Michael Angele

Angeldust

02.12.2009 | 10:22

Die Frauen natürlich

Frauen dürfen in der Schweiz zwar erst seit 1971 auf Bundesebene wählen. Aber seither wird Dampf gemacht. Und nun haben all die Interpreten, die im Nein des Schweizer Souveräns zum Bau von Minaretten nur das verquere Verhalten eines verunsicherten und verängstigten kleinen Volks sehen, ein echtes Problem - also auch ich. Wie Andreas Zumach heute in der taz schreibt, waren am Ausgang der Wahlen vor allem progressive Schuld:

"Ausschlaggebend für die landesweite Mehrheit war - ebenfalls ähnlich wie in den Niederlanden und Belgien - nach Überzeugung der beiden PolitologInnen Regula Stämpli und Michael Hermann die hohe Zustimmung von Frauen, die sich als Feministinnen und als links verstehen und zum Teil bei den Grünen oder der Sozialdemokratischen Partei aktiv sind. 'Diese Frauen wollten ein Zeichen setzen gegen eine Kultur, die sie als autoritär, machohaft und aggressiv empfinden', erklärt Hermann. Sie verbänden mit dem Islam vor allem Burka, Scharia, 'Ehrenmorde' und andere Formen der Unterdrückung von Frauen."

Ein Hammer, aber warum wurde das in den Prognosen nicht erkennbar?

"Ein Teil der VerbotsbefürworterInnen aus dem linken Lager legte am Abstimmungssonntag aus persönlichen oder taktischen Gründen ein 'Ja' in die Urne in der durch alle Umfragen genährten sicheren Erwartung, dass die Initiative landesweit keine Mehrheit erhalten werde. Und bei den Umfragen vor der Abstimmung, die zumeist nicht anonym, sondern telefonisch durchgeführt wurden, gaben sie an, mit 'Nein' stimmen zu wollen. Das ist einer der wesentlichen Gründe, warum der Schweizer Umfrageguru Claude Longchamps so weit danebenlag wie nie zuvor."

Wenn das stimmt, sollte man wirklich in sich gehen.  Aus dem Abstimmungsresultat spricht dann gewiß auch, aber eben nicht nur der Kleingeist von Kantonen wie Appenzell Innerrhoden, in dem notabene das Frauenstimmrecht erst 1990 einführt wurde, und wo weit und breit kein Minarett zu sehen ist, sondern auch der Geist von aufgeklärten, weltläufigen Frauen, wo immer sie gerade wohnen.


Was tun? Die "offensichtliche Fremdenfeinlichkeit in der Schweiz trägt fundamentalistische Züge" schreibt Thomas Steinfeld heute in der "SZ" (S. 13), und sieht darin einen über die Schweiz herausreichenden "westlichen Fundamentalismus". Steinfeld meint das angstbesetzte Festhalten an der "nationalen Immobile im Zeichen globaler Bodenlosigkeit". Das Festhalten an den westlichen Werten der Aufklärung meint er nicht.

 
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Kommentare
THX1138 schrieb am 02.12.2009 um 11:09
Alice Schwarzer natürlich

Nun haben "wir" ein Problem. Wer genau hat ein Problem? Nur wir Schweizer? Oder etwa ganz Europa? Auszüge aus meinem Freitag-Blogeintrag (der natürlich nicht gesondert aufgeführt wird):

„Mehr als jeder zweite Europäer (54,4 Prozent) nimmt den Islam als “Religion der Intoleranz“ wahr.“, konnte man erst kürzlich hier im Freitag nachlesen (Null Toleranz in halb Europa). (...) Doch in der im Freitag diskutierten Studie wurde der Bogen noch weiter gespannt: „Jeder zweite Europäer besitzt eine negative Einstellung gegenüber Immigranten und findet „Es gibt zu viele Einwanderer“. (...)"

Es erstaund nicht, dass zahlreiche, rechtnationale Parteien in Europa ebenfalls eine Anti-Minarettinitiative starten wollen. Wirft man einen Blick auf die oben aufgeführten Studienergebnisse, wir einem klar, dass es bei Weitem nicht nur die Schweiz ist, die da ein Problem hat...

Man sollte den Blick langsam auf ganz Europa richten- mir als Schweizer, der erst noch NEIN zu dieser Initaitive gesagt hat, reicht es nämlich allmählich, wenn ich ehrlich sein will!!!

Oder will sich jetzt ganz Europa hinter der Schweiz verstecken- nur damit ja niemand merkt, dass es in der eigenen Bevölkerung ganz ähnlich zu gären begonnen hat? Ihr macht es Euch zu einfach, werte EU-Bürger, Blogger und Regierungen!
Michael Angele schrieb am 02.12.2009 um 11:33
Lieber THX, bitte nicht böse sein, dass ihr Blogeintrag nicht "gesondert aufgeführt" wird: ich empfehle ihn hier gerne noch einmal. Unter uns Schweizern: Haben Sie den Beitrag von Jürg Altwegg gelesen, er erklärte in der FAZ auf eine sehr bewegende Weise, warum er sich der Stimme enthalten hat. Ich finde ihn fabelhaft
THX1138 schrieb am 02.12.2009 um 19:23
Hm, gut, mal unter uns gesagt:

DIE SCHWEIZ IST EUROPA- NUR MERKT DAS NIEMAND: Auf Spiegel Online sprachen sich erst kürzlich 76 Prozent der User für ein Minarettverbot aus, auf Bild.de waren es sogar 83 Prozent!

Doch vieleicht will das auch gar niemand merken...

...schliesslich haben wir Schweizer ja einen breiten Rücken, hinter dem sich nicht nur gut mauscheln lässt, sondern auch hervorragend Verstecken spielen!

Ist Ihnen aufgefallen, dass die Kommentarfunktion bei den meisten (deutschen) Online-Medien ausgeschaltet war, wenn's um die Minarettinitiative ging?

Nicht ohne Absicht- da schwante den einen wohl Böses, weshalb sie wohlweislich auf Leserkommentare verzichtet haben...
Lethe schrieb am 02.12.2009 um 11:20
meines Erachtens tut es der Sache keinen Dienst, das Problem an "links gerichteten" und "modernen" Frauen festzumachen. Zum einen ist diese Personengruppe durch nichts besser gegen Torheiten geschützt als andere Personengruppen, zum anderen verbirgt sich hinter dem Thema ein tiefgreifendes und flächendeckendes Problem aller sich aufgeklärt gebenden Gesellschaften, das weit über diese Personengruppe hinausgeht.

Dieses Problem hat mehrere Aspekte.

Zum einen: aufklärerische Werte sind Axiome, die - genau wie andere Werte - von einer Bildungs- und Machtelite gesetzt werden; sie sind mitnichten "einfach so" in den Köpfen und schon gar nicht in den Herzen der übrigen Menschen verankert, Erziehung, Schulausbildung, Bildung und verfassungsrechtliche Verpflichtung auf das aufgeklärte Wertesystem hin oder her.

Dann: wir leben in unseren Gesellschaften in Systemen, die das Phänomen des Privilegs pflegen. Wir gewähren z.B. der katholischen Kirche den Schutz der Verfassung, obwohl sie mit ihrer spezifischen Form von Frauenfeindlichkeit jeglichem aufgeklärten Wertesystem Hohn spricht und die Diskriminierung von Frauen in den Alltag trägt. Ein Privileg, das gewährt wird. Privilegien machen aber nur Spaß, wenn sie exklusiv sind und nicht jedem gewährt werden.

