manstruator

berliner bildungs bürger

05.07.2009 | 13:11

Wie bespitzelte Bürger zu Piraten werden

Schon wieder neue Nachrichten die Bildung der Piratenpartei betreffend. Ganz klein fing es an. Das Dauerthema Downloads war in aller Munde. Dann das ewige Hin- und Her um die Vorratsdatenspeicherung und die Frage, was nützt das ganze schöne Geld, eine umfassende Erhebung unserer Telekommuniketion zu machen, wenn dabei für den Bürger eigentlich nichts herauskommt? Dann die zunächst gestoppte Nackt-Durchleuchtung an Flughäfen, die lediglich bei den "Zöllnern" Spaß gefördert hätte, nicht aber bei den Reisenden. Dann die Wohnraumüberwachung für irgendwie geartete Verdächtigkeiten des Terrorismus beim Normalverbraucher. Dann die auf dem bornierten Glauben beruhende Internetzensur, mit einer Stoppschildaktion könnte man Schlimmes verhüten. Hat man das wirklich? Immerhin werden jetzt alle Bürger erfasst, die - warum auch immer - auf eine verbotene Seite treffen. Heute können Normalos mit einem Strafverfahren rechnen, wenn es eine sogen. Kinderpornoseite ist, in ein paar Monaten könnte es vielleicht schon krachen, wenn SIE bei Google "Leyensches Leiden" eingeben.

Wo es auf jeden Fall schon gekracht hat, ist der Fall des ehemaligen SPD-Abgeordneten Tauss, bei dem man wegen seiner Ermittlungen zu einem Kinderpornoring gewisses Material auf dem Rechner fand. Ist das nicht irgendwie krank? Infolge dessen verliess diese gute Mann die SPD und sitzt jetzt bei der Piratenpartei. Was würden SIE tun, wenn sie auf solche Art in die Schußlinie geraten? Naja, nicht unbedingt das politische Mandat oder den Job abgeben - dies hat ja nicht jeder - aber sonst? Stimmen SIE dann auch noch fleißig bei den Wahlen dazu ab, dass vom Staat oder von Privatfirmen bezahlte Voyeure bequemer in IHREN Kochtopf kucken können? Ich mache das nicht. Ich fühle mich bei solcherart Bürgerfeindlichkeit getrieben, eher zum sogenannten Piraten zu werden, "widersätzlich" meine Rechte in Anspruch zu nehmen, über den Tag hinaus für die Zukunft, sprich: WAS TUN gegen die Arroganz, die für immer mehr Einschränkung unserer privaten Sphäre sorgt.

Die Besonderheiten, die in der Frage liegen, was also Privatheit im Kapitalismus bedeutet, habe ich bei Michael Jäger in seinen ausführlichen Abhandlungen gelesen.  Nun - es ist heutzutage nicht mehr egal, welche Position der Bürger dazu hat, denn mit den zunehmenden Bevormundungen resultiert ein Mangel an Privatsphäre und Vertraulichkeit. Dieser gefährdet unsere Gesellschaft. Menschen, die sich ständig beobachtet und überwacht fühlen, können sich nicht unbefangen und mutig für ihre Rechte und eine gerechte Gesellschaft einsetzen. Eine solche Gesellschaft will ich nicht. Das will auch die Humanistische Union e.V. nicht, das will auch  die neugegründete DiePARTEI aus Bayern (Frau Pauli!) nicht - und so weiter. Wollen sie so etwas? Befürworter dieser Haltung finden sich zur Zeit beim Kreis gegen die www.vorratsdatenspeicherung.de" target="_blank">Vorratsdatenspeicherung ein, wobei sich bereits zu den Europawahlen ein interparteilich zentraler Arbeitskreis etabliert hatte, der uns gestattete, nachzulesen, welche politische Träger für welche Überwachungsmaßnahmen stimmte.

Aber wieso kommt das immer wieder so hoch? Eine endlose Folge von widerwärtigen Versuchen von Einmischung prasselt auf uns nieder. Renitent betrachen es scheinbar bestimmte Teilhaber des politischen Lebens geradezu als ihre Pflicht, Bürgerrechte als Entscheidungsmasse zu benutzen und damit gesellschaftsweit die Aushöhlung von Grundrechten voranzutreiben.

Da kann es nur billig sein, wenn sich Bürger in einem Förderkreis oder anderswo für ihre verfassungsmäßig garantierten Rechte einsetzen. Und nicht nur das. Der Bürger tut dies nicht, weil er sein Ansehen als Minister stärken muß oder sonstwie Langeweile hat. Er tut es in einer Art ZUr-WEhr-SEtzung, weil er dazu getrieben wird - allein oder gemeinsam - auch mit Hilfe der Piratenpartei.

