt man darauf, dass es so was wie strahlende helden, große deutsche eh nicht gibt. das finde ich nicht schlimm, mein weltbild kriegt deswegen keine depressionen 

Matthias Dell 12.01.2013 | 15:41

auch wenn ich nicht glaube, dass sie es verstehen werden wollen, aber: sie legen sich da was zurecht, damit sie ihr weltbild retten können. kommunikation und sprachgebrauch funktionieren anders. ich möchte sie sehen, wenn jemand arschloch zu ihnen sagt, und sie hat eine untersuchung über dessen gesinnung anstrengen, um zu den schluss zu kommen, dass er es nicht pejorativ gemeint hat, sondern damit ein lob verbindet. der kontext spielt eine rolle etwa ironischem, also eigentlich und uneigentlichen gebrauch. insofern ist vielleicht eine situation vorstellbar (fällt mir nicht ein, aber wer weiß), in den jemand zu ihnen ironisch arschloch sagen könnte. liebevoll funktioniert schon eher, wenn es ein guter freund oder partner/in ist. für ironie ist aber wichtig, dass der eigentliche gebrauch des wortes feststeht, was bei den meisten rassismen nicht der fall ist - wie die diskussionen hier zeigen -, wie soll man es dann uneigentlich verwenden? 

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Ehemaliger Nutzer 12.01.2013 | 15:48

"(...) dann kommt man darauf, dass es so was wie strahlende helden, große deutsche eh nicht gibt. das finde ich nicht schlimm, mein weltbild kriegt deswegen keine depressionen."

 

 

vielleicht besinnen sie sich eines besseren, wenn sie das vorwort zu victor klemperer's LTI lesen, konkret seite 8 bis 14, zum thema helden und heldentum, insbesondere deutsches heldentum.

und wenn ihnen dann noch nicht bewusst werden sollte, dass sie sich - bisher, mit dem wort/begriff 'held' noch nicht einmal ansatzweise auseinandergesetzt haben, dann ... - machen sie halt bei den kinderbüchern weiter.

- der max

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Ehemaliger Nutzer 12.01.2013 | 15:51

anders:

"(...) dann kommt man darauf, dass es so was wie strahlende helden, große deutsche eh nicht gibt. das finde ich nicht schlimm, mein weltbild kriegt deswegen keine depressionen."

 

 

vielleicht besinnen sie sich eines besseren, herr dell, wenn sie das vorwort zu victor klemperer's LTI lesen, konkret seite 8 bis 14, zum thema helden und heldentum, insbesondere deutsches heldentum.

und wenn ihnen dann noch nicht bewusst werden sollte, dass sie sich - bisher, mit dem wort/begriff 'held' noch nicht einmal ansatzweise auseinandergesetzt haben, dann ... - machen sie halt bei den kinderbüchern weiter.

- der max

Lethe 12.01.2013 | 16:48

letztlich entscheidet der Status des eigenen Bewusstseins darüber, in welcher Weise Begriffe verwendet werden. Wenn wir alle Begriffe ausmerzen, die im Sinne der political correctness angreifbar erscheinen, werden wir nur erleben, dass andere Begriffe an ihre Stelle treten. Nicht das Wort ist rassistisch, sondern seine Deutung in einem spezifischen Kontext.

Mensch stelle sich Onkel Tom ohne "Nigger" vor. Wir verwenden den Begriff nicht mehr, aber ist in den amerikanischen Südstaaten - und teilweise auch den restlichen Staaten - deswegen die damit verbundene Einstellung verschwunden? Ein Träumer, wer das glaubt. Neuerdings verbieten wir den "Neger". Was wird wohl geschehen? "Schwarzer" wird in einem Jahr an seine Stelle als Diffamierung getreten sein. Was dann?

Boateng hat damit überhaupt nichts zu tun. Das war eine individuelle Gegenwehr gegen einen persönlich gemeinten Angriff. Er hatte jedes Recht dazu. Aber daraus folgt nicht, dass wir die Sprache plötzlich präskriptiv betreiben müssen. Sollten wir es versuchen, wird es sich rächen. Nicht viele Menschen lassen so einen Dreck mit sich machen. Unter Umständen erreicht mensch auch das genaue Gegenteil des Beabsichtigten.

miauxx 12.01.2013 | 18:28

"Der in diesem Zusammenhang gern geäußerten Sorge, dass nur hermetische Werktreue den Kindern von heute die schlimme Welt von gestern nicht vorenthalte (...)"

Auch wenn Sie es polemisch belächeln: Es ist doch so! Zwar muss man jetzt Preußler-Märchen oder Lindgren u.ä. nicht als historisches Bildungsmaterial oder Quelle im engeren Sinne betrachten. Gleichwohl aber ist es das. Und so hat Fr. Gutschke schon auch recht, wenn sie von "Säuberungen" spricht. Vielleicht ist das Wort zu hart und hier auch nicht im Sinne von "1984" oder Zensur zutreffend. Sieht man die Bereinigung der betreffenden Werke mal im heutigen gesamtgesellschaftlichen und politischen Kontext, so legen wir uns wieder mal ein scheinheiliges Feigenblatt auf. Man muss wohl nicht erst an die jüngst bekannt gewordenen Vorkommnisse und das Versagen im Umgang mit Rechtsextremismus in D - von höchster Stelle - erinnern, um das festzustellen! Und man kann nun wie Sie, Herr Dell, das vielleicht angestaubte bildungsbürgerliche Konstrukt der "Werktreue" freilich belächeln. Gleichwohl bezeichnen die "Säuberungen" historischer Werke in der Konsequenz schon den gleichen, wenigstens sehr ähnlichen, Effekt, wie ein Durchzensieren in Diktaturen oder wie durch Orwell beschrieben: Dem Leser wird vorenthalten und vorgetäuscht. Ihm wird geradezu seine Kompetenz als Leser abgesprochen. Und das, da Lesen doch als Bildungskompetenz No. 1 gehandelt wird! Nachplappern und einfach nur mitgehen kann aber jeder - ein richtiger Leser ist so einer jdf. nicht!

Aus den bis hier gennanten Gründen - Zurichtung eines nur vermeintlich kritischen Lesers - hinkt somit auch der Vergleich mit dem Alltagsrassismus am Bspl. Kevin Prince. Wenn einer, eben z.B. mit dunkler Hautfarbe, offensiv gegen Beleidigungen demonstriert und andere das gut finden, so ist das etwas ganz anderes, als wenn Lesern die Entscheidung zur historischen Einordnung und eben auch Kritik von Ausdrücken und Begrifflichkeiten in eben historischen Werken nicht nur abgenommen, sondern sogar vorenthalten werden soll.

Popkontext 12.01.2013 | 19:57

Ich befürchte, Sie haben den Verweis und das ganze Konzept nicht verstanden. Schon im ersten Satz steht doch: „Mit dem Begriff "Neger" sind eine Vielzahl von rassistischen und eurozentristischen Stereotypen verbunden.“ Soll heißen, dieser Begriff, das Wort allein transportiert schon die Stereotype und den Rassismus, weil er mit ihnen verbunden ist und eben nicht neutral ist.

Und Worte werden ja nicht einfach so als „diskriminierend & rassistisch“ eingestuft, sondern aufgrund der Weiterentwicklung der Gesellschaft, indem sich ein Bild von der Gleichwertigkeit aller Menschen entwickelt hat. Das Wort „Zigeuner“ hat eben auch diese abwertende, mit Rassismus und negativen Stereotypen versehene Konnotation. Deshalb wird – wie bei anderen Völkern auch – inzwischen die Eigenbezeichnung als die respektvolle angesehen.


Ihr Beispiel mit dem „Häuptling“ verstehe ich nicht (abgesehen davon, dass das nichts mit Europa zu tun hat, sondern mit einer weltweiten Entwicklung hin zur zumindest theoretischen Gleichwertigkeit von Menschen unabhängig von religiöser Überzeugung, ethnischer Herkunft und sexueller Orientierung). Häuptling (chief) würden auch die nordamerikanischen Indianer selbst sagen, das ist keine negative, abwertende oder klischeebesetzte Zuschreibung durch die weißen Eroberer, soweit mir bekannt ist.

mymind 12.01.2013 | 20:26

Ihre Befürchtungen sind unbegründet. Gehen Sie doch bitte noch einen Gedanken weiter & beschäftigen sich damit, wie verfahren wird, wenn die heutzutage üblichen Bezeichnungen eines Tages eine diskriminierende & rassistische Bedeutung erhalten. Nach Ihrer Logik & auch der von anderen Kommentatoren bedeutet es, dass in regelmäßigen Abständen Worte ersetzt werden.

Vielleicht ist es tatsächlich so, dass dieser leichtgängige Weg als einzige Option übrigbleibt, um zumindest Rassismus im sprachlichen Umgang einzudämmen. Im Denken & Verhalten wird sich dadurch nicht viel ändern, aber genau das wäre wünschenswert, dann wären auch viele verkopften Konstruktionen überflüssig.

Oder wie finden Sie die neue Bezeichnung ´Rotationseuropäer´ als Überbegriff für ´Zigeuner´?

Der ´Häuptling´ wird tatsächlich von manch einem Sprachwissenschaftler als abwertende Bezeichnung eingestuft. Tja, zu guter Letzt frage ich mich, wieso sich ´schwul´ so lange halten kann…

Popkontext 13.01.2013 | 01:06

Meine Befürchtungen sind offenbar sehr wohl begründet, denn Sie haben den Punkt (oder die Punkte) immer noch nicht verstanden: Das Word „Neger“ war schon immer rassistische konnotiert, es hat nur keinen gestört, weil dieser Rassismus die Gesellschaft beherrschte und als „normal“ empfunden wurde, ja sogar notwendig war, um Kolonialismus und Sklaverei zu begründen. Im Gegensatz dazu machen andere Wörter, wie eben „Dirne“ einen Bedeutungswandel durch, d. h. sie hatte ursprünglich eine andere Konnotation. Zum dritten, wie z.B. bei „schwul“ (als Selbstbezeichnung von homosexuellen Männern) oder „Nigger“ (unter Afroamerikanern) versuchen sich die diskriminierten Gruppen eben gerade diese Begriffe „zurückzuerobern“, d.h. Sie wieder positiv zu besetzen, sie einem positiven Bedeutungswandel zu unterziehen. Da aber die alte Diskriminierende Konnotation immer noch mitschwingt ist aber noch Vorsicht geboten: Als Weiße/r sollte man nie zu einem Afroamerikaner Nigger sagen, weil das Wort dann sozusagen die „alte“ Bedeutung annimmt, und „schwul“ ist ja auch als allgemeines Schimpfwort mit negativer Konnotation noch oder gerade wieder sehr beliebt.

 

Zum Thema "Häuptling" habe ich nochmal nachgeschaut gerade: Der wird - zurecht - als diskriminierend im Kontext mit Afrika gesehen, weil man da wohl pauschal alle Herrscher/innen als "Häuptling" bezeichnet hat und damit die (vermeintliche oder tatsächliche) Primitivität der Gesellschaften herausstellen wollte. Möglicherweise hat das Wort im Deutschen so auch eine andere Entstehungsgeschichte als chief im Englischen, der soweit ich weiß nicht als diskriminierend gesehen wird, weil er nicht aus der Kolonialzeit stammt und eher die neutrale Bedeutung von "Stammesführer" oder "Anführer" hat, auch in der eigenen Geschichte der Briten, während man glaube ich eher weniger von "Germanenhäuptlingen" spricht.

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Ehemaliger Nutzer 13.01.2013 | 01:21

Zu diesem Thema hat Walter Benjamin schon erschöpfend Auskunft gegeben. Wir lesen den gefühlt 1327ten Aufguss dessen.
Ob Boateng einen Ball ins Publikum schiesst und Berlusconi dazu Beifall spendet, darum geht es nicht, schon gar nicht in diesem Kontext.
Herr Dell, das könnten Sie besser. Aber ich schätze, hier sind Literaturhinweise unangebracht.

Wolfram Heinrich 13.01.2013 | 10:57

@mymind

Nach Ihrer Logik & auch der von anderen Kommentatoren bedeutet es, dass in regelmäßigen Abständen Worte ersetzt werden.

 

Mit der semantischen Kosmetik verhält es sich wie mit der buchstäblichen. Nach einiger Zeit ist das Make-up verwischt, man muß eine neue Schicht Puder auflegen, die Lippen nachziehen und was der Dinge mehr sind.

 

Oder wie finden Sie die neue Bezeichnung ´Rotationseuropäer´ als Überbegriff für ´Zigeuner´?

 

Rotationseuropäer für Zigeuner ist eine dermaßen krasse Beleidigung und Verhöhnung, daß es nicht zum Sagen ist.

 

Der ´Häuptling´ wird tatsächlich von manch einem Sprachwissenschaftler als abwertende Bezeichnung eingestuft.

 

Das hängt davon ab, in welchem Zusammenhang ich das Wort verwende. Beziehe ich mich auf den Chef eines Indianerstammes oder sonst einer eher archaischen Gemeinschaft, dann ist Häuptling keineswegs abwertend. Komme ich dagegen in ein Büro und frage die Belegschaft "Wer ist jetzt hier bei euch der Häuptling", dann kann man der Wortwahl entnehmen, daß ich sauer bin, daß ich dem Chef nicht wohlgesonnen bin. Wahrscheinlich will ich mich beschweren.

 

Tja, zu guter Letzt frage ich mich, wieso sich ´schwul´ so lange halten kann…

 

Ganz im Gegensatz zu "Neger", welches Wort damals ganz neutral verwendet wurde, war "schwul" in den sechziger, siebziger Jahren tatsächlich ein böses Schimpfwort für Homosexuelle. Die Homosexuellen haben in einer Art semantischem Jiu-Jitsu den Schwung des Wortes aufgefangen und in eine andere Richtung gelenkt. Sie griffen das Wort auf und haben es als Selbstbezeichnung verwendet, wodurch das Wort so nach und nach - überraschend schnell übrigens - als Schimpfwort unbrauchbar geworden war.

So was ist nicht zum erstenmal passiert. Die spanischen Herren der Niederlande im 16. Jahrhundert pflegten die Widerstandskämpfer des flachen Landes geringschätzig als "Les Gueuses" zu bezeichnen, was im Französischen nichts anderes bedeutet als "Bettler", "Lumpen", "Strolche". Die Strolche, ihrerseits nicht faul, griffen den Vorschlag auf und nannten sich fortan selber "Geusen". Das Schimpfwort war unbrauchbar geworden, die Bettler hatten ihr Lumpensein in den semantischen Adelsstand erhoben (und haben - notabene - dann auch die hochgeborenen Spanier aus ihrem flachen Lande vertrieben).

Übrigens hat auch das Wort "Bulle" für Polizist eine ganz merkwürdige Geschichte. Eine Unmenge Leute sind verurteilt worden, weil sie das Wort verwendeten. In den 70er, 80er Jahren verlieh der Bund deutscher Kriminalbeamter auf einer Karnevalssitzung in Bonn an Persönlichkeiten, die sich um die Innere Sicherheit verdient gemacht hatten, den 'Bullenorden'. Träger waren damals unter anderem Generalbundesanwalt Kurt Rebmann, der frühere GSG-9-Chef und jetzige Bun­desgrenzschutzkommandeur Ulrich Wegener und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher". Und weil professionelle Spaßmacher für diese Karnevalssitzung zu teuer waren, hatte man in Bonn ein "Bullenballett" gegründet.

http://theodor-rieh.de/heinrich/Bilder/Bullenballett.jpg 

 

Um noch kurz aufs eigentliche Thema zurückzukommen... Wie selbstverständlich und unbefangen noch 1985 das Wort "Neger" verwendet wurde, sieht man an diesem Filmausschnitt.

 

Günther Kaufmann, der hier den ***** spielt, nannte seine Autobiographie im übrigen "Der weiße Neger vom Hasenbergl".

http://images.buch.de/images-adb/24/7b/247b5eef-6113-412a-b86b-d7145bc8adb4.jpg 

Um die Mitte der 80er Jahre (vielleicht auch schon ein wenig früher) hieß es dann auf einmal unvermittelt, man sage nicht mehr "Neger", man sage "Farbiger", "Schwarzafrikaner", "Afroamerikaner" und was Wortschöpfungen mehr war. Das Wort "Neger" hat sich eben nicht - im Gegensatz etwa zum Wort "Dirne" - im Laufe vieler Jahrzehnte vom neutralen Wort zum Schimpfwort gewandelt, das Schimpfliche am ehdem harmlosen Wort ist von heute auf morgen dekretiert worden.

 

Ciao

Wolfram

Wolfram Heinrich 13.01.2013 | 10:59

@Popkontext

Das Word „Neger“ war schon immer rassistische konnotiert, es hat nur keinen gestört, weil dieser Rassismus die Gesellschaft beherrschte und als „normal“ empfunden wurde, ja sogar notwendig war, um Kolonialismus und Sklaverei zu begründen.

 

Das Wort "Neger" war von Anfang an rassistisch konnotiert, weil das bezeichnete Objekt, nämlich der schwarze Mensch, in Europa von Anfang mit rassistischen Vorbehalten betrachtet wurde.

Übrigens nicht durchgehend. Der Urgroßvater des russischen Dichters Alexander Puschkin war Abraham Petrowitsch Hannibal. Besagter Hannibal war von osmanischen Truppen verschleppt und dann nach Istanbul gebracht worden. Dort wurde er von Graf Tolstoi (nein, nicht der Tolstoi) gekauft und kam so als Neunjähriger nach St. Petersburg an den Hof Peters des Großen. Der Zar war vernarrt in den Knaben, er machte ihn zu seinem Patenkind. Später machte Hannibal Karriere und wurde schließlich russischer Generalmajor und Gouverneur von Reval, 1759 Oberbefehlshaber für Seeforts und Kanalbau.

Ebenso wie "Neger" war auch das Wort "Jude" von Anfang negativ konnotiert, schlicht deshalb weil im christlichen Abendland Juden eine verachtete Randexistenz führen mußten.

"Aber wenn man mit einem Namen eine unglückselige Geschichte abschütteln könnte, dann hätte das keinem Volk der Erde näher gelegen als den Juden. „Sephardim und Aschkenasim“ hätte sich angeboten; die einen waren im portugiesischen Süden, die anderen im russischen Osten zu Hause. Und wie vielen Deutschen hätten die „Sephardim und Aschkenasim“ geholfen, ihre Schuldgefühle terminologisch zu bewältigen! Wer alt genug ist, erinnert sich vielleicht, daß nach 1945 kaum einem das Wort „Jude“ so recht frei über die Zunge gehen oder aus der Feder fließen wollte. Damals wurde der „Staatsbürger mosaischen Glaubens“ erfunden; und wo nicht erfunden, so erlebte er doch Hochkonjunktur. Auch „Israelis“ oder „Israeliten“ standen, für eher Wohlwollende, „Zionisten“ für nicht so Wohlwollende hoch im Sprachkurs.

