Tom Strohschneider
31.08.2011 | 14:58 8

1968, Gewalt, Rotstift: Wie der Aufstand der Jugend erklärt wird

Vor ein paar Tagen hat Heribert Prantl in der Süddeutschen den „Heiligen Zorn der Jugend“ vermessen, ein Zorn, der ein ziemlich irdischer ist. Was in London und anderen britischen Städten „so sprachlos gewalttätig, so destruktiv sinnlos und so niederträchtig“ daherkam, zeigt sich friedlich auf den Plätzen von Madrid, Jerusalem und Santiago – Proteste, und das ist das auf den ersten Blick Verbindende, angeführt von einer Generation. Dort sind es Zehntausende, die wochenlang auf die Straße gehen; hier sind es ein paar Dutzend, die ihre Zelte - das verbindende Symbol einer neuen „globalen Bewegung“ - auf dem Alexanderplatz aufschlagen wollten. Stéphane Hessels Parole „Empört Euch!“ hat die Massen schneller ergriffen, als es wohl manch freundliche Beachtung des dünnen Bändchens gewollt hatte.

Umso mächtiger drängt das Echo von Hessels Forderung, jenes „Aufbegehren der Jugend“ inzwischen als Thema in die Feuilletons zurück. Das Angebot an Deutungen ist reichlich: Mal wird es mit nachholender bürgerlich-demokratischer Modernisierung erklärt, mal als kaum ausformuliertes Unbehagen der Abgehängten mit „denen da oben“, mal will man in den Demonstrationen einen Ausdruck der Krise der real existierenden parlamentarischen Repräsentation sehen, und mal spontane Ausbrüche in all ihrer Widersprüchlichkeit. Wofür demonstrieren die Jugendlichen? Das, schreibt Thomas Steinfeld, sei „nicht klar zu erkennen, abgesehen davon, dass die meist friedliche, machmal aber auch gewalttätige Vorführung von Enttäuschung oder Verbitterung ganz offensichtlich zumindest der eine Zweck“ sei.

Historische Folien

Man könnte drei Punkte beschreiben, um die das Raster der Versuche geknüpft ist, die „Aufstände“ zu verstehen. Da wäre ersten der große Vorrat an historischen Folien, die sich über die aktuellen Ereignisse legen lassen: „Erleben wir eine neue 68er-Bewegung?“, fragt Heinz Bude in der Zeit, um in der Utopie- und Hoffnungslosigkeit der Heurigen einen „entscheidenden Unterschied“ zu den sechziger Jahren zu sehen – und in der sozialen Stellung und der kulturellen Kompetenz der Demonstranten die große Ähnlichkeit. Franz Walter hat im Freitag einen anderen Bogen geschlagen – den in vorindustrielle Zeiten, als der „Mob“, jene „typische Sozialfigur“, also „die Tagelöhner, Bettler, die Armen und Ausgeschlossenen (…) sich immer wieder, aber ganz erratisch zu militanten Protesten zusammenwürfelten“. Christian Semler hat sich in der Tageszeitung mit Marx' Begriff vom „Lumpenproletariat“ beschäftigt, um dann die Londoner Riots doch lieber mit der Kriminalitätstypologie des amerikanischen Soziologen Robert Merton zu erklären – der hat jene, die zur Erlangung ihrer Ziele, etwa ein gutes Leben, zu illegalen Mitteln greifen, als „Innovatoren“ bezeichnet.

