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23.09.2011 | 13:05

Heilige römische Demokratie? Der Papst als Staatsmann

Demokratie ist die ewig währende, heimliche Herrschaft der Minderheiten, ohne dabei die Mehrheit wesentlich zu stören. - Ohne dieses Prinzip, gibt es keine vollgültige, keine moderne Demokratie. - Papst Benedikt bekennt sich als demokratischer Staatsmann.

I Der Ponifex als Außendemokrat  

Eine schöne Rede war es, eine kluge Rede! Eine, die auch heidnischen Philosophen und Sozialethikern der Demokratie gut angestanden hätte. Weil es aber schon länger keine solchen Philosophen und Sozialethiker mehr gibt, lassen sich solche Reden nur noch philosophische Theologen aufschreiben.

Benedikt sprach eine wesentliche staatsrechtliche und philosophische Botschaft aus und bediente sich dabei der Überzeugungen Hans Kelsens. Keine schlechte Wahl, fand ich!

Die Demokratie und ihre, aus der abendländischen Geschichte (Für den Papst fallen griechische Philosopphie, Talmud, Bibel und römisches Recht zwangloser zusammen, als für den Kommentator) erwachsene Moral der freien Gesellschaft hat eine ihrer wichtigsten Bestimmungen gerade darin, trotz des heiligen Prinzips der Mehrheitsherrschaft (Wahlen, Akklamationen, direkte Demokratie), Minderheiten immer mit zu bedenken, sie gar zu ertüchtigen und zu privilegieren.- Demokratie ist also die Herrschaft der Mehrheit, die sich selbst nie ohne die Minderheit denken kann. Sonst ist die Herrschaft gar nicht demokratisch, selbst wenn ständig gewählt wird und sogar 99,8% Mehrheiten, abzüglich einiger trottelig ungültiger Stimmen sich bildeten, oder der mediale TED mit übergroßer Mehrheit ein Verlangen ausdrückt.

Minderheiten können zwar immer zu Mehrheiten werden, aber es geht dem Papst bei dieser unbedingten und würdevollen Anerkenntnis der Minderheit, auch jener Teile, die politisch wenig Aussicht auf eine breite Zustimmung haben, gerade nicht um diese Chance. Das Minderheitenrecht ist ein Prinzip, dessen Ursprung nicht in der Antike, nicht im Talmud und auch nicht in der Bibel steht. Es stammt aus dem Geist der Aufklärung, aus dem Zeitalter der bürgerlichen Revolutionen. - Schön, von diesem Papst ein so eindeutiges Bekenntnis dazu zu hören!

Benedikt ist vorausschauend. Denn das Los einer Minderheit in der Mehrheit teilen die wenigen Katholiken, die mit dem Papst, seinen Bischöfen und Priestern den Glauben noch streng praktizieren. Sie bilden eine Gemeinschaft mit oftmals schwer verständlichen Prinzipien, die selbst jenen fremd vorkommen, die zwar katholisch getauft wurden, oft auch noch so heiraten und ihre Kinder taufen lassen, weil sie das für sozial konform und auch für romantisch halten, aber im Alltag schon lange nicht mehr katholisch leben.

Einige wenige Menschen beneiden die Glaubensfesten, bringen aber nicht den Mutwillen auf, sich von letzten Zweifeln zu trennen und so rigide zu werden wie diese. Der Zweifel und die Schwäche ist ein menschliches Gut. So manche Jahrhundertschandtat geht auf das Konto der ganz Sicheren und Überzeugten, und deren Entschiedenheit lässt nicht nur die Augen oft klein und die Münder sehr schmallippig werden, sondern häufig auch das Herz furchtbar eng.

Dabei macht es die heilige römische Kirche ihren Gläubigen im Prinzip recht einfach, denn selbst Gegensätze lassen sich vereinen, solange das Bekenntnis stimmt.

So manche zu Macht und Reichtum gekommene Menschenseele der ersten, zweiten und dritten Welt erleichtert der katholische Seelsorger privatissime, gerne und regelmäßig von jenem Seelenbalast, über das Elend direkt nebenan allzu tief nachgrübeln zu müssen. Die Trostspender der schmalen Oberschichten aus den letzten Jahrzehnten, sie sitzen heute, ob sie aus Afrika, Asien oder Lateinamerika kommen, auf den Erbischofssitzen und tragen sehr häufig den Kardinalspurpur.