Die meisten Juden machten diesen Quatsch nicht mit. Sie waren Juden, wollten Juden sein und Juden bleiben. Als ein töricht Befangener dem österreichischen Schriftsteller Friedrich Torberg einmal glaubte sagen zu sollen, „Sie sehen doch gar nicht wie ein Jude aus, und auch Ihr Name klingt nicht jüdisch“, antwortete der: „Sie irren, mein Freund. Der Vorfahr, von dem ich meine Existenz herleite, war Schiffsrabbiner bei den Wikingern.“"

R. W. Leonhardt, "Unsere Sprache - Neger, Juden, Zigeuner"

 

Ciao

Wolfram

KLaus Pradel 13.01.2013 | 12:13

Matthias Dell vergleicht zwei Ereignisse, die er nicht vergleichen darf: Das eine ist die Reaktion eines Fußballers in einer aktuellen Diffamierungssituation und die Bewertung seines Verhaltens, das andere die Reaktion auf die zwanghafte Aktualisierung eines in sprachlicher Hinsicht historischen Texts. Wenn ein Verlag einen solchen Text von einem heute obsoleten Begriff, in diesem Fall "Neger", glaubt reinigen zu müssen, kommt das einer Beleidigung für den erwachsenen, aber auch den jungen Leser gleich, weil diesem damit die Fähigkeit abgesprochen wird, einen Text kritisch zu lesen. Aber gerade weil während der Lektüre derartige Begriffe begegnen, kann sich daraus eine durchaus gewinnbringende Diskussion ergeben, nicht zuletzt über ihre Gebundenheit an den Kontext und über die Abhängigkeit sprachlicher Äußerungen von den Zeitumständen. Rassismus entsteht in den Köpfen durch die Art und Weise, wie in den Familien, im Freundeskreis, in der Schule und nicht zuletzt an den Stammtischen über Mitmenschen gesprochen wird. Die anstrengende, aber sinnvolle Interpretationsarbeit an Texten, in denen rassistische Begriffe vorkommen, müssen wir selbst leisten. Es ist nicht nötig, dass sie uns von anderen durch fragwürdige Bearbeitungen im Sinne einer "gerechten Sprache" abgenommen wird. Wenn Matthias Dell schreibt, das sei im literarischen Geschäft nicht unüblich, meint er hoffentlich nicht die unsäglichen Ausgaben "ad usum Delphini", in denen vom 17. Jhdt bis weit in das 20. Jhdt. hinein Autoren für junge Leser von anstößigen Stellen "befreit" wurden. Es hat nichts gebracht. Die Menschen sind durch die gereinigten Texte nicht besser geworden.

Wolfram Heinrich 13.01.2013 | 12:26

@KLaus Pradel

Wenn Matthias Dell schreibt, das sei im literarischen Geschäft nicht unüblich, meint er hoffentlich nicht die unsäglichen Ausgaben "ad usum Delphini", in denen vom 17. Jhdt bis weit in das 20. Jhdt. hinein Autoren für junge Leser von anstößigen Stellen "befreit" wurden.

 

Im Englischen nennt man Vorgang knapp "to bowdlerize", von Thomas Bowdler (1754 - 1825), einem Arzt, der eine nach moralischen Zensurkriterien bereinigte Ausgabe der Werke von William Shakespeare veröffentlichte. "Dieses Vorgehen rief unter Zeitgenossen beträchtliche Kritik und Belustigung hervor", schreibt die Wikipedia.

 

Ciao

Wolfram

Popkontext 13.01.2013 | 12:53

Es geht hier um Ungleichwertigkeit, die sich in der Sprache widerspeigelt - vor allem um die Kolonialzeit, und die mit Rassismus und vermeintlicher europäischer Überlegenheit konnotierten Bezeichnungen, die dazu dienten, die Ausbeutung und ggf. Versklavung zu rechtfertigen.. Und eben um Völker, die in Europa als Minderheiten eine Zweite-Klasse Status hatten, was sich in der Bezeichnung der Mehrheitsbevölkerung zeigte, wie eben "Zigeuner".

tlacuache 13.01.2013 | 13:03

Dass Du schreiben kannst, war mir bekannt.

Dass Du Dichten kannst, war mir völlig unbekannt...

Grausamer Reim:

..."Der Grothel ist ein Schelm,
aber obacht bei der Analyse,
da ist er die echte Düse,
Häuptlingsartig auf den Wellen reitend,  
macht er noch die Dialyse,
*****kuss bereitend auf hoch Thor,
schwillt es aus ihm hervor"...

Aus: Arndt, Susan/Hornscheidt, Antje (Hg.): Rassismus und Sprache: Kritisches Nachschlagewerk zur deutschen Afrikaterminologie, Münster i.D.

P.S. Es heisst "Klanführer", und nicht "Häuptlinge"...
 

Popkontext 13.01.2013 | 13:25

Das Wort „Neger“ ist im Zusammenhang mit dem Kolonialismus entstanden, wie es sehr schön in dem bereits oben verlinkten Artikel erläutert ist. Während der Kolonialzeit hat sich das Bild von Afrikanern (und anderen Völkern, die kolonialisiert wurden) in der öffentlichen Wahrnehmung in Europa sehr verändert, weil die Europäer für sich eben rechtfertigen mussten, dass sie diese Menschen unterdrücken und ihre Länder ausbeuten konnten. Das entwickelte sich in der direkten Interaktion – so hat Rassismus z.B. in den USA eine andere Ausprägung als in Brasilien, weil das Verhältnis zwischen Sklavenhaltern und Sklaven anders war. Mohren oder Türken am Hof von Adeligen und Königen / Kaisern / Zaren gab es immer, siehe Othello. Sie waren zwar Außenseiter, aber oft auch anerkannt.

Das gleiche gilt für Juden übrigens: Die waren ja keineswegs immer verfolgt, auch wenn diese schrecklichen Geschichten das überschatten: Sie wurden auch von Fürsten und Königen / Kaisern extra geholt, weil sie als gute Kaufleute mit europaweiten Beziehungen galten. So wurden Juden z.B. im 10. Jahrhundert vom fränkischen Kaiser aus dem Süden nach Mitteleuropa geholt, wo es schon seit dem 1. Jahrhundert einige wenige jüdische Gemeinden gab, weil er ihr Potential erkannte, das dem rückständigen Reich helfen konnte. Das führte zu einem ersten Aufblühen jüdischer Kultur hier (SCHUM-Städte). Erst während der Kreuzzüge richtete man sich gegen die inzwischen gut etablierten Juden, die sich als „Fremde“ als Opfer eigneten, zumal sie sich Wohlstand erarbeitet hatten, der auch den Neid der Mehrheitsbevölkerung hervorgerufen hat. In diesem Zusammenhang entwickelten bzw. verbreiteten im Mittelalter sich auch die negativen antisemitischen Klischees, die heute noch kursieren.

Das Wort „Jude“ ist übrigens Selbstbezeichnung (hebräischen jehudi), wie eben Sinti oder Roma, kein negatives Wort, was von Außen angetragen wurde, wie „Neger“ oder „Zigeuner“.

tlacuache 13.01.2013 | 15:01

..."Während der Kolonialzeit hat sich das Bild von Afrikanern (und anderen Völkern, die kolonialisiert wurden) in der öffentlichen Wahrnehmung in Europa sehr verändert, weil die Europäer für sich eben rechtfertigen mussten, dass sie diese Menschen unterdrücken und ihre Länder ausbeuten konnten"...

Das ist Käse, für die Unterdrücker = Europäer waren es keine Menschen, selbst die Papstbulle Sublimis Deus ano 1537 war nichts als ein Feigenblatt für Europäer die Angst vor dem Fegefeuer hatten, die NeoCon's dieser Zeit hatten andere Sorgen, 1000% Gewinn ohne Lohnnebenkosten...

Matthias Dell 13.01.2013 | 15:11

lieber klaus pradel,

"Matthias Dell vergleicht zwei Ereignisse, die er nicht vergleichen darf"

bitte vielmals um entschuldigung, wusste nicht, dass ich hätte bei ihnen nachfragen müssen. 

ernsthaft: nicht vergleichen darf man nur dann nicht, wenn man das so verdreht darstellt wie sie es tun: boateng setzt ein zeichen gegen rassismus, und der thienemann verlag tut es auch. die formen sind verschieden, und, aber ich wiederhole mich, die sich angegriffen fühlenden. 

sie, klaus pradel, stufen etwa die beleidigung des "erwachsenen, aber auch jungen lesers" (es geht um kinderbücher, aber egal) offenbar als skandalöser ein als die beleidigung von menschen, die mit den diffamierenden begriffen gemeint sein sollen, die sie überhaupt nicht interessiert bzw die sie in frage stellen. das finde ich wenig überzeugend bzw ein fragwürdiges wertesystem

 

tlacuache 13.01.2013 | 15:27

Mein/e liebe/r Popkontext,

der Knackpunkt, also mal geschichtlich zurückschaufeln ist:

..."dass sie diese Menschen unterdrücken und ihre Länder ausbeuten konnten"...

Es waren keine Menschen...

Kulturelle Konstruktionen, um den "Asi, Zigeuner, Mulatten, N****", usw. usf. auszubeuten.

Da sind wir ja im modernen Deutschland auch nich' so weit wech',

kaum eine Putzhilfe aus Ecuador, der man nicht mal helfen will "die hat ja gar keine Papiere", und, "die muss ja mit MEINEM Geld daheim 10 Mäuler stopfen", und schon ist das Gewissen beruhigt, "Ich helfe ja"...

Kennen Sie nicht? Ich schon, und zwar nicht nur einmal...

Matthias Dell 13.01.2013 | 15:50

miauxx,

das, was sie mit polemisch belächeln meinen, ist sicher dem umstand geschuldet, dass ich mich mit meiner position in einer minderheitenposition befinde. es ist ja nicht so, dass man die arme kunst verteidigen müsste, die von allen immerfort in frage gestellt wird, sondern es ist eher so, dass mit diesem - wie ich finde, auch viel zu sakralem kulturbegriff - alles mögliche rechtfertigt. kultur ist ein totschlagargument, theater kann nicht rassistisch sein, weil theater doch immer totalkritisch ist, kunst kann nicht rassistisch, weil künstler doch irgendwie immer totalkritisch sind. otfried preußlers text kann keine rassistischen begriffe transportieren, weil otfried preußler doch so ein toller kinderbuchautor ist.

sie, miauxx, erzählen die geschichte in meinen augen genau falsch herum (und nur so gelingt es ihnen, diese position der eigenen verwicklung als richtig zu retten, dass alles richtig ist, so wie es ist, ohne dass sie sich und ihre position in frage stellen müssten - das hat in meinen augen auch mit den psychologien und deren hartnäckigkeit zu tun, die in dieser struktur am start sind). 

auf der einen seite argumentieren sie damit, dass das man die historischen ungerechtigkeiten, falschheiten aushalten müsse, damit heute aus ihnen gelernt werden kann. auf der anderen seite wird aber gar nicht daraus gelernt - der "kritische leser" ist eine figur, die nur dazu dient, den status quo zu verteidigen, in der realität ist er aber gar nicht so kritisch, wie man an den hier laufenden diskussionen sehen kann, wo viele leute ja immer nur unglaublich viele ausnahmen von rassismen machen (kontext und so weiter), dh rassismus gibt es eigentlich nicht. (oder es gibt ihn nur beim ku klux klan oder dem nazi, der das diffamierende wort verwendet. das sind dann die boateng-ähnlichkeiten, da sind die "schuldigen" klar und scheiße, es sind irgendwelche anderen, die man leicht doof finden kann.)

so entsteht ein absurdes gefälle: die begriffe sollen bleiben (und wir reden hier immer nur ganz konkret, am beispiel eines verlags, der sich in einem langen prozess und in abstimmung mit dem autoren/dessen familie zu einem schritt entschlossen hat, in dem es um ganz konkrete sachen geht), damit der leser seine kritischen fähigkeiten nicht verliert, die er aber gar nicht ausgebildet hat. deswegen würde ich eben die ansicht vertreten, dass das diffamierende wort den status quo immer nur verlängert - und am ende kann man dann immer sagen, auch ein standard im rassismus-diskurs, wieso soll das wort schlimm sein, ein geachteter, guter, richtiger schriftsteller wie preußler verwendet es doch auch?

wenn es wirklich um werktreue ginge, daniel bax hat in der taz darauf hingewiesen, wieso beschwert sich dann keiner in gleicher vehemenz über die kolorierungen der ursprünglich schwarz-weißen illustrationen? wieso schreibt frau gutschke dann nicht, welcher frevel das ist, den kindern diese limitierten gestaltungstechniken von vor 50 jahren vorzuenthalten, damit die kinder lernen können, dass kinderbücher beileibe nicht immer bunt illustriert worden? im zweifel werden die neukolorierungen dann gut gefunden, womöglich kongenial oder so was. (abgesehen davon, ein künstlerbild, das auf so ner einmal zementierten, geniehaft bedingten richtigkeit basiert, ist mir suspekt, was nicht heißen soll, dass ich keinen respekt hätte vor gewissen standpunkten des ausdrucks).

dass sie die aufrechterhaltung der diffamierenden wortwahl dann mit der verbindung zum NSU rechtfertigen, würde ich ebenfalls genau andersrum sehen. solange nicht begriffen wird, dass rassistische begriffe menschen beleidigen und einem alten, falschen denken vom unterschiedlichen wert von menschen vorschub leistet, der sich allein an äußerlichkeiten festmacht, solange können die NSU-morde der skandal sein, als der sie öffentlich nicht begriffen werden - es mangelt der weißen mehrheitsgesellschaft schlicht an empathie zu begreifen, was da passiert ist, so wie es den werktreue-verteidigern an empathie mangelt, zu verstehen wie sich diese kinderbücher lesen müssen für leute, die mit den begriffen gemeint sein sollen.

und das ist ein weiterer punkt, der in meinen augen die asymmetrische absurdität der ganzen diskussion zeigt - es wird so unglaublich viel energie in sachen investiert wie aushalten, kritische lesarten offen halten, keine feigenblätter schaffen und so, die alle mit einem humanismus motiviert werden, der auf der anderen seite aber überhaupt nicht verstehen kann, wie unmenschlich es ist, leute permanent grundlos zu diffamieren mit solchen wörtern.  

Popkontext 13.01.2013 | 16:02

Jetzt sehe ich das Missverständnis: Sie verwechseln die Sprecherposition: "diese Menschen" sage ich. Ja, eben, man versuchte diesen Menschen die gleichwertige Position abzusprechen (Primitive, Kinder etc.), oder die Menschlichkeit allgemein (indem man von Amerika und Australien von unbewohntem Land sprach z.B.). Wobei auch da die Positionen unterschiedlich waren und sich auch im Lauf der Zeit änderten. Die ersten europäischen Siedler in Nordamerika dachten z.B., die Indianer seien eventuell die Verlorene Stämme Israels. Als sie sich dann partout nicht bekehren lassen wollten, hat man das als Ausrede genommen, sie gnadenlos abzuschlachten und Platz für die europäische Besiedlung zu schaffen.

 

Was soll ich nicht kennen Woraus schließen Sie das? Ich beschäftige mich seit 30 Jahren mit dem Theme Rassismus und gruppenbezogener Diskriminierung im weitesten Sinne, aktuell und in der Geschichte. Das heißt nicht, dass ich alles weiß, aber ein bisschen ist in meinem Erbsenhirn hängen geblieben.

miauxx 13.01.2013 | 16:55

"auf der einen seite argumentieren sie damit, dass das man die historischen ungerechtigkeiten, falschheiten aushalten müsse, damit heute aus ihnen gelernt werden kann. auf der anderen seite wird aber gar nicht daraus gelernt - der "kritische leser" ist eine figur, die nur dazu dient, den status quo zu verteidigen, in der realität ist er aber gar nicht so kritisch (...)"

Freilich habe ich mit dem "kritischen Leser" ein Ideal gezeichnet. Und natürlich muss man im Kleinen, also nicht erst beim prügelnden Nazi, anfangen, wenn es um Rassismus geht. Dass der "kritische Leser" jedoch als "figur, die nur dazu dient, den status quo zu verteidigen" ins Feld geführt würde, ist doch ein recht harscher Vorwurf! Ich meine, wovon reden wir denn? Zunächst einmal von historischen Werken und nicht von Gegenwartsliteratur, in der es, viell. noch in Millionenauflage, "Negerkönig" heißt. Und zum anderen ist mir mit der "Werktreue" (wie gesagt ein Konstrukt, sie ist kaum vollendet möglich) auch nicht durch die Hintertür daran gelegen, Schriftsteller x oder y pauschal zu verteidigen, weil er an sich ein "guter" sei und somit die rassistische Wortwahl zu verteidigen. Aber ich sehe es eben als problematisch an, wenn mir als Leser ein x als ein u vorgemacht wird - so, als habe ein Preußler nie "Negerkönig" o.ä. geschrieben. Dass "Neger" heute aber immer noch im Sprachgebrauch präsent ist oder die Gesellschaft zu wenig sensibel ist, wenn es "Döner-Morde" heißt ist nicht dem geschuldet, dass wir historische Literatur oder andere Kulturwerke zu wenig bereinigt hätten. Von der "Werktreue" oder der Forderung, historische Dokumente möglichst originalgetreu zu erhalten mal abgesehen, muss Aufklärungsarbeit doch viel umfassender gesehen werden. Es geht doch nicht darum, eine bestimmte Wortwahl nur "aushalten" zu müssen, sondern auch um die Möglichkeit, den Vergleich zwischen gestern und heute herstellen zu können. An dieser Stelle fällt mir eigentlich nicht viel mehr ein, als den "kritischen Leser" erneut hervorzuholen. Wenn auch ein Stück weit ein Ideal, so wäre doch daran festzuhalten. Vorenthalten und Täuschen bringt garantiert nicht weiter! Brachte bekanntermaßen auch in Diktaturen nicht viel bzw. hatte keine positiven Effekte.

"dass sie die aufrechterhaltung der diffamierenden wortwahl dann mit der verbindung zum NSU rechtfertigen, würde ich ebenfalls genau andersrum sehen."

Ich rechtfertige nicht die "Aufrechterhaltung der Wortwahl"! Zumindest unter dem Aspekt, dass der historische Schriftsteller xy weiter verlegt wird, rechtfertige ich die Beibehaltung dessen, was er auch geschrieben hat (wenn sich der Autor selbst zu Änderungen entschließt, ist das freilich ganz klar seine Entscheidung). Ich sehe es aber, zumal als Forderung aus dem Mund einer Ministerin, die auf der ganzen Linie nichts Halbes und nichts Ganzes je formuliert, geschweige denn auf den Weg gebracht hätte, sowie unter dem Aspekt des Versagens bzw. Nicht-Wollens unserer Behörden als nicht mehr als eine Feigenblatt-Aktion oder puren Aktionismus an, "Neger" aus historischen Märchen streichen zu wollen. Ein so dämlicher Showaktionismus (s. auch Friedrichs Verbunddatei "Rechtsextremismus", Schröders "Kompetenzzentrum gegen Rechts", aus dem nichts wurde, sich dagegen aber Aktionsbündnisse, die wirklich was tun, vor ihr bloß stellen müssen!) ist doch bei aller Liebe nicht mehr auszuhalten, wenn die Hütte brennt!

miauxx 13.01.2013 | 17:12

"Das Wort "Neger" war von Anfang an rassistisch konnotiert, weil das bezeichnete Objekt, nämlich der schwarze Mensch, in Europa von Anfang mit rassistischen Vorbehalten betrachtet wurde.