Damit zusammen hängt ein zweiter Punkt: die Gewaltsamkeit, die meist am Londoner Beispiel diskutiert wird, nicht aber etwa mit Blick auf Griechenland, wo das Thermometer der Militanz in diesem Jahr auch schon öfter ins Fiebrige ausschlug. „Die Blödheit der Randalierer hat es der Regierung erleichtert, in der eigenen Dummheit zu verharren. Sie antwortet auf soziale Desintegration allein mit Repression“, sagt Prantl. „Ein sonderbares Durcheinander von Hooliganismus, Terror, Kriminalität“ hat in der Tageszeitung auch Georg Seeßlen beobachtet und bleibt skeptisch: „Ein guter Aufstand hat ein Ziel und einen Diskurs. Ein schlechter Aufstand bricht aus oder entzündet sich. Ein guter Aufstand benennt den Gegner und sucht nach Allianzen. Ein schlechter Aufstand kommt übers 'Wir zeigen es denen' nicht hinaus. Ein guter Aufstand formt in seinem Protagonisten Selbstbewusstsein, ein schlechter Aufstand erzeugt Rausch und Katzenjammer. Ein guter Aufstand hat Adressaten, ein schlechter Aufstand hat Opfer. In einem guten Aufstand geht es um Ideen und um Ideale, in einem schlechten Aufstand geht es um Randale, Flachbildfernseher und Schnaps. So einfach ist das?“

Pyromanen? Oder Politik?

Eben nicht. Und wenn in Berlin Autos angezündet werden, dann ist das so wenig schon Terrorismus, wie es der Hauptstadt-Wahlkämpfer meint, wie es kaum mit einfachen Schlagwörtern zu erklären ist: Sind Pyromanen am Werk? Versicherungsbetrüger? Ist das überhaupt politisch? Und wie weit ist London noch weg? Andrej Holm, der sich durch Studien über Gentrifizierung einen Namen machte, hat mit Blick auf die englischen Krawalle geschrieben, diese „verschließen sich einer klassischen Ursache-Wirkungs-Erklärung, weil es ganz offensichtlich überlagernde Motivlagen gibt. Umverteilungsaspekte von Plünderungen haben andere Ursachen als die scheinbar ziellosen Zerstörungswut, oder ein aufgestauter Hass auf die Polizei oder die abendliche Kompensation des schulischen oder beruflichen Leistungsdruckes. Aufstände wie in London sind gerade in ihrer scheinbaren Ziellosigkeit Ausdruck der wachsenden Desintegration in den westlichen Gesellschaften. Und eben darin liegt auch die Vergleichbarkeit zur Berliner Situation.“

Der Heidelberger Pädagoge Wilhelm Heitmeyer hat davor gewarnt, den „Jugendlichen nun Moral vorzuhalten, ihre Verwahrlosung anzuprangern“, wie es die britische Politik getan hat, und dabei mit Internetabschaltung und Armee drohte. Damit würden nur „neue Anerkennungsdefizite“ erzeugt und die „Repressionsinkonsistenz“ erhöht, was wiederum „die Voraussetzungen für neue gewaltsame Unruhezyklen“ schaffe. Zumal, und hier macht Heitmeyer einen durchaus umstrittenen Zusammenhang geltend, „zumal die sozialen Kürzungen erst noch kommen“.

Austerity and Anarchy

Womit ein dritter Punkt markiert wäre: der Zusammenhang zwischen Krise, staatlicher Bewältigung, Sparprogrammen und sozialen Unruhen – wobei der Begriff hier nicht in der beschränkten und pejorativen Weise verstanden werden sollte, in der er meist auftaucht. Die Kölner Soziologen Jens Beckert und Wolfgang Streeck haben in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine das bisherige Krisenmanagement für gescheitert erklärt - und sagen eine „nächste Stufe“ voraus, in der „die Krise auf das soziale System übergreifen“ wird. „Anzeichen finden sich bereits in steigender Arbeitslosigkeit, Auswanderung und Gewaltausbrüchen in besonders betroffenen Ländern. Egal, ob durch Sparpolitik, Schuldenschnitt oder Inflation, die bevorstehende massive Reduzierung von Vermögen und Einkommen wird Konflikte hervorrufen.“