Hierzu der Blog von jfenn 

 
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Kommentare
manstruator schrieb am 05.07.2009 um 15:46
Michael Jäger schrieb am 06.07.2009 um 14:20
Ich sehe in dem von Ihnen umrissene Problemfeld eine wichtige Konkretisierung der Überlegungen in meinem Blog, auf das Sie verweisen. Ich hatte ja nur unterschieden zwischen der rechtlich geschützten Privatheit des Kapitals - was dabei geschützt wird, ist die Freiheit des bornierten Individuums, sich rücksichtslos zu expandieren - und der Privatheit, die von nicht bornierten Individuen zum Kampf für eine bessere Solidarität genutzt werden kann. Von der letzteren Privatheit schrieb ich, auch sie werde meistens geschützt, wenn auch mit eingebauten Erschwernissen. Nun gibt es in der Tat die Tendenz, diese Privatheit immer mehr zurückzunehmen, und je mehr der Politik das gelingt, desto mehr bleibt nur noch die kapitalistische Privatheit übrig. Mit Recht schreiben Sie, daß der Kampf gegen die unsolidarische Kapitalprivatheit durch jene Tendenz erheblich erschwert wird, weil eben die Bürger sich bei jedem noch so kleinen Wagnis, nicht stromlinienförmig zu sein, bedroht fühlen müssen. Und da ist es wirklich besorgniserregend, wie die Überwachungsstrategie sich jetzt an der Kinderpornosache festmschen kann. Ein bißchen fühlt man sich nämlich an die Nazi-Zeit erinnert: Da häuften sich auf einmal die Fälle von Homosexualität in Klöstern, die Zeiungen waren voll davon, und welch ein Zufall, wollte man nicht sowieso - aus ganz anderen Gründen - gegen die Kirchen vorgehen?
manstruator schrieb am 11.07.2009 um 22:19
Ja, die Zuordnung einer "Expansion" finde ich sehr gut ausgedrückt. Ich denke, daß wir es im Kapitalismus in einer Vielzahl mit rücksichtsloser "Expansion" des bornierten Individuums zu tun haben. Diese fällt besonders dann auf, wenn es sich um ein im Mittelpunkt des öffentlichen interesses stehenden Individuums handelt. Dieses "Auffallen" provoziert dann entsprechende "regulative" Gegenwehr, da sich Betroffene, besser gesagt Benachteiligte dazu austauschen und über öffentliche Meinungsbildung wirksam agieren können.
Ansonsten denke ich, ist die Expansion allgegenwärtig, beim "kleinen Mann" ohne auffallende Tragweite und wird hier nur im näheren Lebensumfeld bemerkt, zum Beispiel bei einem mitternächtlichen rücksichtlosen Hard-Rock-Spektakel der Musikanlage des Nachbarn im Garten. Dies ist m.E. so ein Fall, nach dem Motto "ich lebe alleine hier, der Rest darf sich danach richten". Er kommt ungezählt vor, hat das gleiche "Muster", reguliert sich aber unmittelbar durch direkte Konfrontation.
Streifzug schrieb am 06.07.2009 um 14:43
Richtig, im Kapitalismus gibt es eine Paradoxie. Der Kapitalismus schützt bestimmtes Privateigentum aber nicht Privatheit. Der Kapitalismus kann Privatheit nicht grundsätzlich akzeptieren.

Keine Herrschaftsform die auf Hierarchie beruht kann Privatheit akzeptieren. Weder die Staatsbürokratische noch die Privatbürokratische. Die Abhör- und Spitzelskandale der letzten Zeit zeigen es deutlich. Die Gesetze zeigen es deutlich. Die Aktionen der Geheimdienste ohne rechtliche Grundlage zeigen es deutlich.

Da Demokratie ohne Privatheit nicht funktionsfähig ist, haben wir es mit einer konfrontativen Situation zu tun. Demokratie und Privatheit gegen staatsbürokratischer/privatbürokratischer Kapitalismus ohne Schutz der Privatheit.

Noch gibt es rechtliche Schutzräume der Privatheit als Relikte. Diese werden nun gezielt angegriffen. Der Vertrag von Lissabon zählt zu den Machwerken, mit denen auf übernationaler Ebene versucht, wird die verbliebenen nationalen Schutzräume der Privatheit aufzubrechen.

[Dies ist natürlich ein persönliches Wert]
Streifzug schrieb am 06.07.2009 um 14:43
Werturteil]
manstruator schrieb am 11.07.2009 um 22:36
okay, verständlich, ich bin aber nicht damit einverstanden, wenn Privatheit als eine Art Relikt behandelt wird. Hier muß es einen historisch wertvolleren Kontext geben, der sich mir noch nicht erschließt.
Michael Jäger schrieb am 14.07.2009 um 01:06
Man weiß immer nicht, ob eine Debatte noch fortgesetzt wird, und wenn man es gesehen hat, ob die anderen immer noch drauf schauen... Egal. Ich wollte anmerken, daß Streifzug ja nicht gesagt hat, Privatheit sei ein Relikt, sondern die rechtlichen Schutzräume der Privatheit seien ein Relikt. Privatheit selber ist eine so große Macht geworden in unseren Breitengraden - in ihrer schlimmen, antisozialen Ausgestaltung wie aber auch, warum denn nicht, in ihrer potentiell guten Ausgestaltung, die michaelkohlhaasisch auf etwas Richtigem beharren kann, und wenn die ganze Welt sich quer stellt -, daß ich nicht glaube, daß irgendwelche Reduktionsversuche von Staatsjuristen daran noch irgendwas ändern können. Mögen sie die rechtlichen Schutzräume zum Relikt machen! Es wird sie vor der Privatheit nicht retten. Es wird die kapitalistisch Privaten nicht vor den nichtkapitalistisch Privaten retten.
Michael Jäger schrieb am 06.07.2009 um 14:43
Viermal dasselbe, furchtbar - weil vorhin gar nichts ging, "Wartungsarbeiten" haben wohl stattgefunden.
Streifzug schrieb am 06.07.2009 um 14:44
Wartung ist passend. Wir haben ge"wartet".
Michael Jäger schrieb am 06.07.2009 um 14:55
Sie haben recht! Da ist mir wieder eine gute halbe Stunde verlorengegangen... Dem, was Sie schreiben, stimme ich zu, hatte sich mit meinem Kommentar überkreuzt.
manstruator schrieb am 11.07.2009 um 22:58
schlimm, die autoren dürfen ihre beitrage nicht mehr löschen. der support/das team regiert auf solche anfragen nicht.
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