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Er würde noch gern erzählen, schreibt Ingo Schulze, „dass es darauf ankommt, sich selbst wieder ernst zu nehmen und Gleichgesinnte zu finden, weil man eine andere Sprache nicht allein sprechen kann“. Aber Schulzes Text bricht vorher ab. Man kann das als journalistischen Kunstgriff ansehen, oder aber als Ausdruck eines allgemeinen Symptoms: Krise, Kapitalismus, Arm und Reich – das „ist alles so offensichtlich“, dass man dazu kaum noch etwas sagen möchte. Weil mit dem Reden darüber, mit jeder Anklage auch der Kontrast zur gesellschaftlichen Untätigkeit, zum eigenen Zaudern immer bedrängender wird. Schulzes Appell in der Süddeutschen hat viel netztypische „Gefällt mir“-Beachtung gefunden. Auch deshalb, weil das Gefühl, das Denken, dass es doch eigentlich „jetzt um die einfachen Fragen“ geht, so verbreitet ist wie die Hilflosigkeit, die sich in einem ausbreitet, wenn nach den Konsequenzen gefragt wird und man bemerkt, dass doch fast alle bloß zuschauen (Harald Welzer). Es geht um oben und unten, darum, wem es nützt und wer daran verdient – und also, und hier fängt es dann an spannend zu werden, darum wie man es ändert.
Schulze schreibt dazu nichts. Sein Text handelt ja auch mehr von der eigenen Sprachlosigkeit, die beendet wird, um sichtbar zu machen, dass „die Intellektuellen schweigen“. Nur: Stimmt das überhaupt? Liegt das Problem wirklich darin, dass niemand redet, schreibt, appelliert, kritisiert? Ist es nicht eher so, dass zwar das Offenkundige heute bis weit in die Mitte der gesellschaftliche Öffentlichkeit hinein behandelt wird, wo Krise und Kapitalismus auf eine Weise zum Thema geworden sind, die man vor vier, fünf Jahren kaum für möglich gehalten hätte – dass aber daraus nichts folgt, was unmittelbare, praktische, sichtbare gesellschaftliche Wirkung entfaltet? „Alles könnte anders sein“, den Spruch soll sich Nils Minkmar über seinen Frankfurter Redaktionstisch gehängt haben. Aber wir kann es das auch werden? Haben wir es nicht weniger mit einem Problem des ausbleibenden Sprechens zu tun, als mit einem der Organisation der Intellektuellen, der Möglichkeit zur kollektiven Aktion, zur praktischen Bündnisfähigkeit?
„Wir sind am Ende der Aufklärungsphase; nun geht es darum, Ernst zu machen mit unseren Einsichten, mit der Wiedereroberung der kaputten Parlamente, Redaktionen, Fakultäten. Kurzum, dass auch Intellektuelle sich dem notwendigen, langweiligen, demokratischen Alltagsgeschäft stellen“, hat Mathias Greffrath unlängst in der Tageszeitung gefordert. Und das wäre keineswegs „defensiv“, wie er vorauseilend und rhetorisch jene fragt, die das womöglich anders sehen. Im Unterschied zum gegenwärtigen Stand, in dem eine kleine Auswahl von Menschen auf einer ebenso kleinen Auswahl von Kanälen „die Intellektuellen“ repräsentiert, wäre das „Ernst machen“ ein großer Schritt. Nur: Worin könnte er bestehen? Ebenfalls in der Tageszeitung hat Ingo Arend vor ein paar Tagen von einer Diskussionsrunde in Berlin berichtet. Ingo Schulze war auch dabei, in seinem Text in der Süddeutschen vom vergangenen Donnerstag klingt viel von dem an, was bei der „Intervention“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt gesagt wurde.