Übrigens nicht durchgehend. Der Urgroßvater des russischen Dichters Alexander Puschkin war Abraham Petrowitsch Hannibal. Besagter Hannibal war von osmanischen Truppen verschleppt und dann nach Istanbul gebracht worden. Dort wurde er von Graf Tolstoi (nein, nicht der Tolstoi) gekauft und kam so als Neunjähriger nach St. Petersburg (...)"

Naja, Wolfram, "nicht durchgehend" ist damit aber noch lange nicht bewiesen. Der Fall Puschkin ist sicher eine der Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Popkontext 13.01.2013 | 17:20

Ich denke, man muss das von Fall zu Fall sehen. Weltliteratur für den Unterricht "politisch korrekt" für den Unterricht umzuschreiben, wie es in der USA praktiziert wird, halte ich z.B. auch für falsch - richtig würde ich es finden, mit den Schülern darüber zu reden, damit sie das problem auch begreifen.

Bei einem Kinderbuch finde ich es völlig richtig, diese Veränderungen vorzunehmen, weil sie noch nicht alt genug sind, das zu verstehen. Es sind sogar diverse Kinderbücher aus dem Programm genommen worden, weil sie offen rassistisch waren bzw. im Zweifel negative Stereotype vermittelt haben.

Wolfram Heinrich 13.01.2013 | 17:26

@Popkontext

Das Wort „Neger“ ist im Zusammenhang mit dem Kolonialismus entstanden, wie es sehr schön in dem bereits oben verlinkten Artikel erläutert ist.

 

In der klassischen Antike, die sich nicht gar so weit von Schwarzafrika entwickelt hat, waren Schwarze natürlich bekannt, auch in größerer Anzahl (vermute ich mal). Das Quickdict-Lexikon gibt mir "homo niger" als lateinisches Wort für Schwarzafrikaner an. Das ist kein eigenes Wort im strengen Sinne, sondern  lediglich eine Umschreibung, "schwarzer Mensch". Der Google-Übersetzer nennt "aethiopem" oder "aethiopissa", ein griechisches Wort, das sich von "verbranntes Gesicht" ableitet.

Durch den Kolonialismus, du kannst auch sagen: bei Beginn der Kolonialzeit, sind Schwarze dann in relevantem Ausmaß als Bevölkerungsgruppe in Europa (wieder) bekannt geworden. Vorher waren sie allenfalls vereinzelt nördlich des Mittelmeers aufgetreten, erst ab den Entdeckungsreisen (eigentlich ja Beutereisen) war es notwendig, sich ein eigenes Wort für diese Menschen zu erfinden. Davor hat man anscheinend schon die Mauren (also Araber) für so schwarz angesehen, daß daraus das Wort "Mohr" entstand. Der Kolonialismus rückte nun wirklich schwarze Menschen ins allgemeine Blickfeld.

Das Wort, das man sich - zuerst auf Portugiesisch und Spanisch, naheliegenderweise - für diese Menschen erfand, war denkbar neutral und  lediglich beschreibend: "negro", also Schwarzer. Über das Französische (nègre) ist dieses Wort dann im 17. Jahrhundert nach Deutschland gekommen und hat sich im 18. Jahrhundert allgemein eingebürgert.

Daß "Neger" und "Sklave" (also Mensch zweiter Ordnung) im europäischen Sprachgebrauch fast Synonyme waren, ist angesichts der geschichtlichen Entwicklung nicht verwunderlich, vielmehr unvermeidlich. Jedem anderen Wort, das man für Menschen schwarzer Hautfarbe gewählt hätte, wäre das gleiche Schicksal passiert.

Man könnte vermuten, daß sich das Wort "Neger" nach der Nazizeit verbrannt hätte, daß man in der Nachkriegszeit das Wort sorgsam gemieden hätte. Das Gegenteil war der Fall. In den fünfziger bis achtziger Jahren wurde das Wort "Neger" ganz unbefangen benutzt (ich habe hier und im Nachbarblog "Negerkönig - PC in Kinderbuchklassikern" einiges dazu geschrieben). Wer's nicht glaubt, der möge sich mal in die Online-Archive von ZEIT und SPIEGEL begaben und dort nach dem Wort "Neger" für die Zeit bis - sagen wir mal - 1989 suchen. Der liberale Journalismus dieser Jahre war strikt gegen die Apartheid in Südafrika, gegen die Rassentrennung und schändliche Behandlung der Schwarzen in den USA. Und alle, wirklich alle, die diese Position bezogen, verwendeten ganz selbstverständlich das Wort "Neger". Man sprach vom Negerdichter James Baldwin, vom Negerführer/-prediger Martin Luther King.

In den dreißiger Jahren prägte Aimé Césaire den Begriff Négritude, der den Stolz des schwarzen Menschen beider Kontinente auf die gemeinsame Herkunft Afrika, auf die schwarze Kultur ausdrücken sollte. Der direkte Link auf meine Ausführungen, die ich nicht wiederholen möchte, ist hier.

"Ich bin ein Neger und werde ein Neger bleiben, ich werde ein Kind, ein Erbe dieser Geschichte bleiben: In Frankreich neigt man dazu, diese Geschichte zu vergessen, wohingegen ich aufzeigen wollte: Neger steht für eine Geschichte. Tatsächlich werden Afrikaner erst mit Beginn des Sklavenhandels so genannt, und am Ende des XVII. Jahrhunderts sind Neger und Sklave synonym in den Französisch-Wörterbüchern, bis weit ins XIX. Jahrhundert hinein."

Es ist immer noch Aimé Césaire, der so spricht. Er spricht zornig und selbstbewußt, er will die Europäer und Amerikaner (nicht zu vergessen die Araber, die in großem Stil Jagd auf Schwarze machte, um sie als Sklaven zu verkaufen) nicht aus ihrer Verantwortung für die Schändlichkeiten des Kolonialismus entlassen, indem er sich das Wort "Neger" von der Zunge nehmen läßt.

Himmelherrgottsakramentnochmal, merkt denn keiner die infame Strategie, die darin steckt, den Begriff "Neger" aufzuteilen in Schwarzafrikaner, Afroamerikaner, Afro-Kariben, Afro-Brasilianer etc. pp.? Mit dem Wort nimmt man ihnen ihre gemeinsame Geschichte, ihre gemeinsame Identität. Ein semantischer Weichspüler soll den Kolonialismus reinwaschen.

 

Ich mag den Harald Schmidt ja nicht so besonders, aber wie er hier seinen Co-Moderator abbürstet ist ganz großes Kino.

 

 

Ciao

Wolfram

Wolfram Heinrich 13.01.2013 | 17:47

@Popkontext

Es sind sogar diverse Kinderbücher aus dem Programm genommen worden, weil sie offen rassistisch waren bzw. im Zweifel negative Stereotype vermittelt haben.

 

Nachdem bereits Astrid Lindgren und Pippi Langstrumpf ins Visier geraten sind, empfehle ich Janosch zum Abschuß.

"Fürs Erste reicht das", sagte Jansen, "wir legen eine E-Orgel in Es-Dur leicht unter und lassen Zacharias von der Ferne einen Blues drüberfideln. Wow! Das pfeift einen Neger dreimal vom Piano und wieder zurück."

So schreibt er in "Janosch erzählt Grimm's Märchen".

Und im Buch "Die Maus hat rote Strümpfe an" muß er wohl auch erheblich entgleist sein. Ein Leser schreibt bei Amazon als Kommentar:

"Leider musste ich feststellen, nachdem ich das Buch einem Mädchen aus meinem Bekanntenkreis vorlas, dass das Wort "Neger" in diesem Buch auftaucht. Ich bin sehr enttäuscht darüber, weil ich selbst schwarz bin. Auf jeden Fall werde ich keine Bücher oder andere Dinge, die mit dem Namen Janosch verbunden sind kaufen bzw. verschenken."

 

Daraus folgt: Ich lasse mich hier gerne als Rassist beschimpfen. Ich bin in allerbester Gesellschaft. Neben Janosch und Astrid Lindgren läßt es sich behaglich Rassist sein.

 

Ciao

Wolfram

Popkontext 13.01.2013 | 18:08

Die Geschichte und die Aspekte des Wortes sind mir durchaus bekannt. Wobei die Infragestellung des Begriffs verschiedene Geschichten in den Unterschiedlichen Sprachen hat. Sie haben aber immer mit Selbstbeußtsein und Respekt zu tun. Wie der Begriff "Nigger" z.B. im Englischen, der auch mit der Sklaverei in der USA erst aufkam und so mit dem rassitischen Bild vom Afrikaner untrennbar verbunden ist. Gegener des Rassismus benutzten andere Begrifffe - spätestens nach dem Bürgerkrieg war es bei Menschen, die gegen die Segregation waren, verpönt, und die respektvolle und auch Selbstbezeichnung war "negro", was sich dann zu "black" (das es immer schon alternativ gab und u.a. von Thomas Jefferson verwendet wurde) in den 60ern. Das spiegelt jeweils die Wertung von Afroamerikanern in der Gesellschaft wider. Dass durch die Wortänderung nicht das rassistische Denken in den Köpfen "umgeschaltet werden kann, ist wohl jedem klar. Aber da, auch wenn einigen dem widersprechen, Wörter nun mal Konzepte transportieren, kann man durch nichtdiskriminierende Wörter zeigen, dass sich im eigenen Kopf und in der Gesellschaft diese Konzepte geändert haben bzw. ändern.

Leute, die ernsthaft nicht verstehen, warum man das Wort "Neger" nicht mehr verwenden sollte, wenn man von afrikanischstämmigen Menschen redet, kennen - nach meiner Erfahrung - entweder keine solchen und haben sich auch noch nie mit deren Perspektive beschäftigt, und auch nicht mit der Geschichte des Rassismus, oder / und haben selber noch diese rassitischen Stereotype im Kopf, ohne es vielleicht zu bemerken.

Vor Jahren sprach mich z.B. meine damalige Vermieterin an: Es wären Bleistiftgrafitti im Treppenhaus gemalt worden. Sie hätte gehört, ich habe "Neger" zu Besuch gehabt, ob die das vielleicht gewesen wären. Ich war erstmal sprachlos, wegen "Neger" und wie sie auf die Idee gekommen ist, dass erwachsene Männer mit bürgerlichem Auftreten das Treppenhaus bekritzeln würden. Sie entschuldigte sich wirklich aufrichtig für das Wort "Neger" - sie sei damit aufgewachsen und meine es nicht negativ. Als ich sie dann fragte, wieso sie ddenke, erwachsene Männer mit zivilem Sozialverhalten würden das Treppenhaus bekritzeln, nur weil sie eine dunkle Hautfarbe haben hat nichts mehr gesagt. Vielleicht hat sie über die eigenen Stereotype, die sie im Kopf hat mal nachgedacht.

Deine Theorie, dass man mit dem Wort "Neger" den afrikanischstämmigen Menschen ihre Geschichte wegnähme ist leider komplett haltlos. Es gibt alternative Begriffe wie eben "Schwarz", was sich zwar auch auf die Hautfarbe bezieht, aber als stolze Selbstbezeichnung getragen wird. Ist diese Theorie auf deinem Mist gewachsen?

Wolfram Heinrich 13.01.2013 | 20:11

@Popkontext

Wie der Begriff "Nigger" z.B. im Englischen, der auch mit der Sklaverei in der USA erst aufkam und so mit dem rassistischen Bild vom Afrikaner untrennbar verbunden ist.

 

"Nigger" war nun, als Verballhornung von "negro" (wahrscheinlich sprachen die frühen Sklaven das Wort "negro" wie "nigga" aus), von Anfang an ein verächtliches Wort.

Pfeif dir mal (wieder?) den "Huckleberry Finn" rein, allerdings in einer ungereinigten Version, wenn du noch eine auftreiben kannst, in diesen Zeiten der Keuschheit und Tugend. Eine der beiden Hauptfiguren ist der Nigger Jim, ein entflohener Sklave, der zusammen mit Huck den Mississippi runterfährt. Einhundertsechzigmal taucht in diesem Roman das Wort Nigger auf. Und wenn du das Buch gelesen hast, dann behaupte, es sei rassistisch.

 

Deine Theorie, dass man mit dem Wort "Neger" den afrikanischstämmigen Menschen ihre Geschichte wegnähme ist leider komplett haltlos. Es gibt alternative Begriffe wie eben "Schwarz", was sich zwar auch auf die Hautfarbe bezieht, aber als stolze Selbstbezeichnung getragen wird. Ist diese Theorie auf deinem Mist gewachsen?

 

Nein, sie ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Wie oft soll ich eigentlich noch den Namen Aimé Césaire fallen lassen?

 

Ciao

Wolfram

Wolfram Heinrich 13.01.2013 | 20:12

@Popkontext

Du bist vor allem selbstgefällig und ignorant, würde ich sagen.

 

Ich darf den bekannten Rassisten Mark Twain ("Nigger Jim", siehe oben) zitieren; "Alles, was man zum Leben braucht, ist Unwissenheit und Selbstvertrauen, dann ist der Erfolg sicher."

 

Und vielleicht auch ein bisschen mehr Rassist als du glaubst.

 

Ich werd's meinem Schwager erzählen, vielleicht gruselt er sich dann vor mir.

 

Ciao

Wolfram

Popkontext 13.01.2013 | 20:47

Ich habe mich gerade nochmal über den Begriff "Nègre" im Französischen schlau gemacht - der hat eine ähnliche Geschichte wie "Negro" im Englischen. Auch er wurde erst mit der Kolonialzeit durch die Berührung mit dem spanischen Sklavenhandel populär. Er war trug also auch diese abwertende Konnotation, wurde aber wie im Englischen auch durch die schwarze Gemeinde und Gegner der Sklaverei positiv benutzt, was es im deutschen bei "Neger" nicht gab, wahrscheinlich weil es eben nie eine schwarze Gemeinde im deutschsprachigen Raum gab, die groß genug war, sich so zu organisieren wie die Schwarzen in Frankreich und den Kolonien bzw. den USA und den britischen Kolonien. Genau wie in den USA /im englischsprachigen Raum das "Negro" wurde in der französischen Sprache in den 60er, 70er Jahren das Wort "Nègre" nach und nach durch "Noir" oder auch "Black" ersetzt, als man mehr über die historischen Wurzeln nachdachte und sich eben Sprach- und Kommunikationswissenschaften auch mehr mit den Konnotationen beschäftigten. So hatte Frau Césaire ganz sicher nicht einen rassistisch konnotierten Begriff wie "Neger" im Sinn, den sie verteidigen wollte, als sie sagte, dass durch die Aufspaltung der Afrikanischen Diaspora die gemeinsame Geschichte verleugnet würde, sondern ihr ging es um die Aufspaltung, nicht den Erhalt rassistisch konnotierter Begriffe. Heute würde sie ganz sicher auch den Begriff "Noir" verwenden.

Genau das ist auch der Punkt, der dir ebenfalls entgangen ist, als es um die benannten Schriftsteller ging: Niemand sagt, Mark Twain, Astrid Lindgren oder Janosch seien Rassisten gewesen. Sie haben in einer Zeit gelebt, als rassistisches Denken und die entsprechenden Wörter "normal" und gängig waren, die sie dann auch verwendet haben - was sie auch in der heutigen Zeit nicht mehr tun würden, genausowenig wie Preußler. Ich habe leider außer der „Awful German Language“ lange keinen Text von Twain mehr gelesen und auch gerade keine Zeit, jetzt an meinen Bücherschrank zu gehen (vielleicht mach ich es doch gleich noch) – aber las gerade in diesem Kontext, dass Twain normalerweise das Wort „negro“ benutzte, um schwarze zu beschreiben, und wenn er das Wort „Nigger“ benutzte, das aus der entsprechenden Sprechsituation notwendig war, dieses in Anführungsstrichen schrieb.

Wolfram Heinrich 14.01.2013 | 02:14

@Popkontext

Genau wie in den USA /im englischsprachigen Raum das "Negro" wurde in der französischen Sprache in den 60er, 70er Jahren das Wort "Nègre" nach und nach durch "Noir" oder auch "Black" ersetzt, als man mehr über die historischen Wurzeln nachdachte und sich eben Sprach- und Kommunikationswissenschaften auch mehr mit den Konnotationen beschäftigten.

 

Bezogen auf die USA, über die Entwicklung in Frankreich kann ich nichts sagen halte ich es für ein wildes Gerücht, daß in den sechziger Jahren auf breiter Front das Wort "negro" durch ein gefälligeres ersetzt wurde. In den sechziger Jahren war die Rassentrennung vor allem in den Südstaaten noch voll im Gange. Der Ku-Klux-Klan und freischaffende Rassisten töteten Schwarze und deren weiße Sympathisanten, Martin-Luther King kämpfte gegen erbitterten Widerstand für die Aufhebung der Rassendiskriminierung, Malcolm X tat dies noch ein gutes Stück radikaler. Die Sprinter Tommie Smith und John Carlos sorgten bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-City für Aufregung als sie bei der Siegerehrung die Hand zum Black-Power-Gruß hoben.

File:Carlos-Smith.jpg 

Die sechziger und siebziger Jahre waren nicht die Zeit für feinsinnige semantische Diskussionen.

 

So hatte Frau Césaire ganz sicher nicht einen rassistisch konnotierten Begriff wie "Neger" im Sinn, den sie verteidigen wollte, als sie sagte, dass durch die Aufspaltung der Afrikanischen Diaspora die gemeinsame Geschichte verleugnet würde, sondern ihr ging es um die Aufspaltung, nicht den Erhalt rassistisch konnotierter Begriffe. Heute würde sie ganz sicher auch den Begriff "Noir" verwenden.

 

Herr Césaire. Aber gut, das ist belanglos.

http://www.lehman.cuny.edu/ile.en.ile/paroles/cesaire.jpg 

Aimé Césaire sah sich ganz bewußt und ganz selbstbewußt als Négre.

Ich wiederhole mich, aber gut, soll sein:

"Ich bin ein Neger und werde ein Neger bleiben, ich werde ein Kind, ein Erbe dieser Geschichte bleiben: In Frankreich neigt man dazu, diese Geschichte zu vergessen, wohingegen ich aufzeigen wollte: Neger steht für eine Geschichte. Tatsächlich werden Afrikaner erst mit Beginn des Sklavenhandels so genannt, und am Ende des XVII. Jahrhunderts sind Neger und Sklave synonym in den Französisch-Wörterbüchern, bis weit ins XIX. Jahrhundert hinein."

Apropos Synonym. In einer von Alan Gribben besorgten amerikanischen Neuausgabe von "Huckleberry Finn" wird der "Nigger" durch - na, was? ersetzt... Richtig, durch "Sklave". So wird die Synonymität von "Neger" und "Sklave" durch wohlmeinende Sprachreiniger betoniert.

 

Genau das ist auch der Punkt, der dir ebenfalls entgangen ist, als es um die benannten Schriftsteller ging: Niemand sagt, Mark Twain, Astrid Lindgren oder Janosch seien Rassisten gewesen. Sie haben in einer Zeit gelebt, als rassistisches Denken und die entsprechenden Wörter "normal" und gängig waren, die sie dann auch verwendet haben

 

Der "Huckleberry Finn" ist ein antirassistisches Buch par excellence. Und er hat seine Figuren so sprechen lassen, wie die Leute damals geredet haben.

