Seit einigen Jahren schon sorgen die städtischen Aufwertungstendenzen in Nordneukölln für Diskussionen. Neue Gewerbenutzungen, neue Kneipen und Designerläden wurden schnell als Vorboten einer Gentrification interpretiert. Doch bisher gibt e...>> mehr
Die Diskussion um die Berliner Stadtpolitik nimmt immer skurrilere Züge an. Die CDU und der rbb sprechen vom "Roten Terror" (Video), Volker Ratzmann sieht "Kieztaliban" am Werk und die jungle world macht es nicht unter den "Roten Khmer". Aufhänger si...>> mehr
Die aktuellen Wahlergebnisse betrachtend hat die SPD gerade keine wirklich guten Karten - was da noch helfen kann sind eigentlich nur Wunder. Dass Sozialdemokraten dazu tatsächlich in der Lage sind, bewies unlängst die Berliner Stadtentwicklungssenat...>> mehr
Seit langer Zeit streiten sich Akademiker/innen über die Gründe von städtischen Aufwertungsprozessen (Gentrification) und die Motive der Zuziehenden. Demografische Veränderungen, neue Arbeitsbeziehungen und andere Lebensstile standen lange ...>> mehr
Im Grazer Lendviertel, oder besser gesagt in den wenigen Straßenzügen zwischen Kunsthaus am Südtiroler Platz und dem Lendplatz, fand am Wochenende zum zweiten Mal das sogenannte Lendwirbel statt. Dieses von Akteuren der überwiegend in den ...>> mehr
Lieber Benjamin, ich habe deinen Beitrag mit Interesse gelesen, war aber über deinen Argumentationsweg überrascht. Du schreibst: „Ich will der Frage nachgehen, ob sich die neueren Stadtbewegungen überhaupt mit Gentrification beschreiben lassen und ob nicht politische Akteure Gentrification politisieren und oft zum Kampfbegriff stilisieren.“ In meinem Soziologiestudium hab ich gleich in den ersten Semestern gelernt, dass es mit den objektiven Wahrheiten in der Wissenschaft nicht so weit her ist und es viel mehr darauf ankommt, die ideologischen Setzungen von Begriffen und Ansätzen auch in der Wissenschaft zu hinterfragen (siehe z.B. Horkheimer 1937/1988). Die Frage, ob sich irgendwas als „Gentrification beschreiben lässt“, hängt ja sehr stark von der Definition des Begriffs ab. So macht es einen Unterschied, ob du darunter „den vollständigen Bevölkerungsaustausch“ (Friedrichs 2000) die „Schließung von Ertragslücken“ ('rent gaps') (Smith 1979; 1996) oder die „Exklusion ärmerer Haushalte aus bestimmten Wohnvierteln“ (Marcuse 1986) verstehen willst. Wie du selbst geschrieben hast, ist Gentrification auch in den wissenschaftlichen Debatten ein umkämpfter/umstrittener Begriff – Stadtteilprotesten nun vorzuwerfen, sie würden die Gentrification empirisch nicht belegen können, erscheint mir irgendwie unlauter, solange du nicht selbst begründest, welchen Ansatz du für dich aus welchen Gründen verfolgst. Abgesehen von diesen methodologischen Problemen, zeugt deine Behauptung „Empirische Nachweise bleiben aus. Auf der Ebene des Bauchgefühls werden sanierte, saubere Fassaden sowie Baustellen auf Straßen schnell zum Indikator für Gentrifizierungsprozesse...“ von einer nur oberflächlichen Beschäftigung mit der Berliner Gentrificationkritik. Sowohl in wissenschaftlichen Arbeiten (Krajewski 2006, Holm 2002, 2006) und administrativen Studien (PFE 2008, Topos 2008) also auch in bewegungsnahen Publikationen (Linde 2006) sind die deutlichen Tendenzen von Aufwertung und Verdrängung mit statistischen Materialien zu Bevölkerungsstrukturen, Wanderungsbewegungen und Wohnungsmarktdynamiken ausführlich belegt worden – das von dir behauptete Bauchgefühl scheint mir selbst einem solchen zu entspringen. So wie ich die akademischen/planerischen/politischen Debatten verstehe, geht es in der Regel darum, die kritischen Perspektive aus der Gentrificationforschung zu bannen (Slater 2006) oder den Prozess der Verdrängung zu leugnen. Vielleicht hat ja Jürgen Friedrichs mit seiner Modell-Definition des „vollständigen Austausches“ versucht, Gentrification als 'Kampfbegriff' gegen die Gentrificationkritik zu 'politisieren', weil es in seiner Definition eben nie einen empirischen Beleg für einen echten/abgeschlossenen/vollständigen Gentrificationprozess