Die Armen bekommen ebenfalls geistige Speisung, denn ihnen, den Armen im Geiste, gemeinsam mit den Kindern, ist das Himmelreich schon sicher, wie vor fünfhundert und vor tausend Jahren.

Zuverlässig spendet die Kirche jedermann Trost. Genau so ewig währt auch die Ungleichverteilung, die aber, so scheint es jedenfalls nach so langer Zeit, durchaus der göttlichen Ordnung entspricht.

Die Priester der Armen, die sich damit nicht abfinden wollten, sie sind in dieser römisch-katholischen Kirche buchstäblich nichts geworden und von einem hohen Amt in der Hierarchie weiter entfernt denn je. Sie dürfen nicht leiten und anweisen, nicht planen und strukturieren und vor allem kein Geld ausgeben. Nein, ganz im Gegenteil, sie müssen gehorchen und sich der Observanz aus Rom beugen.

Ist es ein Grauen oder eher eine Wohltat, dass die beiden christlichen Kirchen im Prinzip mit jeder weltlichen Machtordnung und mit jeder sozialen Schieflage ganz gut zurecht kommen können, solange das ihren Lebensnerv nicht durchtrennt? „Gott mit uns“ und nur mit uns, das gilt immer noch. Ganze Nationen fühlen sich auch heute noch prädestiniert, auch wenn sie nicht mehr vorwiegend katholisch, sondern zunehmend evangelikal zu denken lernen. Sogar ein modern anmutender, die Emanzipation und Freiheit in seiner Person verkörpernder Präsident im Weißen Haus, betont an jedem dritten Tag im Amt die Stärke seiner Nation aus göttlicher Bestimmung und Auswahl. - Aber, das ist natürlich ein Faktum, das unmöglich nur einem christlichen Würdenträger und besonders diesem Papst angelastet und vorgerechnet werden könnte.

II Bewahrung der Schöpfung und Humanökologie

Die Bewahrung der Schöpfung, die Anerkennung des Ökologie und des ökologischen Denkens, die völlige Akzeptanz der wissenschaftsgeleiteten Vernunft, als Leitschiene zu Erkenntnis in dieser Welt, das ist der zweite große Gedanke des deutschen Papstes in seiner Bundestagsrede. - Er war dazu nicht unbedingt gezwungen, denn derzeit herrscht eine gewisse Ruhe an der Front, zwischen den Wissenschaften und dem katholischen Lehramt, einmal von ein paar Steinzeit-Darwinisten abgesehen, einmal von ein paar praktischen Problemen der Biomedizin und der Gentechnik großzügig weg geschaut.

Der theologische Philosoph Benedikt- Ratzinger war so weise, die Ökologie genau da zu erden, wo vor lauter Tierliebe und Gartenfreundlichkeit, vor lauter Affenliebe zur Natur, manches Mal in Vergessenheit gerät, wer da die Schlüsselgewalt mittlerweile in Händen trägt. Bisher herrscht auf dieser Erde nur eine einzige Spezies über die Art und Weise der Ökologie, tauscht sich dazu aus, verständigt sich und bastelt am Weltbild.

Der Mensch, der selbst einer humanen Ökologie bedarf, damit in allem Können und Wollen auch noch genügend unbehauene, nicht gestaltete und einflußreich-natürliche Materie zur ständigen Erneuerung der Schöpfung übrig bleibt, ist der ökologische Adressat der Botschaft des Papstes. Er kann erkennen, was für den Erhalt der Natur, -der göttlichen Schöpfung nach Kirchenmeinung-, notwendig ist und er anerkennt den Wert dieser Schöpfung. So jedenfalls entspricht es nun dem anerkannten Ideal, auch der Kirche aus Rom.

Das ist kein völlig unbrauchbarer, sondern eher ein kluger Ansatz. Entfernt erinnert er an Teilhard de Chardins Schöpfungs- und Geschöpflichkeitsphilosophie und natürlich an Max Schelers „Die Stellung des Menschen im Kosmos“. Der polnische Papst, Ratzingers Vorgänger leuchtet da ebenfalls ein wenig durch, denn der war ein ausgewiesener Kenner der Schelerschen Philosophie und Anthropologie.