Und last not least: wie geht Toleranz mit Intoleranz um? Intolerant? Anders gesagt, wie schützt sich ein System, das zur begrenzten Assimilation systemfremder Werte bereit ist, davor, dass seine grundlegenden Werte durch die assimilierten Werte desavouiert werden?

Es verbittert mich ein bisschen, dass diese letzte Frage in Europa so massiv anhand des Islams diskutiert wird - sehr viel dringender müsste sie anhand des christlichen Fundamentalismus vor allem US-amerikanischer Prägung ("Bible Belt") gestellt werden, in dem ich eine sehr viel größere Gefahr für aufgeklärte Gesellschaften sehe (Stichwort "Wolf im Schafspelz"); aber da besteht derzeit wohl keine echte Wahlmöglichkeit.

Das sind alles keine ganz leichten Fragen, und es würde mich wundern, wenn es einfache Lösungen dafür gäbe. Ich bin mir aber einigermaßen sicher, dass ohne ihre gleichzeitige und überzeugende Beantwortung dumpfes Empfinden eine ernstzunehmende und vorrangige Größe der politischen Meinungs- und Willensbildung bleibt.
Rahab schrieb am 02.12.2009 um 11:28
"Heinrich, mir graust vor dir"

ja sicher haben wir ein problem, egal, ob der schleier nun in- oder auswändig getragen werden muß. wobei ich die betonung auf 'muß' lege.

genauso haben wir aber auch ein problem, wenn geschlechtsverkehr ungeschützt stattfinden muß. oder wenn der patriarch/metropolit welcher christlichen denomination auch immer einer vorsitzenden einer anderen christlichen denomination nicht die hand reichen darf, weil sie irgendwann in ihrem leben mal menstruiert haben könnte ...

und dann habe ich auch noch ein problem damit, wenn mir alice schwarzer als neuer glaubenskanon angedient wird... (sie ist nicht der ganze feminismus)

und ich habe ein problem damit, wenn frauen die besseren menschen sein müssen

und ich habe ein problem damit, wenn aus einer vermutung unüberprüft eine tatsache geworden sein soll

andererseits habe ich aber auch ein problem damit, wenn menschen erst dann zu einer stimmabgabe schreiten dürfen, wenn sie vorher alter, geschlecht, wohnort, parteizugehörigkeit .... und das zuletzt gelesene buch/die zuletzt gelesene zeitung angegeben haben ...
Magda schrieb am 02.12.2009 um 12:37
@ rahab - ich teile allerlei Probleme. Zum Beispiel das mit der unüberprüften Vermutung, die zur Tatsache wird.
Kommt mir reichlich wie wohlfeile Schuldverschiebung vor.

Und auch mit Alice Schwarzer habe ich ein Problem.
Baszlo schrieb am 02.12.2009 um 12:38
Es ist doch sehr vernünftig, dass die Schweizer Frauen sich gegen den Islam stellen, ich weiss nicht wo da das Problem sein soll. Immerhin haben die Frauen, bei fortschreitender Islamisierung, am meisten zu verlieren.
Ich bin nur verblüfft, dass es ausgerechnet linksintellektuelle Frauen sein sollen, die gegen die Minarette und damit gegen den Islamismus gestimmt haben. In Deutschland habe ich besonders bei solchen Frauen (Grüne, Linke) immer das Gefühl, dass diese sich geradezu nach Burka und männlichem Machismo sehnen.
Haben es die Schweizer besser, oder ist bei den Schweizer Frauen nur der Realitätssinn ausgeprägter, vielleicht weil es noch gar nicht so lange her ist, seit sie das Wahlrecht in manchen Kantonen haben und ihre Stimme genauso zählt wie die eines Mannes und sie nicht das Risiko eingehen wollen, dieses wieder zu verlieren?
SteinMain schrieb am 02.12.2009 um 13:20
Genau, weil sie schlau sind und solange sie noch nicht wegen Ehebruch gesteinigt werden.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 02.12.2009 um 13:31
Noch nicht. Nun wurde aber jüngst ein Hassprediger mit einem Stein in der Hand gesehen, den er übungshalber in den Zürichsee warf. Kein Zweifel, die Scharia steht in der Schweiz kurz bevor. Die SVP ist schon stärkste Partei.
Rahab schrieb am 02.12.2009 um 12:47
und ich weiß nicht, das "der Islam" ist!

aber: ich habe was gegen patriarchat! und da vor allem gegen das schleimscheissende, das frauen/feministinnen bejubelt, wenn sie so zu entscheiden scheinen, wie's eben diesem patriarchat in den kram paßt. aber wehe, diesselben frauen/feministinnen pissen mal eben genau diesem patriarchat ans bein - na dann aber! wird sofort zur hexenverbrennung aufgerufen, und die natur beschworen, und die evolution, und die gene und was weiß ich sonst noch für ne verquirlte kacke im wissenschaftlichen gewande!
Lethe schrieb am 02.12.2009 um 13:38
wenn es doch nützen würde, sich einfach nur zu echauffieren
Fro schrieb am 02.12.2009 um 13:50
Es hat keinen Sinn und ist m.E. auch respektlos, über die Schweizer bzw Schweizerinnen herzuziehen, die irgendwelche tief sitzenden Ängste in der Abstimmung zum Ausdruck brachten – Das ist ok - wenn für uns vielleicht erschreckend - und sie werden nun, da sie ein Meinungsbild gewonnen haben, über die zu klärenden Fragen besser reden können – die "Islamisierungsangst" hat sich ja mit der Abstimmung nicht aufgelöst.

Es sollte m.E. bei uns eine sachliche Debatte mit der Frage stattfinden: „Müssen wir wirklich Angst vor einer Islamisierung haben?“ Und da würde ich schon mal ein klares „Nein“ zum Besten geben. Die Moslems wollen sich hier zu Hause fühlen und die für sie so wichtige Religion ausüben. Und natürlich ist man am liebsten mit Menschen zusammen, von denen man verstanden wird. Und natürlich bringen sie ihr kulturelles Erbe mit. Aber Tatsache ist, dass sich die Moslems integrieren, sobald sie hier in der Gemeinschaft auch arbeiten können und ihre Kinder die Schulen besuchen. Und wenn man den Prozess beschleunigen will, dann schafft man hier bessere Lebensbedingungen und bessere Schulen.

Was bleibt – und darauf zielt wohl auch Bosbachs Botschaft ab – dass es angeblich eine organisierte islamistische Macht gibt, die versucht, in unserem Land ihre fundamentalistischen Lehre mit unterschiedlichen Mitteln - auch mit Gewalt – zu verbreiten. Und für die sind Minarette angeblich Machtsymbole und so sollen sie es auch für uns sein.
Es gibt diese fundamentalistischen Organisationen – aber die spielen in der deutschen Moslemgemeinde eine wirklich sehr geringe Rolle. Sie würden aber Zulauf erhalten, wenn hier eine Ausgrenzungsdebatte statt fände – statt einer Debatte - gemeinsam mit den Moslems - zur Lösung eines gemeinschaftlichen Problems – dass überwiegend in den Köpfen besteht.
Und die wirklichen Probleme können lokal gelöst werden. Dort wo die meisten Moslems wohnen, haben die Schweizer gegen das Minarettverbot gestimmt.
SteinMain schrieb am 02.12.2009 um 14:16
Hey, also was ich als einfacher Mensch jetzt noch nicht ganz mitgekriegt habe, ist der Grund, weshalb ich mich verpflichtet fühlen sollte, Moslems zu integrieren ? Warum denn ? Die sind doch da unten in Moslemistan bestens integriert, da können die sogar die Twin-Minarette bauen, mehrere hundert meter hoch, das stört da niemanden.
Da können sogar hundertausende islamische präpotente Grosskotze herumlaufen, den Teufel steinigen und ihre unzüchtigen Schwestern abstechen, aber wer will mir denn eigentlich befehlen, mich mit solchen Typen als Mitbürger und Nachbarn auseinanderzusetzen, wenn ich da keinen Bock drauf habe ?

