Kathrin Zinkant

Blog von Kathrin Zinkant

15.07.2010 | 16:14

Öl: Wahnwitz folgt Wahnsinn folgt Wahnwitz


Die Medien kommen derzeit kaum noch hinterher, wenn es um die vielen neuen Wendungen im Fall Lochstopfung am Meeresgrund im Golf von Mexiko geht. Fast zeitgleich ist gerade von einer neuen Lösung des Ölproblems die Rede, von deren Scheitern, von Problemen mit einem Test.... Was passiert da bloß? Über mehr als vier Wochen konnte BP einen kleinen Teil des ausströmenden Öls über einen Aufsatz einsammelt, der nach zahlreichen Missgeschicken am 4. Juni in Position gebracht worden war. Am vergangenen Wochenende haben die findigen Techniker von BP diese Kappe durch eine neue ersetzt. In der neuen Ausgabe der ZEIT nennt Martin Klingst sie eine "wesentlich wirksamere Auffangglocke". Sie soll das Leck bis zur endgültigen Schließung abdichten. Klingt vernünftig, soweit.

Wir haben es hier bloß mit einem Leck zu tun, das seit mehr als 80 Tagen vor sich hin sprudelt und zwar in 1500 Metern Tiefe und unter physikalischen Bedingungen, die jeden direkten Eingriff von Menschenhand ausschließen, was einer der Gründe dafür sein dürfte, dass bisher jede andere versuchte Zustöpselung gescheitert ist, und auch das neue Experiment läuft bisher nicht nach Plan. Im Gegenteil. Es könnte jeden Teilerfolg und die finale Lösung des Problems durch die Entlastungsbohrung komplett verhindern und die Katastrophe in eine Superkatastrophe verwandeln.

Wieso? Eine richtig gute Beschreibung der Problemchen, die dieser neue 80-Tonnen-Deckel mit sich bringen kann, gibt der "science guy" von CNN zum Besten – mit dem Verweis auf das, was unterhalb des Lochs ist: Eine Leitung, die weitere vier Kilometer in die Tiefe reicht, bis zur Ölblase selbst. In welchem Zustand diese Leitungen nach dem Untergang der Bohrinsel vor knapp drei Monaten sind, weiß niemand. Am oberen Ende jedenfalls wurde heftig herumgesägt, ein Roboter blieb stecken, außerdem fand bereits der Versuch statt, Müll in die Öffnung zu pumpen, was seinerseits seine Spuren hinterlassen haben dürfte.

Wenn die neue "Hoffnung", wie sie in den Zeitungen genannt wird, nun den Betrieb aufnimmt, dann wird der Druck auf die Rohre wachsen, und zwar enorm. Falls sie dem nicht mehr standhalten, könnte das zum einen am oberen Ende zu einer Vergrößerung des Lecks führen. Weiter unten könnte der Druck die Enlastungsbohrlöcher zerstören, die fast am eigentlichen Bohrloch angekommen sind. Das Gestein um diese Löcher ist immerhin nicht massiv.

So. Und das alles nun wenige Wochen, bevor die halbwegs vertrauenswürdige Arbeit an den Entlastungsbohrungen beendet ist. Warum, BP? Hätte es zu lange gedauert, nämlich bis nach dem 27. Juli, wenn die Bilanzen auf dem Tisch liegen müssen und es um die Firmenexistenz geht? Oder werden am Exempel nun allerlei Methoden für künftige Desaster ausprobiert, die ja leider nicht auszuschließen sind, selbst wenn Obama das am Mittwoch verabschiedete, neue Moratorium für Offshore-Bohrungen dieses Mal dauerhaft durchsetzen kann?

Der ehemalige Umweltminister und UNEP-Direktor Klaus Töpfer sagt in einem leider sehr kurz geratenen Interview mit der ZEIT, dass die Förderrisiken auch in der Arktis steigen werden. Unsere Autorin Julia Groß hat sich das für die aktuelle Freitag-Ausgabe schon mal angeguckt: Sie berichtet von einer neuen Förderanlage in der Prudhoebay, drei Kilometer vor der Küste Alaskas. Offshore also, aber vom Moratorium ausgenommen, weil die Anlage auf einer künstlich angelegten Schotterinsel thront. Aber das ist nicht die einzige Besonderheit: Die Bohrung selbst ist die wohl aberwitzigste, die es bislang gab. Es gibt keine Erfahrungen mit dieser Technik. Die Risiken sind schwer einzuschätzen. Der Betreiber heißt im Übrigen: BP.