Kurzum, diese Rede ist eine mutige Botschaft unseres Papstes, die das Herz anrührt und von päpstlichem Herzen kommt.

Allein, die Sprache des Papstes, diese gezähmte und zivilisierte, diese sehr diplomatische Sprache, signalisiert auch, dass unter Umständen die "Kirche der Überzeugten und Wenigen" auch ohne eine natürliche biologische Welt, weiter an die dann einzig verbleibenden katholischen Tiefseebohrer, Manganknollensammler, Holzfäller und Genetiker glauben wird. - Die Kirche begeitet den Menschen weiterhin auf all´seinen Wegen und Abwegen, und sie segnet ihn dafür, bei Zeiten. Vorhaltungen macht sie eher jenen, die in Fragen von Ehe und Sexualität anders denken und trotzdem teilnehmen wollen an der katholischen Gemeinschaft. Vorhaltungen, wenn auch milderer Art, werden von ihr erhoben gegen jene, die die katholische Kirche nicht mehr als Universalkirche sehen.

Christen hatten in der Geschichte oftmals wenig Respekt vor der Natur. Auch nicht vor den Geschöpfen die ihnen doch einigermaßen ähnlich sahen, aber nicht bereit waren zu glauben. Es gab sogar Kirchenmänner, die das zeitig erkannten, sich aber nicht durchsetzten. - Benedikt fängt hier wahrhaftig eine neue Tradition an, beziehungsweise, er legt eine ziemlich verschüttete Tradition des Katholizismus wieder frei.

Jedoch, sein Bestreben hat bisher keine praktische Konsequenzen gehabt, so sehr man den Ernst und Mut dieses 84-jährigen Hellsichtigen bewundern mag. Die Kirche mahnt allgemein, aber nie speziell, sie nimmt nicht ernsthaft Partei gegen den Raubbau an menschlicher und sonstiger Natur. Zu viele Christen bleiben in den Raubbau eingebunden, verdingen sich und profitieren davon.

III Der katholischen Kirche fehlt eine Aufgabenbeschreibung über den Selbsterhalt hinaus

Diese Betrachtung der Rede Benedikts führt sehr schnell zu der Erkenntnis, dass sich an den realen Problemen der deutschen katholischen Kirche gar nichts wesentlich ändern wird.

Der Papst sprach als Staatsmann und bekannte sich zu einer säkularen Demokratie. Er tat das vielleicht sogar enthusiastischer als seine letzten Vorgänger im Amt. Zwei Prinzipen schienen im dabei besonders wichtig: Der Minderheitenschutz, der in wahrhaftigen Demokratien und in der Welt-UN-Ordnung viel eher ein Minderheitenrecht und sogar eine Macht der Minderheit sein muss, andererseits die unbedingte Würde der Natur und vielmehr noch, die des ökologischen Menschen in ihr.

Benedikt meint damit eine individuelle und soziale Würde des Menschen als Teil der Natur, die kein Mehrheits- oder Machtentscheid je aufheben kann. - An diesen Stellen scheint ein wenig Weltethos auf, zu dem die katholische Kirche auch nach mehr als zweitausend Jahren durchaus noch fähig ist. Die feine Stimme des greisen Papstes gewinnt plötzlich an Glaubwürdigkeit, denn auf den Minderheiten dieser Welt liegt der göttliche Segen! Das ist tiefer Humanismus, wenn er denn aus der Rede des Papstes auf die Menschheit über ginge und die eigene Kirchenhierarchie einmal beseelte, auch im Alltag so zu handeln, mit den vielfältig ausgegrenzten, den großen Minderheiten und den Schutzbefohlenen.

Die deutsche katholische Kirche steckt in einer Krise. Sie kann die geforderte Transparenz nicht ausreichend herstellen, die nötig wäre, das tiefe Misstrauen der noch Gläubigen abzubauen, sie hätten in ihrer ureigenen Kirche, als ewige Laien, über die so wichtigen sozialen und gemeindlichen Dienstleistungsfunktionen hinaus, keinen wesentlichen Einfluß. Aufklärung bleibt, selbst für Verbrechen der Kirchenverteter, in einer Demokratie und Rechtsordnung die der Papst für seine Kirche uneingeschränkt befürwortet, eine reine Hoffnung, aber sie ist längst keine durchgängige Realität!