 

...aber las gerade in diesem Kontext, dass Twain normalerweise das Wort „negro“ benutzte, um schwarze zu beschreiben

 

Aber natürlich tat er das, "nigger" war immer schon ein abwertendes Wort. Heute steht aber das Wort "negro" in der Kritik.

 

Ciao

Wolfram

Wolfram Heinrich 14.01.2013 | 02:15

@Popkontext

...und noch was Schönes zum Thema

 

Zu diesem Artikel gibt es zwei Leserkommentare, der zweite ist von mir.

"Ich darf die geschätzte Aufmerksamkeit auf die ganz eigenartige Argumentation von Herrn Hennig lenken. Er zitiert einige Auszüge aus völkerkundlichen Abhandlungen aus dem 19. Jahrhundert, in denen in der Tat eigenartige Gerüchte über Neger verbreitet werden. Daraus schließt er messerscharf, es hätte das Wort "Neger" von Anfang an eine abschätzige Bedeutung gehabt. Ich könnte, wenn ich mir denn die Mühe machte, aus der Zeit zwischen 1800 und 1945 saftige franzosenfeindliche Zitate aufführen, um dann zu postulieren, es sei das Wort "Franzose" nicht mehr salonfähig, da es eine abschätzige Bedeutung habe. Das gleiche könnte ich, mit noch mehr Material und über einen noch viel längeren Zeitraum mit dem Wort "Jude" veranstalten."

 

Ciao

Wolfram

Wolfram Heinrich 14.01.2013 | 02:16

@anna T.

M. Twain  der alles war(.... nur kein Rassist), hat auch folgendes Zitat losgelassen:

Gott hat den Menschen erschaffen, weil er vom Affen enttäuscht war.

Danach hat er auf weitere Experimente verzichtet...  : )

 

"Ich habe bestimmt keine Rassen-, Standes- oder religiöse Vorurteile. Es genügt für mich, zu wissen, jemand ist ein Mensch - schlimmer kann er nicht sein." (Mark Twain, Autobiographie)

 

Ciao

Wolfram

KLaus Pradel 14.01.2013 | 09:38

Lieber Matthias Dell,

die ungückliche Formulierung "darf" sei ihnen geschenkt, alles andere nicht. Die mutige Reaktion des Fußballers inmitten einer Masse rassistischer Parolen grölender Zuschauer ist  etwas anderes als ein Verlag, der an einigen Stellen ein Wort ändert. Deshalb fallen auch die Reaktionen darauf so unterschiedlich aus. Ich nehme an, dass sie wie alle anderen auch die fraglichen Stellen bei Preußler gelesen haben. Auch fiktionale Texte sind Zeitdokumente, die unangetastet bleiben sollten, auch als Dokumente rassistischer Gesinnungen. Das kann man im Gespräch mit den jungen (einverstanden?) Lesern und Leserinnen (auch Hörern und Hörerinnen) klären. Jedenfalls muss man sich damit auseinandersetzen. Herr Boateng kann die Rassisten im Stadion auch nicht einfach wegzaubern.

Matthias Dell 14.01.2013 | 10:33

lieber klaus pradel,

ich fände es hilfreich, wenn gewisse feststellungen nicht nur behauptet würden.

"Die mutige Reaktion des Fußballers inmitten einer Masse rassistischer Parolen grölender Zuschauer ist  etwas anderes als ein Verlag, der an einigen Stellen ein Wort ändert. Deshalb fallen auch die Reaktionen darauf so unterschiedlich aus."

ihrer ansicht nach ist die reaktion von boateng einfach anders, worin die andersartigkeit besteht, muss dann nicht erklärt werden, und weil sie anders ist, sind auch die reaktion anders. - argumentativ überzeugend stell ich mir wiederum anders vor.

natürlich gibt es unterschiede, aber eben auch einen gemeinsamen kern. man könnte durchaus sagen, der verlag wende sich gegen eine an rassistischen begriffe stur festhaltende masse. und wie herr boateng kann der verlag die verwender rassistischer begriffe nicht einfach wegzaubern. der unterschied - ich dachte, dass hätte ich schon im text gesagt - ist eben die schwierige verortung des eigenen ichs in diesem zusammenhang, ein ich, das natürlich nur gut von sich denkt und dem es schwerfällt einzugestehen, dass es vielleicht selbst teil von so ner rassistischen struktur ist, mit der es boateng offensiv zu tun kriegt und die man natürlich nicht sein will. von den "grölenden" fußballfans kann ich mich dann leicht distanzierenden. von den preußler-lesern nicht. das finde ich als irgendwie gebildeter, weißer deutscher mensch gut, das ist so unsere kultur, und die krieg ich einfach nicht mit der vorstellung in eins, dass darin irgendwas rassistisch oder diffamierend sein soll, es ist doch die gute, richtige, gebildete kultur seit 50 jahren.

Matthias Dell 14.01.2013 | 11:19

abstrakt kann ich ihren punkt verstehen:

"so, als habe ein Preußler nie "Negerkönig" o.ä. geschrieben."

das meint eine sorge, dass, wenn man solche wörter streicht, dass dann irgendwann kein mensch mehr weiß, dass sklaverei, apartheid, offen rassistische gesellschaften gab. da würde ich - wie in der ganzen debatte - pragmatisch, quantitativ argumentieren - eben am konkreten fall des thienmann verlags, der das in einem langen prozess in abstimmung mit dem autor und ganz konkret für sich entschieden hat. das argument der ablehner ist ja auch immer die öffnung aufs ganze, die eben an konkretion vorbeigeht (auch wenn ich grundsätzlich nicht negieren möchte, dass das schließen vom kleinen aufs große natürlich eine journalistische methode ist). so geht es eben auch an dem kristina-schröder-interview vorbei, und das ist mir dann schon wichtig: sie wird befragt zu ihren praxen, und sie stellt keine forderungen auf, sondern erzählt von ihren zweifeln, was schon ein gewicht hat, weil sie eben ministerin ist, aber sie wählt ihre worte eben auch sehr gut. das muss man auch wahrnehmen. und wenn man so auf den konkreten fall guckt, dann fällt einem auf - und das hatte ich auch geschrieben, sie haben das dann, vielleicht auch deshalb abgebrochen am zitat mit ... -, dass es noch genügend stoff geben wird, gibt, um sich über historische realitäten zu informieren. mich stört das missverhältnis an der argumentation, dass da die ganze geschichte am kinderbett verteidigt werden soll, wo es doch eben auch kein richtiges problembewusstsein gibt und wo es eben auch überhaupt keine empathie für die verletzungen gibt, die mit solchen wörtern verursacht werden - das fällt immer völlig runter, dabei scheint es mir im konkreten fall nur konsequent.  

Matthias Dell 14.01.2013 | 11:26

das habe ich auch nicht gesagt, weil ich ja verstanden werden will in der sache und keine vorwürfe erheben will, die diskussionen beenden. ich setze auch nichts gleich, ich versuche nur dafür zu werben, dass beide sachen einen gemeinsamen kern haben, und dass, wenn man diesen gedanken zulässt, man vor neuen fragen steht, die nicht so leicht zu beantworten sind, weil sie einen selbst betreffen. mein ich ist in diese geschichte verwickelt, ob's mir passt oder nicht, und sich dem zu stellen ist nicht leicht, aber wenn man es tut, könnte man etwas verstehen von diesem riesenkomplex "rassismus"

Matthias Dell 14.01.2013 | 11:29

und preußler ist auch nicht mein problem, es geht mir nicht darum - so werden rassismus-problematisierungen wahrgenommen -, jemanden anzupflaumen, ihn in ecken zu stellen und mich besser zu fühlen. und deshalb habe ich großen respekt vor der zustimmung von preußler und vor der arbeit des verlages, gerade weil es nicht leicht gewesen sein wird, weil man dafür eine gewisse offenheit im denken zulassen muss, sich selbst kritisch sehen können muss und zur empathie fähig sein muss - wenn man das aber schafft, ist das was ganz großes. deshalb halte ich das ja auch - wie boateng performativen act - für einen erfolg

Matthias Dell 14.01.2013 | 12:20

auch wenn ich mir vorkomme wie eine aufziehpuppe: "pc" ist ein ablenkungsmanöver, aber sie lenkt von der eigenen unfähigkeit zur empathie ab, weil damit alles, was einem nicht passt, als unsinn etikettiert werden kann.

ich finde es wirklich bemerkenswert, wie viele leute und wie vehement und aus lautersten absichten sich sorgen um das, was passieren könnte, wenn – sich also gedanken machen über ungelegte eier, und zur gleichen zeit völlig unempfänglich sind dafür, dass diffamierung aktuell geschieht mit dem, was davor bewahren soll, dass die "rassisten" (wahrscheinlich die nazis und kkk-boys) als wölfe im schafspelz auftreten könnten (was wäre dann eigentlich?). das sind fünf spekulative hypothesen um die ecke gedacht - aber dafür wird alles in stellung gebracht, während die realität von verletzung und diffamierung einfach hinten runter fällt. dass dieses missverhältnis einfach nicht gesehen wird! ich kann nicht mehr

 

Popkontext 14.01.2013 | 12:33

Ich bin absolut auf deiner Seite. Leider habe ich gerade keine Zeit, aber werde nachher auch noch ausführlicher schreiben. Nutzen wird das aber kaum was, weil genau diese Leute auch gar nichts wissen wollen, sonst hätten sie es längst verstanden - so schwer ist es nämlich nicht. Genau die mangelnde Fähigkeit, der mangelnde Wille zur Empathie ist das Problem: Ich bin ein weißer, heterosexueller Mann, was scheren mich Frauen, Nichtweiße, Schwule etc.

tlacuache 14.01.2013 | 13:23

..."der mangelnde Wille zur Empathie ist das Problem: Ich bin ein weißer, heterosexueller Mann, was scheren mich Frauen, Nichtweiße, Schwule etc."...

Das stimmt, heute bin ich ein empathieloses Wesen, deshalb wurde ich versteckt, aber gestern, Schwuppdiewupp, Seelenwanderungen sind ausgeschlossen, war ich noch ein GANZ anderer Mensch:

tlacuache 13.01.2013 | 07:20 ..."um 9 soll eine verdammte EU-Delegation vorbeirauschen, angeführt von der neuen Kommissarin für Entwicklungshilfe, die unglücklichen Haitianer in den Notlagern müssen dann sozusagen stramm stehen, damit die reichen Länder bei Laune gehalten werden"...

1.
Ich kann gar nicht soviel kotzen wie ich gerne dun' würde.

2.
Drucken sie JETZT, mein lieber Freitag

Lethe 14.01.2013 | 15:41

wenn ich Sie, auch in dem verlinkten Artikel - der mir aus dem Gedächtnis geraten war - also richtig verstehe, geht es ihnen einerseits darum, die Fallstricke jeglicher political correctness aufzuzeigen, andererseits aber das Streichen politisch unkorrekter Begriffe nicht als Form von political correctness, sondern als Gebot eines sensibilisierten Einfühlungsvermögens darzustellen?

Offen gesagt, ich bezweifele, dass Letzteres der Wirklichkeit gerecht wird. Wie mopperkopp in einem Nachbarartikel so schön bemerkt, die Hetzer verwenden heute das politisch korrekte "Roma" statt Zigeuner in ihren Hetztiraden. Ist also etwas gewonnen? Wollen Sie den Begriff "Jude" komplett streichen, weil er in Hetzerkreisen ein Schimpfwort darstellt und auch in allgemeineren Bevölkerungsschichten nicht durch die Bank sicher positiv konnotiert ist? Wie halten Sie es mit schwarzhäutigen Autoren, die Worte wie "Neger" oder "Nigger" benutzen?

Sicher, das ist einfache Kritik an "pc". Um also um wieder auf Ihr Thema zurückzukommen: wie wollen Sie sicher unterscheiden zwischen nur formaler Wortbeschönigung und echter Empathie? Und glauben Sie tatsächlich, dass die Verwendung anderer Begriffe zu echter Empathie führt? Ich kann das nicht glauben.

Kann auch sein, ich verstehe nicht wirklich, um was es Ihnen tatsächlich geht. Ihr Text hier erzeugt in Konfrontation mit dem von Ihnen verlinkten Text eine gewisse Ratlosigkeit bei mir. Worauf wollen Sie hinaus? Dass wir Verständnis für eine verlegerische Entscheidung haben?

Popkontext 14.01.2013 | 18:45

Zum französischsprachigen Diskurs, der mir auch nicht so geläufig ist, da ich Anglistik / Amerikanistik studiert habe: Selbst mit einfachen Kenntnissen der französischen Sprache, wie ich sie habe, lässt sich dieser Artikel verstehen.

Du hältst offenbar alles für ein „wildes Gerücht“, was dir nicht in den Kram passt. Dabei ist es eben im Französischen, im Englischen und erst recht im Deutschen, wo das Wort „Neger“ eben eine ausschließlich bezeichnung durch die Kolonialherren war und nicht von einer erstarkenden Schwarzen Community auch als zu Beginn der Emancipation als stolze Eigenbezeichnung benutzt wurde, wie in den ersten beiden Sprachräumen, ganz klar so gewesen, dass „negro“ und „nègre“ und „Neger“ mit dem erstarken der Emanzipationsbewegungen – in Afrika und den USA - immer mehr als Begriff gesehen wurde, der kolonial geprägt ist. Mit dem wachsenden Selbstbewußtsein wählte man lieber Worte, die nicht in der Kolonialzeit geprägt wurden als Eigenbezeichnung.

Im Deutschen muss die Diskussion um das Wort „Neger“ Ende der 50er eingesetzt haben, also schon sehr früh, wo US-amerikanische Freiheitskämpfer wie Martin Luther King noch von „negro“ sprachen, aber er war auch der letzte. Heute findet man es als selbstbezeichnung lediglich nur noch aus bei einigen traditionsbewußten afroamerikansichen Vereinen, die an die frühe zeit der Emancipation erinnern wollen. Zurück zum Deutschen: Das Kinderbuch „Der Neger Nobi“ (1955) von Ludwig Renn wurde zumindest laut Wikipedia bereits 1962 nur noch unter „Nobi“ veröffentlicht, also anders als in der Berliner Zeitung angegeben.

„Die sechziger und siebziger Jahre waren nicht die Zeit für feinsinnige semantische Diskussionen.“ Oh, gerade doch. Da kam nämlich wie ich oben belege das Wort „Negro“ aus der Mode, und das Wort „Black“ wurde zum Kampfbegriff, um sich von den rassistischen Zuschreibungen zu befreien und zur stolzen, positiven Eigenbezeichnung, die eigentlich inzwischen auch fast jeder Mensch respektiert. Das war einerseits dem stärkeren Selbsbewußtsein, der Loslösung aus der Bittstellerrolle, und andererseits auch dem Wunsch nach Loslösung von weißen kolonialen Diskurs geschuldet.

Über Herrn Césaire habe ich mich gestern Abend selbstverständlich noch informiert, weil mich das Thema wie gesagt interessiert und ich auch gern mehr über den französischsprachigen Diskurs wissen will. „Aimé Césaire sah sich ganz bewußt und ganz selbstbewusst als Négre.“ Ja, sicher - weil das am wenigsten diskriminierende "normale" Wort war, was deshalb auch zur Eigenbezeichnung benutzt wurde. Martin Luther King sprach wie gesagt auch noch von der „emancipation of the negro“ - weil er eben noch aus einer Generation kam, wo das das gängige neutralste Wort war. Ihnen ging es aber nicht um die Verteidigung eines rassitsichen Begriffs, sondern sie würden heute sagen: „I'm Black and proud.“ - das ist die Aussage, nicht dass man „nègre“ oder „negro“ weiter benutzen soll.

Genau wie Mark Twain damals das Wort „negro“ aus Respekt benutzt hat, heute aber „black“ schreiben würde – außer er gibt die Sprache der Zeit (in der abwertenden Bedeutung) absichtlich) wider, wie er es ja auch damals schon bewusst über die Anführungsstriche gemacht hat.

"Ich bin ein Neger und werde ein Neger bleiben...“

Dazu habe ich auch schon diverse Male was gesagt – sowohl zu der Wortverwendung „nègre“ im Vergleich zum Deutschen und zu der veränderten Wortverwendung. Heute würde Césaire sagen: „Ich bin ein Schwarzer und werde ein Schwarzer bleiben...“ Ich halte dich für intelligent genug, das zu verstehen – wenn der Wille da ist.

„Der "Huckleberry Finn" ist ein antirassistisches Buch par excellence.“ Da hat auch niemand was Gegenteiliges gesagt. Sondern dass Twain eben das damals neutralste gängige Wort „negro“ benutzt hat, wo das „nigger“ nicht notwendig war, weil er die Sprecherposition einer rassistisch denkenden Figur eingenommen hat. Deshalb hat er schon damals das Wort in Anführungsstriche gesetzt. Das war nicht so ganz normal, sondern ziemlich bewusst und fortschrittlich. Damals war in den USA „nigger“ das gängige Wort für Schwarze, weil die Gesellschaft eben völlig rassistisch war. Da gab es dann die gleichen Diskussionen wie später hier in D zum Wirt „Neger“: Oh, ich habe das ja nie böse gemeint, bei uns sagen alle „Nigger“, ich bin so aufgewachsen. Heute würde auch Twain übrigens statt „negro“ „Black“ oder „African American“ schreiben, eben weil er kein Rassist war.

Janosch ist trotz lustiger Tigerenten offenbar ein Rassist, das wusste ich bisher nicht und bin da sehr enttäuscht. Heute müsste bei einem normal gebildeten Menschen eigentlich angekommen sein, dass a) die so Bezeichneten das als Beleidigung empfinden, und da wird es ganz sicher auch schon diverse Beschwerden gegeben haben – also interessiert es ihn offenbar nicht, und b) sollte besonders ein Mensch, der mit Sprache umgeht und dazu noch Kinderbücher schreibt, sich solcher Dinge bewusst sein.

"Franzose" und "Jude" sind keine Fremd- sondern Eigenbezeichnungen, und zudem waren die Franzosen auch nie um ein unterdrücktes Volk.

Das hatten wir aber alles schon und ich halte dich auch für einen intelligenten Menschen, der das auch verstehen könnte, wenn er denn wollte. Deshalb möchte ich die Diskussion mit einer kleinen Anekdote beenden, die zeigt, dass es sogar für Leute mit einem weniger hohen Bildungsniveau erfassbar ist: Heute hatte ich mit einer Gruppe zu tun, bei der die Mehrheit der Leute eher einfach gestrickt war. Die kamen an einem Punkt auf den Begriff „Neger“. Da meinte gleich einer: Den würde ich nie benutzen, weil er beleidigend ist. Dann kamen sie irgendwie auf Lübke. Da meinte der Typ: Naja, das war ja auch in den 60er Jahren, da hat man über Rassismus noch nicht so viel nachgedacht. Capito?

