Peter Nowak
22.01.2013 | 23:33 5

Warum bleibt so eine Kommunistin?

Rot sind die Füchse Ein Film widmet sich Menschen, die von Kindheit an Kommunst_innen waren oder noch sind

Warum bleibt so eine Kommunistin?

Foto: tolomea/ Flickr (CC)

Die erste Einstellung könnte in einem beliebigen Zeltlager aufgenommen  sein. Einige Kinder spielen, andere sitzen an ihren Zelten. Doch schnell wird klar, dass in dem Film „Rot sind die Füchse“  von Jan Stefan Kolbe  eine besondere Gruppe von Kindern im Mittelpunkt stehen. Die Jugendorganisation "Rotfüchse" wird dem Umfeld der traditionskommunistischen MLPD zugeordnet, einer Partei,  die außerhalb ihrer Anhängerschaft  auf wenig Sympathie stößt.  Schnell fällt das Verdikt vom Stalinismus, wenn von der MLPD die Rede ist und dann ist meist schon jede Diskussion zu Ende. Dass man sich auch anders mit dem MLPD-Umfeld befassen kann, zeigt der Dokumentarfilm , der  in verschiedenen Berliner Kinos und bald auch in anderen Städten zu sehen sein wird. Denn Kolbe zeigt, dass man sich auch kritisch mit einer Strömung der Linken beschäftigten kann, ohne die Protagonist_innen zu  denunzieren. Der Filmemacher, der mit der MLPD und ihrem Umfeld politisch nie etwas zu tun hatte, nur in früher  Jugend mal mit dem Kommunismus liebäugelte, sich  aber bis heute eine linke Grundhaltung erhalten, wollte keinen Film über die MLPD drehen. Es ging ihm vielmehr um die Vita von  Menschen, die in linke Strukturen hineingeboren werden, also praktisch schon  im  Kinderwagen auf Demonstrationen gekarrt wurden. Ein Vorurteil besagt, dass diese Menschen später das Gegenteil vertreten,  also eher geneigt sind, in die konservative Richtung abzudriften. Der Film bestätigt diese These nicht.  Während Anne und Gaby als Vollzeitaktivistinnen versuchen, ihre politischen und gewerkschaftlichen Aktivitäten mit ihrer  geringen Freizeit in Einklang zu bringen versuchen, ist auch der angehende Erzieher  Peter nach seinem Austritt aus der Jugendorganisation Rebell auf der Suche nach neuen Orientierungen. Er könnte sich vorstellen, auch wieder in der Organisation aktiv zu werden, wenn sich dort politisch etwas ändert. Dabei blieb aber seine inhaltliche Kritik vage. Der Film zeigt, dass  ihm der Austritt Zeit für individuelle Bedürfnisse gab,  er sich  aber weiterhin und sogar verstärkt  Sinnfragen stellt.  Dass er  sich nun ausgerechnet  anthroposophischen Vorstellungen zuwenden will,  lässt die Frage offen, ob er sich mit den zahlreichen kritischen Publikationen zu diesemKomplex auseinandergesetzt hat.  Im Film bleibt die Frage offen. Denn  Kolbe unterlässt jeden direkten Kommentar und lässt die unterschiedlichen  Protagonist_innen zu Wort kommen und agieren. Vor allem Anne und Gaby treten dort sehr selbstbewusst auf,  machen aber nicht den Eindruck von verbissenen Kommunist_innen, die immer auf  alles eine Antwort wissen. Hier gewinnen sie persönlich Sympathie durch ihr offenes  aber souveränes Auftreten. Der einzig  Dogmatische im Film ist  ein Solinger CDU-Politiker, der  wie ein Pressesprecher des Verfassungsschutzes klingt und die MLPD des Linksextremismus bezichtigt, der man keinen Millimeter mehr Spielraum einräumen dürfe, als die Gesetze ihr zugestehen. In  Gestik und Mimik macht er deutlich, dass er die Spielräume wohl gerne noch einschränken würde. Dass zeigt sich im Solinger Stadtrat, in den die MLPD-Aktivistin Gaby als  Vertreterin einer parteiunabhängigen Bürgerliste gewählt wurde. Ihr wird augenblicklich das Wort abgeschnitten, sobald ihre Redezeit auch nur um eine Sekunde überschritten wurde. Da wird das Rederecht zur „Extremismusbekämpfung“ genutzt.  