Haben schon die Laien in den eigentlichen Fragen des Glaubens nicht viel zu sagen, so schleppt die römisch-katholische Kirche noch eine zweites Bleigewicht mit sich, das dem eigenen Anspruch, nämlich prinzipiell Kirche aller Menschen sein zu können, fundamental widerspricht.

Frauen bleiben zweite Wahl und jene Männer, die nicht so sind, wie es sich das Dogma für sie wünscht, ebenfalls. - Nicht eine einzige Frau hat heute in der katholischen Kirche Deutschlands die Stellung und Würde, die einstmals, im tiefsten, hohen Mittelalter Hildegard von Bingen, Hrosvit von Gandersheim, Tenxwind von Andernach oder der Perlenkette der Äbtissinnen des Klosters Essen-Werden zugebilligt wurde.

Wir kennen keine bedeutende Theologin der katholischen Kirche Deutschlands, keine Würdenträgerin, die in der Bischofskonferenz säße, keine Prälatin und keine Vorsteherin einer Gemeinde, deren Ruf, Predigt und Liturgie weit hinaus in die Welt, und sei es nur die jenes heimeligen Deutschlands, dränge. - Es ist damit schlimmer und verhält sich überall stummer als in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, als zumindest eine Uta Ranke-Heinemann auf sich aufmerksam machte und am fernen Horizont schon die Päpstin sah. Einst saß diese Frau fast neben Benedikt im selben Seminar der Universität München. In sozialethischen Fragen wird zwar TV-medial immer wieder von einem Namensvetter des kommunistischen „Kruzimarx“ berichtet, der auch ´mal in Trier Bischof war, aber so recht klipp und klar sind dessen Botschaften nicht, eher windelweich, eher Auslegware.

Christoph Leusch

 
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Kommentare
tlacuache schrieb am 23.09.2011 um 13:34
..."aber so recht klipp und klar sind dessen Botschaften nicht, eher windelweich, eher Auslegware"...

Dazu, lieber Christoph, fehlt, wie in anderen Blogs hingewiesen, die geschichtliche Aufarbeitung KOMPLETT...
Hier mal seligsprechen, da mal heiligsprechen, das reicht einfach nicht!
LG
Columbus schrieb am 24.09.2011 um 00:02
Ich sehe das sehr ähnlich.

Die katholische Kirche, ich würde sogar sagen, beide christlichen Kirchen, stehen vor großen Problemen, die zentral ihre Theologie und die Vermittlung des Glaubens betreffen.

Als soziale Dienstleister, als Organsisationen für Hilfen, Kindergärten und Krankenhäuser, Schulen, für Altenpflege und Sozialdienste, läuft es noch und oft sind die Kirchen Monopolisten in einer Region, fast unverzichtbar als Arbeitgeber.

Der Grund ist, das man zwar eine sorgfältige und feinstverästelte Glaubens- und Theologiegeschichte nach dem Desaster der Barbarei weiter entwickelte, in das Millionen Christen javor allem auch als Täter verwickelt waren. - Aber beide Kirchen scheuten, in einer neuen, sich wirtschaftlich prosperierend entwickelnden Welt davor zurück, die Grundfragen aus ihren eigenen Basisschriften wirklich ernst zu nehmen.

Heute ist ein Pfarrer oder Priester nicht mehr, als ein Dienstleister und er betreibt auch seine Arbeit in den meisten Fällen so. Sogar der innerkirchliche Aufstieg und die Personal-Weiterentwicklung, wird so angegangen, wie man das in einem größeren, stärker bürokratisierten Unternehmen eben auch tun würde.

Die Fragen, die der Mensch am Kreuz stellte, dessen Geschichte so weltbekannt ist, seine vorgezeigten Wunden, sein Leiden am Auftrag, sie blieben bei der Erfolgsgeschichte, die auch für die Kirchen vorweigend eine der positiven Zahlen und Daten ist, unbeantwortet.