Matthias Dell 14.01.2013 | 20:22

liebe/r lethe,

in der hoffnung, dass sie ihre fragen ernst meinen und nicht nur trollen wollen (dann käme es mir wie zeitverschwendung vor), der versuch, in kürze zu antworten.

was in dem verlinkten artikel (auch bitter, dass das offensichtlich nicht rüberkommt) verstanden werden sollen könnte - "pc" ist eine chimäre, ein völlig untauglicher begriff, mit dem argumentativ nichts gewinnen ist, weil er so viele bedeutungen hat. er wird immer nur pejorativ verwendet, sie können ihn für alles benutzen, was ihnen nicht passt. er wird gegen fahrradhelme ins feld geführt und für die verwendung des n-worts - das sind in meinen augen aber zwei sehr verschiedene sachen, das eine (helme) ist ausdruck einer regulierten, kapitalistischen welt, das andere (n-wort) eine projekt der emanzipation von marginalisierten gruppen.

ich will überhaupt nicht in abrede stellen, dass man heuer dauernd konformitätserfahrungen machen kann, würde dann aber immer empfehlen, das konkret zu beschreiben und eben nicht mit berechtigten politischen anliegen über einen kamm zu scheren. das denken in "korrekt" und "inkorrekt" führt nicht weit, da macht man es sich nicht nur im geschimpfe bequem. denken heißt aber: bewegung.

wegen der konkretion gehe ich jetzt auch nicht auf die ranzitierten sachen ein ("jude", "zigeuner"), da gibt es eine verbindung, aber die wortgeschichten sind doch sehr verschieden und sie werden von den damit beschriebenen gruppen auch verschieden gehandhabt.

im text oben gings um den rassismus, den das n-wort symbolisiert. dass das innerhalb der, ich sag jetzt mal, community auch selbst verwendet wird (was auch ambivalent diskutiert wird), hat etwas mit dem umgang mit repression zu tun - dass aus der unterdrückung eine art stolz entsteht, sich selbst eben mit dem repressiven wort anzureden, das ist eine form der aneignung, machtbehauptung bei offensichtlicher ohnmacht. die moderne vorstellung von coolness verdankt sich auch einem solchen prozess - das man, wenn man schon ohnmächtig ist, seine würde behauptet, indem man sich nach außen betont stoisch und gelassen gibt. solche prozesse gehören zu der geschichte dazu, es macht aber einen unterschied, wer welches wort verwendet. was sie etwa daran sehen können, auch wenn das ein blödes beispiel ist und beispiele in diesem kontext immer schwierig sind, dass sie in ihrer familie vielleicht anders mit eltern, geschwistern und kindern reden als sie das einem außenstehenden gestatten wollten. 

und dann versteh ich eben noch immer nicht ihren punkt: dass die hetzer mit nicht-diffamierenden begriffen hetzen kann doch eine erklärung dafür sein, dass man selbst diffamierende begriffe verwendet. das meine ich mit missverhältnis - dass wölfe nicht im schafspelz hetzen soll als argument dafür taugen, dass man selbst wolf sein muss? 

ich glaube, dass empathie die voraussetzung dafür ist, seinen sprachgebrauch und seine sprecherposition zu reflektieren. das ist kein leichter prozess, aber wenn man es tut, versteht man mehr von der welt und verhält sich nicht grundlos scheiße zu seinen mitmenschen. letztlich sind alle - wie sie sagen würden, ich will das wort ja nicht verwenden - "korrekten" bezeichnungen auch nur krücken, dass man, wenn man über jemand anderen spricht, den wenigstens nicht beleidigt. am ende von so was, und da kann das denken, wenn es sich in bewegung setzt, hinkommen, wird man feststellen, dass man diese bezeichnungen, die ja immer gruppenbezeichnungen sind, gar nicht braucht. es geht doch darum, den menschen als individuum zu verstehen und ihn nicht in die erstbeste schublade zu packen, die sich einem anbietet. noch mal ein doofes beispiel, aber vielleicht hilft es: ein kollege, der nicht hier arbeitet, nimmt mich als freitag-redakteur war, und weil der freitag eine irgendwie linke zeitung ist, versucht er alles, was ich sage, erzähle und tue in verbindung zu bringen mit kommunismus, sozialismus. das ist witzig gemeint, aber es hat mit mir überhaupt nichts zu tun, weil ich nicht das gefühl habe, dass all mein reden, denken, handeln daraus erklärt werden kann, dass ich bei einer irgendwie linken zeitung arbeite.

die verwendung von nicht-diffamierenden begriffen ist der erste schritt eines prozesses, an dem am ende im besten fall eine selbsterkenntnis, klarere selbstverortung steht in der welt, dem miteinander von vielen verschiedenen individuen, in dem wir leben. wenn sie das verstanden haben, haben sie auch keinen bock mehr, begriffe zu verwenden, die andere leute grundlos beleidigen.

hilft das? wenn sie weiter wissen wollen bzw sich darauf einlassen, sich selbst und ihre (sprecher)position zu hinterfragen - es gibt genügend bücher, die dieser beschäftigung tiefe verleihen, noah sows "deutschland schwarz-weiß" oder susan arndt "101 fragen: rassismus". sie müssten das gar nicht alles unterschreiben, sich müssten nur offen sein, diese perspektiven auf den diskurs mal an sich ranzulassen. als gewinn winkt die erweiterung des eigenen denkhorizonts

Matthias Dell 14.01.2013 | 20:26

sorry für die tippfehler, der hier ist sinnentstellend:

"dass die hetzer mit nicht-diffamierenden begriffen hetzen kann doch eine erklärung dafür sein, dass man selbst diffamierende begriffe verwendet."

soll natürlich heißen:

dass die hetzer mit nicht-diffamierenden begriffen hetzen, kann doch KEINE erklärung dafür sein, dass man selbst diffamierende begriffe verwendet.

Wolfram Heinrich 15.01.2013 | 09:14

@Popkontext

Zum französischsprachigen Diskurs, der mir auch nicht so geläufig ist, da ich Anglistik / Amerikanistik studiert habe: Selbst mit einfachen Kenntnissen der französischen Sprache, wie ich sie habe, lässt sich dieser Artikel verstehen.

 

Es ist mir schon klar, daß inzwischen auch im französischsprachigen Raum das Worte "négre" einen deutlichen Hautgoût hat. Wie auch nicht? Das Geschiß mit der Sprachreinigung kam aus den USA, und es kam nicht nur auf uns Deutschsprachige, sondern auch auf Menschen anderer Muttersprache.

 

Du hältst offenbar alles für ein „wildes Gerücht“, was dir nicht in den Kram passt. Dabei ist es eben im Französischen, im Englischen und erst recht im Deutschen, wo das Wort „Neger“ eben eine ausschließlich Bezeichnung durch die Kolonialherren war und nicht von einer erstarkenden Schwarzen Community auch als zu Beginn der Emancipation als stolze Eigenbezeichnung benutzt wurde, wie in den ersten beiden Sprachräumen, ganz klar so gewesen, dass „negro“ und „nègre“ und „Neger“ mit dem erstarken der Emanzipationsbewegungen – in Afrika und den USA - immer mehr als Begriff gesehen wurde, der kolonial geprägt ist. Mit dem wachsenden Selbstbewußtsein wählte man lieber Worte, die nicht in der Kolonialzeit geprägt wurden als Eigenbezeichnung.

 

Natürlich war das Wort "Neger" eine Bezeichnung durch die Kolonialherren. Wer sonst hätte etwa im deutschsprachigen Raum irgendein Wort für Menschen schwarzer Hautfarbe prägen sollen? Und natürlich war das Wort "Neger" für Menschen, die mit schwarzen Menschen Handel trieben, ein Wort, das einen abschätzigen Klang hatte, bezeichnete es doch eine Handelsware. Übrigens waren auch Deutsche von Anfang an am Sklavenhandel beteiligt. Die allerchristlichsten Handelshäuser der Fugger und Welser aus Augsburg hatten allerbeste Beziehungen zu den Habsburger, auch zu den spanischen.

Und dann wurde, wie du ganz richtig beobachtet hast, mit dem Erstarken der schwarzen Emanzipationsbewegung das Wort "negro"/"négre" vom Namen einer Handelsware zu einer stolzen Selbstbezeichnung.

"So geht's ja nicht, liebe schwarze Mitbürgerinnen und Mitbürger. Das Wort 'Neger'® ist unsere gesetzlich geschützte Handelsmarke für ff. schwarze Arbeitskraft. Daß ihr jetzt hergeht und das Wort in eine stolze Eigenbezeichnung ummünzt, ist ein grober Verstoß gegen internationale rules of trade. Schwarze Menschen in Afrika und Amerika erkennen sich als eine Schicksalsgemeinschaft, die lange zurückreichende historische Schulden vom Weißen Mann zurückfordert - so geht’s ja nicht, liebe *****. Ihr seid von Stund an Afroamerikaner, Schwarzafrikaner, Afro-Kariben, Afro-Brasilianer. Ihr habts miteinander nichts, aber auch gar nix zu tun." Divide et impera!

Du merkst die Infamie? In dem Moment (und erst in diesem Moment), da das Wort "Neger" zur stolzen Eigenbezeichnung wurde, hat man den Schwarzen dieses Kampfwort wieder entwunden. Irgendeiner muß den ****** doch zeigen, wo der Hammer hängt!

Der Hammer hängt immer noch im weißen Norden dieser Erde. Innerhalb von lediglich 30 Jahren hat man es geschafft, den ehdem lediglich beschreibenden Begriff "Neger" mit einem Pesthauch zu parfümieren.

 

Im Deutschen muss die Diskussion um das Wort „Neger“ Ende der 50er eingesetzt haben, also schon sehr früh, wo US-amerikanische Freiheitskämpfer wie Martin Luther King noch von „negro“ sprachen, aber er war auch der letzte.

 

Das hätte ich denn doch gerne belegt. Ich habe in den früher sechziger Jahren angefangen, mich für mehr als mein unmittelbares Umfeld zu interessieren, damals habe ich angefangen, politisch zu denken. Ich habe viel gelesen, auch über die Rassentrennung in den USA. Leidenschaftliche Artikel hatten sich damit befaßt und sich gegen diesen Wahnsinn ausgesprochen. Ich kann mich an kein einziges Beispiel erinnern, in dem von Afroamerikanern die Rede war, die Opfer des Ku-Klux-Klans waren *****, schlicht *****.

 

„Die sechziger und siebziger Jahre waren nicht die Zeit für feinsinnige semantische Diskussionen.“ Oh, gerade doch. Da kam nämlich wie ich oben belege das Wort „Negro“ aus der Mode, und das Wort „Black“ wurde zum Kampfbegriff, um sich von den rassistischen Zuschreibungen zu befreien und zur stolzen, positiven Eigenbezeichnung, die eigentlich inzwischen auch fast jeder Mensch respektiert.

 

"Negro" ist ein Substantiv, wie nenne ich das zugehörige Eigenschaftswort im Englischen? "Black", natürlich. Selbstverständlich hieße es "Black Power" und nicht "Negro Power", selbstverständlich hieß es "Black is beautiful".

 

 „Der "Huckleberry Finn" ist ein antirassistisches Buch par excellence.“ Da hat auch niemand was Gegenteiliges gesagt. Sondern dass Twain eben das damals neutralste gängige Wort „negro“ benutzt hat, wo das „nigger“ nicht notwendig war, weil er die Sprecherposition einer rassistisch denkenden Figur eingenommen hat. Deshalb hat er schon damals das Wort in Anführungsstriche gesetzt.

 

Nein, hat er nicht. Der Ich-Erzähler des Romans ist Huckleberry Finn, der Kumpel von Nigger Jim. Huck Finn hatte keine Berührungsängste gegenüber Nigger Jim, es waren die weißen Sklavenhalter, die ihm auf den Geist gingen.

"By and by they fetched the niggers in and had prayers, and then everybody was off to bed."

"Miss Watson's big nigger, named Jim, was setting in the kitchen door; we could see him pretty clear, because there was a light behind him."

 

Janosch ist trotz lustiger Tigerenten offenbar ein Rassist, das wusste ich bisher nicht und bin da sehr enttäuscht.

 

Wenn du Janosch als Rassisten einstufst, dann werde ich nie mehr dagegen protestieren, wenn mich einer als "Rassist" einstuft. In dieser Gesellschaft fühle ich mich wohl. Günther Kaufmann, den "Weißen Neger vom Hasenbergl", nehmen wir dann posthum auf in unseren Klub.

http://cover.lovelybooks.de.s3.amazonaws.com/9783453265066_hi.jpg 

 

Da meinte der Typ: Naja, das war ja auch in den 60er Jahren, da hat man über Rassismus noch nicht so viel nachgedacht. Capito?

 

Du meine Güte, wann hat denn die eigentliche Menschheitsgeschichte angefangen? In den achtziger, den neunziger Jahren? Davor waren dumpfe, stumpfe Gesellen am Denken?

 

Ciao

Wolfram

Wolfram Heinrich 15.01.2013 | 09:42

@Matthias Dell

im text oben gings um den rassismus, den das n-wort symbolisiert. dass das innerhalb der, ich sag jetzt mal, community auch selbst verwendet wird (was auch ambivalent diskutiert wird), hat etwas mit dem umgang mit repression zu tun

 

Daß das was mit Repression zu tun hat, kannst du laut sagen. Das Wort "Neger" (ohne Anführungszeichen) wird in der FREITAGs-Community eben gerade nicht (mehr) benutzt, weil du eine auf die Fresse bekommst, wenn du es benutzt. Ich weiß, wovon ich rede, ich bin deswegen gesperrt worden. Seither habe ich Kreide gefressen, böser Wolf mit sanfter Stimme, die arglosen Zicklein umso sicherer verschlingen zu können. Ich verwende das N-Wort nur noch in Anführungszeichen (Ausnahme: Zitate), ansonsten schreibe ich *****, wenn ich das N-Wort meine. Auf meine alten Tage gewöhne ich mir noch das Katzbuckeln an. Ich hasse mich.

Schöne Neue Welt,

Die solche Bürger trägt.

(Shakespeare, "Der Sturm", 5. Akt, Vers 181-183

 

dass aus der unterdrückung eine art stolz entsteht, sich selbst eben mit dem repressiven wort anzureden, das ist eine form der aneignung, machtbehauptung bei offensichtlicher ohnmacht.

 

Auf daß aus der Ohnmacht nicht Macht erwachse hat man den ****** das stolz gewordene Wort wieder entwunden.

 

...die moderne vorstellung von coolness verdankt sich auch einem solchen prozess - das man, wenn man schon ohnmächtig ist, seine würde behauptet, indem man sich nach außen betont stoisch und gelassen gibt.

 

Liebe schwarze Mitbürgerinnen und Mitbürger, wie ihr eure Würde behauptet, bestimmen wir. Damit das klar ist!

 

Ciao

Wolfram

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Ehemaliger Nutzer 15.01.2013 | 13:58

 

@ Wolfram

"Liebe schwarze Mitbürgerinnen und Mitbürger (.....)"

Falls Du das ernst meinst, ist doch schon der Ansatz falsch. Du sagst ja auch nicht "liebe weisse Mitbürger....". etc. Nee, wir sagen nur Mitbürger.

Genau darum geht es doch. Das kategorisieren, segmentieren, klassifizieren. Die "Herrenrasse" hat es seit der Kolonialzeit 15./ 16.Jahrhundert bis 1945 betrieben, dieses klassifizieren der "Menschenrasse". Das ist u.a. braune Scheiße!

Deshalb kann und sollte man auf alle rassistischen Begriffe endgültig verzichten. Ausmerzen...aus den Büchern, aus den Köpfen. 

Wolfram Heinrich 15.01.2013 | 18:35

@anna T.

"Liebe schwarze Mitbürgerinnen und Mitbürger (.....)"

Falls Du das ernst meinst, ist doch schon der Ansatz falsch.

 

Die Wortwahl bei der Anrede ist - wie der ganze Satz - ersichtlich sarkastisch.

 

"Du sagst ja auch nicht "liebe weisse Mitbürger....". etc. Nee, wir sagen nur Mitbürger."

 

Die kleine Ansprache richtet sich aber nur an die schwarzen Mitbürger.

 

Genau darum geht es doch. Das kategorisieren, segmentieren, klassifizieren. Die "Herrenrasse" hat es seit der Kolonialzeit 15./ 16.Jahrhundert bis 1945 betrieben, dieses klassifizieren der "Menschenrasse". Das ist u.a. braune Scheiße!

 

Seit kurzem wissen wir aus der Molekulargenetik, daß es keine Rassen gibt. Aus der Tierzucht und aus dem manchmal recht chaotischen menschlichen Paarungsverhalten hätten wir es schon wesentlich früher wissen können. Jeder Hund kann sich mit jedem anderen Hund paaren (ja gut, bei der Kombination Dobermann-Chihuahua gibt es wahrscheinlich technische Probleme) und es entstehen aus zwei "Rasse"-Eltern irgendwie anders aussehende Welpen. Jeder Mensch (weiblich) kann sich mit jedem anderen Menschen (männlich) paaren und es entstehen dann irgendwie aussehende Kinder. Daß es am Limpopo hauptsächlich schwarze Menschen, an der Donau schwerpunktmäßig hellhäutigere Menschen gibt liegt schlicht am wenig entwickelten (Reise-)Verkehr zwischen Donau und Limpopo.

 

Deshalb kann und sollte man auf alle rassistischen Begriffe endgültig verzichten. Ausmerzen...aus den Büchern, aus den Köpfen.

 

Oh, das ist aber verdammt dünnes Eis, auf das du dich begibst. Ich zucke regelmäßig zusammen, wenn ich das Wort "ausmerzen" höre oder lese. "Das Wort "Ausmerzen" stammt ursprünglich aus der Schafzucht. Es bezeichnete das Aussondern von Schafen, die für die Zucht untauglich waren. Im Rahmen sozialdarwinistischer Programme um 1900 findet dieser Begriff auch Anwendung auf den Menschen. Als Gegenstück zur "Auslese" stand er im Zentrum der Rassenideologie des NS-Regimes und dem damit verbundenen Programm der Zwangssterilisation."

Sowohl in Victor Klemperers "Lingua Tertii Imperii" als auch im später erschienen Werk "Aus dem Wörterbuch des Unmenschen" von Sternberger/Storz/Süskind taucht "ausmerzen" in einer Reihe mit "Sonderbehandlung" und "Endlösung" auf.

 

 

Ciao

Wolfram

miauxx 15.01.2013 | 20:21

"das meint eine sorge, dass, wenn man solche wörter streicht, dass dann irgendwann kein mensch mehr weiß, dass sklaverei, apartheid, offen rassistische gesellschaften gab."

Nee, nicht ganz. Hier geht es mir dann schon um die Werktreue und Ehrlichkeit. Eine Erzählung, ein Märchen usw. würde ich ja nicht als primäres Lernmittel ansehen. Gleichwohl aber als ein sekundäres und ergänzendes; als ein entsprechendes Dokument seiner Zeit. Schwierig wird es zugegebenermaßen, wenn ein jeweiliges Märchen so wie es ist und unkommentiert am Kinderbettchen vorgelesen wird. Und darum scheint es im Kern ja auch zu gehen. Allerdings glaube ich nicht, dass nun ein so drängendes Problem aus der Welt geschafft würde, wenn "Neger" aus solchen Werken getilgt wird. Hier kann man sicher auch auf die Eltern - wohlgemerkt: die vorlesen! - vertrauen. Hier möchte ich jetzt auch was Schröder betrifft zurückrudern: Denn sie hält offenbar diese Praxis ja auch für angebracht. Zumindest, wenn es sich um dieses Interview handelt. Und, in der Tat, es gibt vieles zu entdecken in historischen Erzählungen, das heute wenigstens als anachronistisch gelten kann (Schröder sieht "Sexismus" in Grimms Märchen). Wollte man konsequent sein, müsste man gerade Märchen, zumindest die für Kinderohren bestimmten, ja fast komplett neu fassen!

