Rasmus Cloes - Gesunde Skepsis
18.06.2013 | 15:29 13

Tod, Tod, Tod - Wie SPON übertreibt

Spiegel Online Hustensaft der Kinder tötet. SPON hat damit Recht. Trotzdem übertreiben die Autoren maßlos.

Tod, Tod, Tod - Wie SPON übertreibt

Foto: abhijay achatz/ Flickr (CC)

Spiegel.de warnt vor Hustensaft, der Kinder töten kann. Eine plakative Überschrift, die mehr erschreckt, als aufklärt. Gleich im ersten Absatz heißt es: „Gegen die Übelkeit ihrer zweijährigen Tochter Alexandra* kannte die Mutter ein rezeptfreies Medikament. Sie verabreichte ihr das erste Zäpfchen am frühen Morgen, abends wiederholte der Vater die Prozedur. Innerhalb weniger Stunden war Alexandra tot.“

Zäpfchen, Zäpfchen, Tod. Das klingt heftig! Da fragt man sich als Leser: Warum zur Hölle dürfen die so was frei verkaufen? - Die Antwort: Weil es eine – unglaublich schlimme – Ausnahme ist. Und darüber steht in dem Artikel nichts: Klar ist, dass Millionen Eltern in Deutschland ihren Kindern solche Medikamente geben. Und das wohl nicht nur einmal im Jahr. In der Regel passiert nichts, außer, dass das Kind gesundet.

Wollten die Autoren aufklären, statt zu ängstigen, dann hätten sie weitere Zahlen gebracht: Also nicht nur, dass es 1500 Fälle von unerwünschten Nebenwirkungen gibt, sonder ganz klar: Wie oft kommt es zu einem Fall, wie dem am Anfang? Einmal in der Woche, im Jahr oder alle zehn Jahre. Nur so lässt sich das Problem richtig einschätzen.

Die vollständige Einschätzung der BfArM findet sich übrigens hier.

UPDATE: Die DAZ schreibt etwas zum SPON-Artikel.

Kommentare (13)

Der Kommentar wurde versteckt
Schachnerin 18.06.2013 | 20:21

@rasmus cloes,

mein erster Kommentar ist danebengegangen, jetzt fange ich von vorne an.

Sie setzen sich für die Rezeptfreiheit von Medikamenten ein, die tödliche Nebenwirkungen bei Säuglingen und kleinen Kindern haben können. Der therapeutische Nutzen dieser Mittel, die von Eltern mißbräuchlich als Schlaf- und Beruhigungsmittel gegeben werden, ist gering.

 

 Prof. Dr. med. Hannsjörg W. Seyberth (Kommission für Arzneimittelsicherheit im Kindesalter der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin) schreibt im deutschen Ärzteblatt:

 

Antihistaminika der ersten Generation (AH1G), die im freien Verkauf in Apotheken erhältlich sind, bergen als Hypnotika und Sedativa für Kinder und Jugendliche zahlreiche Sicherheitsrisiken.

 

http://www.aerzteblatt.de/archiv/129784/Paediatrie-Rezeptfreie-Antihistaminika-bergen-Risiken-fuer-Kleinkinder

 

Diese Mittel sind Hustenblocker, die auf das ZNS wirken. Sie heilen keinen Husten.

In Frankreich und den USA dürfen Antihistaminika der ersten Generation Säuglingen und kleinen Kindern nicht mehr verschrieben werden.

 

Wieviele Kinder, die den plötzlichen Kindstod starben, durch AH1G vergiftet waren, ist nicht festgestellt worden, weil es keine toxikologischen Untersuchungen gab.

 

Der Spiegel schreibt, daß es unwahrscheinlich wäre,  daß die gesetzliche Krankenversicherung die Kosten für die Mittel übernehmen würde, da eine Wirkung für die meisten Präparate nur schlecht belegt sei.

 

Also geht es nur um das Geschäft mit diesen Mitteln.

 

Rasmus Cloes - Gesunde Skepsis 18.06.2013 | 21:13

@ Schachnerin: Ich setze mich keinesfalls für die Antihistaminika ein. Ich kritisiere nur, dass die Autoren mit dem Tod eines Kindes einsteigen, weiterhin schreiben, dass banale Medikamente, wie Hustensaft oder Zäpfchen dafür verantwortlich sind und dann das Risiko nicht einordnen. Also nicht sagen, wie viele Kinder an einem Zäpfchen oder Hustensaft sterben. Ist es eins von zehn oder eins von 10 000 000. Das ist wichtig, um das Problem richtig einzuordnen.

 

Dass Hausmittel wie Heubäder vielleicht besser wirken, steht auf einem anderen Blatt oder besser in einem anderen Artikel.