Ich sags euch, eine korrupte, von der Wirtschaft gesponsorte Regierung, die im Auftrag ihrer Brotherren die Bevölkerungsdichte erhöht, um Arbeitskraft billiger und devoter zu machen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 02.12.2009 um 14:28
So, jetzt ist das braune Kröpfchen leer und hier riecht es etwas säuerlich …
goch schrieb am 02.12.2009 um 15:12
In der WAZ von heute schrieb der kairoer Autor Alaa Al-Aswani: Das Bild des Islam wir in Europa sehr geprägt von der Wahhabitischen Strömung aus Saudi-Arabien, die extrem engstirnig und aggressiv ist. Wir übrigen Muslime haben bei der Aufgabe versagt, das wirkliche Gesicht des Islam zu vermitteln, seine Toleranz und seine Offenheit.
....Im 19. und in der ersten Hälfte des 20.Jahrhundert war die Al-Azhar-Universität in Kairo ein Zentrum des offenen Islam und Ägypten eine offene Gesellschaft. Bei uns gab es das erste Kino, die erste Frau im Parlament, wir hatten als erstes muslimisches Land das Frauenwahlrecht. Die große Wende kam Anfang der achtziger Jahre. Da hieß es plötzlich aus der saudischen Ecke, eine Frau als Schauspielerin oder Sägerin, dass sei gegen die Religion. Heute gibt es in Ägypten 17 saudische TV-Kanäle, die jeden Tag diesen engstirnigen Islam propagieren. Wenn sie vor 30 Jahren in Ägypten gesagt hätten, Frauen sollten ihr Gesicht verdecken, hätte man sie ausgelacht.
Was lehrt uns das? Das die konservativ-reaktionäre Seite überall auf der Welt bekämpft werden muss , ob nun muslimisch oder christlich geprägt. Ist nicht auch in der katholischen Kirche Sex vor der Ehe verboten und in der Ehe nur ungeschützter Verkehr erlaubt?
Wie wirkt sich das auf Millionen AIDS-Kranker in Afrika aus, die keine Kondome benutzten dürfen, wenn sie denn christlichen Glaubens sind ?
SteinMain schrieb am 02.12.2009 um 16:17
Bitte, braun sagt niemand zu nem alten Kommunisten.
SteinMain schrieb am 02.12.2009 um 16:35
Sorry, @goch, genau das wollte ich eigentlich auch sagen, Religion ist für mich in der Tradition der Aufklärung und des Säkularismus reine Privatsache, nicht die von fundamentalistischen Predigern. Wers glaubt, der glaubt, wer nicht ist atheist.
Richtig beschissen finde ich, wenn Menschen anfangen, sich über ihre Religion zu definieren und ein schräges Weltbild zusammenzubasteln, nach dem dann alle leben müssen, ....
Da finde ich dann wieder, das orthodoxer Islam und Brutal-Kapitalismus eigentlich ganz gut zusammenpassen.
SteinMain schrieb am 02.12.2009 um 16:39
Obama, Osama, Friedensnobelpreis, ich will hier raus,
klara schrieb am 02.12.2009 um 14:20
Ich überlege gerade: Ob ich feministisch bin? Keine Ahnung. Ob ich links bin? Naja, „irgendwie“ wahrscheinlich. Ob ich aufgeklärt bin? Tja… halbwegs? Von wem? Womit?

Einigermaßen sicher scheint mir nur: Ich bin eine Frau. Und sicher ist auch: Ja, ich habe ein Problem mit Minaretten in meiner unmittelbaren – also westeuropäischen, deutschen, Berliner Umgebung. Ich meine das so, wie ich es schreibe: ICH habe ein Problem. Liegt das Problem nur bei mir – oder auch bei den Minarettbauern?

Bei der mehr oder weniger öffentlichen Debatte um die jüngste Schweizer Abstimmung im „Minarettstreit“ werden wieder mal allerlei Dinge vermengt, so dass man kaum noch durchblickt. Emotionale und soziale Dinge zum Beispiel – die berüchtigten „diffusen Ängste“, die natürlich immer nur die anderen haben, „das dumpfe Volk“. Wieder mal diskutiert man über Integration und Leben, ZUSAMMENleben (oder wenigstens erstmal nicht GEGENEINANDERleben), über den Umweg der Juristerei. Baurecht - ausgerechnet! (Und Volksabstimmung! Wer ist das Volk? Wer darf bestimmen? Was macht eine Nation zu einer Nation? Wie global ist der Mensch?)

Und wieder mal kocht ein jeder sein mehr oder weniger politisch korrektes Süppchen damit, gewürzt mit Halbwissen, Abwehrreflexen, Idealen, Gruppenzugehörigkeiten, musts und don’ts, und bläst ins politisch mehr oder weniger korrekte Horn. Insbesondere unter „linken“ „Aufgeklärten“ ist verpönt, ein Problem zu haben mit diesem Problem. Man darf ein Problem mit dem Papst haben – aber nicht mit Minaretten. (Und schon gar nicht mit Synagogen.)

Annas Text über die Multi-Kulti-Schule hat zum Beispiel www.freitag.de/community/blogs/anna-/-die-beste-schule-der-welt- hat kein Problem mit Minaretten– und postuliert dies, als grundsätzliches Kein-Problem-Haben – für die gesamte Schüler-, Lehrer- und Elternschaft. Aufgeklärt und links und menschenfreundlich menschlich ist man nur, wenn man kein Problem hat.

Ich dagegen fühle mich mulmig, und prüfe mich – und stelle fest: Ich kann das Unbehagen gegen Minarette zumindest nachvollziehen. Und schon habe ich - ein Problem. DAMIT.

Selbstverständlich habe nichts DAGEGEN, wenn jemand seine Religion ausübt, mir ist egal, wer an was glaubt, wenn es nicht die Ausrottung der Menschheit ist. (Ich wüsste nicht mal, ob und wenn ja woran ich selbst glaube.) Mir ist bewusst, dass ich keinen Einfluss auf „den Islam“ und dessen „Frauenbild“ habe, dass jedoch „der Islam“ einen immer größeren Einfluss auf politische Entscheidungen in „unseren“ ursprünglich christlichen, nun oft auch säkularen Weltgegenden erhält – und sei es als Negatives: Man muss sich abgrenzen. Oder gegen die Abgrenzung abgrenzen. Gesetze greifen nicht mehr. Nationale Reflexe auch nicht. Wo ist mein Problem?

Das Problem, das ich habe, liegt auch darin, dass ich kaum eine Möglichkeit habe, das Problem zu äußern, ja auch nur gedanklich zu durchdringen. Zu viele rote Ampeln blinken, zu viele Einbahnstraßen drohen, zu viel üble Gesellschaft lagert am Wegesrand. Ich befinde mich auf Glatteis, weil dieses zunächst individuell-unklare Problem, das ich habe, sofort instrumentalisierbar wird. Mit meinem Problem stehe ich in einer Ecke, in die mein Problem, denke ich, gar nicht gehört.