geben kann. Neil Smith hat die Versuche der Tabuisierung des Gentrificationbegriffs sehr schön zusammengefasst: "Gerade weil die Sprache der Gentrification uns die Wahrheit über die mit der ‘Regeneration’ der Stadt verbundenen Klassenverschiebungen benennt, ist es für Immobilienentwickler/innen, Politiker/innen und Finanzakteur/innen zu einem dirty word geworden” (Smith 2002: 445). (Etwas ausführlicher zu den ideologisch aufgeladenen Debatten siehe Holm 2008) Vermutlich unfreiwillig hast du dich mit deiner Argumentation in ein ebensolches Fahrwasser begeben. Statt ausgerechnet den Stadtteilbewegungen das „Politisieren“ vorzuwerfen (was wäre daran so schlecht, schließlich verstehend sich auch städtische Proteste meist als politische Bewegungen?) wäre es aus meiner Perspektive spannender, sich die hegemonialen Abwehrstrategien der Immobilienverwertungsblöcke gegen diese Protestbewegungen anzuschauen. Insbesondere den abwiegelnden Diskurse um die sozialen Kosten von Aufwertung zu vertuschen, kommt dabei eine zentraler Stellenwert zu. Bis weit in die akademischen Debatten hinein sprechen ja viele lieber von „Reurbanisierung" oder "Revitalisierung", um nicht das "dirty-g-word" zu benutzen. Klingt ja auch irgendwie schöner... Verdrängung scheint mir in den aktuellen stadtpolitischen Debatten eines der letzten Tabus zu sein. In den meisten anderen Bereichen ist ja eine regelrechte Schamlosigkeit von neoliberalen Positionen zu beobachten. So gibt es schon lange keine Aufregung mehr, wenn öffentliche Flächen privatisiert, Planungskompetenzen an Investoren übertragen oder Innenstädte in Einkaufszonen verwandelt werden sollen. Stadtpolitiken, für die sich Verantwortliche noch vor 15 Jahren mit erheblichen Verrenkungen hätten rechtfertigen müssen, gehören heute zum Standard. 'Verdrängung' konnte noch nicht in die Hegemonie der neoliberalen Stadtpolitik integriert werden und steht immer noch für die schmutzige Seite der Stadtplanung, an die Verwaltungen, Stadtpolitiker/innen und Investor/innen nur ungern (und leider viel zu selten) erinnert werden. Ein kritische Wissenschaft sollte sich daher nicht auf Fragestellungen beschränken, „die sich mit der Reproduktion des Lebens innerhalb der gegenwärtigen Gesellschaft ergeben“ (Horkheimer 1937/1988: 217), sondern öfter mal den Finger in die Wunden der gesellschaftlichen Widersprüche stecken. Ein soziologischer Beitrag könnte z.B. darin bestehen, die von dir beanstandeten Defiziten bei der empirischen Beschreibung städtischer Veränderungsprozessen zu schließen. Deine Vermutungen über Milieus und Lebensstile stehen leider eher für den Trend der Kulturalisierung soziale/sozialwissenschaftlicher Debatten, die in der Tendenz soziale Differenzen, Brüche und Konflikte und ihre politischen/ökonomischen Grundlagen verschleiern. Schade eigentlich, wo du dich für ein eigentlich ziemlich spannendes Thema entschieden hast. p.s. Ach ja, was schlecht daran sein soll wenn sich „Pionieren mit sozial Schwachen solidarisieren und als Verteidiger des Kiezes aufspielen“ hab ich nicht so ganz verstanden. Besser als wenn sich ihre tragische Rolle (als Motoren und Opfer der Aufwertung) in affirmativem Nichtstun ausleben würde. Es dürfen ja nicht nur die direkt Betroffenen in gesellschaftlichen Konflikten Stellung beziehen, oder? Deine Argumentation klingt ein bisschen so, als ob künftig auch nur noch Angehörige der Bundeswehr gegen Kriegseinsätze demonstrieren dürften – und dass kannst du unmöglich so gemeint haben... Literatur: Friedrichs, Jürgen 2000: Gentrification, in: Häußermann, H. (Hg.): Großstadt. Soziologische Stichworte. Opladen: Leske+Budrich S. 57-66. Holm, Andrej 2002: Stadterneuerung in Ostberlin: Wer bleibt, wer geht und vor allem warum? Prozessual bedingte Differenzierung von Beteiligungschancen an der Stadterneuerung. In: Christine Hannemann; Sigrun Kabisch und Christine Weiske (Hg.): Neue Länder - Neue Sitten? Transformationsprozesse in Städten und Regionen Ostdeutschlands. Berlin: Schelsky&Jeep, 184-205 Holm, Andrej 2006: Die Restrukturierung des Raumes. Machtverhältnisse in der Stadterneuerung der 90er Jahre in Ostberlin. Bielefeld: transcript-Verlag Holm; Andrej 2008: Vom umkämpften Raum zum umkämpften Begriff. Gentrification, neoliberale Stadtpolitik und Widerstand. In: Analyse&Kritik 526, 27 Horkheimer, Max. 1937/1988. Traditionelle und kritische Theorie. In, Gesammelte Schriften Bd. 4. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch, pp. 162-25. Koordinationsbüro zur Unterstützung der Stadterneuerung in Berlin 2009: Die Sanierung der Rosenthaler Vorstadt 1994-2009 – Prozess und Ergebnisse. Berlin: Koordinationsbüro Krajewski, Christian 2006: Urbane Transformationsprozesse in zentrumsnahen Stadtquartieren – Gentrifizierung und innere Differenzierung am Beispiel der Spandauer Vorstadt und der Rosenthaler Vorstadt in Berlin. Münster: Institut für Geographie Linde, Christian 2006: Der Wohnungsmarkt in Friedrichshain ist für ALG-II-Beziehende leer gefegt. In: MieterEcho, Zeitschrift der Berliner MieterGemeinschaft, 319/2006, 6-7 Marcuse, Peter (1986): Abandonment, Gentrification, and displacement: the linkages in New York City. In: Smith, Neil; Williams, Peter (eds.): Gentrification of the City. London: Unwin Hyman, 153-177 PFE (Büro für Stadtplanung, -Forschung und-Erneuerung) 2008: Sanierungsgebiet Kollwitzplatz 2008, Studie im Auftrag des Bezirksamtes Pankow. Berlin Slater, Tom (2006): The Eviction of Critical Perspectives from Gentrification Research. In: International Journal of Urban and Regional Research 30.4, 737-57 Smith, Neil (1979): Toward a Theory of Gentrification: A Back to the City Movement by Capital, not by People, in: Journal of American Planning Association 45(4), pp. 538-548 Smith, Neil (1996): The New Urban Frontier. Gentrification and the Revanchist City. Smith, Neil (2002): New globalism, new urbanism: gentrification as global urban strategy. Antipode 34, 427–50 Topos Stadtplanung 2008: Sozialstruktur und Mietentwicklung in den Milieuschutzgebieten von Kreuzberg (Luisenstadt, Gräfestraße, Bergmannstraße-Nord. Untersuchung im Auftrag des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin, Amt für Stadtplanung und Vermessung
Biertrinken kannst du überall... Seit gestern wissen wir, dass die Sanierung am Kollwitzplatz ein voller Erfolg für die Stadterneuerung war und das wir unser Bier künftig in Marzahn trinken sollen... So jedenfalls mein Resumee einer Veranstaltung zur Austellung "15 Jahre Stadterneuerung am Kollwitzplatz" Unter den Fragestellung “Kollwitzplatz: Aufwertung oder Gentrification?” fand am Monatg (27.04.09) eine Veranstaltung im Rahmen der Ausstellung zur Aufhebung der Sanierungssatzung im ehemaligen Sanierungsgebiet Kollwitzplatz in Berlin Prenzlauer Berg statt. Auf der Basis der abschließenden Sozialstudie von PFE diskutierten verschiedene Expert/innen und Sanierungsbeteiligte über die Einschätzung des Wandels in den vergangenen 15 Jahren. Erwartungsgemäß waren die Positionen sehr unterschiedlich und reichten von der Einschätzung einer “sozialen Stabilisierung” (Hannemann/ S.T.E.R.N.) und eines “moderaten Wandels” (Prof. Häußermann) über das obligatorischen “halbvolle Glas” (Winters/S.T.E.R.N.) und bishin zum Gentrificationbefund (ich selbst). Das Zitat des Abends landete jedoch Wolf Schulgen (Abteilungsleiter bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung): Die ganze Sanierung sei ein voller Erfolg, denn ganz offensichtlich fühlen sich die Leute hier ja wohl. Der Kollwitzplatz sei durch die Stadterneuerung zu einem lebenswerten Kiez geworden und auch Probleme mit den steigenden Mieten sind nicht wirklich dramatisch. Schließlich gibt es in anderen Gebieten der Stadt ja preisgünstige Alternativen. Wen Herr Schulgen wohin schicken will, wenns in Prenzlauer Berg mal knapp wird mit der Mietzahlungsfähigkeit, hat er uns auch verraten: “… ist die Platte denn unzumutbar? Die war doch früher auch ganz beliebt bei denen.” Mehr zulesen gibt es hier: gentrificationblog.wordpress.com/2009/04/27/kollwitzplatz-aufwertung-oder-gentrification/