Goldene Besen und Stinkstiefel

Neben den drei Protagonist_innen Anne, Gaby und Peter kommen wieder die Rotfüchse ins Bild.  Die Kinder werden dort mit Spielen und Theaterstücken für politische Themen sensibilisiert, darunter der Ausbeutung der indigenen  Bevölkerung auf den Philippinen. Sie erfahren, dass denen die Köpfe abgeschnitten werden, die sich  gegen ihre Vertreibung zur Ausbeutung von Bodenschätzen wehren. Da gruselt sich das bürgerliche Feuilleton, dass man „unschuldige Kinder“ in Mitteleuropa im Feriencamp mit solch unschönen Dingen behelligt, die Kinder in vielen Teilen der Welt erleiden müssen. Hier kann man sich sogar als prinzipieller MLPD-Kritiker  eine gewisse Sympathie mit den Rotfüchsen nicht verkneifen. Die ist aber verbraucht, wenn Zeltkontrollen gezeigt werden, die ein Stück Kasernenhofmentalität ins Camp  transportieren.  Ein Zelt kommt ins Bild, in dem auf dem gefalteten Schlafsack ein Buchcover von Che Guevara zu sehen ist. Hat es den Goldenen Besen bekommen, den ersten Preis, der für das am Sorgfältigsten aufgeräumte Zelt ausgelobt wurde? Dagegen bekommt einen Stinkstiefel wer die Zelte unordentlich verlässt. In dieser Szene werden Ordnungsvorstellungen deutlich, die  manche Traditionslinke mit Bürgerlichen aller Couleur teilen. Dass  der Filmemacher sich  jeden Kommentars enthält  und  den Zuschauern die Schlussfolgerungen überlässt, ist ein großes Plus des Filmes. Nur manchmal gibt es einige arg subtile Szenen. Muss ein Stalinporträt gerade in dem Augenblick ins Bild kommen, wenn Anne erklärt, dass Kräfte, die in einer sozialistischen Gesellschaft die alte Ordnung wiederherstellen wollten, unterdrückt werden müssen?  Denn die Frage, wie die alten Gewalten entmachtet werden und  bleiben, stellt sich  auch für Linke, die mit Stalin nichts zu tun haben, wenn sie mehr  wollen, als eine rot-rot-grüne Regierung Im Gegenteil war Stalin selber solche eine reaktionäre Kraft und es war die Tragik der Linken in der SU, diese nicht niederhalten zu können. Dass es sich bei der HipHop-Crew, die mit verbalradikaler Attitüde Kopfschüsse für Unternehmer auf einem Festival fordert, um die Bandbreite handelt, die nicht nur wegen ihrer verkürzten Kapitalismuskritik sondern auch ihrer verschwörungstheoretischen Anklänge umstritten ist, erschließt sich nur Insidern.  

Kolbe hat Pionierarbeit geleistet mit seinem Thema. Nur der Film „Lenin kam nur bis Lüdenscheid“, der eine Kindheit im weiteren DKP-Umfeld der 80er Jahre zum Thema hat, kann damit verglichen werden.

Kommentare (5)

Gustlik 23.01.2013 | 08:11

MLPD... Muss ich immer an Radio Tirana denken, das deutsche Programm in den 80ern auf Kurzwelle, das erklärte, wo der "wahre" Sozialismus entsteht...

Zum 20. Parteitag in der Sowjetunion:
"Die Arbeitermacht im ersten sozialistischen Land der Welt wurde beseitigt, die Wiederherstellung des Kapitalismus begann!"