 
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Kommentare
Technixer schrieb am 15.07.2010 um 16:30
So langsam glaube ich die Menschen werden es sowieso nicht lernen. Erst wenn die Sch**** so richtig am kleckern ist. Vielleicht wäre es also notwendig dass die Leitung explodiert und nichts mehr zu machen ist. In einigen Zukunftsfilmen ist ja die Erde nur noch ein leerer ausgebrannter Müllhaufen. "Mehr mehr mehr" sprach der Aktionär, als er nach Rendite krähte...
Wachstum, Wachstum über Alles, ist doch die Devise koste es was es wolle.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 15.07.2010 um 17:48
Dieses Bohrlochdesaster wird wohl üblere Folgen haben als seinerzeit Tschernobyl. Aber erstaunlicherweise scheint es nur relativ wenige Menschen zu berühren. Ein paar ausgefallene Bahnklimaanlagen inklusive der hierzulande üblichen wohlfeilen Anklagen sind zumindest in den Medien wichtiger.

Paßt irgendwie zum Thema:In den USA hat eine staatliche Behörde festgestellt, daß die Toyotas nicht wegen eines Konstruktionsfehlers, sondern mit allergrößter Wahrscheinlichkeit wegen tausendfacher, schlichter Fehlbedienung beschleunigt haben.

Wissen "wir" noch, was "wir" tun?

Was schreiben denn die Bohrloch-Anliegermedien?
Wie reagieren z.B. die Karibik-Kreuzfahrer?
Magda schrieb am 16.07.2010 um 13:06
"Ein paar ausgefallene Bahnklimaanlagen inklusive der hierzulande üblichen wohlfeilen Anklagen sind zumindest in den Medien wichtiger."

Na sicherlich und manchmal denke ich, damit die Leute sich nicht für das interessieren, was viel gefährlicher ist.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 15.07.2010 um 18:00
Na wunderbar!
Lee Berthine schrieb am 15.07.2010 um 18:16
Es klingt verzweifelt hilflos und fast dilettantisch, wenn zum Beispiel versucht wurde, "Müll" ins Bohrloch zu stopfen...
Die technischen Probleme in 1500 m scheinen unüberwindbar und scheinbar war weder BP noch sonstwer auf so eine Notsituation vorbereitet.

Etwas Hoffnung setze ich in Methoden, das Öl nachträglich aus dem Meer abzuschöpfen und zu filtern:

"05.07.2010 16:54
Tests on Gulf oil 'superskimmer' inconclusive -TMT

NEW ORLEANS, July 5 (Reuters) - Tests on a supertanker adapted to skim large quantities of oily water from the surface of the Gulf of Mexico are inconclusive because of high seas, ship owner TMT Shipping Offshore said on Monday.

Tests on the so-called 'super skimmer', which if it works could greatly boost efforts to clean up the BP Plc oil spill, were supposed to be completed on Monday but have been extended because of the weather, said spokesman Bob Grantham.

(Writing by Matthew Bigg, editing by Stacey Joyce)

Copyright Thomson Reuters 2010.
mh schrieb am 15.07.2010 um 21:42
der fairnishalber sollte man zur kenntnis nehmen:

BP: "very encouraged" that no oil flowing into gulf

mfg
mh :D
h.yuren schrieb am 15.07.2010 um 22:40
ja, liebe kathrin, was interessiert uns das leck da am andern ende der welt? es hat doch hoffentlich gar nichts mit unserer ökologischsten lebensweise zu tun.

fliegen etwa seit 3 monaten weniger teutonen durch die luft?
haben etwa die autobauer sogleich ihre lehren gezogen und verbrauchsarme karren gebaut?
sind nicht längst die aus öl produzierten und die meere vermüllenden plastiktaschen und -tüten verpönt und verboten?

wir gaffen ja bloß. wie das liebe rindvieh, wenn auf der straße mal wieder was passiert ist.

wie lange noch können wir gaffen, wenn die nächsten bohrinseln explodiert sind? denn es wird natürlich weitergebohrt in der tiefsee. und es werden natürlich die erdölreserven schrumpfen und zu immer riskanteren ausbeutungsformen führen.
warte, warte, nur ein weilchen...
Technixer schrieb am 15.07.2010 um 23:26
Es wird einem der Konsum auch von Kindesbeinen an eingetrichtert. Gibt es denn in den Lehranstalten (Kindergärten, Schulen) die Vermittlung ökologischer Lebensweisen, Nö!