Diese gähnende Leere im Glauben, die real genau daher letztlich keine sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen hat und hatte, außer viele Fehlentwicklungen eher zu bemänteln, sie ist von einem alten, weisen Mann so wenig in eine bessere Richtung umzulenken, wie von seinen fleißigen Zungenrednern.

Das müssten die Gläubigen schon selbst besorgen und die Kirche zu ihrer Kirche machen. - Aber wollen sie das überhaupt noch? Oder liegt ihnen nicht mehr an dem geordneten bürgerlichen Dasein, bei dem christliche Religion einfach und häufig noch dazu gehört, als Service -Betrieb, ohne allzu sehr Einfluss auf den Umgang und die Biografie zu nehmen.

Die beiden angesprochenen Kernpunkte zur Demokratie, die halte ich jedoch als Botschaft des Papstes schon in hohen Ehren, denn sie sind von überkonfessionellem und ganz säkularem Wert. Das adelt natürlich auch den Heiligen Vater aus Rom, der hier zumindest aufzeigt, er möchte positiv die ganze Menschheit im Blick haben und nicht nur seine Schafe.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Joachim Petrick schrieb am 23.09.2011 um 15:49
@Christoph Leusch

Fragen:
Bedeutet Demokratie gegenwärtig, die Behauptung von Mehrheits Votenverhältnissen, durch den Ausschluss der Vielstimmigkeit des Reichtums drohend hegemonialer Minderheiten, orzugaukeln?

Ist der Pontifex Maximus, Papst Benedikt XVI i ganz anders, kommt er nur nicht dazu?

Erleben wir mit Papst Benedikt XVI einen Jahrtausend Paradigmenwechsel, weg vom unverbindlichen Heilsversprechen des Ewigen Lebens im Himmel wie auf Erden hin zum mindestens ebenso unverbindlichen Heilsversprechen der Ewigen Ökologie des Menschen auf himmelsfernen Erden?

tschüss
JP

siehe:

www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/benedikt-xvi-ein-papst-mit-herz-ohne-hoersinn?

23.09.2011 | 15:14
Benedikt XVI, ein Papst mit Herz ohne Hörsinn?
papst_benediktxvi papstbesuch papast bundestag ratzinger vatikan kurie uno honecker berliner_mauerfall patchwork_religionen relativismus kelsen positivismus

Was ist verhängnisvoller, was befreiender, ein genwäriger Hörsturz im päpstlichen Herzen oder der Sturz des Heiligen Stuhls?

www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/mein-gott-vater-warum-redest-du-mit-so-kaltem-hauch?

22.09.2011 | 23:22
Mein Gott!, Vater!, warum redest Du mit so kaltem Hauch?
papst_benediktxvi papstbesuch papast bundestag ratzinger vatikan kurie uno honecker berliner_mauerfall patchwork_religionen

Die kaltschnäuzige Rede Papst Benedikt XVI im Deutschen Bundestag.
Columbus schrieb am 24.09.2011 um 00:22
Irgendwie hofft man doch, bei einem Papst, der zum Amtsantritt als Übergangspapst bezeichnet wurde.

Übergang ist eigentlich eine dynamische Bezeichnung, es steckt darin, etwas Altes höre langsam auf und das Neue komme bald. Diese Gewissheit des Übergangs, sie schaffte doch auch die Freiheit mehr zu wagen. - Wie das ausgeht, wenn man immer nur den Wandel predigt, aber immer wenn es zum Schwur kommt sag: "Jetzt aber noch nicht.", das erleben wir derzeit doch auf vielen Gebieten glechzeitig: Frieden im Nahen Osten, Ökologie, die erstarrte Demokratie in den europäischen Ländern, in der zumindest die etablierten Parteien ein große Koalition der gleichen Rede führen, also sich fast für alternativlos halten. Daran ändern bisher auch "Piraten" nicht viel.

In seiner Kirche und im Verhältnis zu den Protestanten wird sich durch Benedikt XVI nicht viel ändern, aber als rhetorische Instanz in der Politik und hinter den Kulissen als Mittler, z.B. im Nahen Osten, nach Osten, in Lateinamerika, in Afrika, wirkt die katholische Kirche auch heute noch, und sie sucht aktiv das Gespräch mit den Muslimen.