Ein großes Problem, das ich mit der Angelegenheit habe, ist, dass man sich automatisch selbst zensiert, sein Problem nicht wahrnehmen darf. Damit man nicht anti-irgendwas oder pro-nationalistisch-irgendwas „ist“. Ich meine aber, es ist gerade im Sinne eines guten Zusammenlebens absolut notwendig, dass man offen bleibt für Wahrnehmungen, DIE JA DA SIND.
Meine Wahrnehmung, ein Gefühl: Ich möchte keine Gebetsrufer. Ich möchte nicht fünfmal am Tag zum Gebet gerufen werden. Ich finde nicht, dass ich das gut finden muss. Und ich finde auch nicht, dass ich dieses Nichtgutfinden wegdrücken muss. Das ist erstmal mein Problem.

Wo beginnt Religionsfreiheit – und wo hört die Religionsausübungsfreiheit auf? Ich möchte auch nicht, dass in den Klassenräumen meiner Kinder Kreuze mit blutenden Jesussen hängen, dass sie von Nonnen unterrichtet werden, dass sie dazu aufgefordert werden, keinen Sex zu haben, bevor sie heiraten. All das möchte ich nicht. Katholiken tun es. Aber nicht vor meiner Nase, nicht im öffentlichen Raum. Ich kann mich davon fernhalten. Muss es Gebetsräume in Schulen geben? Wie viel Einfluss soll, darf, muss die islamische Art, die Religion auszuüben, auf die weltlichen Schulen und Räume einer überwiegend nicht-islamischen Gesellschaft haben? Was ist mit der Trennung von Staat und Kirche? Von Lernen, Wissen – und Glauben?

Religionsfreiheit heißt auch: Frei sein können von Religion. Religionsfreie Räume.

Wie privat ist Religion? Wie öffentlich muss sie sein – und darf sie sein? Sind in jedem Land alle Religionen gleich zu behandeln? Oder gibt es bestimmte nationale Eigenarten, Kulturen, die dominant sind? Und das sein sollten? Gerade um des lieben Religionsfriedens willen? Das sind keine rhetorischen Fragen!

Was bedeutet Toleranz? Ab wann werde ich gezwungen, meine Toleranz in Akzeptanz zu verwandeln – obwohl ich etwas nicht akzeptiere. Ich akzeptiere einfach nicht, dass Männer über Frauen bestimmen sollen, nur weil sie Männer sind. Darüber bestimmen, ob eine Frau außerhalb arbeitet, aus dem Haus gehen darf etc. Es ist noch nicht allzu lange her, dass der bundesdeutsche Ehemann zustimmen musste, bevor seine Gattin den Arbeitsvertrag unterzeichnen durfte… Nun darf sie. Frauen sind – dem Gesetz nach – in Europa gleichberechtigt. Gilt dieses Gesetz nicht für alle Frauen, die hier leben? Definiert der Pass die Gültigkeit? Das sind juristische Fragen, die sofort übers Juristische hinausgehen: Darf ein Mann in Europa seiner Frau vorschreiben, ob sie erwerbstätig wird? Und wenn ja, wenn ich das schon tolerieren muss (zähneknirschend): Muss ich das akzeptieren?

Ich akzeptiere nicht, dass Männer Frauen nicht die Hand geben. Meine Mutter, einst Hausärztin, erlebte das oft, sie arbeitete im Wrangel-Kiez, tiefstes türkisches Berlin-Kreuzberg. Sie kam als Ärztin in die Wohnungen der Patienten – die sich weigerten, ihr die Hand zu geben. Der türkische Vater wollte, dass sie sein Kind behandelt, doch die Hand gab er ihr nicht. Effekt: Man fühlt sich dreckig, nur weil man eine Frau ist. Muss ich das akzeptieren? Im konkreten Fall natürlich – aber nicht als solches.

Das ist nur ein Beispiel - nicht für „diffuse Ängste“, sondern für ein Problem mit der eigenen Akzeptanz. Tolerieren kann man immer viel. Aber AKTZEPTIERE ich, wenn Schulfreundinnen der Kinder nicht zum Schwimmen oder auf die Klassenfahrt dürfen? Tolerieren muss ich das. Akzeptieren? ANNEHMEN? Nein. Ich muss damit irgendwie umgehen. So wie Muslime mit meinen nicht muslimischen Sitten irgendwie umgehen müssen. Aber – das ist eben nicht das gleiche.

(Es geht hier nicht um Glück und dessen Vermutungen. Auch nicht um Glauben. Es geht um Grundlagen des Zusammenlebens, im Kleinen wie im Großen. Die im Grunde den Frieden sichern.)

Es ist ein Prozess. Der wird dauern. Und alle Beteiligten werden sich und ihre Haltungen innerhalb dieses Prozesses verändern (müssen). Auch die Minarettbauer.

Immer noch weiß ich nicht: Bin ich feministisch? Bin ich links? Bin ich politisch korrekt? Und was von all dem, das ich jetzt geschrieben habe, ist bedingt durch meine (politisch korrekt unterdrückten) Vorurteile und Ängste? Ist es möglich, diese Ängste zu artikulieren, ohne den Dialog zu gefährden?
Ich habe nur eine Ahnung: Je transparenter (auch: kritischer, skeptischer, selbstüberprüfend) man Dinge, auch „diffuse Ängste“ wahrnimmt und äußert, desto mehr echter Dialog, desto mehr echte Toleranz ist möglich – und desto eher akzeptiert man jene Ängste und andere Vorbehalte auch bei anderen.
Toleranz ist, so betrachtet, simpel. Toleranz kann ist vergleichsweise billig zu haben. Toleranz hilft erstmal, um überhaupt ins Gespräch zu kommen. Aber dann muss man auch reden.

klara
(ich glaub, cih stell das als Blog ein, ist zu fett)
klara schrieb am 02.12.2009 um 14:55
Etwas ausgearbeitet: Mein Problem mit Minaretten Eine Art Antwort auf diesen Blog
www.freitag.de/community/blogs/klara/mein-problem-mit-minaretten
goch schrieb am 02.12.2009 um 15:29
Das Minarett ist der Ort des Lichts, sagt der ägyptische Schriftsteller Alaa Al-Aswani.
Ich denke an der Moschee-Debatte wird ein Stück weit die Doppelbödigkeit und Prinzipienlosigkeit der Diskussion um den Islam deutlich.
Wenn man hier in Deutschland Muslime in der 3.Generation hat und sie in diese Gesellschaft integrieren will, dann sind doch ihre Gotteshäuser Ausdruck, dass sie hierbleiben wollen und Teil der Gesellschaft bereits sind.
Die Diskussion geht voll daneben, wenn sie von der erst zu vollbringenden Integration der häufig muslimischen Deutschen ausgeht. Hallo, die leben hier seit Generationen und fühlen sich hier großteils wohl, obwohl sie überproportional arbeitslos sind, die schlechtere Schulbildung bekommen, die schlechteren Arbeitsplätze bekommen usw. . Denen muss man nicht sagen, kommt mal in Deutschland an. Sie sind es schon lange.Hallo ihr Konservativen, wo ward ihr die letzten 30-40 Jahre ?
Die aggressive-angstbesetzte Islamismus-Terrorismus-Debatte hat doch diese deutsche Bevölkerungsschicht erst einem Generalverdacht ausgesetzt, um dann genüßlich ihre (wie in jedem Teil der Bevölkerung vorhandenen) Probleme alarmistisch einseitig hochzujazzen.
Das die Konservativen erst in den letzten Jahren mitbekommen haben, dass ca. 1/5 der deutschen Bevölkerung ein Unterschichtproblem verquickt mit kulturellen Wiedersprüchen haben, ist doch nicht die Schuld des 1/5. Die arbeiten hier für Hungerlöhne, die Eingeborene kaum akzeptieren würden usw.
Das diese Menschen existentiell gebraucht werden, um den Wohlstand und die Zukunft Aller zu sichern , ist das wirklich neu?
Oder haben da viele an ihre eigene Ideologie vom Gastarbeiter geglaubt bzw. an die Ideologie Deutschland ist kein Einwanderungsland ?
zelotti schrieb am 02.12.2009 um 17:12
Der Islam ist keine mit unserer Gesellschaftsordnung oder der FdGO zu vereinbarende Religion. Das gilt auch für den Katholizismus in Reinform.