Schuldenschnitt und Inflation stehen derzeit nicht auf der Agenda, derweil rollte die Welle der Ausgabenkürzungen durch immer mehr Staaten. Dass die Einschnürung öffentlicher Haushalte gesellschaftliche Schäden produziert und das hoch gelobte „Sparen“ zugleich der Politik die Mittel für deren Behebung oder wenigstens Einhegung aus der Hand nimmt, wird dabei immer offensichtlicher. Dabei ist das Geld eben nicht einfach „weg“ oder gedankenlos und zu Lasten der jungen Generation, die nun protestiert, verprasst. Die Schulden der Staaten sind immer noch Vermögensansprüche derer, die in der Regel bereits eines haben. Es stelle sich, schreiben Beckert und Streeck, „in der Schuldenkrise die Frage, ob und mit welchen Mitteln die Wohlhabenden versuchen werden, ihre Position auch um den Preis einer massiven sozialen und politischen Krise zu verteidigen. Wir können nicht ausschließen, dass sie die Schrift an der Wand auch weiterhin nicht verstehen wollen.“

In London steht das Menetekel als Ruß auf der Brandmauer, anderswo haben es Jugendliche auf ihre Plakate geschrieben. Spart ihr an uns, steigen wir euch aufs Dach. So wenig es sinnvoll wäre, den Zusammenhang zu vereinfachen und überzustrapazieren, so wenig wird man behaupten können, dass es ihn nicht gibt. Die Wirtschaftshistoriker Hans-Joachim Voth und Jacopo Ponticelli haben gerade ein Diskussionspapier zum statistischen Zusammenhang zwischen sozialen Unruhen und politischem Rotstift veröffentlicht. Die Frankfurter Allgemeine hat das Ergebnis auf eine einfache Formel gebracht: „Wenn der Staat seine Ausgaben um einen Prozentpunkt kürzt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Demonstrationen, Aufständen und revolutionären Umstürzen kommt, um das Eineinhalbfache.“

Stuhltanz der kapitalistischen Krise

Voth und Ponticelli sind durch die Unruhen in Griechenland vor einem Jahr auf ihr Thema gekommen und haben sich in 28 europäischen Ländern über einen Zeitraum von 90 Jahren (1919 bis 2009) angeschaut, ob es einen Zusammenhang zwischen „Austerität und Anarchie“ gibt. Was man für naheliegend halten könnte, sehen die beiden aus wissenschaftlicher Perspektive als erstaunlich an: „Denn zum einen war die Mehrheit der Ökonomen bisher davon überzeugt, dass Budgetkürzungen gut fürs Wirtschaftswachstum seien (obwohl es Gründe gibt, an dieser Überzeugung zu zweifeln). Zum anderen hat sich gezeigt, dass Regierungen, die auf Sparhaushalte setzen, normalerweise deswegen nicht um ihre Wiederwahl fürchten müssen“, wie es Voth in der Frankfurter Rundschau formuliert.

Heribert Prantl hat in seinem Text über den „Heiligen Zorn der Jugend“ die sozialen Verhältnisse in den am meisten von den Krisenschulden belasteten Ländern mit jenem Stuhltanz beschrieben, den man von Kindergeburtstagen kennt. In dem Spiel scheidet immer ein Spieler aus, weil eine Sitzgelegenheit fehlt. Im wahren Leben, so Prantl, „ist es viel schlimmer: Es unterscheidet sich in Spanien, Großbritannien, Italien, Israel oder Deutschland dadurch, wie viele Stühle weniger aufgestellt sind. Und weil die Musik zu selten spielt, bleiben die sitzen, die schon sitzen und die stehen, die schon stehen.“

Bis sie einfach nicht mehr mitmachen. Die einen gehen raus auf die Straße und protestieren. Und die anderen zerschlagen den Plattenspieler.

 

Kommentare (8)

robiro 31.08.2011 | 22:44

Mister Cameron (dessen Haltung wohl leider für nur allzu viele innerhalb der politischen "Eliten" Europas gelten kann) beklagte nach den Ausschreitungen der englischen Jugend, dass bezüglich Richtig und Falsch Orientierungslosigkeit herrsche, dass es einen drastischen Werteverfall gebe sowie unverantwortlichen Egoismus und einen "allmählichen moralischen Kollaps".