Intervention? Natürlich gehört der „Versuch, diskursives Terrain zu gewinnen“ dazu. Aber müsste da nicht mehr kommen, etwas von dem, das Ingo Arend als „wirklich Ernst“ machen mit der Systemveränderung bezeichnet, also als den „Quantensprung vom bloß engagierten zum ,intervenierenden‘ Intellektuellen“ – der sich, das wäre hinzuzufügen, nicht auf die journalistische Klage über das „Schweigen“ der Kollegen, oder das Fehlen der linken Gegenkonzepte (Franz Walter) beschränken dürfte. „Man erkennt die Präsenz oder Existenz eines Akteurs in einem Feld daran, dass dieser den Zustand des Felds verändert“, zitiert die Redaktion der Zeitschrift Sozialismus in der aktuellen Ausgabe Pierre Bourdieu – und schreibt: „Wer sich damit bescheidet, Forderungen an die politischen Eliten zu stellen, verändert das Feld noch nicht. Wenn es aber nicht verändert wird, bleiben diejenigen sozialen Kräfte, die einen ,Paradigmenwechsel‘ bewirken können, passiv.“ (siehe auch Rainer Rilling über Bourdieu, die Intellektuellen und die Linke.) Womit wir wieder bei Schulze wären: „Gleichgesinnte zu finden, weil man eine andere Sprache nicht allein sprechen kann“, das ist nicht bloß eine Frage der Wiederbesetzung diskursiver Räume, in welchen die jahrelange „Vertreibung alternativer Gedanken“ (Roger Willemsen) erfolgreich war. (siehe auch Mario Candeias über die Frage, ob es neue "Vermittlungsintellektuelle" braucht.) Es reicht eben nicht, wenn Intellektuelle für sich, individuell ein „Schweigen“ brechen, aber nichts gegen jene Zustände unternehmen, in denen auch das kritischste Reden bloß zu den üblichen Betriebsgeräuschen gehört.
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Ich weiß nicht so recht, ob die Kritik von Strohschneider berechtigt ist... Mir gefällt an Ingo Schulzes SZ-Beitrag, dass da endlich mal ein prominenter Schriftsteller laut, klar und deutlich und mit spürbarem Zorn den Mund aufgemacht hat! Der Beitrag müsste eigentlich in zehn oder zwanzig Zeitungen und Magazinen erscheinen, um viel mehr Menschen erreichen zu können. Sicher ließe sich zu jedem seiner Punkte viel ergänzen, aber es war ein Aufruf, ein Anstoß, der mir ob seiner Klarheit so gut gefällt.
Gerade und auch im linken Feuilleton liest man oft ein dermaßen verquastes Deutsch, ein Soziologen-Chinesisch und Theoriegeseiere, das nur einem kleinen Zirkel wirklich etwas sagt. Da kommt der Beitrag von Schulze wohltuend daher. Schade wäre es, wenn es bei dieser einen exponierten Stimme bliebe! |
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Es ist ja weniger eine Kritik an Schulze (ich bin sehr froh über solche Texte) als die Frage danach, was nach dem Ende des "Schweigens" kommen soll. Wenn doch eigentlich alles so offensichtlich ist, sich aber ebenso offensichtlich (zu) wenig regt - wie ändert man das? Die "Organisationsfrage" macht Schulze dabei selbst auf: "... und Gleichgesinnte zu finden, weil man eine andere Sprache nicht allein sprechen kann“.
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eine möglichkeit wäre es, wenn sich ein paar intellektuelle zusammensetzen und einen offenen brief aufsetzten.
ich bin darauf gekommen, weil ich kürzlich einen ebensolchen von einigen ungarischen intellektuelle gelesen habe, die sich damit zur katastrophalen situation der demokratie und darüberhinaus in ungarn äußern. warum tun unsere intellektuellen das nicht? und wer würde überhaupt dazu zählen? wer von diesen würde ernst genommen werden? wer von ihnen hätte überhaupt einen konsens und unteerstützung in der bevölkerung? da geht es ja auch schon weiter. die allgemeine zersplitterung der meinungen und auffassungen in deutschland ist so groß, daß kaum etwas oder jemand auch nur halbwegs konsensfähig wäre. in einem solchen pluralismus ist derselbe aber dann beliebigkeit und also kontraproduktiv wirkend. keine ahnung, wo da eine lösung in sicht ist. ein offener breif, auf den sich viele einigen könnten, wäre aber schon mal ein guter anfang. vielleicht im stile des aufrufes vieler kpünstler etc. ind er wendezeit "für unser land". auch wenn dieser aufruf damals zu spät gekommen ist. so wäre er heute dringend nötig. p.s. habe selbst auch etwas dazu geschrieben. nach dem text von tom strohschneider muß ich allerdings auch zugeben, daß ich über das "nicht darüber sprechen" und die gründe dafür wohl auch nicht hinausgekommen bin. allerdings weise ich auch auf den offenen brief der ungarischen intellektuellen hin. blogbuchkonyhakert.wordpress.com/2012/01/12/gedankensplitter-haben-wir-noch-meinungsfreiheit/ |
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Eine klare Zustandsbeschreibung mit einer ziemlich resignierten, aber darum wahrlich nicht falschen Schlussfolgerung: "Es reicht eben nicht, wenn Intellektuelle für sich, individuell ein „Schweigen“ brechen, aber nichts gegen jene Zustände unternehmen, in denen auch das kritischste Reden bloß zu den üblichen Betriebsgeräuschen gehört."