"das argument der ablehner ist ja auch immer die öffnung aufs ganze, die eben an konkretion vorbeigeht"

Genau, mir geht es um "die öffnung aufs ganze"! Wenn ein Autor selbst sich zu Änderungen entscheidet, gibt es da freilich nichts dran zu rütteln oder drüber zu diskutieren!

Wolfram Heinrich 15.01.2013 | 20:45

@anna T.

In Bezug auf rassistische Ideologien passtes aber, und nur da.

 

Ach was? Rassistische Ideologien mit Nazi-Vokabular... äh, ausmerzen? So als könnte man rassistische (oder irgendwelche anderen) Ideologien einfach aus... ich sag mal: ausrotten. Rassistische Ideologien verschwinden von selber (weil man sie nicht mehr braucht und deshalb vergißt) oder sie verschwinden nie.

 

Ciao

Wolfram

janto ban 15.01.2013 | 23:40

Was ist mit dem Kontext? Wurde über den Kontext schon gesprochen? In der sogenannten Antisemitismusdebatte ist ja schon viel über Begrifflichkeiten und Formulierungen gestritten worden. Und auch da gibt ein Wort das andere, steht Aussage gegen Aussage.

Broder gibt ja zu Protokoll, dass einige seiner besten Freunde Juden nicht leiden können, bei ihm aber eine Ausnahme machen. Das ist Koketterie. Wenn ich hier schrieb, dass ich Broder nicht leiden kann, weil er Jude ist, wäre der Leibhaftige entfesselt. Solche Freunde hat Broder eigenen Aussagen zufolge.

Von den Rängen im sogenannten "Sport" Profifußball herab wird grundsätzlich jeder gegnerische Spieler mit dem Prädikat "Schwuchtel" ausgezeichnet. Das scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein. Dabei heißt es öfters mal: Oh herre, oh herre, homosexuelle Spieler dürfen sich um himmelswillen nicht outen, weil's ganz furchtbar schrecklich für die Leute und für's gesamte Team wär usw.

Häääh??? Sind eigentlich alle bekloppt geworden so langsam? Es kommt doch auf die Intention an. Der Beleidigte wird schon merken, wann er beleidigt wird. Graumann beleidigt Augstein im gesamten SPIEGEL-Gespräch im Prinzip in einem durch.

Wenn ich Profifußballer wär, würde ich darauf bestehen, als Schwuchtel beschimpft zu werden. So wie alle meine Teamkameraden auch. Keine Sonderrechte für Homosexuelle. Da wär ich mindestens so kokett wie Broder. Untereinander, privat, sprechen sich Schwarze eh ständig mit "Nigga" an. Weil automatically keine diesbezüglichen bad intentions auf der Hand liegen, deshalb. Dem Profifußball-Fan geht es aber darum, den Gegner auf möglichst breiter Front zu zerstören.

Es ist schon ziemlich grotesk, wenn der Bildungsversager vom Rang hinunter einen Multimillionär derart zu beleidigen vermag, dass ein "Spiel" abgebrochen wird. Das ist Showbühne. Ich bekomme 10 Euro die Stunde, dafür muss ich mich von meiner Chefin wie am Spieß anbrüllen lassen. Wegen nichts. Ich lächele das weg. Auf der Heimfahrt heule ich manchmal. So spielt das Leben. Alles Memmen.

Das mit Preußler finde ich gut. So besser? :o)

(Whoah, das ist der vielleicht schlechteste Kommentar, den ich geschrieben habe. Ever. Ich hasse Fußball. Fußball gehört verboten. Punkt.)

seriousguy47 16.01.2013 | 15:18

1. Der Logik der Preußler-Zensur nach müsste es sich beim folgenden um Rasssimus pur handeln:

Five score years ago, a great American, in whose symbolic shadow we stand today, signed the Emancipation Proclamation. This momentous decree came as a great beacon light of hope to millions of Negro slaves who had been seared in the flames of withering injustice. It came as a joyous daybreak to end the long night of their captivity.

But one hundred years later, the Negro still is not free. One hundred years later, the life of the Negro is still sadly crippled by the manacles of segregation and the chains of discrimination. One hundred years later, the Negro lives on a lonely island of poverty in the midst of a vast ocean of material prosperity. One hundred years later, the Negro is still languished in the corners of American society and finds himself an exile in his own land. And so we've come here today to dramatize a shameful condition.

...

And when this happens, when we allow freedom ring, when we let it ring from every village and every hamlet, from every state and every city, we will be able to speed up that day when all of God's children, black men and white men, Jews and Gentiles, Protestants and Catholics, will be able to join hands and sing in the words of the old Negro spiritual:

Free at last! Free at last!

Thank GodAlmighty, we are free at last!“

Martin Luther King, Jr.: I Have a Dream, delivered 28 August 1963, at the Lincoln Memorial, Washington D.C. [Hervorhebungen von mir]

Soll man nun solch ein historisches Dokument auch „reinigen“?

2. Wikipedia zum Wort, seiner Herkunft und seinen Konnotationen:

Das lateinische Adjektiv niger mit der Bedeutung schwarz wurde bei der Übertragung in andere Sprachen substantiviert. Auf Menschen bezogen, enthält es somit das Denotat „Mensch mit schwarzer Hautfarbe“.[15] Bereits mit der Verwendung im Portugiesischen und Spanischen im 16. Jahrhundert wurde die Bezeichnung „negro“ mit dem Wort Sklave konnotiert und im Weiteren mit anatomisch-ästhetischen (hässlich), sozialen (wild, ohne Kultur), sexuellen (abnorm) und psychologischen (kindlich) Vorstellungen verknüpft.[16] Die Übernahme des Begriffs in das Französische als „nègre“ im 16. Jahrhundert beinhaltete die Nebenbedeutungen und stand damit im Gegensatz zu dem direkt aus dem Lateinischen abgeleiteten noir für schwarz.[11] Mit gleicher Gewichtung wurde das Wort als „Neger“ im 17. Jahrhundert in die deutsche Sprache übertragen, die Konnotation war von vorneherein und dauerhaft inbegriffen,[17] wurde jedoch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts von den meisten Europäern nicht als negativ aufgefasst. Erst mit dem Ende des Kolonialismus nach dem Zweiten Weltkrieg, mehr noch mit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und der Überwindung von Rassentheorien wurde die rassistische Konnotation des Begriffs anerkannt. Unter dem Eindruck der Bürgerrechtsbewegung in den USA wird der Begriff „Neger“ seit den 1970er Jahren in der Bundesrepublik und seit den 1980er Jahren in der DDR zunehmend als abwertend empfunden.[38] Es wird dabei auf die rassistische Konnotation verwiesen, die der Bezug des Begriffs auf die Hautfarbe nimmt. Außerdem stelle der Begriff eine Stereotypisierung durch biologistische Einteilungen dar und diene der Pseudolegitimation des Konstruktes „Rasse“. “ [Hervorhebung von mir]

Interessant wird es bei solchen Debatten, wenn „Neger“ allein und nicht in Bezug auf das immer schon abwertendeNigger abgehandelt wird. Dann müsste man nämlich wohl einräumen, dass „Neger“ in diesem Vergleich dasjenige Wort ist, das auch ohne abwertende Konnotationen gebraucht werden kann. Auch müsste man einräumen, dass selbst das schlimmere Wort „Nigger“ in bestimmten Kontexten als nicht abwertend verstanden wird.

 3. Außerdem würde mich interessieren, wie eigentlich die Betroffenen selbst zu dem kritisierten Gebrauch bei Preußler stehen. Ich habe nämlich den Verdacht, dass es da weniger um Ent-Diskriminierung geht als um die Entsorgung von Geschichte. Man nennt es auch Verdrängung. Und es könnte – andere Seite der Medaille - auch eine versuchte überhebliche Bevormundung durch einen sich selbst für überlegen haltenden „Intellekt“ sein.

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Ehemaliger Nutzer 16.01.2013 | 16:19

 

Wenn sich Schwarze untereinander, Neger bzw. Nigger nennen, dann ist das Sarkasmus.

Sarkasmus gegen die weisse ,,Herrenrasse".  Die Sklavenhändler und Halter  haben sie schließlich Jahrhunderte lang so bezeichnet.

Pure Ironie und Häme. Sie verhöhnen ihre ehemaligen Unterdücker.

Malcom X, M.L.King, die Black Panther Party, sie alle haben sich untereinander als Nigger bezeichnet...und darüber gelacht.

 

paedischaer 16.01.2013 | 19:16

Solange das Thema "Neger" immer wieder die gleichen Rechtfertigungsargumentationsstürme lostritt, muss es beackert werden. Solange Herr Dell mit seiner Penetranz in Rassismusfragen so viele Foristen auf die Palme bringt, muss er weiternerven! Danke mal an dieser Stelle. Sie machen es sich (und uns) nicht leicht, und das ist gut so!

Ich bin aber immer wieder überrascht, mit welcher Vehemenz vermeintlich aufgeklärte Menschen ihr Recht verteidigen, rassistische Wörter benutzen zu dürfen. Haben die im Ernst das Gefühl, man beschneidet sie in ihrer persönlichen Freiheit, wenn sie nicht mehr "Neger" sagen dürfen? Fühlen sie sich irgendwie als Rebellen gegen ein irgendwie geartetes Bevormundertum? Es gäbe so viele Freiheiten, die heute beschnitten werden, so vieles, wogegen man rebellieren müsste. Der Kampf für das N-Wort geht aber in die völlig falsche Richtung und ist für mich nur ein billiger Stellvertreterkrieg. Es geht hier mitnichten um ein elementares Recht, man setzt sich nur mit den falschen Leuten ins Boot.

Ist es so unmöglich, sein eigenes Verhalten zu hinterfragen? Sollte einem nicht zu denken geben, dass "Politically Incorrect" eine Islamhasser-Website heißt? Sollte es nicht zu denken geben, dass nicht mal die rechte Presse (Weltwoche, Welt) "Neger" wie ein normales Wort verwendet? Vielleicht auch einfach mal wieder an Francis Picabia denken: "Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann."

 

 

 

paedischaer 16.01.2013 | 19:28

Nun zum Sachverhalt des Artikels: Als Lektor ist mir die Unversehrtheit des Originals sehr wichtig. Normalerweise wäre ein Kommentar zum Original bestimmt die beste Lösung. Ich kann aber sehr gut nachvollziehen, dass in Kinderbüchern Ausnahmen gemacht werden dürfen (zumal das in vorliegendem Fall auch durch die Nachkommen abgesegnet ist). Einem Kind bei der Gutenachtgeschichte den Rassismusdiskurs einzuflechten, verdirbt wohl allen Beteiligten die Sache an der Freude.

Ich finde die Tilgung von "wichsen" hingegen viel problematischer. Das wirkt wie Zensur auf Grundlage einer überkommenen katholischen Sexualmoral. Im Gegensatz zu dunkelhäutigen Menschen kann sich wohl niemand durch das Verb "wichsen" beleidigt fühlen. Und für die sexuelle Freiheit darf dann auch jeder kämpfen und fände meine Unterstützung (siehe mein Vorpost).

janto ban 16.01.2013 | 21:40

| Ich bin aber immer wieder überrascht, mit welcher Vehemenz vermeintlich aufgeklärte Menschen ihr Recht verteidigen, rassistische Wörter benutzen zu dürfen. |

Rassismus steht und fällt nicht mit einem Wort, das man wegdiskutieren kann. Mehr wollen die, die sich angeblich im "Kampf für das N-Wort" befinden, m.E. nicht sagen. Weniger aber auch nicht.

Ich denke doch, dass man auf die Entstehungsgeschichte und den historischen Wertballast eines Wortes im Strudel der Jahrhunderte hinweisen darf, ohne dass einem unterstellt wird, man renne tagein/tagaus durch die Lande und brülle "Neger". Oder etwa nicht? Wir könnten hier uns ja auch in akademischen Anführungszeichen über Kommunismus als Utopie unterhalten, ohne dass direkt hysterisch jemand "Mauer!" schrie, weil er an dem landläufigen Wertballast des Wortes "Kommunismus" nicht vorbeizudenken in der Lage ist. Oder ginge das auch nicht?

Wo sind wir denn hier eigentlich? Ich befürchte ja fast, die Broders, die von außen jede Zeile kontrollieren, die hier getippt wird, haben schon eine Art Kontrollzwang in die Com gepflanzt, der regelmäßig Schnappreflexe auslöst, die bestrebt sind, Rücksicht auf Bildzeitungsleserschaften zu nehmen - falls vorhanden. Dass man hier bloß nichts sagt, was die in den falschen Hals bekommen könnten. Weil uns sonst die Hütte abbrennt (oder so).

Zufällig habe ich ein Zitat parat:

"Wenn ein Journalist eine bestimmte Grenze überschreitet und seine Worte zu Hass und Gewalt führen können, dann hat er eine gewisse Mitschuld. Er ist mitverantwortlich für die Konsequenzen. Wir haben das so oft im nahen Osten erlebt, dass ein Artikel zum Tod führen kann." (Dr. Shimon Samuels, Simon Wiesenthal Center, Paris in ARD ttt vom 13.01.2013)

Ich dachte, wir hätten uns vorerst auf "Schwarze" geeinigt - und gut is.

Und nein, es ist hier nicht möglich, sein eigenes Verhalten zu hinterfragen. Habe das mehrfach versucht. Die Blogs sind mir kommentartechnisch explodiert. Wer sich selbsthinterfragend nackig macht, ist untendurch. Das sind deine Gedanken, wird dann befunden. Die gehören zu dir, also bist du ein Schwein. So schnell geht das.

Noch zwei Zitate:

"Streicht man in Ihrer Argumentation ein einziges Wort - nämlich Siedlungspolitik -, bleibt gar nichts mehr übrig."
(Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden, zu Jakob Augstein, SPIEGEL Nr. 3/2013)

"Herr Graumann, wenn man die Siedlungspolitik streichen würde, würde ich Israel nicht kritisieren."
(Jakob Augstein, SPIEGEL Nr. 3/2013)

Mit freundlichen Grüßen
Janto Ban

Offizielle Schlussformel. Nicht individuell, aber unverfänglich. Hoffe ich zumindest. :o)

Wolfram Heinrich 17.01.2013 | 16:05

@seriousguy47

"Unter dem Eindruck der Bürgerrechtsbewegung in den USA wird der Begriff „Neger“ seit den 1970er Jahren in der Bundesrepublik und seit den 1980er Jahren in der DDR zunehmend als abwertend empfunden. Es wird dabei auf die rassistische Konnotation verwiesen, die der Bezug des Begriffs auf die Hautfarbe nimmt."

 

Das habe ich schon immer geargwöhnt. Der Mensch im engeren Sinne, also der weiße Mensch, sieht einen schwarzen Mitbürger und er zuckt betroffen zusammen. "Gott, was sind diese armen ***** aber auch schwarz, zum Beispiel dieser Herr Tschabobo." Und, richtig, so wie man über Behinderte keine blöden Witze macht, so darf man auch einen Afro-Afrikaner nicht beleidigen, indem man auf seine Hautfarbe hinweist, mit der er von Gott geschlagen ist. (1)

Als mein Schwager, damals noch Schwager in spe, bei meinen Eltern zu Besuch war, habe ich das Lied von den drei Chinesen mit dem Kontrabaß geträllert. Meine Mutter meinte, ich solle damit aufhören, das könnte den Hung beleidigen. Ich sagte, ersten sei der Hung kein Chinese, sondern Vietnamese und zweitens werde der diese kleine Blödelei schon aushalten.

Er hat's ausgehalten, notabene.

 

Ciao

Wolfram

(1) Gemachte schlechte Erfahrung läßt mich drauf hinweisen, daß vorstehender Absatz sarkastisch gemeint ist.

Wolfram Heinrich 17.01.2013 | 16:11

@paedischaer

Ich bin aber immer wieder überrascht, mit welcher Vehemenz vermeintlich aufgeklärte Menschen ihr Recht verteidigen, rassistische Wörter benutzen zu dürfen.

 

Das ist eine schöne semantische Zirkel-Argumentation.

Natürlich haben aufgeklärte, oder auch nur vermeintlich aufgeklärte Menschen nicht das Recht, rassistische Wörter zu benutzen - und sie nehmen sich dieses Recht auch nicht heraus.

Wäre denn "Neger" ein rassistisches Wort, ich - vermeintlich aufgeklärt, wie ich bin - würde es nicht benutzen, es sei denn in Anführungszeichen, wenn ich nämlich über das Wort spreche. Die Frage ist aber, ob "Neger" ein rassistisches Wort ist.

 

Haben die im Ernst das Gefühl, man beschneidet sie in ihrer persönlichen Freiheit, wenn sie nicht mehr "Neger" sagen dürfen?

 

"In meiner persönlichen Freiheit beschneiden" ist vielleicht ein etwas zu großes Wort. Aber das "Neger"-Tabu bringt mich in terminologische Schwulitäten (an dieser Stelle einen herzlichen Gruß an unsere homosexuellen Mitbürgerinnen und Mitbürger). Wie nämlich nenne ich nun einen schwarzen Mitbürger? Bei Herrn Obama ist es klar, Afro-Amerikaner trifft es ganz gut. Seine Halb-Schwester Auma, in Nairobi geboren, in Kenia aufgewachsen, ist mit der Bezeichnung Afro-Afrikanerin/Schwarz-Afrikanerin (in Abgrenzung zu etwa einem Marokkaner oder einem südafrikanischen Buren) ganz gut bedient, der ehemalige schwedische Nationalspieler Martin Dahlin

 

(ich weiß, früher war der Schwede blonder) ist ein Afro-Schwede. Wie aber, wenn ich nichts über den schwarzen Menschen weiß, der vor mir steht? Öhm, stotter... wie jetzt?

Es ist dasselbe Kreuz wie mit dem "tzigano", Einzahl. Ist er jetzt ein Rom oder ein Sinto? Überall verursachst du ein Heiden-Durcheinander (darf ich eigentlich noch "Heide" sagen?), wenn du dir die einfachen Wörter versagst. Und dann erfindest du dir ein Wort wie "Rotationseuropäer" und schämst dich nicht mal.

 

Ciao

Wolfram

Wolfram Heinrich 17.01.2013 | 16:12

@paedischaer

Ich finde die Tilgung von "wichsen" hingegen viel problematischer. Das wirkt wie Zensur auf Grundlage einer überkommenen katholischen Sexualmoral. Im Gegensatz zu dunkelhäutigen Menschen kann sich wohl niemand durch das Verb "wichsen" beleidigt fühlen.

 

Bittschön, die Tilgung des Wortes "wichsen" aus dem Preußler-Buch hat nichts mit Sexualität zu tun. Früher hat man Schuhe gewichst (geputzt) und Kinder gewichst (geprügelt), früher traten Menschen auch "in vollem Wichs" auf (prächtig herausgeputzt).