Wie wahr! Nur wird dabei sorgfältig verschwiegen, dass die genannten Tatsachen in seiner eigenen Kaste europaübergreifend längst selbst Tatsachen sind - besonders der moralische Kollaps hat dort vor langem schon stattgefunden. Schon Kohls Aussage in den 80er Jahren von der "geistig-moralischen Wende" bedeutete im Klartext das Bekenntnis der Abkehr von Geist und Moral. Schon lange also, besonders aber seit dem Crash 2008, wird im Verbund mit Hochfinanz und Wirtschaft eine Politik betrieben mit einem Menschenbild, das vor Verachtung für den oft zitierten "gewöhnlichen" Normalbürger, seine Lebensbedürfnisse und wirtschaftlichen Notwendigkeiten - nur so strotzt:
Die arbeitende Bevölkerung ist längst degradiert zu Würstchen, sie soll leben in der permanenten Angst vor Arbeitslosigkeit und sozialem Absturz, dankbar noch für den letzten Job und ohne ein anderes Recht als das des Funktionierens (Herr Hundt in seiner Position als Arbeitgeberpräsident z.B. hat sich kürzlich beschwert über ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs, das einer Whistleblowerin Recht sprach).
Nicht zu vergessen die ermüdend gleichbleibenden Mantras, das bestehende Wirtschaftssystem mit seinen Postulaten, Bedingungen und Zwängen sei "alternativlos". Ja nun, nur in einer Diktatur dürfen Alternativen weder gedacht noch erst recht nicht zugelassen werden, nicht wahr?

Was sollte daran erstrebenswert sein für große Teile einer Jugend, die mit solcher Perspektive zur Überzeugung gelangt, dass da - für sie zumindest - nichts mehr zu gewinnen ist, sondern im Gegenteil schon im Voraus alles verloren - einschließlich der Rente, für die sie auf Grund ihrer Einkünfte ja gar nicht mehr vorsorgen kann. Milliarden und Milliarden wieder und wieder verpulvert, um die Zombies der virtuellen "Märkte" mit realem Geld zu retten - die Rettung der Menschen ist kein Thema, sie können ohne weiteres in den Abgrund fallen.

Die randalierende Jugend ist die Folge(!!) einer randalierenden Politik, einer randalierenden Wirtschaft und randalierender Finanzmärkte, deren Treiben niemand Einhalt gebietet. Es sind die nicht enden wollenden Ausschreitungen der Politakteure, die Ausschreitungen der Wirtschaftsbosse und Großkonzerne mit ihren Massenentlassungsorgien, die Ausschreitungen der Großbanken, der Manager und hoch aggressiven Spekulanten, deren Absicht es ist, aus Gründen der Macht und privaten Selbstbereicherung ganze Länder und Volkswirtschaften mit dem größten Selbstverständnis in die Grütze zu reiten. Nirgendwo wirklich regulierende Maßnahmen (tatsächliche Abschaffung der Leerverkäufe, Tobin-Steuer, Finanztransaktionssteuer usw.usf.) - nur leeres Geschwätz und als Vorbild ein feixender Ackermann mit 25 Prozent Rendite.

Und jetzt möchten die Herrschaften sich beschweren, dass der Schuss nach hinten losgeht?!
Mister Cameron verspricht, hart durchzugreifen. Was möchte er denn als Nächstes tun? Panzer gegen die eigene Bevölkerung? Ja freilich, bei solcher Geisteshaltung wird das als "Problemlösung" so eingeplant sein. Der Leopard zum Beispiel soll sich ja hervorragend eignen auch für den Einsatz gegen "besonders aggressive Demonstranten" (gehört in einem Kommentar auf youtube bei der Vorstellung des Leopard-Panzers bezgl. seines Aktionsradius').