Es fehlt ja gar nicht ein aufgeklärter, moderner Islam, aber der soll doch bitte den Gläubigen gepredigt werden, nicht allein zur Beschwichtung und als Doktrin für Islamversteher verwendet.

Bleibt das Minarett aber aussen vor. Das ist ja nur n blöder Baustil.
SteinMain schrieb am 02.12.2009 um 17:15
naja, @goch so einfach ist das nicht. Du bewegst dich da im Sumpf der minderqualifizierten Einwanderer, die von CDU und Grünen gern gesehen sind, aus unterschiedlichen Gründen.
Schau mal, ein Ingenieur dem in den 70gern 80gern gesagt wurde, qualifizier dich in Richtung Elektronik, am besten was mit Computern und Software, dem wurde erstmal 1990 ein dickes Brett vor den Kopf geknallt, als die gesamte Ex-DDR-Industrie abgewickelt wurde und etwa 100.000 arbeitslose Ingenieure auf den Arbeitsmarkt strömten. So ab 2000 ging es dann weiter mit EU-Osterweiterung, und weil es nicht schnell genug ging, qualifizierte Leute für nen Apfel und ein Ei zu kriegen, die sog. Greencard.
Ich würde das ehrlichgesagt niemandem mehr empfehlen, so als alter technik-junkie, sich so nen Mist anzutun. Fürs private Hobby und so OK, als mensch ohne Familie und Herkunft: Besser leck mich am Ärmel, werd Taxifahrer und hau vor alllen Dingen niemals deinen Vater um Geld an.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 02.12.2009 um 19:29
@goch
"Die Diskussion geht voll daneben, wenn sie von der erst zu vollbringenden Integration der häufig muslimischen Deutschen ausgeht. Hallo, die leben hier seit Generationen und fühlen sich hier großteils wohl,"

Im Klartext: Man darf nicht darüber diskutieren, ob und in welchem Maße die Integration gelungen ist. Die meisten fühlen sich angeblich wohl und gut ist. Weiteres Nachfragen unerwünscht.

"Wenn man hier in Deutschland Muslime in der 3.Generation hat und sie in diese Gesellschaft integrieren will, dann sind doch ihre Gotteshäuser Ausdruck, dass sie hierbleiben wollen und Teil der Gesellschaft bereits sind."

Integration bedeutet ein klein wenig mehr als den bloßen Willen, hier bleiben zu wollen. Nicht jeder, der hier bleiben will, will sich auch integrieren.
Ein Beispiel: kürzlich ging ich in den offensichtlich von arabischen Migranten betriebenen Telefonladen um die Ecke, um ein Fax abzuschicken. Aus Langeweile schnappte ich mir einen der ausliegenden Flyer, auf denen Werbung für eine Moschee gemacht wurde, deren Gemeinde für ihre verfassungsfeindliche Ausrichtung bekannt ist (und entsprechend "beobachtet" wird). Einer der "Kofferbomber" ist dort regelmäßig hingegangen. Der Einfluss scheint ihm nicht gutgetan zu haben.
Damit will ich natürlich - ärgerlich, das extra betonen zu müssen - nicht behaupten, dass alle gläubigen Muslime verfassungsfeindlich und antidemokratisch eingestellt wären. Es ist sicher eine Minderheit. Nur darauf hinweisen, dass 1.) garantiert nicht bei allen die Integration perfekt gelungen ist, und 2.) der Bau von Moscheen rein gar nichts darüber aussagt, ob die Integration gelungen ist.
Rahab schrieb am 02.12.2009 um 19:49
Nachdem ich nun einige male Zumachs analyse des schweizer referendums gelesen habe, frage ich mich immer noch: was will er uns eigentlich erzählen?

Ich habe noch nicht gefunden, wo in Zumachs analyse die analyse versteckt sein soll.
Er berichtet von etwas, was andere gesagt, gemutmaßt haben. Er erzählt uns, was die überzeugung/en von zwei menschen ist/sind, vielleicht auch nur sein sollen. Und wofür nach der meinung des einen bei linken&feministischen frauen das minarett als symbol stehe.
Und daraus wird: die waren es, die haben das referendum entschieden. Woraus für andere wird, wie oben nachzulesen: „Wie Andreas Zumach heute in der taz schreibt, waren am Ausgang der Wahlen vor allem progressive Schuld“.

Damit ist nun also für jeden was dabei. Die einen freuen sich, weil die frauen, auch die linken&feministischen, nun endlich zur vernunft gekommen sind. Die anderen freuen sich, weil sie nun wenigstens wissen, wer schuld ist. und wieder andere freuen sich, weil die frauen, auch die linken&feminstischen, so gestimmt haben wie sie selbst auch. manche freuen sich, weil damit bewiesen ist, dass frauen, auch/sogar linke&feministische, bewiesen haben, dass sie mit dem wahlrecht vernünftig umgehen können. Manch andere wiederum freuen sich, weil damit bewiesen ist, dass feministische frauen keinesfalls richtige linke sein können. Und welch andere freuen sich, weil ihre ablehnung von minaretten – als bauwerk wie als symbol – ja nicht falsch sein kann, wenn sogar linke&feministische frauen …. Usw.usf.
Allüberall freude.
Und schon folgen erste geständnisse, nach der art von „auch ich habe ein problem mit dem minarett“.

Ich bedaure wirklich sehr, nicht in der schweiz zu leben. Ich würde doch glatt eine baugenehmigung für ein minarett beantragen! Am liebsten als bestandteil eines noch zu meinen lebzeiten angelegten grabmals!
THX1138 schrieb am 02.12.2009 um 20:15
Und schon folgen erste geständnisse, nach der art von „auch ich habe ein problem mit dem minarett“.

Das sind leider ziemlich viele.

Nicht nur in der Schweiz, ganz im Gegenteil.
Azenion schrieb am 02.12.2009 um 20:22
Wähleranalysen sind bei geheimen Abstimmungen immer mehr oder weniger spekulativ -- besonders, wenn es keine Präzedenz gibt und das Abstimmungsthema tabuisiert.

Einfach zu sagen, "die üblichen tumben Rassisten und Fremdenfeinde waren es", ist allerdings nicht minder spekulativ und für ein Verständnis des Ausganges wohl auch nicht hilfreich.