Die gewisse Kälte und Nüchternheit, wenn es um Politik geht und um die Prinzipien einer wahrhaftigen Demokratie schadet nicht unbedingt. Die beiden Leitideen, nämlich Mitherrschaft der wechselnden und vielfältigen Minderheiten, also mehr Demokratie wagen und eine nicht ökonomisch definierte Arbeits- und Lebenswelt, bleiben doch gültige Ideale, ebenso der ökologische Gedanke.

Grüße
Christoph Leusch
Dabularasa schrieb am 23.09.2011 um 17:28
@Christoph Leusch,

danke für den treffenden Artikel.
Sehr gerne gelesen.
hadie schrieb am 23.09.2011 um 19:55
Columbus schrieb am 24.09.2011 um 00:32
Ein Flying Circus- Witz. Der "INRI" kam gerade sogar im Polizeiruf, den ich mit schon seit Wochen vorgemerkt hatte. Da landete der Gekreuzigte im Rollkasten des Büroschreibtischs. Auf und zu, auf und zu, aber eben nicht aus der Welt und an der Wand blieb so eine hellere Leerstelle. Hochleistungsfähige Mobiltelefone, jene Smart-Phones, gab es zu Dutzenden. - Jetzt gehe aber endlich einmal einer ran!
Grüße
Christoph Leusch
luggi schrieb am 23.09.2011 um 22:45
Ein schönes Zerrbild ... und so wunderbar unausgewogen.
Ich finde es immer wunderbar, wie Befürworter dieses Römisch-katholisch-feudalistischen Franchisesystems begeisternde Sätze für diesen menschenverachtenden Dogmatismus finden.
Und.
Ich finde es mehr als sonderbar, dass Staatsrepräsentanten, die bei bestimmten Staaten nicht ohne Unterlass Kritik an nicht zugelassener Meinungsfreiheit zelebrieren, ein Staatsoberhaupt eines undemokratischen Zwergstaates empfangen, dessen Römisch-katholische Furie seit Jahrhunderten Kritiker bis hin zum martialischen Ableben unterdrückt hat.

Die RKK ist dann in der Gegenwart angekommen, wenn auch ein kleines Arschloch Papst werden kann ... aber dann wäre die RKK etwas Gans anderes.
luggi schrieb am 23.09.2011 um 22:51
Huch, damit nicht Miss Verständnis sich einloggen muss ... also -> das von Moers.
Columbus schrieb am 24.09.2011 um 00:53
Also in die Theologie mische ich mich nicht. Da habe ich keine Ahnung. Aber bei der Anzahl der Päpste seit Sankt Peter, waren auch einige darunter, die heute entweder Comicgeschichtenerzähler wären, Banker, Kriegsherren, Philosophen, reiche Liebhaber von Knaben und jüngeren Männern, Sportler, Moderatoren und Journalisten, oder eben ganz große A****.

Befürworter und so viele: Ja, das erscheint auch mir wunderbar. Aber es ist Realität und gegen die muss sich erst einmal etwas Neues, Besseres durchsetzen.
Manches Mal schafft die Zeit neue Realitäten, in dem z.B. schiefe Türme einfach umfallen (u.U. in Frankenhausen), die Natur eine Bewährungsprobe sendet, oder aber die Befürworter endlich ernsthafte Änderungen wollen.

Schönes Wochenende
Christoph Leusch
luggi schrieb am 24.09.2011 um 21:56
Wir sollten die RKK von dieser Zwangsneurose befreien, nur einen Papst besitzen zu dürfen.
Hallo ihr Katholiken. Ihr benutzt doch trotzdem Kondome, vögelt nicht in der vorgegebenen Stellung, geht fremd oder in den Puff, betreibt Gliedermassage mit nachfolgender Entpannung, ihr hasst die Nächsten und umgarnt eure Feinde, ihr tötet in Gottes eigenem Land und in den Ländern anderer Götter und, und, und. Hey, schafft euch die Päpste, die euch bedienen ... Konkurrenz belebt das Geschäft ... oder glaubt jemand, dass die Religion im Kapitalismus nicht zur wohlfeilen Ware verkommen ist? Selbst Bettelei macht die Kirche reich und lässt über deren Höhen jeden ehrlichen und unehrlichen Bettler erblassen (der unehrliche Bettler gibt vor, an Gebrechen zu leiden).