Aber wenn nun endlich sogar der Herr Schirrmacher (vorausgesetzt, sein Sinneswandel ist nicht nur eine rhetorische Bedenklichkeits-Übung und gerade mal en vogue) als eines von vielen medialen Sprachrohren des Neoliberalismus' plötzlich Zweifel äußert, ob denn nicht vielleicht doch über lange Jahre der falsche Weg gegangen worden sein könnte, dann wäre dies zumindest ein schwaches Indiz auch für die Einsicht, dass man sich nicht wundern muss und sich auch nicht zu beklagen braucht über das, was man selbst herangezüchtet hat - eine Jugend, die der Gewalt des herrschenden Systems ihre eigene Gewalt entgegensetzt - sie schlagen zu, weil es ihnen bis in die Haut hinein reicht.

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Ehemaliger Nutzer 31.08.2011 | 22:55

Ich habe den Bericht von Herrn Prantl (ehemaliger Staatsanwalt) ebenfalls gelesen und ihn mir sogar ausgedruckt. Ja, Herr Prantl hat die richtigen Worte gefunden. Das nützt aber in diesem Land nichts, weil die Obrigkeit in der BRD das Problem nicht sehen bzw. es aussitzen will, bis zum bitteren Ende und das wird aber auf kurz oder lang kommen.
Ich kann mich noch an die mahnenden Worte des ehemaligen Ministerpräsidenten Herrn Dr. Höppner auf den evangelischen Kirchentag erinnern als er den Gläubigen zurief;" Wer die Menschen schikaniert oder bevormundet ruft Gewalt hervor". Genau diese Situation haben wir in unserem Land. Gut, der Michel ist träge, aber auch ihm wird eines Tages die Hutschnur reißen.
Gerade haben in Berlin junge Menschen eine ungenehmigte Demo auf dem Alexanderplatz für Demokratier veranstaltet.
Die Staatsmacht ließ nicht lange auf sich warten und löste brutal die Demo auf. Kurios ist es, dass gerade die BRD sich aufregt, wenn in Moskau eine ungenehmigte Demo von der Polizei aufgelöst wird. Hier ist es Rechtstaat, dort herrscht eben Unrecht, für mich unglaubwürdig.

Columbus 01.09.2011 | 00:53

Lieber Tom Strohschneider,

Schön, ihre Zusammenstellung der Presselandschaft zum Thema "The fire next time". Aber weniger schön, dass im dF die platteste und bornierteste Interpretation ihren bereitwilligen Abdruck fand.

Interessant ist der mehrheitlich kritische Blick nach unten, statt nach oben, nicht nur in den von Ihnen zitierten Blättern.

Fische stinken bekanntlich zuerst am Kopf und da gehört es sich, für einen journalistischen Kerl der eine Meinung hat und der eine tragfähige Analyse liefern möchte, genau dort hin zu schauen.

Das inverse Tun entlarvt aber den Angstschweiß des sich selbst bürgerlich und zufrieden gebenden Publizisten. Sogar die Formeln ähneln sich seit der französischen Revolution: Mob, Plebs, Rebellen ohne Gründe, pp. Der dümmlichste Vorwurf, ganz allgemein: Das sei alles unorganisiert und ziellos. Was sagt das? Nichts!

Heribert Prantl macht sich wenigstens an eine Überschau und benennt die Hauptursache. Wer die Sitzgelegenheiten, das Dabeisein in der Gesellschaft, reduziert und das eingesparte Geld an die Casinos, die Abschreiber, die Steuerflüchtlinge und Vermögenden ausreicht, der sollte sich zumindest auf reflektierterer Ebene wundern und nicht in billiges Treten verfallen um dafür noch Zeilengeld zu kassieren.

Ich sage es ganz offen. Diese Oberflächlichkeit und der Dünkel in so manchem dF-Artikel der letzten Wochen, stehen mir Oberkante-Unterkiefer. Warum soll ich dafür ein Abo bezahlen? Das Plätschern kann ich mir auch selbst besorgen.

Ich weiß, Sie kriegen das jetzt ab, obwohl Sie gar nicht die Ursache sind.