Anders als z.B. bei Hautfarben gibt es in Bezug auf den Islam -- der immerhin in Theorie wie Praxis enorm vielschichtig ist -- auch vernünftige Begründungen, ihn abzulehnen. Wie bei jedem Menschenwerk.
Rahab schrieb am 02.12.2009 um 21:00
ja ja thx... und dann ist da noch der spruch über die million fliegen, die nicht irren kann

und ja, Azenion, möglicherweise gibt es auch vernünftige begründungen - nur habe ich hier noch keine gelesen!
THX1138 schrieb am 02.12.2009 um 21:10
Ich denke, öffnen werden sich alle müssen- über kurz oder lang.

Mit dem einfache Opfer-Täter-Schema kommen wir nicht mehr weiter.

Eine Epoche neigt sich dem Ende zu.

Sie kann auch plötzlich zusammenstürzen.

Und dann will's wieder niemand gewesen sein.
ed2murrow schrieb am 02.12.2009 um 20:24
Sehr geehrter Michael Angele,
bedauerlicher Weise sind Sie einem furchtbar schlecht recherchierten Artikel von Zumach aufgesessen. Dazu habe ich bei Klaras Beitrag www.freitag.de/community/blogs/klara/mein-problem-mit-minaretten ausgeführt.
Ich frage mich, welche Intention Zumach mit der Klitterung verfolgt oder ob er nur keine Zeit hatte, solide Arbeit abzuliefern.
Mit freundlichen Grüssen, e2m
Michael Angele schrieb am 02.12.2009 um 21:17
Lieber ed2murrow

danke für ihre kleine Recherche. Ich gebe zu, Zumach hat hier aus Vermutungen vorschnell Tatsachen gezimmert. Sarkastisch würde ich nun sagen: Dann ist die Welt ja wieder in Ordnung.

Ist sie nicht, ich halte die Hypothesen von Michael Hermann und Regula Stämpfli zumindest nicht für abwegig. Der Grund ist leicht einsehbar. Die Kernthese von Hermann lautet ja: "Diese Frauen wollten ein Zeichen setzen gegen eine Kultur, die sie als autoritär, machohaft und aggressiv empfinden. "

Drehen sie die These einfach mal um. Dabei kommt dann sinngemäß Folgendes raus:

"Mit ihrem Nein zur Initiative wollten viele Frauen ein Zeichen setzen für eine Kultur, die sie als liberal, frauenfreundlich und friedfertig empfinden'".

Da müssen Sie doch selbst lachen.
ed2murrow schrieb am 02.12.2009 um 22:39
Sehr geehrter Michael Angele,

zu dem Thema fehlt mir leider jeder Sinn für Humor, sehen Sie es mir nach.

Zu der tatsächlichen Prämisse: Es kann ja sein, dass Sie ein anderes Interview gelesen haben, als das von mir zitierte und verlinkte bei Le Temps. Dort kann ich nämlich die von Ihnen angezogene "Kernthese" zumal von Hermann nicht finden, es sei denn ich habe es überlesen. Ich lasse mich da gerne belehren. Wie kann ich aber mit einer These „spielen“, deren Autorenschaft prima vista reichlich zweifelhaft erscheint, von deren empirischen Sockel ganz zu schweigen?

Ich gestehe, dass mir der Zungenschlag nicht gefällt. Bei der gesamten Debatte wird so getan, als wären „Migration“ oder „Integration“ überhaupt etwas voluntativ steuerbares. Umberto Eco sagte reichlich sarkastisch mit einem Vergleich zum römischen Reich: Wenn die Barbaren vor der Tür stehen, warten sie nicht auf Einlass; sie treten die Tür ein und basta. Die kontinuierliche Eintröpfelung über die mediterranen Staaten geben davon beredetes Zeugnis. Man kann sich bemühen, aus dieser klar erkennbaren Situation die besten Schlüsse zu ziehen, den Dialog zu suchen, Angebote bereit halten, zu kanalisieren. Angesichts der radikalen Wirklichkeitsverweigerung, wie sie in der Schweiz nun zum Gesetz geworden ist, nun auch noch einen spezifischen Verantwortlichen zu suchen, der allerdings dann für alles, was in der Integration schief gehen kann, haftbar gemacht werden wird, halte ich für .. nein, es tut mir leid, DAS will ich jetzt nicht schreiben. Grotesk, ja, das geht noch.

Gerade macht Friedland im anderen Blog von Klara darauf aufmerksam, dass in dem von mir zitierten Flyer auch Alice Schwarzer mit web-Adresse des EMMA-Blogs aufgelistet sei. Und ich habe auch Oriana Fallaci gelesen, la Rabbia e l’Orgoglio genauso wie ihr Buch an ein nie geborenes Kind oder die Vietnam-Reportagen. Sind diese Frauen verantwortlich für das, was sich überwiegend im ländlichen Raum der Schweiz abgespielt hat? Es sind Menschen verantwortlich, die nur Bedrohungen sehen statt Chancen, aber nicht „die“ Frau oder ihr Selbstwertgefühl. Da wird nur ein Haarspalt zum nächsten hinzugefügt.

Ihnen einen guten Abend, e2m
Michael Angele schrieb am 02.12.2009 um 22:51
@e2m
gut, ganz simpel und humorlos. "Sie wollten ein Zeichen setzen gegen eine Kultur, die sie als autoritär, machohaft und aggressiv empfinden." Nehmen wir an, es hat diesen Auspruch nur in der Fantasie von Zumach gegeben - als worst case quasi. Meine Frage: Könnten Sie die Motive dieser Frauen verstehen, wenn es sie denn gäbe?
ed2murrow schrieb am 02.12.2009 um 22:56
@ MA
Ich kann die Angst eines JEDEN Menschen verstehen, wenn ihm eine "Kultur" so präsentiert wird. Oder glauben Sie, dass es Männern recht wäre, in seltsamen Gewändern mit langen Bärten durch die Gegend zu streichen .. wenn denn auch das jene "Kultur" sein soll, die suggeriert wird.
Rahab schrieb am 02.12.2009 um 23:48
und ne richtige linke&feministische frau ist eine, die "ein Zeichen (setzt) gegen eine Kultur, die sie als autoritär, machohaft und aggressiv empfinden" sollte - nach meinung von herrn Hermann, Zumach, Angele?
wenn das so wäre - dann schreit das geradezu nach einer kräftigen zeichensetzung!
klara schrieb am 03.12.2009 um 09:15
@ed2morrow,
Ihre Denkanregungen finde ich interessant.
"Bei der gesamten Debatte wird so getan, als wären „Migration“ oder „Integration“ überhaupt etwas voluntativ steuerbares."
Das finde ich in zwei Richtungen spannend - einmal aus der Sicht derjenigen, die emigrieren, und dann aus Sicht der latenten Migrations"gegner", die ein Nicht-Emigrieren-Müssen suggerieren. Interessant ist daran der Hinweis auf Perspektiven - und dass man immer in seiner eigenen steckt. Interessant ist auch ein anderer Gedanke: Wäre "Integration" möglicherweise gar nicht (mehr) der richtige Begriff?
Integration WOHIN?
Eins der Probleme ist, dass Äüßerungen eines Bosbach, die ja nicht von ungefähr kommen, nicht NUR taktisch-populistisch sind, sondern vermutlich auch seiner eigenen ängstlichen Perspektive geschuldet sind. Er glaubt daran, dass er Angst haben muss.