Schöne Wochenende auch.
l wie luggi
Hans Hirschel schrieb am 24.09.2011 um 09:54
Schön und gut, doch was ist an einer Ökologie des explizit "noch genügend unbehauenen, nicht gestalteten" Menschen human(istisch)? Auch die banale Erkenntnis, dass 'no human body perfect' ist und also irren kann (außer natürlich der Papst), ist Ergebnis des humanistischen Behauens und mit Voraussetzung 'ökohumanistischer' Gestaltung des menschlichen Stoffaustausches (miteinander und der uns umgebenden Natur).

Aber human im Sinne von mitmenschlich und auch im Hinblick auf die Wechselwirkungen mit der uns umgebende Natur (soweit beeinflussbar) vorausschauend Rücksicht nehmend wird der gesellschaftliche Stoffaustausch durch dies ermöglichende Mitgestaltundmöglichkeiten. Wer dahin gehend für Frischluft sorgen möchte, sollte die Fenster der menschlichen Ökologie in Richtung eines globalen Nachhaltigkeitsmanagement (auf Basis all überall verfasster Nachhaltigkeitsstrategien) aufreißen - und nicht zuletzt auch im bereits gültigen eigenen Verantwortungsbereich damit voran gehen.

Gruß hhirschel
hhirschel.wordpress.com/okomarx/okologischer-humanismus/
Columbus schrieb am 24.09.2011 um 18:51
Lieber Hans Hirschel,

Es verhält sich damit vielleicht so, wie in Analogie mit den Erinnerungsspeichern der Menschheit.

Ich beobachte derzeit häufig, dass sogar meine eigenen Kinder sagen, wozu soll ich wissen was es mit den Pfahlbauten auf sich hat, wie alt die ägyptische Kultur ist und was sie ausmachte, wer Amerika besiedelte, was tief unter dem Boden des neusten Otto-ICE Einkaufscenters lag, bevor für dessen Fundamente alles abgeräumt wurde.

Ähnliches äußern sie manches Mal über die Natur.
Aber dann stehen sie plötzlich auf einer Lichtung und sehen was, das sie wieder staunen lässt. Diese Momente der Lichtung gibt es manches Mal sogar mitten in der Stadt.

Neulich, an einem eher trüben Tag, stand ich im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, das gerade "20 Jahre Gegenwart" feiert und schaute nach draußen. Auf einem Betonabsatz waren seltsame runde Placken zu sehen, die sehr kunstvoll wirkten. Ich hielt sie, nach all´ den Exponaten im Bau, für eine Erweiterung des Kunstraumes. Es waren Flechten, 10, 15 Meter über der Nullebene.

Also, die Natur wie sie ist, wäre schon als Gegen-Stand, als Widerstand, als unerschöpfliche Vielfalt, die wir doch in den meisten Fällen, aus Gründen der Praxis und des Geschäfts über Kaskaden an Reduktionsschritten klein und handelbar machen, schon unbedingt nötig.

Es gibt allerdings bemerkenswerte Ausnahmen, auf die zu selten hingewiesen wird, und die definieren sich aus der Entwicklung kleinteiliger Kultur-Naturlandschaften, in denen der Mensch über Jahrtausende, eher unbewusst, aber nicht ungeplant, die Vielfalt sogar stärkte, bevor er nun daran geht, sie wieder zu reduzieren und damit diese Landschaften zum Verschwinden bringt.

Der ökologische Gedanke beinhaltet doch auch, dass in der Biologie, jedenfalls in der frei entfalteten, ein Maß an Ungerichtetheit herrscht. - Ich stelle mir das jedenfalls so vor, dass auch ein 84jähriger Papst genau das als ablesbare Botschaft anerkennt, auch wenn er es in einen Schöpfungszusammenhang bringt, in der die Tätigkeit des Schöpfers letztlich weder rational erklärbar, noch auf einer direkt einsehbaren Ebene als wirksam, beobachtet werden kann. Dafür ist er Christ und bleiben andere, so auch ich, Atheisten.