Durch Ihren Text angeregt, habe ich noch mal bei Bourdieu nachgeschaut (dessen Vorlesungen am Collège de France über den Staat in diesem Monat erscheinen und mit Ungeduld erwartet werden) und in den "Contre-feux" seine Intervention auf dem DGB-Forum 1997 gelesen: "Die Zukunft Europas hängt stark vom Gewicht der progressiven Kräfte in Deutschland (Gewerkschaften, SPD, Grüne) und ihrem Willen ab, gegen die Politik des "starken" Euro, die Bundesbank und Regierung verfolgen, zu kämpfen... Kurz gesagt, gegen alle Unheilspropheten, die euch überzeugen wollen, dass euer Schicksal in den Händen transzendenter, unabhängiger und gleichgültiger Mächte wie den "Finanzmärkten" oder den Globalisierungsmechanismen liege, möchte ich betonen, in der Hoffnung, euch zu überzeugen, dass die Zukunft, eure Zukunft,, die auch die unsere und die aller Europäer ist, stark von euch abhängt, von euch als Deutsche und als Gewerkschaftler." Also: sich engagieren? durch die Institutionen marschieren? transformieren? unterwandern? riskieren, Unrecht zu haben? unterliegen lernen? als Sieger sich schämen lernen? sich beschmutzen? hässlicher werden? verzweifeln und hoffen? Das so schwere Einfache! |
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"Also: sich engagieren? durch die Institutionen marschieren? transformieren? unterwandern? riskieren, Unrecht zu haben? unterliegen lernen? als Sieger sich schämen lernen? sich beschmutzen? hässlicher werden? verzweifeln und hoffen?"
vor allem: immer weiter diese fragen stellen, würde ich sagen |
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"...nichts gegen jene Zustände unternehmen, in denen auch das kritischste Reden bloß zu den üblichen Betriebsgeräuschen gehört." - Das ist so und trifft auch auf kritische Journalisten zu. Aber ist das vielleicht nicht auch gut so? Von Intellektuellen und Journalisten erwarte ich keine politischen Aktionen, sondern gute Texte, die beschreiben, was ist, und Vorschläge machen, wie das zu erklären, zu beurteilen und (vielleicht) zu ändern ist.
Schade, dass ich Ihre lesenswerten Texte hier bald nicht mehr werde lesen können. |
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schrieb am
15.01.2012 um 19:24
"Schade, dass ich Ihre lesenswerten Texte hier bald nicht mehr werde lesen können." ? Was bedeutet dieser Nachsatz? Wechselt Strohschneider in eine andere Redaktion?
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Vor einigen Tagen konnte man hier lesen, dass Herr Strohschneider ab Februar für die taz schreiben wird. Es ist leider wohl mehr als ein Gerücht.
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Stimme Ihrem Text weitgehend zu.
Der Meinung von Hesse allerdings nicht "dass da endlich mal ein prominenter Schriftsteller laut, klar und deutlich und mit spürbarem Zorn den Mund aufgemacht hat!". Es ist noch nicht lange her, da klangen die Laudatoren über Christa Wolf so, dass gerade sie - wenngleich mit anderen sprachlichen Mitteln - den Finger in die Wunden des Systems gelegt hat. Generell: Intellektuelle sind auch nur Menschen - will heißen, wie 99% aller Menschen warten sie darauf, dass erst mal ein anderer den berühmten ersten Schritt macht. |
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anfangen.
bei sich selbst. jede, jeder für sich. und dann gemeinsam. was will ich? was will ich nicht? was will ich anders? z.b. beim konsum. als konsument bin ich gefragt. alle wollen mir was verkaufen. was machen die mit meinem geld? wo fliesst das hin? jeder geldschein ein wahlschein. ein stimmzettel. wen wähle ich täglich? was mache ich groß? dort, wo mein geld hinfliesst, ist wachstum, ist zukunft. ist es die zukunft, die ich will? a propos geld. das geld, das ich einnehme und ausgebe, haben andere geschöpft. und sie haben es mit märchenhaften eigenschaften ausgestattet, es vermehrt sich auf kosten anderer, es wird mehr, während alles andere weniger wird. es wuchert wie ein geschwür, entzieht dem organismus, der es nährt, die letzte kraft, den letzten saft. ein solches geld passt nicht zu mir. ich will ein anderes geld. ich schöpfe mir mein eigenes geld, eins, das besser zu mir passt. und du? |
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Informativer Text mit interessanten, weiteren Links zu anderen Texten. Das wünsche ich mir weiterhin hier zu lesen.