Schachnerin 18.06.2013 | 22:35

Der Spiegel ist spät dran. Die FAZ hat schon letzten Herbst vor diesen für Kinder gefährlichen Medikamenten gewarnt.

Beim GIZ-Nord in Göttingen zeigte sich, dass die Vergiftungen mit Diphenhydramin und Dimenhydrinat von 1996 bis 2011 jährlich von zwölf auf achtzig Fälle angestiegen sind.

Hustensäfte für den Giftschrank

Die deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin warnt vor Kinder-Hustensäften, die diese überholte Antihistaminika Generation enthalten, die Erwachsenen nicht mehr gegeben wird.

Vorsicht bei Kinder-Hustensäften

In Kanada, den USA, Großbritanien, Schweden, Finnland, der Schweiz und Österreich, sind diese Substanzen vom Markt genommen worden oder rezeptpflichtig.

 

Wolfram Heinrich 19.06.2013 | 10:16

@Schachnerin

statt Heroin gibt es jetzt ein anderes Opioid, das Codein.

 

Was heißt "jetzt", Codeϊn kam 1912 auf den Markt.

Häufigste Nebenwirkungen von Codein sind Übelkeit, Erbrechen und Verstopfung sowie Müdigkeit. Codein hat ein Abhängigkeitspotential. Codein und sein Metabolit Morphin treten in die Muttermilch über. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ordnete 2007 daher an, in die Produktinformationstexte einen Warnhinweis aufzunehmen, beim Säugling auf Nebenwirkungen wie Trinkschwäche, Schläfrigkeit (Somnolenz) und Lethargie zu achten und das Stillen bei wiederholter Einnahme codeinhaltiger Präparate zu unterbrechen. Vorangegangen war ein Fallbericht über den Tod eines Säuglings, der an einer durch Stillen erworbenen Morphin-Überdosierung starb, nachdem seine Mutter codeinhaltige Schmerzmittel eingenommen hatte.

Wikipedia

 

Wir haben unsere Kinder mit homöopathischer Medizin (die Kinderärztin war Homöopathin) über die Runden gebracht, über teilweise dramatische Situationen hinweg (Lungenentzündung bei einem wenige Monate alten Baby).

 

Ciao

Wolfram

Wolfram Heinrich 21.06.2013 | 07:53

@DerFred

Lungenentzündung homöopathisch behandelt? Dagegen sind wohl jegliche Risiken von Arzneimitteln wirklich vernachlässigbar.

Mit Glück heilt die Lungenentzündung von allein (hier anscheinend) oder die Ergebnisse solchen Leichsinnes sind auf dem Kinderfriedhof zu betrauern.

 

Ich hätte wohl doch die ganze Geschichte erzählen sollen.

Mein Jüngster, er war damals erst einige Wochen alt, hatte zu husten begonnen, der Husten wurde schlimmer und wir fuhren schließlich zur (homöopathischen) Kinderärztin. Sie diagnostizierte eine verschleppte Lungenentzündung (wir hatten also zu lange gewartet) und meinte, Kügelchen würden hier nicht mehr helfen, das sei zu riskant, es sei ein Antibiotikum nötig. Meine Frau meinte, ob man es nicht doch mit Kügelchen versuchen könnte. Sie einigten sich drauf, daß die Ärztin uns ein Antibiotikum mitgäbe und Kügelchen. Sollten sich die Symptome nach der Kügelchengabe binnen zwei Stunden nicht dramatisch bessern, so müßten wir in jedem Fall das Antibiotikum geben.

Wir haben das Antibiotikum nicht gegeben, es war nicht nötig.

Ich war immer skeptisch gegenüber der Homöopathie, ich halte sie nach wie vor für eine dubiose Theorie, aber mei, wer heilt hat recht. Medizin ist nur zum Teil eine Wissenschaft, sie ist auch eine Kunst und in der Praxis ist wahrscheinlich die Kunst entscheidend.

In dem Stück "Frauenarzt Dr. Prätorius" von Curt Goetz wird dem Titelhelden vorgeworfen, er sei gar kein richtiger Arzt, denn er habe früher für eine gewisse Zeit als Quacksalber und Wunderheiler in einem Dorf gewirkt. Prätorius räumt dies unumwunden ein, zeigt seine Approbation vor und meint, er habe seine Behandlungserfolge dadurch erzielt, daß er verschwiegen habe, daß er ein richtiger Arzt sei. Er habe die Leute ganz normal diagnostiziert und behandelt, habe dazu aber ein wenig Hokuspokus gegeben und mit diesem Hokuspokus den Behandlungserfolg befördert.

 

Ciao

Wolfram