Dieser gottverfluchte Verlag, der die Bücher von Preußler veröffentlicht, hat gemeint, man dürfte heutigen Kindern das veralternde Wort "wichsen" nicht mehr zumuten. Man streicht alte Wörter aus alten Büchern und wundert sich dann, daß die Kids alte Wörter nicht mehr kennen.

Gott möge seinen Zorn auf das Verlagshaus richten! Besser noch: Es möge den verantwortlichen Lektor der Blitz beim Scheißen treffen!

 

Ciao

Wolfram

Wolfram Heinrich 17.01.2013 | 16:14

@janto ban

Wir könnten hier uns ja auch in akademischen Anführungszeichen über Kommunismus als Utopie unterhalten, ohne dass direkt hysterisch jemand "Mauer!" schrie, weil er an dem landläufigen Wertballast des Wortes "Kommunismus" nicht vorbeizudenken in der Lage ist. Oder ginge das auch nicht?

 

Natürlich ginge das nicht. Erinnere dich nur, wie seinerzeit auf die Lötzsch losgesprungen wurde, als sie meinte, Ziel ihrer Partei sei der Kommunismus. Der landläufige Werteballast des Wortes ist nur so auf sie eingeprasselt. Dabei ist eine linke Partei, deren Ziel nicht der Kommunismus ist, sowieso eine Mogelpackung.

 

Ciao

Wolfram

Wolfram Heinrich 17.01.2013 | 17:52

@Miamaria

Ach ja, steht eigentlich "Der weiße Neger Wumbaba" auch schon auf dem Index der PC? ;-)

 

Ja, natürlich. In der aktuellen Ausgabe der ZEIT ist ein Artikel von Axel Hacke, in dem er über seine Erfahrungen mit Kritikern berichtet.

Für die, die das Buch nicht kennen, eine kleine Vorinformation (der kursive Text besteht aus Auszügen aus Hackes Artikel):

Im Jahr 2004 habe ich ein Buch unter dem Titel Der weiße Neger Wumbaba veröffent­licht, knapp drei Jahre später den Band Der weiße Neger Wumbaba kehrt zurück. 2009 folgte dann Wumbabas Vermächtnis.

Es geht in dieser kleinen Trilogie um das Mißver­stehen gesungener Texte, der Titel ist ein Beispiel dafür: Ein Leser hatte mir erzählt, er habe Matthias Claudius' berühmtes Abendlied Der Mond ist aufgegan­gen immer falsch verstanden. Statt "Der Wald steht schwarz und schweiget / und aus den Wiesen steiget / der weiße Nebel wunderbar" habe er gehört: "...und aus den Wiesen steiget / der weiße Neger Wumbaba". (Später steuerte ein Münchner die Variante "Und aus der Isar steiget / Der weiße Neger Wumbaba" bei.)

Anläßlich des zweiten Bandes bekam ich zum ersten Mal Post: Ich würde mich trotz der Proteste gegen das erste Buch - von denen ich nichts mit­bekommen hatte - nun ein zweites Mal "des Unwortes "Neger" bedienen, schrieb die Verfasserin, und daß es jemandem, der zur weißen Mehrheit in Deutschland gehöre, nicht freistehen könne, "ob er politisch korrekt sein möchte oder nicht" - eine bemerkenswerte Meinung, wie ich finde. Der Titel sei furchtbar, das Titelbild des Malers Michael Sowa äußerst rassistisch und beleidigend.

http://1.bp.blogspot.com/-jNzDbR4djcs/T7WWGztO9VI/AAAAAAAADVM/yIKpkBtuvv4/s1600/1333324.jpg 

Ich erschrak (...)über die Vorwürfe.

Andererseits weiß ich nicht, wie man mit dem Mißverständnis von Claudius anders hätte umgehen sollen. Das Wort "Neger" lässt sich hier nicht durch "Schwarzer" ersetzen, tut mir leid. Und das Bild mei­nes Freundes Sowa stellt doch keinen Menschen dar, auch nicht als Karikatur! Sondern eine surreal-poeti­sche Figur, die so ratlos-selbstbewußt wie mondlicht­übergossen auf einer Wiese steht, einen "weißen Ne­ger" von großer Freundlichkeit.

(...)

Im November 2007 hatte ich eine Lesung in Göt­tingen. Ich saß in der Garderobe und wartete auf meinen Auftritt, als der Intendant hereinkam und sagte, vor dem Theater sei eine Demonstration. "Ge­gen wen?", fragte ich. "Gegen Sie", sagte er. Acht oder neun Menschen trügen Transparente mit der Auf­schrift "Nenn mich nicht Neger!". Sie hätten angekün­digt, mit mir diskutieren zu wollen. Dagegen hätte ich nichts, sagte ich.

Im Foyer wartete nach der Lesung vor dem Büchertisch eine kleine Gruppe auf mich, die Mehr­zahl Weiße, dazu zwei oder drei Schwarze, die aber nicht in der Lesung gewesen waren. Wie sich herausstellte, hatten sie auch keine Ahnung vom Inhalt meiner Bücher. Eine Dame, die zu den Organisa­toren der Demonstration gehörte, sprach mich an. Wir wechselten einige ruhige Sätze, doch das dauerte nicht lange.

Es wurde laut. Die Dame, eine Deutsche, verschwand im Hintergrund, ein weißer Amerikaner schrie mich an, ein Schwarzer schrie lauter, es fielen die Wörter "Hitler" und "Rassist", Bücher flogen. Die Mutter des Veranstalters der Lesung trommelte auf den Rücken eines Demonstranten und rief, er solle ruhig sein, aber der folgte nicht. Stattdessen gab er mir - sein Gesicht zentimeterdicht vor meinem - mit Gesten und Worten zu verstehen, er werde mir später draußen im Dunkeln die Kehle durchschneiden. Die anderen sahen ihm stumm zu.

(...)

Ende Dezember erhielt Antje Kunstmann, meine Verlegerin, übrigens einen Brief von "LesMigraS Les­bische Migrantinnen und Schwarze Lesben". Sie habe, hieß es, zwei Bücher über Depression veröffentlicht, Mein schwarzer Hund und Mit dem schwarzen Hund leben. Es sei aber diskriminierend gegenüber schwarzen Menschen, "wenn die Farbe schwarz und und Dunkelheit als Symbolfarben für negativ bewertete Situationen oder Eigenschaften verwendet werden". Damit werde 'Schwarzsein' erneut mit negativen Aspekten ver­bunden und suggeriert, daß Schwarzsein (von Weißen) beherrscht werden muß".

 

So weit der kleine Bericht von der Front.

 

Ciao

Wolfram

janto ban 17.01.2013 | 20:47

Ja, aber das führt doch alles zu nichts. Du musst es doch wissen. Erzähl mal jemandem, der sich als Opfer fühlt, er sei keines. Oder dass es nicht halb so schlimm sei, wie er vermute. Das kennt doch - mehr oder weniger - jeder von sich selbst. Da gehe ich einfach mal von aus. Es gibt so Tage, an denen man der Überzeugung ist, dass die gesamte Welt sei gegen einen. Dabei ist es gar nicht die gesamte Welt, sondern nur ein oder zwei Idioten. An ganz schlechten Tagen ist man sogar selbst einer davon.

Ich hatte die Sache um Boateng nicht einmal am Rande mitbekommen und finde über die Suche bei spiegel.de gerade unzählige Artikel. Die scheinen das komplett unter "Sport" abgeheftet zu haben. Was es aber nicht ist. Denn wie ich schon sagte, gehört Profi-Fußball m.M.n. komplett verboten.

Wenn ich dann lese:

|| Auch die italienische Presse reagierte solidarisch: "Rassistische Schande. Wir sind alle Boateng. Wir beneiden ihm nicht das Talent, den Ruhm, das Gehalt oder die schöne Freundin: Seine Geste, seine Revolte gehören uns allen. Wir sind schwarz wie er, schwarz im Gesicht, in der Seele, schwarz vor Wut wegen einer riesigen Beleidigung gegen die Vernunft und das zivile Verhalten", schrieb die "Gazzetta dello Sport". || link

wird mir schlecht. Das ist bestimmt das, was Augstein mit neurotischem Journalismus meint. So übertrieben, dass ich (ich ganz persönlich, der ich in Sportgazetten nicht lese) mich als Leser fragen würde, ob ich eigentlich verarscht werden soll. Vielleicht ist mein Gemüt nicht schlicht genug, um auf solche "Wir sind Papst"-Dinger anzuspringen, keine Ahnung. Mein Versicherungsvertreter spricht über die Produkte, die er mir verkaufen will, jedenfalls sachlicher. So viel steht mal fest.

Ich sehe hier - wie auch in der Antisemitismusdabatte - nur eine einzige Möglichkeit zu so etwas wie neutraler Haltung: Niemandem eine Sonderrolle zukommen zu lassen. Weder eine positive, noch eine negative. Zu tun, als könne man sich Profi-Fußball heute noch ohne Beleidigungen und Randale, Hass und Gewalt vorstellen, ist wohl ein wenig naiv. Ich habe eher den Eindruck, als sei der Profi-Fußball zum totalen Schlachtfeld verkommen. Jeder gegen jeden, Fronten unklar. @Universum: Bitte einfach verbieten den Schrott und gut is.

janto ban 17.01.2013 | 21:16

|| Das Quickdict-Lexikon gibt mir "homo niger" als lateinisches Wort für Schwarzafrikaner an. ||

Die perfekte "riesige Beleidigung" für sogenannte Fußball-Fans, oder was? Was man alles machen kann, ich bin ganz erstaunt. Wiege der Menschheit. Fast wie: "die Schwuppe aus der Ursuppe", wie ich heute auf WDR5 hörte. ('Cavequeen': Von 'Homos' und 'Heten' in der Steinzeit und heute) Interessante Sendung.

UnwiseNomad 17.01.2013 | 21:48

Es sei aber diskriminierend gegenüber schwarzen Menschen, "wenn die Farbe schwarz und Dunkelheit als Symbolfarben für negativ bewertete Situationen oder Eigenschaften verwendet werden". Damit werde 'Schwarzsein' erneut mit negativen Aspekten ver­bunden und suggeriert, daß Schwarzsein (von Weißen) beherrscht werden muß".

Wolfram, Du olle Spaßbremse. War das nötig?

Das kleine Schwarze geht noch, weil positiv besetzt (na ja, ich habe da schon Fälle erlebt ...). Soweit harmlos.

Es gibt nichts Besseres als ein saftiges Schwarzbrot mit Butter und einer Scheibe guter Salami. Total positiv, politisch korrekt, bingo. Aber dann:

Soll ich meinen Kaffee ab jetzt schwarz trinken, um damit zu heucheln, dass ich ihn so als positiv empfinde (was nicht stimmt), oder zu meiner Haltung stehen und mich damit als Kaffeeweißer outen? Wie ich mich auch entscheide, ich werde so oder so Rassist sein.

Und was ist mit Tee-he?

Wolfram Heinrich 17.01.2013 | 22:51

@UnwiseNomad

>>Es sei aber diskriminierend gegenüber schwarzen Menschen, "wenn die Farbe schwarz und Dunkelheit als Symbolfarben für negativ bewertete Situationen oder Eigenschaften verwendet werden". Damit werde 'Schwarzsein' erneut mit negativen Aspekten ver­bunden und suggeriert, daß Schwarzsein (von Weißen) beherrscht werden muß".<<

Wolfram, Du olle Spaßbremse. War das nötig?

 

Ich zitier doch bloß, ich denk mir doch so was nicht aus.

 

Soll ich meinen Kaffee ab jetzt schwarz trinken, um damit zu heucheln, dass ich ihn so als positiv empfinde

 

Das ist das mindeste, was man von dir als solidarische Geste erwarten darf. Ich trinke ihn schon seit vielen Jahrzehnten so. Nicht mehr lange und ich werde von irgend jemand zum Ehren-***** ernannt.

 

Und was ist mit Tee-he?

 

Tee-he ist feige.

 

Ciao

Wolfram

Wolfram Heinrich 17.01.2013 | 22:53

@Janto Ban

Das meine ich damit:

Im November 2007 hatte ich eine Lesung in Göt­tingen. Ich saß in der Garderobe und wartete auf meinen Auftritt, als der Intendant hereinkam und sagte, vor dem Theater sei eine Demonstration. "Ge­gen wen?", fragte ich. "Gegen Sie", sagte er. Acht oder neun Menschen trügen Transparente mit der Auf­schrift "Nenn mich nicht Neger!". Sie hätten angekün­digt, mit mir diskutieren zu wollen. Dagegen hätte ich nichts, sagte ich.

Im Foyer wartete nach der Lesung vor dem Büchertisch eine kleine Gruppe auf mich, die Mehr­zahl Weiße, dazu zwei oder drei Schwarze, die aber nicht in der Lesung gewesen waren. Wie sich herausstellte, hatten sie auch keine Ahnung vom Inhalt meiner Bücher. Eine Dame, die zu den Organisa­toren der Demonstration gehörte, sprach mich an. Wir wechselten einige ruhige Sätze, doch das dauerte nicht lange.

Es wurde laut. Die Dame, eine Deutsche, verschwand im Hintergrund, ein weißer Amerikaner schrie mich an, ein Schwarzer schrie lauter, es fielen die Wörter "Hitler" und "Rassist", Bücher flogen. Die Mutter des Veranstalters der Lesung trommelte auf den Rücken eines Demonstranten und rief, er solle ruhig sein, aber der folgte nicht. Stattdessen gab er mir - sein Gesicht zentimeterdicht vor meinem - mit Gesten und Worten zu verstehen, er werde mir später draußen im Dunkeln die Kehle durchschneiden. Die anderen sahen ihm stumm zu. (Der Text ist von Axel Hacke)

 

Ciao

Wolfram

janto ban 17.01.2013 | 23:11

Ach so. Gut, wenn sich etwas aufschaukelt, ist es zum Schluss oft schwer, ursprüngliche Opfer und ursprüngliche Täter zu unterscheiden. Aber darum geht es hier ja nicht. Wir reden doch darüber, woran sich eine solche Schaukel eventuell entzündet. An einer Vokabel zum Beispiel. Oder auch nicht. Oder wie auch immer.

Wenn bei Dell explizit von "Rassismus" die Rede ist, ist die Rolle des Aggressors vorab geklärt. Da helfen dann - für den Moment - auch keine "schweren Kindheiten" als Entschuldigung. Bleibt also nur die Frage: Was ist Rassismus - und was nicht? Oder: Was ist Antisemitismus - und was nicht? Und woran kann man sowas - ggf. per Ferndiagnose - ablesen? An Vokabeln? Oder: Wie sage ich, was ich denke, ohne, dass andere denken könnten, ich dächte (noch) etwas (ganz) anderes? Etwas, das ich zwar nicht sagte, aber garantiert meinte? Weil ich, was ich sagte, andernfalls wohl kaum sagte? (Okay, ich setze das nur in "" Anführungsstrichelchen. Ist vielleicht besser...)

janto ban 17.01.2013 | 23:51

Ich denke, dass es hier drum herum geht. Somit müsste ernsthaft überlegt werden, ob eine Debatte über die Themen, über die wir hier reden, nicht per Definition von Abgrenzungsprozessen geprägt ist. Denn egal, ob wir positiv oder negativ über Preußlers Hexe oder Peng Peng Boateng reden, müssen wir dieses gegen jenes abgrenzen, um überhaupt kommunizieren zu können.

Bei wikipedia steht:

|| Die Kritische Weißseinsforschung stellt dabei fest, dass „Weiße“ sich auch in Deutschland als bestimmende Norm wahrnehmen. (...) Die dominante „weiße“ Position wird erst durch Abgrenzung geschaffen. Dabei setzt sie sich in einem bestimmenden Verhältnis zu dem Besonderen, Minderen, Anderen und eben Fremden und erfährt darüber sich selbst als etwas eigenes. Sie erfahren sich als das Eigentliche – im Sinne von einzig wichtige – und definieren sich so selbst über andere.Aufgrund der Dominanz erscheint dieses Verhältnis als unauffällig und alltäglich: nicht das Weißsein wird wahrgenommen, sondern das, was nicht-weiß ist.Ausgrenzendes Verhalten geschieht hier nicht unbedingt absichtsvoll, sondern wird zumeist von „Weißen“ selbst im Alltag nicht wahrgenommen (...) ||

Wenn man "Minderen" und "im Sinne von einzig wichtige" mal rauslassen würde, beschriebe das einen ganz normalen, sozial-psychologischen Vorgang. Erst die Wertung macht es zum Rassismus. Sich ab und zu bewusst zu machen, dass solche Selbstdefinitions- und Abgrenzungsprozesse tagtäglich und ständig im eigenen Kopf ablaufen, schützt m.M.n. vor Rassismus. Und Antisemitismus. Und Fußball.

Übrigens: Ich! Ich bin gern ein Idiot. Wenn es idiotisch ist, sich und seinem Unterbewusstsein mit solchen Überlegungen selbst fortwährend ans Bein zu pinkeln, dann bin ich einer. Gute Nacht.

Wolfram Heinrich 18.01.2013 | 00:59

@janto ban

Ich denke, dass es hier drum herum geht. Somit müsste ernsthaft überlegt werden, ob eine Debatte über die Themen, über die wir hier reden, nicht per Definition von Abgrenzungsprozessen geprägt ist. Denn egal, ob wir positiv oder negativ über Preußlers Hexe oder Peng Peng Boateng reden, müssen wir dieses gegen jenes abgrenzen, um überhaupt kommunizieren zu können.

 

Je nun, so ist das mit dem Diskutieren. Begriffe brauchen Definitionen, und Definition ist das lateinische Wort für Abgrenzung.

 

Bei wikipedia steht:

|| Die Kritische Weißseinsforschung stellt dabei fest, dass „Weiße“ sich auch in Deutschland als bestimmende Norm wahrnehmen. (...) Die dominante „weiße“ Position wird erst durch Abgrenzung geschaffen.

 

"Weißseinsforschung", was es nicht alles gibt. Wie dominant müssen wir Weiße in Deutschland sein, wenn wir uns eine eigene Seinsforschung gönnen.

 

...und definieren sich so selbst über andere.

 

Anders wird es kaum gehen.

 

Ciao

Wolfram

tlacuache 18.01.2013 | 04:57

"Ups"

..."Dass die professionellen Minderheitenschützer dabei einen merkwürdigen Paternalismus pflegen, ist eine Pointe, die den meisten zu entgehen scheint. Wer Minderheiten in Sprachwatte packt, weil sie angeblich so kränkungsempfindlich sind, kann sich offenbar nicht vorstellen, dass Stolz und Selbstbewusstsein dort groß genug sein könnten, um über ein paar Worte in einem Kinderbuch hinwegzusehen. Diese Geisteshaltung ist dem Neokolonialismus in jedem Fall sehr viel verwandter als dem vielbeschworenen Ideal der Emanzipation."

 

UnwiseNomad 18.01.2013 | 06:03

Im Grunde geht es immer um das gleiche, alte Thema: Ich bin groß und stark, du bist klein und schwach. Ich kann damit umgehen, du nicht.

Ich schütze andere vor dir und dich vor dir selbst, indem ich dafür sorge, dass du niemanden (Neger, Zigeuner, Sozialhilfeempfänger, Legastheniker, Behinderter, Frau)  nennst oder solche Wörter lesen musst. Ich wähle aus, welche Filme, Karikaturen, Wahlplakate du zu sehen bekommst, bevor sie dir schaden können. Mir schaden sie nicht! 