Aber: Ingo Schulzes Text lese ich nicht als ein Abbrechen vor dem eigentlichen ('Aber Schulzes Text bricht vorher ab.'), sondern als wütenden Kommentar in immerhin 13. Thesen! |
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Der Zornausbruch von Schulze ist wertvoll und willkommen, und außerdem eine Ermutigung für alle, die seinen Zorn teilen. Und die Frage, was man tun kann, findet man bei ihm zumindest in seiner Forderung nach der Suche nach Gleichgesinnten beantwortet: Vielfach wäre es schon ein Fortschritt, wenn diese sich einfach ebenfalls öffentlich kenntlich machten, nicht anonym, sondern mit Namen - in Blogs, Leserbriefen, Versammlungen oder im Kollegenkreis, jedenfalls dort, wo etwas "zur Sprache kommt".
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was wir in der aktuellen Krise brauchen ist die Sprache der "einfachen" Bürger. Guckt euch mal
dieses Video an. Das ist gestern während der D´dorfer Asamblea aufgenommen worden. Besonders die Frau ab 1:40Min. spricht eine Sprache, die die Menschen anspricht. Intellekuelle können diese Sprache nicht. Aber ich meine auch, es braucht Menschen die eine Brücke von den Gedankengebäuden der Intellektuellen zu den Menschen auf der Straße und zurück schlagen können. Als eher abstrakt Denkende habe gestern die Erfahrung gemacht, es ist besser die Frau von der Straße reden zu lassen als selbst das Wort zu ergreifen. Wir haben es viel zu lange vermieden das Abstrakte am Konkreten zu messen. |
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Das ist ein Kommentar, wie ich ihn liebe, mit lauter Links auf mehr und weniger bekannte Seiten. Vielen Dank für diese Menge an neuem Futter.
Eigentlich hatte ich einen Artikel erwartet, in dem einmal mehr aus einem vagen Gefühl heraus behauptet wird, dass es keine vernehmbaren öffentlichen Intellektuellen mehr gebe. Stattdessen stößt man auf eine breite Diskussion um die Möglichkeiten intellektuellen Daseins, und einen gut verlinkten Text, der verschiedenste Positionen sinnvoll zusammenstellt und kommentiert. Seit langem wieder einmal flimmernde Buchstaben, die mehr sind als sanft betäubende Zeittotschläger. You made my day |
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Was wollen wir in einem Land, in dem sich laut und deutlich kaputtlacht wird, wenn ein ""Genosse"" einer Genossin vorwirft, mit notwendigen - weil überfälligen - Änderungen die "industrielle Substanz" eines Bundeslandes "ruinieren" zu wollen, real bitte noch erreichen? Es ist doch viel zu spät. Die Universitäten und die Ministerien gehören Bertelsmann, die öffentliche Meinung Springer. Was soll da noch großartig kommen (außer Mord und Totschlag)? War es denn jemals anders? Hat irgendwann in der Geschichte mal jemand freiwillig das Feld geräumt und gesagt: "Sorry, ich war fies, das soll nun ein Ende haben"?
Und jeder der so etwas (oder ähnlich Extremistisches) sagt, disqualifiziert sich selbst und wird automatisch vom "Intellektuellen" zum "Spinner". Dabei ist die Realität längst auf dem Wege in eben den Extremismus, den man diesen "Spinnern" vorwirft. Ganz recht, linkes Gedankengut ist als Volksbelustigung á la "Neues aus der Anstalt" und "heute-show"hoch im Kurs und total salonfähig. Jeder denkt mal zynisch über irgendwas nach und schiebt schnell hinterher, dass man das in der FAZ gelesen habe. Entwarnung! Aber sobald ein "Spinner" behauptet, praxisnah "gut zu wollen", gilt er als Terrorist oder Kriegstreiber und bekommt *.exe-Post vom Verfassungsschutz. Erinnert sich noch jemand an die GRÜNEN-Politikerin, die den Linken vorwarf, mit ihrer Anti-Kriegshaltung den Terroristen in die Hände zu spielen, sprich: den Afghanistan-Einsatz künstlich zu verlängern? Pazifismus als Kriegstreiberei? Genau so muss man sich das mit den "Intellektuellen" auch vorstellen. Die wissen mittlerweile leider zu genau, dass man eine Familie nicht ernährt bekommt, wenn später mal nachgewiesen werden kann, dass man im AStA vertreten war. Ende und aus. Ich habe mir den ganzen Tag versaut und einen Blog zum Thema geschrieben, in dem ich das - meiner Meinung nach - an die Grenzen des Machbaren getrieben habe. Ob das auf Freude in der Redaktion stößt, weiß ich nicht. Ich kann nur noch einmal wiederholen, dass ich seit Jahren bei der ERGO bin und mit deren Produkten sehr zufrieden. Mehr kann ich nicht machen. Was soll man noch ändern können? Der Fisch stinkt vom Kopf - immer! P.S.: Nein, Herr Friedrichs, ich mache wie immer nur ein kleines Späßchen. Bitte keine e-Post. |