Nach der Wende sind die MLPDler in den Osten ausgeradelt, um uns bekehren zu wollen. Wir haben uns dann doch für die eigene Geschichte entschieden und unsere Kinder nach Tschechien oder Polen geschickt.

Red Bavarian 23.01.2013 | 09:42

Hört sich interessant an. Bei uns in der Stadt ist die MLDP gemessen an ihrer Kleinheit recht aktiv und man begegnet ihr auf den meisten Veranstaltungen, wo Linke und Citoyens überhaupt sind. Insbesondere managen sie seit Jahren die Montags-Demos gegen Hartz-IV. Am 1. Mai wird traditionell ein Stand-Karree Die Linke, Linke Liste (1. Reihe) und DKP, MLPD, KPD (2. Reihe) zugeordnet, wo man den "linken Packen" zusammen hat. Was mich anbelangt, so will die MLPD mich anwerben. Man begegnet sich ja immer wieder auf entsprechenden Veranstaltungen.

 

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Ehemaliger Nutzer 23.01.2013 | 12:49

Eine wirklich gelungene Rezension! Allerdings braucht man sich den Film ja gar nicht mehr ansehen, da der Beitrag ja sehr viel vorweg nimmt...
;-)

Ob die Auftretenden wirklich als KommunistInnen verstanden werden können, mag mal dahin gestellt bleiben – was auffällig daherkommt ist deren Kontinuität im politischen Engagement.
Das ist aber keine Spezialität des sektiererischen K-Gruppen-Milieus in bzw. aus Westdeutschland, sondern ein Phänomen das sich auch bei demokratischen Jugend – und Nachwuchsverbänden – wie z.B. den Falken, der DGB-Jugend, der grünen Jugend, den Pfadfindern u.a.m. finden lässt.
Die Kinder – und Jugend-Camps sind in der Regel gemeinschafts – und identitätsstiftend angelegt und führen je auf ihre Weise an politische Bildung, an demokratische Diskursfähigkeit – und Willensbildung heran.
Gleichwohl gibt es bei diesen Camps notwendig eine Organisation und Führung, die das Zusammenleben auf Zeit ordnet und den Rahmen vorgibt. Das entspricht nicht zuletzt dem Jugendschutzgesetz und bzgl Hygiene wacht das Gesundheitsamt über diesen Veranstaltungen, d.h. es gibt da wie dort Richtlinien, an die sich die JugendgruppenleiterInnen zu halten haben.
Der dafür erforderliche Befähigungsnachweis wird in Fortbildungsreihen erworben, in denen auch pädagogische Grundkenntnisse vermittelt werden – von staatl. anerkannten Fachleuten versteht sich, denn auch diese Bildungsmaßnahme unterliegt gesetztlichen Regelungen und Mindeststandards.
Wie bspw Ordnung und Sauberkeit (zugleich Schulung von Sicherheitsbewusstsein – und Hygienedenken) vermittelt wird ist eine Frage des päd. Ansatzes – dabei ist der Goldene Besen und der Stinkstiefel ein bei hierarchischer Lob-Tadel-Denke eingesetzte Variante, die zwar ziemlich platt daherkommt, aber auch in weniger straffen Formationen durchaus wirksam ist, zumal dort die „Auszeichnungen“ häufig mit einer gehörigen Portion Humor verliehen werden – und ein wenig was einem Sketch mit Denkanstoss an sich haben, wenn dies von der Lagerführung zur Aufführung gebracht wird.t wird. Solche Essentials werden aber in der Regel bereits bei der ersten Diskussion am 2ten Abend aufbereitet und der Sinn dessen sachbezogen (z.B. Einschleppen von Pilzen, Insekten, toxischen Pflanzenresten unter den Schuhen usw.) vermittelt.
Die vom Autor kritisch betrachteten Zeltkontrollen sind dagegen schon deshalb nicht zu beanstanden, weil sie eine vom Gesetzgeber verfügte Auflage sind und die Aufsichthabenden für Unterlassung belangt werden können.
Allerdings gilt auch hier, daß man das oder so durchführen kann und bei der geschilderten Szene ist sicherlich der MLPD-typische Führungsstil das eigentliche Objekt der Kritik, oder?
Das war´s aber auch schon mit konstruktiv gemeinter Kritik meinerseits an einem wirklich guten Beitrag.
;-)