Die "ungerichtete Zuchtwahl", -ein wenig ist es eine krumme Vokabel, aber sie erinnert an Darwin-, ist eben nicht das Planwerk aus Menschenhand. Die Sprache verdarb da manchen klaren Blick.

Liebe Grüße
und weiter, weiter
Christoph Leusch
Hans Hirschel schrieb am 30.09.2011 um 09:28
Nicht dass ich Spontanvegetation (pflanzliche wie menschliche!) nicht zu schätzen wüsste. Im Gegenteil! In meiner Umgebung hat gestern der - 4 Millionen Euro teure - Umbau eines lange vernachlässigten kleinen Parkes begonnen, der den täglichen Weg zwischen zwei belebten (mehrspurigen) Durchgangsstraßen zu einem Ur-Vergnügen gemacht hatte. Von Außen wie eine grüne Wand wirkend und innen mit Efeu umrankten Bäumen und Buschwerk an den Wegrändern mit lauter mannshoch gewachsenen Eiben. Der Park kühlte, war ein guter Feinstaubschlucker und hatte an der Stelle etwas Verwunschenes. Er sorgte mit dafür, dass ich mich in Berlins Moabit heimisch fühlte.

Jetzt ist er mit Metallgitter umzäunt und die Herrichtung zu einer "urbanen" Grünanlage hat begonnen. 100 Bäume werden zugunsten von mehr Licht gefällt, sprich: zugunsten einer sich ungehindert ausbreitenden Sommerhitze. Eines eingebildeten Sicherheitsgefühls wegen werden krumme Wege begradigt ("Wer nicht bis zu Ende gucken kann, traut sich nicht rein" heißt es. Dabei ist hier noch nie etwas passiert. Es sollten lieber übergriffige Verwandte und Bekannte mit Narrenschellen versehen werden) . Die Ränder werden also entstrolcht, Buschwerk soll es dort fortan nur noch in vereinzelt stehenden betonierten Hochbeeten geben. Licht (Sommerhitze) soll den dann wieder (zulasten der Bezirkskasse!) gepflegten Park durchfluten und sich das Ganze "zum Stadtraum hin öffnen". Wie gesagt: zwei stark befahrene, mehrspurige Durchgangsstraßen! Man wird in Zukunft also endlich wieder von einer zur anderen Straße gucken und vor allem hören können. Wunderbar. Und ob die Jugendlichen, die durch allerlei Spielgeräte für Erwachsene aufs Gelände gelockt werden sollen, den Park wirklich sicherer machen?
Nein, das weltkommunistische Miteinander soll die Spontanvegetation nicht töten sondern ermöglichen. Aber dafür brauchen wir einen Wandel vom planlosen Füreinander zum gezielten Miteinander. Wir dürfen uns nicht länger von der unbehauenen Naturgewalt Kaptalismus beherrschen lassen.
Columbus schrieb am 30.09.2011 um 12:08
So ist es. Stadtverwaltungen haben vor Bäumen mehr Angst, als vor Menschen und ein erheblicher Teil der Stadtbürger vor der nicht einsehbaren Natur. Das nennt sich Verkehrssicherungspflicht.

Korrekt müsste man sagen, die Stadtbürokratien und Rechtsämter, sie haben beim Gedanken an die Anwälte eventuell Geschädigter das Zittern. Denn die wollen für Sachen und Personen Regress.

Begründung: In der Stadt und in deren Anlagen, müsse ein Mensch für sich, bzw. für sein Auto in den meisten Fällen nicht selbst Vorsorge tragen (nicht unter einen Baum stellen), das müsse die Stadt für ihn erledigen und könne sich auh nicht durch Warnhinweise davon freistellen.

Diese Haltung bedeutete den Tod der meisten Pappeln und ganz vieler Allee und Parkbäume. Jene die stehen blieben, sehen nachher aus wie umgekehrt aufgestellte Rasenrechen, jene die weg kamen, wurden durch pflegeleichte Flächen ersetzt. - Und wehe, die Kommune ist klamm und kann nicht jährliche Prüfungen nachweisen. Das treibt die Baumchirurgie zur Höchstform, dann wird amputiert und gefällt.

Grüße
Chrsitoph Leusch
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