Ich weiß, was gut für dich ist. Ich bestimme, was du tun oder lassen darfst. Ich denke für dich. Ich spreche in deinem Namen.

Das Perfide an der politischen Korrektheit ist (im Unterschied etwa zur Entmündigung durch jegliche Religionen), dem unterstellt Schwachen im gleichen Atemzug zusätzlich den Vorwurf zu machen, er sei der eigentlich Stärkere, der am Losschlagen gehindert werden müsse.

Astrid Lindgren war keine Rassistin. Otfried Preussler ist kein Rassist. Die Vorreiter der politischen Korrektheit sind Rassisten übelster Sorte, denn sie unterteilen die Menschen anhand ihrer Sprache in "Gute" und "Schlechte", wobei sie die Sprachregelung täglich selbst neu erfinden.

Lethe 18.01.2013 | 11:00

lieber Herr Dell,

in dem von Ihnen verlinkten Artikel kam sehr gut rüber, wie Sie "political correctness" charakterisieren. Allerdings scheint aus meiner Sicht zwischen jenem Blog und diesem jetzt eine Lücke zu klaffen, die mir nicht ganz geheuer ist.

Zum einen sehen Sie ganz klar, dass "political correctness" ein Kampfbegriff ist, dessen wesentliche Funktion im Diffamieren liegt. Auf der anderen Seite, in diesem Blog, werben Sie aber um Verständnis für die angestrebte political correctness des Preussler-Verlags, die Sie nicht in letzter Konsequenz als solche beschreiben, sondern als notwendige Folge von Empathie.

Mein Problem ist der dabei angelegte Empathie-Begriff. Ich will gar nicht näher darauf eingehen, dass Empathie ein zweischneidiges Schwert ist, bei dem nur gehofft werden kann, dass die Empathie der "richtigen" Sache gilt, wobei dieses "richtig" massiv von den zugrunde gelegten Weltanschauungen abhängt. Derartige Selbstverständlichkeiten sind Ihnen selbstverständlich geläufig. Mein Punkt ist vielmehr der, dass in dem bei Ihnen von mir vermuteten Empathiebegriff eine Suspektmachung des individuellen Bewusstseins einfließt, gegen die ich mich verwahre.

Sehen Sie, wenn ich Worte wie "Neger", "Zigeuner", "Jude" und viele andere verwende, dann weiß ich, was ich mit der Verwendung dieser Begriffe meine. Und das, was ich meine, was auch - wie ich mir einbilde - als Gemeintes erkennbar ist, ist mir in dem Augenblick, in dem ich die Begriffe verwende, wichtiger als allgemeine Konnotationen, die mit den Begriffen verbunden sind. Mein allgemeines Weltwissen, meine Bildung, liefert mir auch die notwendigen Informationen, über die historischen Implikationen dieser Begriffe. All das und einiges mehr fließt in die Entscheidung ein, ob ich in einem gegebenen Kontext von Niggern, Negern, Schwarzen oder schwarzhäutigen Menschen spreche. Und ich verlange von kompetenten Gesprächspartnern - und nur die sind relevant -, dass das Gemeinte auch gegen den Interpretations-Sog der Konnotationen erkannt wird.

Das verstehe ich unter Empathie.

Nebenbei, Sie erkennen an der Kette - Nigger, Neger, Schwarze, schwarzhäurtige Menschen - dass die formale Diffamierung auch noch in der political correctness enthalten ist, insofern, als alle diese Begriffe einen Unterschied implizieren. Das einzig mögliche Ende der Diffamierung besteht darin, auf derartige differenzierende Attributierungen gänzlich zu verzichten. Welcher Erkenntnisgewinn ist damit verbunden, das allgemeine "Mensch" durch Spezifizierungen wie "Schwarzer", "Jude" oder "Roma" zu ersetzen? Es lässt sich besser über soziale Gruppen plaudern, zugegeben. Aber genau dieses "Plaudern" - auch in Form bewusster und ernst geführter Gespräche - zementiert die Differenzierung, die zur Diffamierung führt.

Sprechen wir also nicht mehr von Frauen, Männern, Negern, Weißen und dergleichen. Unmöglich. Warum? Weil wir es nicht aushalten. Weil etwas in uns danach drängt, zu differenzieren, und weil die wesentliche Funktion dieses Dranges darin besteht, uns unserer eigenen Überlegenheit zu vergewissern.

ein zweites nebenbei: das Wort "Jude" macht auf eine weitere Schwierigkeit aufmerksam. In offiziellen Kontexten wird es nicht als Schimpfwort gebraucht. Ich will nicht wissen, in wievielen Köpfen es trotzdem unveränderlich ein Schimpfwort ist. Die Angehörigen des Judentums verwenden den Begriff für sich selbst wie selbstverständlich. Was machen wir denn nun? Was sagt die Empathie? Wie wollen Sie das mit formalen Mitteln auseinander halten?

 

und dann versteh ich eben noch immer nicht ihren punkt: dass die hetzer mit nicht-diffamierenden begriffen hetzen kann doch eine erklärung dafür sein, dass man selbst diffamierende begriffe verwendet. das meine ich mit missverhältnis - dass wölfe nicht im schafspelz hetzen soll als argument dafür taugen, dass man selbst wolf sein muss? 

Ich hoffe, dass das anhand meiner Darlegung etwas klarer geworden ist. Es geht mir nicht um Freiheit zur Verwendung diffamierender Begriffe, ich frage vielmehr, was damit gewonnen ist, diese Begriffe auszulöschen. Und meine Antwort lautet: nichts, solange der ideelle Gehalt des Begriffs im Bewusstsein eines Menschen verankert bleibt. Dieser Gehalt wird nicht gelöscht, indem der Begriff aus dem Sprachgebrauch ausgemerzt wird. In diesem Fall findet einfach eine Übertragung auf eine andere Begrifflichkeit statt. Die Hetzer haben das längst verstanden und sind längst dabei, die neuen, "korrekten" Begriffe zu vergiften.  Wenn wir bei den Begriffen ansetzen, werden wir daher immer nur hinterher hecheln. Wir müssen vielmehr beim Bewusstsein ansetzen, bei den Vorstellungen, beim Gehalt.

Aus meiner Sicht bleibt uns gar nichts übrig als der lange, mühevolle Prozess einer Art gesellschaftsweiter Psychotherapie.

Matthias Dell 18.01.2013 | 11:44

lieber lethe,

bei der sache mit der psychotherapie bin ich dabei - und das, was wir hier machen, ist schon teil davon.

bei anderen bemerkungen möchte ich manchmal schreien, weil ich das gefühl habe, sie sehen den wald vor lauter bäumen nicht. bestes beispiel:

"Zum einen sehen Sie ganz klar, dass "political correctness" ein Kampfbegriff ist, dessen wesentliche Funktion im Diffamieren liegt. Auf der anderen Seite, in diesem Blog, werben Sie aber um Verständnis für die angestrebte political correctness des Preussler-Verlags, die Sie nicht in letzter Konsequenz als solche beschreiben, sondern als notwendige Folge von Empathie."

wenn ihnen klar ist, dass "p.c." in meiner ausgeführten wahrnehmung ein kampfbegriff ist, der NICHT ein müh weiterhilft, weil er nur dazwischenbolzt, verunklart, lächerlichmacht, aufhalten will - wie können sie mir es dann als widerspruch auslegen, dass ich die "angestrebte p.c." von preußler und verlag verteidige? wer sagt denn, dass es sich um dabei um eine "angestrebte p.c." handelt - die doch leute, die das wort als kampfbegriff nutzen, um gegen etwas zu kämpfen, das ich für richtig und einen kleinen erfolg in unserer großen psychotherapie handelt. 

verstehen sie was ich meine?

und zu den weiter unten ausgeführten sachen von ihnen (und auch manchen kommentaren weiter oben), ich werbe dafür, dass man sich  überhaupt fragt, welche kategorisierungen von leuten man eigentlich braucht. ich würde sagen: not that much bis keine, wenn es einem nicht um schubladen oder den menschen geht. das ist der highest level.

spreche ich nun aber über jemanden (als teil einer gruppe oder whatever), dann wähle ich meine worte so, dass ich leute nicht grundlos beleidige. diese ganzen sachen, "schwarze", "afrodeutsche", "migrationshintergrund", das sind alles krücken, aber sie haben eben den vorteil, dass, wenn ich diesen unterschied schon machen muss, sie leute nicht abwerten. was ist denn daran so scheiße, dass man das zu beachten versucht im umgang miteinander?

zu ihrem "meinen" - das ist ein privatsprachenargument. sie wissen, was sie meinen, da können ihnen andere verständnisse egal sein. sorry, aber so funktioniert kommunikation nicht: wenn ich etwas missverständliches sage, da kann ich zehnmal darauf insistieren, dass ich es so oder so gemeint hatte, das ändert aber nichts am missverstehen beim anderen. das ist auch nur im rassism-diskurs so, dass der sprecher über das gemeinte bestimmt - das ist auch schon tausendmal erklärt worden, in der debatte hier wohl auch, knapper noch mal in dem text (wobei ich da noch etwas unreflektierter mit "p.c." umgehe). 

ihre empathie-erklärungen versteh ich nicht ganz, weiß nicht, ob es empathie für was falsches geben kann. und das hauptproblem dieses: was sollen wir das ändern, wenn es am grundproblem nichts ändert - das stimmt eben nicht. wenn diese weiße gesellschaft einmal begreifen würde, dass schon vieles damit gewonnen wäre, wenn man leute nicht mehr grundlos diffamiert, das möchte ich mir gar nicht ausmalen, wie toll das wäre. das ist wie oben bei MIAUXX - gibts nicht drängendere probleme? ja, von mir aus ist die finanzmarktkontrolle drängender - aber in welchem anderen zusammenhang würden wir uns weigern, etwas zu ändern, was sich leicht und ohne verluste ändern lässt, mit dem hinweis darauf, dass es auf der prioritätenliste leider erst unter punkt 39 kommt, wir aber grundsätzlich nur probleme bis punkt 35 abarbeiten. leute, leute, leute. 

sie sehen, mir fehlt allmählich die geduld, und tatsächlich, wenn ich das mal sagen darf, ist es auch anstrengend, wieder und wieder das gleiche erzählen müssen, was nicht heißen soll, dass ich mich nicht mit ihren fragen auseinandersetzen wollte.

aber wenn es sie wirklich interessiert, das wäre mein vorschlag, setzen sie sich mal noah sow oder susan arndt aus, und dann lassen sie uns nach der lektüre noch mal sprechen, per mail, persönlich, am telefon, was weiß ich

beste grüße

mdell

Lethe 18.01.2013 | 12:21

lieber Herr Dell,

ich habe den starken Eindruck, dass uns nicht so sehr unsere Einsichten, als vielmehr die daraus gezogenen Schlussfolgerungen sowie unsere Absichten trennen :-) ich antworte aufgrund letzterem nur noch auf ein paar ausgewählte Punkte, es bleibt ja sowieso Ihnen überlassen, ob Sie die Mühen Ihres Tageswerks auf jemand offensichtlich so Uneinsichtigen verschwenden wollen^^

 

wer sagt denn, dass es sich um dabei um eine "angestrebte p.c." handelt

tja, wäre das nicht ein Punkt, der diskutiert werden müsste? Ich erkenne nichts in Ihren einschlägigen Darlegungen, was der Charakterisierung als "pc" zuwider läuft. Offenbar sehe ich also nicht, was Sie darin sehen, so dass sich der von Ihnen beklagte Widerspruch als Wahrnehmungs- und/oder Interpretationsunterschied auflöst.

 

das sind alles krücken, aber sie haben eben den vorteil, dass, wenn ich diesen unterschied schon machen muss, sie leute nicht abwerten

Sorry, das können Sie doch nicht wirklich glauben? Bei all diesen Bezeichnungen, und beliebigen anderen, die noch dazu genommen werden könnten, wird gewusst, welche Personen damit gemeint sind. Und diese Personen werden verachtet - oder eben nicht verachtet. "Türke" - sachliche Bezeichnung für eine Nationalität oder Schimpfwort? Da, wo Türken verachtet werden, können Sie tausendmal auf die Sachlichkeit des Begriffs verweisen, da, wo Türken nicht verachtet werden, ist es eine Nationalitätszuschreibung wie jede andere, bei der der Verweis auf den Schimpwortcharakter völlig überflüssig ist. Und durch welchen Begriff wollen Sie gegebenenfalls diesen ersetzen? Sollen wir alles nur noch umschreiben?

 

das ändert aber nichts am missverstehen beim anderen

Mag sein. Nur bin ich nicht für das Missverstehen seitens eines anderen Menschen verantwortlich. Offenbar befinde ich mich diesbezüglich im Dissens zu den von Ihnen präferierten  Auffassungen. "Diskurs" führt übrigens nicht automatisch zu Konsens^^ Ich drücke mich so deutlich aus, wie ich es vermag. Wer mich dann nicht verstehen will ... Schulterzucken. Wer es nicht kann, kann nachfragen.

 

und tatsächlich, wenn ich das mal sagen darf, ist es auch anstrengend, wieder und wieder das gleiche erzählen müssen

Sie müssen sich dem ja nicht aussetzen, und schon gar nicht müssen Sie immer dasselbe erzählen^^ Was beim ersten Mal nicht überzeugt - was etwas anderes ist als dass es nicht verstanden wird - überzeugt mutmaßlich auch bei inhaltlichen eins-zu-eins- Wiederholungen oder Variationen nicht. Wenn Sie es trotzdem tun (sich dem aussetzen), müssen Sie höchstens zur Kenntnis nehmen, dass Dissens die Essenz von Diskurs ist. Ansonsten erübrigten sich ja Unterhaltungen wie diese. Wir deklarieren alles als Meinung, die wir respektieren oder ablehnen und Ruhe ist.

In echten Diskursen ist natürlich eine gewisse innere Distanz zu den eigenen Überzeugungen günstig. Sonst zerfleischt mensch sich selbst in emotionalen Reaktionen oder in schierer Überforderung oder in beidem.

freundlicher Gruß

tlacuache 18.01.2013 | 12:22

Mein lieber Herr Dell,

Sie drehen sich im Kreis.

Wissen Sie wie es ist als Minderheit zu leben, JA?

DAS spreche ich Ihnen ab.

Ich behaupte einfach mal, ich weiss es schon, ich lebe seid über 12 Jahren in einer Gesellschaft, bei der ich beim Einwohnermeldeamt ab und an als "Nazi" abklassifiziert werde und wurde, man muss erklären ("Nein, nicht alle Deutschen sind so").

Ich kann froh sein, dass ich nicht Spanier, Franzose, Engländer oder Ami bin, nicht NEOkolonialistisch, sondern Kolonialistisch betrachtet, mit allen Krücken, die man geschichtlich ZURECHT auf seinem Kreuz tragen muss.

Es ist immer wieder frappierend, wie "Gutmenschen" meinen, sie könnten "von aussen", nachdem es "mich eigentlich" noch nie so richtig getroffen hat einbilden, ein Urteil abgeben zu können.

Ihre nichtreaktion auf Kommentare, die ein anderes Weltbild abgeben als es Ihnen genehm ist, bestätigt leider alle meine Vorurteile über Leute, die scheinbar meinen, "was von der Sache" zu verstehen...

And you got the fucking nerve to call me colour

Einen schönen Gruss

 

Wolfram Heinrich 18.01.2013 | 13:27

@tlacuache

Ihre nichtreaktion auf Kommentare, die ein anderes Weltbild abgeben als es Ihnen genehm ist, bestätigt leider alle meine Vorurteile über Leute, die scheinbar meinen, "was von der Sache" zu verstehen...

 

Zumindest, was Herrn Dells Nicht-Reaktion auf meine Beiträge betrifft, ist er entschuldigt. Er hat nämlich vor Jahresfrist einen Hl. Schwur getan, nicht mehr auf mich zu antworten.

 

Ciao

Wolfram

UnwiseNomad 18.01.2013 | 21:48

sorry, aber so funktioniert kommunikation nicht: wenn ich etwas missverständliches sage, da kann ich zehnmal darauf insistieren, dass ich es so oder so gemeint hatte, das ändert aber nichts am missverstehen beim anderen.

Des Pudels Kern, wie mir scheint: Natürlich ist die Kommunikation gestört, wenn beim Adressaten etwas anderes ankommt als der Absender beabsichtigt hat. Dem Sprecher dafür die alleinige Verantwortung aufbürden zu wollen ist schon eine Zumutung, denn selbst bei größter Sorgfalt kann dies nicht immer gelingen. Die Lösung dafür in Patent-Begriffen ("gelingt immer und klebt nicht") zu suchen ist  ein hoffnungsloses Unterfangen, sie gar aufzwingen zu wollen empfinde ich als Affront.

Ein Beispiel macht den Unsinn schneller deutlich:  "Wollen wir uns mal wieder mit unseren dunkelhäutigen Nachbarn treffen?"  ist vielleicht, ich will es gar nicht wissen, politisch korrekt - in einer Mail zwischen zwei Mitgliedern des Ku-Klux-Clan aber eindeutig, ganz ohne jedes Missverständnis. Sie verwechseln Henne und Ei!

Wie man mit Mißverständnissen umgeht und das Gesagte dem Gemeinten annähert, ist wenige Posts vorher in einem kleinen Techtelmechtel zwischen @tlacuache und mir zu betrachten: man spricht miteinander. Wer diesen Weg von vornherein ausschliesst, will lediglich dozieren. Wer ihn für bestimmte Menschen ausschliesst, der hat genau das Problem, dem er sich doch so vehement entgegenstemmen will.

das ist auch nur im rassism-diskurs so, dass der sprecher über das gemeinte bestimmt

Ja nee, is klar. Dann mach ich mal und nutze dabei meine gespaltenen Persönlichkeiten:

Person A liest "rassism", bemerkt das fehlende "us" am Ende und denkt sich: Hurz, flüchtig hingeworfen, nicht lesens- und bedenkenswert. Kommunikation gescheitert.

Person B liest "rassism", wo "racism" stehen sollte und denkt: "gewollt und nicht gekonnt". Kommunikation gescheitert.

Person C liest "Außerhalb des Rassismus-Diskurses bestimmt der Hörer über das Gesagte" und denkt: Nein, ganz im Gegenteil. Wenn keine PC im Spiel ist, klappt Kommunikation im Regelfall ganz gut. Manche Hörer bestimmen anhand von Reizworten, was der Sprecher eigentlich sagen will und hören ihm nicht mehr zu. Ergo bestimmt der Hörer gerade innerhalb des "Rassismus-Diskurses", was vermeintlich gesagt wird. Er allein; der Sprecher und sein Anliegen sind nur noch Folie für den immer gleichen Sermon der Empörung. Kommunikation gescheitert.

Personen D-Z haben wieder je etwas anderes gehört, rübergekommen ist jedoch auch bei ihnen nichts.

Ich selbst habe gegen die Stimmen von A-Z versucht, Ihr Anliegen zu verstehen und zu würdigen; glaube auch, es trotz der rechtschreiberischen Hürden verstanden zu haben und komme zu dem Schluss, gänzlich anderer Auffassung zu sein. Voilá, geht doch. Oder habe ich Sie am Ende missverstanden ...?