1% des Bundeshaushaltes wären 30 Mrd. Euro. Eine Summe, über die an den Finanzmärkten zuletzt nur gelächelt wurde. Das dt. Privatvermögen (nur Anlagen) wird derzeit auf 4500-5500 Mrd. Euro geschätzt, wovon 10% der Gesellschaft 60-70% besitzen und fast zwei Drittel so gut wie nichts.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

silvio spottiswoode 01.09.2011 | 02:23

Gern gelesen. Besonders wichtig ist es die Ursachen beim Namen zu nennen:
"Die Schulden der Staaten sind immer noch Vermögensansprüche derer, die in der Regel bereits eines haben."
"Es stelle sich (...) „in der Schuldenkrise die Frage, ob und mit welchen Mitteln die Wohlhabenden versuchen werden, ihre Position auch um den Preis einer massiven sozialen und politischen Krise zu verteidigen. ...“

Es gibt, beispielsweise zwischen der gesellschaftlichen Situation in England und Deutschland, NOCH recht grosse Unterschiede. In Deutschland sehen aufgrund besserer Bildungschancen viele die Dinge differenzierter als in Grossbritannien. In England hingegen ist man stolz WORKING CLASS zu sein. Das gibts in so extrem krasser, identitaetsstiftenden Ausformung in Deutschland momentan nicht. Das ist das Erbe einer jahrhunderte alten starren, barbarischen Klassengesellschaft in der es kaum gesellschaftliche Teilhabe fuer die Verlierer gibt. Selbstverstaendlich koennen die Demonstranten kaum verbale Argumente formulieren um schluessige Forderungen zu arttikulieren.

Aber auch in Deutschland bekommt man das Gefuehl, dass es kein Zufall ist die Abschaffung der Wehrpflicht und die Verkuerzung der Schulzeit alle auf das selbe Jahr gelegt zu haben. So sind die Universitaeten ueberall hoffnungslos ueberlaufen, und studieren macht keinen Spass. Wie verhindert man Bildung bei der Jugend? Genau so! Ich denke das hat die Regierung schon recht erfolgreich bewerkstelligt bei den Schulabgaengern dieses Jahr. Aber kritische, muendige Buerger sind wahrscheinlich einfach zu unbequem.

Tom Strohschneider 01.09.2011 | 10:46

ein Nachtrag: "Vom Potenzial her unterscheidet sich Deutschland nicht von anderen Ländern: Wenn junge Leute sich existenziell bedroht sehen, dann protestieren sie", sagt der Berliner Soziologe Klaus Hurrelmann in der "Zeit". Warum es hierzulande nur kleinere Proteste gibt? Erstens würden die meisten Jugendlichen ohne Schul- und Berufsausbildung seiner Meinung nach das Gefühl haben, "der Staat kümmere sich um sie". Zweitens würden die "in subkulturellen Strukturen" lebenden Jugendlichen "noch immer irgendwie, zum Beispiel durch Streetworker, erreicht". Und, drittens, die gutsituierten und gebildeten Jugendlichen sähen derzeit keinen Grund zum Protest. Bleibt das so? "Bei unserer letzten Studie (Shell-Jugendstudie) im Jahr 2010 beurteilte die überwältigende Mehrheit von fast 80 Prozent der deutschen Jugendlichen ihre Situation ausgesprochen optimistisch.” Das könne sich ändern, wenn es zu einer erneuten Arbeitsmarktkrise komme. Von der redet zumindest die Politik kaum und verweist auf "robuste" Zahlen, hinter denen allerdings die Realität der besonders weit Abgehängten verschwindet. Hurrelmann spricht von einer "Gefährdung unserer demokratischen Kultur", weil die Verbindung zwischen den politischen Parteien und der Jugend abgerissen sei: "Es fehlt der Transportriemen zwischen den intuitiv artikulierten Interessen und Themen der Jugend und den politischen Parteien." bit.ly/jQ6z5r

Columbus 04.09.2011 | 14:03

Ja, Franz Walters Beitrag. Da stimmt historisch noch nicht einmal der Schlussabsatz. "Wanderung", gar "Auswanderung". - Es war fast immer das erzwungene Exil (Flucht vor Haft und Repression) für die genannten Sozialisten und Kommunisten.