Solche Sprüche wie "Haste was, biste was." und "Mein Haus, mein Auto, meine Jacht." kommen doch nicht von ungefähr.
Die milliardenschwere PR und Werbeindustrie setzt doch alles daran, dass westliche Konsumschema in die neuen Boomländern (China) zu transportieren. Gerade erst stand in der FTD, das BMW seine Gewinnprognosen in die Höhe geschraubt hat und zwar vor allem im Bereich der Oberklassewagen. Hier in den gesättigten Märkten der Industrieländer sind ja keine hohen Wachstumsraten mehr zu erzielen.

Es sind ja gesetzte Konsumzwänge die unterbewusst wirken, auch wenn wir wissen wie schädlich unser Verhalten für die Umwelt ist.

Wenn überhaupt kann eine Wende nur von denjenigen eingeleitet werden, welche das Kapital haben und somit auch die Macht Veränderungen durchzusetzen...
claudia schrieb am 16.07.2010 um 06:04
>>Wenn überhaupt kann eine Wende nur von denjenigen eingeleitet werden, welche das Kapital haben und somit auch die Macht Veränderungen durchzusetzen...<<
nur nützen die ihre Macht eben gerade zur Profitsteigerung. Sonst könnten sie die Macht ja auch abgeben.

Wirkliche Lösungen kamen noch nie von den Verursachern der Probleme. Politiker kaufen und dem Volk Propaganda ins Hirn zu scheissen ist einfach kostengünstiger.

Solange, bis wir die Machtverhältnisse ändern.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 16.07.2010 um 00:14
So'ne pessimistischen Einschätzungen. Wenn wir endlich den Iran "befreit" haben, haben wir genug Öl. Und BP hätte alle seine Quellen zurück. die es 1954 mit aktiver Hilfe des CIA bei Putsch vom demokratisch gewählten Präsidenten Mosagedeh haben wollte. Dann können Deepwater-Horizon und BP getrost auch die paar Millionen Liter einfach den Fischen da im Golf, im amerikanischen, überlassen.. Is wie Tom Waits mal sagte: "life is a bitch, wait till you marry one."
claudia schrieb am 16.07.2010 um 05:54
>>Dieses Bohrlochdesaster wird wohl üblere Folgen haben als seinerzeit Tschernobyl. Aber erstaunlicherweise scheint es nur relativ wenige Menschen zu berühren. Ein paar ausgefallene Bahnklimaanlagen inklusive der hierzulande üblichen wohlfeilen Anklagen sind zumindest in den Medien wichtiger.<<
Das passt doch sehr gut zusammen:
Eine Verkehrstechnik, die 800 Leute sehr viel energieeffizienter transportieren kann als 800 Strassenkutschen, hat mangelhafte (und für den Hersteller hochprofitable) Klimaanlagen und kommt deswegen nicht infrage. Nie war die kaputte Klimaanlage so wertvoll wie gerade jetzt...
Kathrin Zinkant schrieb am 16.07.2010 um 06:23
Deutschlandradio Kultur am frühen Morgen: Das Ventil ist zu und rstmals seit fast drei Monaten fließt kein Öl mehr aus dem Loch in 1500 Metern Tiefe, heißt es in den Nachrichten. Man dürfe nun hoffen - aber nicht jubeln. Es bleibe abzuwarten, ob die neue Installation dem Druck "standhält".
Lee Berthine schrieb am 16.07.2010 um 08:41
Ja, Kathrin, gestern abend habe ich den Spätnachrichten dasselbe gehört und konnte es kaum glauben.
Sie zeigten die Aufnahmen der unter Wasser installierten Kamera, und tatsächlich: kein Öl war mehr am Sprudeln zu sehen.
Kann sowas gefaked sein?
Ich hoffe, nicht.
hibou schrieb am 16.07.2010 um 06:27
verstehe eure ironie schon, "après nous le déluge"? aber als einzige zeigt claudia auf, wie es ginge.......
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