Seifert 23.01.2013 | 15:55

Ein interessanter Beitrag! Es ist bemerkenswert, dass die MLPD die einzige nennenswerte politische Kraft ist, die aus dem Umfeld des Marxismus/Leninismus/Maoismus der 1970er überleben konnte. Für das Überleben musste allerdings ein hoher Preis bezahlt werden: jener des Sektierertums. Wenn es heute aufs Neue um die «Idee des Kommunismus» (Alain Badiou) geht, dann bedarf diese Wiedergeburt auch einer (selbst-)kritischen Auseinandersetzung mit den Erfahrungen des Real-Sozialismus. So etwas wird meines Wissens von der MLPD nicht geleistet.

Helmut Eckert 23.01.2013 | 16:13

Kommunismus, was ist das? Eine Ideologie? Eine Weltanschauung gleich einer Religion? Ein Menschheitstraum? Das Hirngespinst eines Marx; Engels; Lenin; Stalin; Ulbricht und Honecker ?

Ich glaube, wenn ich 100 000 Menschen frage, was ist der Kommunismus, werde ich viele  verschiedene Antworten erhalten. Die Mehrzahl der Menschen werden keine Antworten haben, sie nicht wissen nicht, was ist der Kommunismus.

Ist der Kommunismus das Terrorregime eines „Väterchen Stalin“ mit den vielen Millionen seiner Terroropfer?

Ist der K. die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft in der verschwundenen DDR?

Ist der K. das Leben im Zuchthaus des MfS in Niederschönhausen mit anschließendem mehrjährigem Aufenthalt im „ Gelben Elend in Bautzen

Alle die damals dort handelnden Machtmenschen hielten ihre Lebensweise für einen Teil des Kommunismus.

Viele der Fantasten in dieser Welt glauben daran, der K. ist die höchste Stufe der Vollendung des Sozialismus und der Sozialismus ist die völlige Gerechtigkeit auf Erden.. Amen!

Fest steht eine einzige Wahrheit: Nur die katholische Kirche und der Kommunismus ist Teil der millionenfachen Terrors gegen seine Mitmenschen. Dort die Kreuzzüge, die Inquisition, die Eroberungszüge in die neue Welt.. Dort die Massengräber in Sibirien, die endlose Zahl der stalinistischen Opfer, das Leid er politischen Andersdenkenden in der damaligen SBZ und der DDR.

Beiden Religionen haben noch eine verbindende Gemeinsamkeit: Nur ihre Wahrheit ist die wirkliche Wahrheit. Somit schließen sie alle anderen bestehenden Wahrheiten als Ketzertum aus. Die Kirche nannte diese Abweichler Ketzer und verbrannte sie. Die Kommunisten nennen und nannten sie Revisionisten, Klassenfeinde, Trotzkisten, Kapitalisten, Sabogenten und manchmal auch nur einfach Feinde der Gesellschaft und des Staates. Sie sperrten sie ein und ließen sie elendlich in den Gulags verrecken! Ob verrannt auf dem Scheiterhaufen, oder erschossen mit Genickschuss, das Resultat war gleich….

Der bewährteste1. Glaubenssatz des Kommunismus heißt: Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein…

Der 2. Glaubenssatz lautet: Die Partei hat immer Recht und hat sie einmal kein Recht, so nimmt sie sich dieses Recht, denn sie hat die Macht und eben diese Macht gibt ihr das Recht…

Der 3. Glaubenssatz geht wie folgt: So wie Ihr heute arbeitet, so werdet ihr morgen leben… wobei das gute Leben nur auf die wenigen Mächtigen des Kommunismus beschränkt bleiben muss!

Mit diesen Aussagen der drei Glaubenssätze ist alles gesagt und schon versteht der Bürger, was Kommunismus ist….