"Es sind Menschen verantwortlich, die nur Bedrohungen sehen statt Chancen, aber nicht „die“ Frau oder ihr Selbstwertgefühl. Da wird nur ein Haarspalt zum nächsten hinzugefügt." Danke dafür. :)
Michael Angele schrieb am 03.12.2009 um 09:30
Also wie auch immer. Es gibt Frauen, die für die Initiative gestimmt haben, und eine von ihnen, die von ed2 gennannte Julia Onken hat der "Welt" ein doch sehr bedenkenswertes Interview gegeben. Hier ein Ausschnitt, wer mag kann ihn ja gleich wieder wegwischen:

"Onken: Eine Lehrerin darf nicht sagen, dass es sie stört, wenn ein muslimischer Junge ihr antwortet, Du hast mir nichts zu befehlen, Du bist eine Frau. Eine Sozialarbeiterin darf nicht sagen, dass es sie kränkt, wenn ein muslimischer Mann ihr nicht die Hand geben will. Ein Polizist darf nicht sagen, welche Nation für ein Verbrechen in Frage kommt. Deshalb hat sich etwas zusammengebraut. Hier wird ein ethischer Grundwert verletzt, nämlich der Grundwert der Wahrhaftigkeit. Menschen möchten das sagen können, was sie empfinden. Aber jeder, der nur dazu ansetzte, wurde gleich in die fremdenfeindliche Ecke gestellt. Dieses Risiko wollte niemand eingehen, deswegen haben sie geschwiegen und die Faust im Sack gemacht."

www.welt.de/die-welt/kultur/article5409603/Der-Islam-verletzt-die-Rechte-der-Frauen.html
Rahab schrieb am 03.12.2009 um 10:14
mein lieber herr Angele,

da hat die gute frau Onken aber allerhand durcheinandergeschmissen und untergehoben. spätestens bei diesem satz -> "Ein Polizist darf nicht sagen, welche Nation für ein Verbrechen in Frage kommt" wird das klar. mir jedenfalls.

deshalb: natürlich darf eine lehrerin und eine sozialarbeitrin darf auch! kann sein, das zieht dann eine etwas lebhaftere diskussion nach sich. na und? ich dachte immer, 'wir' seien konfliktfähig. sollte das ein irrtum sein?

aus meiner persönlichen erfahrung (als anwältin mit überwiegend muslimischer klientel) kann ich sagen: das problem mit shake-hands hatte ich nie. meine mandanten gaben mir immer die hand (es sei denn, ich ließ es nicht zu). manchmal haben wir dabei ziemlich haarscharf aneinander vorbeigeguckt.
so mancher orthodoxe würdenträger könnte davon noch ne menge für den umgang mit frau Käßmann lernen.

ach ja, bevor nun der eindruck entsteht, das beträfe nur zwischengeschlechtliches shake-hands. falsch!
klara schrieb am 03.12.2009 um 10:43
Das ist spannend, Rahab, was du erzählst. Genau das braucht es.
Rahab schrieb am 03.12.2009 um 10:56
ja... vielleicht sollte ich wirklich mal ein bißchen mehr aus meinem 'multi-kulti-gut-menschin-leben' erzählen. und die gedanken, die ich mir zu den babylonischen wirrnissen zwangsläufig machen mußte, etwas weiter ausformulieren ...

aber jetzt muß ich mich erst mal nem richtig deutschen finanzamt zuwenden.
vielleicht gegen später.

ach ja, bei der gelegenheit noch: dass gleich eine ganze nation für ein verbrechen in frage kommt, das ist ausgesprochen selten. frau Onken wollte doch wohl eher sagen, ein polizist dürfe nicht sagen, welche nationalität ein verdächtiger/angeschuldigter habe. oder?
Michael Angele schrieb am 03.12.2009 um 11:18
@rahab
schliesse mich klara an, bitte berichten sie aus ihrer praxis, und: ich gehe mal davon aus, dass frau onken "nationalität" gemeint hat
Deaktivierter Nutzer schrieb am 04.12.2009 um 17:11
Meint denn Frau Onken, meinen die anderen Ja-Stimmen denn tatsächlich, mit dem Verbot eines architektonischen Merkmals ein Jota an der Lage der muslimischen Frauen verbessert zu haben? Müssten dann nicht mit analoger Argumentation auch alsbald Kirchtürme verboten werden? Ging es den 71 Prozent Befürwortern im Kanton Appenzell Innerrhoden, wo das Frauenstimmrecht 1990 (46 Jahre nach der Türkei) eingeführt wurde, etwa um Frauenrechte?
Treuherzig betont das Minarettverbotslager ja allenthalben, die Religionsausübung der Muslime sei nicht tangiert. Ja was denn nun - wurde ein Pflock gegen eine falsche Kultur eingeschlagen oder war das alles nicht so gemeint? Wie war es denn dann gemeint? Darauf einmal eine ehrliche Antwort zu erhalten wäre wahrlich an der Zeit.
Rahab schrieb am 04.12.2009 um 17:29
@michael angele
so so - sie meinte also, dass eine nationalität für ein verbrechen in frage komme. meinen jedenfalls Sie, oder?
Friedland schrieb am 02.12.2009 um 21:42
Ich frage mich (und alle anderen) immer noch, was denn die Minarette dafür können, dass wir den Islam nicht mögen? Wenn wir schon die Windmühlen aus Toleranzgründen nicht verbieten dürfen (Die Brotfreiheit: Jedem sein eigenes Brot!), dann sollen sie aber wenigstens keine Flügel haben! Die Schweiz als minarettfreie Zone.

Oder wollen wir deren Türme kürzen, weil man unsere WTC-Türme gekippt hat? Ich verstehe allerdings auch die Aufregung um die "kantonale Bauvorschriftsverordnung" nicht ganz. Ich verstehe aber, das ein Zeichen westlicher Toleranz und Aufgeklärtheit anders aussehen sollte.

Im 18. Jahrhundert durften übrigens in protestantisch geprägten Regionen die katholischen Kirchen ebenfalls keinen Turm tragen, sie mussten wie normale Wohnhäuser aussehen. Ich dachte, wir seien im 21. Jahrhundert da mittlerweile weiter...
Rahab schrieb am 02.12.2009 um 23:55
eine frage noch.
ein "Zeichen" für was ist es eigentlich, wenn frauen aus z.b. Afghanistan, welche ihren asylantrag unter anderem mit dem zwang, die burka zu tragen, aus euroäischen staaten nach Afghanistan abgeschoben werden? und welches "Zeichen" setzt die begründung für ablehnung des asylantrages und abschiebung, die da lautet, das (also der zwang, die burka zu tragen) sei doch nix politisches?
Lethe schrieb am 03.12.2009 um 12:33
SPON hatte übrigens eine entsprechende Umfrage online stehen. Als dann 78% Zustimmung für ein Minarett- und Moscheenverbot in Deutschland erreicht war, wurde die Umfrage wieder entfernt^^

ich glaube nicht, dass Frauen das Problem sind
merdeister schrieb am 03.12.2009 um 12:52
"Ein Teil der VerbotsbefürworterInnen aus dem linken Lager legte am Abstimmungssonntag aus persönlichen oder taktischen Gründen ein 'Ja' in die Urne in der durch alle Umfragen genährten sicheren Erwartung, dass die Initiative landesweit keine Mehrheit erhalten werde. Und bei den Umfragen vor der Abstimmung, die zumeist nicht anonym, sondern telefonisch durchgeführt wurden, gaben sie an, mit 'Nein' stimmen zu wollen. Das ist einer der wesentlichen Gründe, warum der Schweizer Umfrageguru Claude Longchamps so weit danebenlag wie nie zuvor."