Und die deutsche Auswanderung z.B., enthielt fast gar keine Anteile jener, die damals dem Mob zugerechnet wurden oder sich an solchen Ausschreitungen beteiligten! Denken Sie, lieber Herr Strohschneider, einmal an die Herkünfte der großen Auswandererströme und sie erkennen schnell, die kamen nicht aus der Urbanität und hatten sich auch nicht an Krawallen beteiligt. - Walter müsste es eigentlich wissen.

"Proudhonismus" und "Mob", jene sowohl von der organisierten Arbeiterbewegung, als auch von der herrschenden Reaktion, als Wertungen der größten Ablehnung und Distanz genutzte Begriffe aus dem langen 19. Jh., die zudem gar nicht fassen, was da nun seit Jahren in London, Brummie-City, in Paris und Lyon oder Marseille, lange auch z.B. in Toulouse, passiert, in Berlin in eher noch abgeschwächter Form zuletzt jede Nacht eintrat und nur in die Hauptnachrichten kommt, wenn Tote und große Zerstörungen damit verbunden sind, sollten nicht zur Kennzeichnung verwendet werden, weil sie eine Analogie vermuten, die nicht existiert.

Es geht nämlich gar nicht mehr um eine prekäre oder aufgelöste, bzw. bedrohte Sozialstruktur, sondern eine solche Struktur existiert dort teilweise nicht mehr, oder sie wurde systematisch abgebaut (das anerkennt Walter zumindest).

Das sind also keine Aufstände, weil der Brotpreis steigt oder weil die Fabrikanten (z.B. in Prato, bei Florenz, heute eines der größten Chinatowns), auch noch den Verkauf der Subsistenz-Produkte zur Ausbeutung im Verlagssystem nutzen. Es sind längst nicht mehr nur Jugendphänomene, sondern auch Altersarme und eben in zwei, drei (Gelegenheits-)Jobs Dauer-Unterbezahlte. Die Polizeien stellen ja erstaunt fest, dass gerade die heftigsten Steinewerfer und Brandschatzer nicht arbeitslos sind, oftmals Abschlüsse haben. Dass auch Hausfrauen mit Kindern in Läden einsteigen! Junkies, Alkoholiker, der soziale Rand und sonstige Kranke, de haben dazu in keiner Metropole noch die Kraft und Gelegenheit. Die klauen lieber regelmäßig aus gut gefüllten Regalen.

Zumindest in den Kernländern Spanien und Frankreich, stellen z.B. die sich selbst organisierende Jugend (man muss den Begriff ganz weit dehnen) der Mittelstandproteste reale und hartnäckige Forderungen, die sich nicht in einer Massenauswanderung, auch wenn das hier mit Vorliebe im TV gezeigt und kolportiert wird (das läuft ähnlich, wie mit der überzeichneten Massenauswanderung aus Afrika nach Europa), auswirken wird, sondern sie wollen die Länder verändern.

Während aber hierzulande die kalte Ablehnung des dann so bezeichneten Proudhonismus und des "Mobs", und der Wunsch nach organisierter Kontrolle der sozialen Forderungen, selbst noch aus jeder Zeile des eher gutmütigen Franz Walter springt, solidarisieren sich in Frankreich und Spanien Intellektuelle und die Reste der Arbeiterorganisationen, wie auch Teile der Kirchen mit den Demonstanten und Protestanten, auch wenn sie Gewalt ablehnen. Das macht den Unterschied!

In Ansätzen ist das auch in GB spürbar (Billy Bragg).
Vielleicht sieht man das eher in den Midlands, in den schottischen und walisischen Städten, in den Küstenstädten des Königreiches, nicht so sehr in der Weltstadt London, die ja auch noch ganz andere Funktionen und Probleme bündelt und, wie
Berlin hierzulande, nicht mehr nur als dauerhafte Wohnregion, sondern als Durchlauferhitzer betrachtet wird.

Grüße
Christoph Leusch