Kathrin Zinkant

Blog von Kathrin Zinkant

15.06.2010 | 00:22

Öl: Just move the Mississippi!

Es gibt interessante Neuigkeiten mit Blick auf die Deepwater Horizon-Katastrophe. Während aus dem knapp bedeckten Leck am Meeresgrund weiterhin eine kaum mehr zu quantifizierende Menge Öl ins Wasser strömt (hier liest man, es seien nach dem gescheiterten Top Kill-Versuch mindestens noch 25.000 Barrel am Tag, also gut 4 Millionen Liter) beginnt am Ufer Phase zwei der Drecksarbeit, und wie es sich für Katastrophen gehört, gibt es immer ein paar findige Leute, die noch Kapital aus dem Elend zu schlagen wissen.

Dank dieser besten Absicht hat sich wohl auch ein Schweizer „High-Tech-Unternehmen“ mit dem verwegenen Namen "HeiQ" selbst übertroffen, und binnen weniger Wochen eine Zauber-Chemikalie entwickelt. Mit dieser Tunke der Hoffnung wird Vlies präpariert, das sich nachgerade in einen perfekten Ölstaubsauger verwandeln soll  - eine Art Zewa Wisch-und-Weg für Tankerhavarie und Langzeitölpest gleichermaßen, und sicherlich ein Produkt der Zukunft, denn wer wird denn glauben, dass Deepwater Horizon einen Wendepunkt für die Ölwirtschaft darstellt?

Das Öl kann man übrigens hinterher aus dem Vlies extrahieren und vermutlich umgehend für die Herstellung von neuer Zauberchemikalie verwenden, deren Formel natürlich geheim ist. Für das dauerverpestete Nigerdelta würde sich das sicher auch eignen, ist nur ein bisschen teuer, solange der Eurokurs nicht völlig einbricht – 5 Euro pro Meter, rechnen die Erfinder, und da fühlt man sich doch gleich an Big Pharma erinnert, die patentgeschützte Medikamente bisweilen lieber für teures Geld in den Industriestaaten verticken, als vielen Menschen das Leben zu retten.

Aber zurück zum Öl: In den USA zahlt bekanntlich BP die Zeche, da passt die Regierung genau auf. Vergangene Woche wurde der Ölriese weitere Male ermahnt, die Forderungen der betroffenen Menschen und die Kosten der Umweltreinigung zu begleichen. Und gerade die letzteren könnten noch richtig deftig ausfallen, denn Obama hat angeblich einen irren Plan. Damit die Feuchtgebiete an der Flussmündung auch nur im Ansatz gesäubert werden können, will der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika einen der größten Flüsse der Welt umleiten.

Das zumindest hat ein amerikanischer Historiker und Politikexperte offenbar auf CNN behauptet und mehrfach betont, es handle sich hier um keinen Scherz, sondern um den Teil eines „gulf recovery act“, der gerade auf Rechnung von BP vorbereitet wird. Und auch wenn den Mann alle für verrückt erklären, und die Idee sicher besser klingt als sie tatsächlich für die Rettung der Umwelt wäre, so erscheint eine derart ausgeflippte Nummer doch durchaus amerikanisch. Eine Nation, die glaubt, sie müsse in 1500 Metern Tiefe in der Erdkruste herumstochern, glaubt wahrscheinlich auch, dass sie den Mississippi aus seinem Bett heben kann.

(Den Hinweis auf die Flussgeschichte bekam ich von unserer Autorin Julia Groß, die Links zur NZZ und zum Brief hat mir meine Kollegin Gina Bucher geschickt. Vielen Dank!)

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 15.06.2010 um 09:14
Ja, diese Ölbohrungen müssen halt auf jeden Fall weitergehen ! Und da muss man schonmal beweisen, dass so eine Katastrophe eben auch in den Griff zu kriegen ist ! Alles halb so schlimm: das Öl wird mit einer geheimnisvollen Chemiemischung(die natürlich der Umwelt überhaupt nicht schadet !) wieder aufgesogen und Flüsse lassen sich ja schließlich umleiten ! Jetzt darf man halt erstmal nur in 150 m Tiefe bohren,ließt man. Wenn da was passiert ist das schonmal garkein Problem. Man hat ja jetzt die Erfahrung ! Außerdem kann man ja auch immer noch Atombomben zünden, wenns doch alles nicht so klappt.
poor on ruhr schrieb am 15.06.2010 um 11:34
Mit Interesse glesen. Wahnsin das das mit dem Mississippi. Ich kann mir das irgendwie gar nicht richtig vorstellen! Sollen das Kanäle gegraben werden?
poor on ruhr schrieb am 15.06.2010 um 11:35
Mit Interesse gelesen. Wahnsin das das mit dem Mississippi. Ich kann mir das irgendwie gar nicht richtig vorstellen! Sollen das Kanäle gegraben werden?
Ludwig Hasselberg schrieb am 15.06.2010 um 11:56
"Just move the Mississippi, stupid!"? ;)
Magda schrieb am 15.06.2010 um 13:08
Ganz verrückt ist es nicht und auch ganz neu nicht.
Die Idee mit umgeleiteten Flüssen taucht immer mal wieder auf:
In den 80er Jahren wollten sie die sibirischen Flüsse Ob und Lena umleiten, weil so die Steppe fruchtbar und der Aralsee, der kurz vorm vertrocknen war hätte wieder aufgefüllt werden können.

Aber das Projekt wurde verworfen wegen der Unberechenbarkeiten für die Umwelt.

www.spiegel.de/spiegel/print/d-13526474.html

Der Aralsee trocknet also weiter aus und inzwischen sieht es so aus:

www.geolinde.musin.de/raummenschnatur/aralsee/aral1.htm

Na und in China haben sie ja auch im Zusammenhang mit diesem Drei-Schluchten-Staudammm den Yangtse von Süden nach Norden umgeleitet. Die Konflikte darum gingen breit durch die Medien, weil viele Leute ihre Heimat und Häuser verloren.

www.china-entdecken.com/Heute3.htm
Deaktivierter Nutzer schrieb am 15.06.2010 um 14:17
Verrückt ist es schon, auch wenn die Verrücktheit schon lange währt und ,wie es aussieht, der Machbarkeitswahn bis zum Ende durchgezogen wird !
Kathrin Zinkant
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