Bradley Effekt
h.yuren schrieb am 03.12.2009 um 13:17
wenn deutschsprechende über die aufklärung reden, ist meist wie in afghanistan die militärische gemeint. die aufklärung im sagen wir philosophischen sinn hatte hier wie anderswo die gleichen probleme, die sie noch immer hat. vor allem mit den religiösen gefühlen, dann aber auch mit den traditionalisten jeglicher spielart. dass in germany die ns-zeit stattgefunden hat, beweist die tradition der anti-aufklärung in diesem land. das heißt in diesen köpfen, schulen, medien etc.

es ist doch die frage nicht, michael angele, welche frauen und männer mit rechter parteineigung oder auch linker für dieses von den rechten parteiungen gepuschte votum gestimmt haben oder nicht, vielmehr ist die frage, welche zukunft eine gesellschaft erwarten kann, die sich noch heute so unaufgeklärt bewegt wie in diesem fall.
die christlichen abendländer haben mal wieder angst vor den mauren, türken und muselmanen?
sie wissen mit dem aufgeklärt aufgetragenen gebot der religionsfreiheit nicht anders umzugehen als mit plebisziten und anderen mehrheitsbeschlüssen?
nach dem motto: ich bin hier herr im haus?
einzelne kommentator/innen haben darauf hingewiesen, wie aufgeklärt die katholische kirche ist. es braucht niemand zu fragen, wie aufgeklärt die demokratische herrschaft in einem cdu-land ist. die brd ist von anfang an ein cdu-staat. weder folgt dieser staat dem auftrag des grundgesetzes zur trennung von staat und kirche (wie sollte er auch bei dem schafspelz?!) noch ist die gewaltenteilung konsequent realisiert.
aufklärung tut not, nicht aber lamentieren über die schweizer/innen. und damit wir uns richtig verstehen: aufklärung ist unvereinbar mit wahn und gewalt.
Michael Angele schrieb am 03.12.2009 um 14:27
@h.yuren

Mag sogar sein, dass die Bedeutung des Wortes Aufklärung von ihrem militärischen Sinn gar nicht zu trennen ist. Behauptet das nicht Sloterdijk in der "Kritik der zynischen Vernunft"? Egal: Jedenfalls ist die Aufklärung eine Erfindung der deutsch-jüdischen Philosophie und bestimmt nicht die schlechteste. Sie hatte in ihren Hochzeiten einen Punkt ganz oben auf ihrer Trakdandenliste: radikale Religionskritik.

Was ist denn davon übriggeblieben? Hüben, von drüben gar nicht zu reden. Was Apostasie, der Abfall vom Glauben, in Ländern, die nach der Scharia Recht sprechen, für Folgen hat, können sie hier nachlesen: de.wikipedia.org/wiki/Apostasie_im_Islam.

So lange das so ist, sehe ich als – zugegeben – Laie keinen Grund, dem Islam ein unzüchtiges Verhältnis zu Toleranz und Auklärung zu unterstellen. Aber ich will hier nicht weiter polemisieren. In der NZZ von heute steht ein ungleich besser informierter Beitrag von Hamed Abdel-Samad, einem ägyptischen, in München lehrenden Politikwissenschaftler zum Verhältnis von Islam zu Aufklärung und Moderne. Vielleicht sind sie für dessen Argumente empfänglicher:
www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/vom_glauben_zum_wissen_1.4098827.html

Schöne Grüße
Fro schrieb am 04.12.2009 um 14:36
@h.yuren

Ja, so kann man es sehen – Da werden Ängste angesprochen und erzeugt, die bestimmender sind als das aufgeklärte Bewusstsein. Das muss anders werden.

Zum Thema Aufklärung eine schöne Beschreibung aus dem Wiki:

„Unter Aufklärung versteht man einen sowohl individuellen wie gesellschaftlichen geistigen Emanzipatonsprozess. Dieser hinterfragt die allein auf dem Glauben an Autoritäten beruhenden Denkweisen kritisch. Es wird gefordert, sich „seines eigenen Verstandes zu bedienen“. Der aufgeklärte Mensch soll nicht mehr an die Vorgaben der Obrigkeiten oder Zwänge von Mode und Zeitgeist gebunden sein, sondern sein Leben und Denken selbst bestimmen.“

Wir Deutschen sind da auf einem niedrigen Level - ich sehe aber einen positiven Trend.

@Michael Angele

Ein sehr interessanter Artikel von Hamed Abdel-Samad.

Aber der ist doch sehr geprägt von seinen eigenen Erfahrungen und der daraus resultierenden grundsätzlichen Ablehnung des muslimischen Glaubens.
Seine Empfehlung finde ich schon etwas heftig:

„Islamkritik sollte von den Europäern ohne Rücksicht auf fundamentalistische Bedrohungen und ohne politisch korrekte Denkfaulheit vorangetrieben werden. Diese Kritik darf hart sein, sollte jedoch ohne Polemik und Ressentiment daherkommen. Und wenn den Muslimen diese Kritik von außen unerträglich erscheint, sollten sie das Heft in die Hand nehmen und diese Kritik selbst üben.“

Wo soll so etwas hinführen?
Rahab schrieb am 04.12.2009 um 15:04
ielleicht einfach noch mal was anderes lesen? das hier library.fes.de/pdf-files/akademie/berlin/06642-20091021.pdf
zum beispiel. wobei es mir weniger auf das vorwort ankommt, mehr dagegen auf die beiträge von Amina Wadoud und von Irjad Manji
Fro schrieb am 04.12.2009 um 22:05
Sehr schöne Beiträge –

Am Ende des Artikels von Irshad Manji kann man lesen:

„Welche Rolle spielen die nicht-muslimischen progressiven Frauen?
Können sie etwas zum öffentlichen Diskurs über
mögliche Reformen der muslimischen Praktiken
beitragen? Meine Antwort lautet: Ja, wenn sie die
Menschenrechte im Auge haben.“
und:
„Dieses „Dogma”, dass wir uns nicht
in die Angelegenheiten von anderen einmischen
dürfen, als gehörten sie nur einer kleinen Gruppe,
führt dazu, dass sich die Leute zurücklehnen und es
sich bequem machen. Aber man kann sich auch so
weit zurücklehnen, mit der Absicht es sich bequem
zu machen, dass man schließlich auf den Boden fällt.“

Ich kann das gut nach vollziehen und richtig finden - aber man sollte sorgsam vermeiden daraus einen öffentlichen Aufruf zu machen.
Das ist etwas für aufgeklärte Menschen – mit Bürgerbewusstsein und Sachkenntnis - die keine Vorbehalte gegen den Islam haben und sich nicht wichtig tun wollen.

Wir sehen im Schweizer Volksentscheid und in den Umfragen hier, dass viele Menschen das Recht auf Religionsfreiheit wohl nicht so wichtig finden – und bereit sind dieses Grundrecht außer Kraft zu setzen, um einem imaginären Feind Grenzen zu setzen. Die würde ich da nicht um Einmischung bitten – das könnte schreckliche Folgen haben.
Michael Angele
Leitung Kulturredaktion
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