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noch zwei Nachträge:
Deutschlandradio hat mit der Schriftstellerin Juli Zeh über die Krise, die Demokratie etc. gesprochen. "Es sei inflationär geworden, die Systemfrage zu stellen", wird das Gespräch anmoderiert. "Die berechtigte Kritik am Primat der Ökonomie sei kein Anlass, den 'totalen Abgesang' auf die Demokratie anzustimmen." Zeh dann direkt zu Schulzes Text in der Süddeutschen: "Ja, wir haben die Regierung, die wir verdienen, vor allem nämlich die, die wir gewählt haben. Und ein bisschen anders als Ingo würde ich das jetzt mal grundsätzlich eher als Zeichen einer funktionierenden Demokratie sehen. Weil Demokratie ist ja nicht dann besonders schön, wenn da oben die Besten sitzen, sondern dann, wenn da die Leute sitzen, die die Mehrheit gewählt hat, und das ist nun mal wirklich der Fall." mehr hier: bit.ly/wz6HpE In der Frankfurter Rundschau schreibt Harry Nutt zu Schulze, "so kämpferisch und störrisch sich sein Artikel mit 13 Unterpunkten gibt, ist es doch auch eine tiefschwarze Suada der Resignation. Schulze steht damit nicht allein." Tatsächlich aber seien Gemeinwesen und Demokratie viel lebendiger als die Kritiker meinen - Nutt nennt den Protest gegen Stuttgart 21, den Aufstieg der Piratenpartei und die Occupy-Bewegung. mehr hier: bit.ly/yIafIh |
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Endlose Wiederholung der immer gleichen Gemeinplätze.
Ich kann nur Herrn Schulze zitieren: "Ich kann nur den Gemeinplatz wiederholen: Die Gewinne werden privatisiert, die Verluste sozialisiert." Na ja, die empirischen Fakten sind halt eine böse, weil viel zu komplizierte Macht. |
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schrieb am
16.01.2012 um 17:58
@Tom Strohschneider
Ja, "wir" haben bekommen, was "wir" gewählt haben. Aber Frage: Was hätten "wir" wählen können, um etwas anderes zu bekommen? Die AWD-RWE-ADECCO-AGENDA-SPD? Oder die GRÜNEN, den neuen Steigbügelhalter der CDU? Es ist alles Quatsch. "Occupy", "Piraten", "Hassel", "Linkspartei", "Attac", - ergibt zusammengenommen einen realen Wechsel von genau (!) Null, so lange sich daraus kein - zumindest ungefähres - Abbild in den Parlamenten zusammenschustern lässt. Die angesprochene Demokratie - so leid es mir tut - ist nämlich immer noch eine parlamentarische. Auf Bundes- und auf EU-Ebene. Nichts (gar nichts!) gegen die genannten Parteien, Organisationen und Bewegungen. Ganz im Gegenteil. Aber so sehr es sich auch nach einem Running-Gag anhört, gilt (immer noch): wenn die SPD es nicht will, tut sich GAR NICHTS! Und sie will es nunmal nicht. Immer noch nicht. Das ist bitter, aber leider (!) die Wahrheit. Jedenfalls meine. Ich stelle mich nicht bei Minusgraden in die Frankfurter Innenstadt, während die SPD daran überlegt, Steinbrück als Kanzlerkandidaten zu erwägen. Denn was sich alles nicht ändern wird, wenn der Kanzler wird, ist ja wohl klar. Oder besteht darüber Diskussionsbedarf? |
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Der Satz "Wir haben die Regierung, die wir verdienen" ist in etwa so wertvoll wie die Behauptung "Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt".
Die Regierung zu haben, die wir verdienen, setzt voraus, wirklich eine Wahl zu haben. Die haben wir aber nicht. Das sieht man u. a. daran das die größte Privatisierungswelle und Demontage des Sozialstaats in Deutschland von einer rot-grünen Regierung abgewickelt wurde. Gerade von den beiden Parteien die inhaltlich doch für das genaue Gegenteil eintreten möchten. Demokratie bedeutet nicht, dass da oben Leute sitzen, die die Mehrheit gewählt hat, sondern dass da Leute sitzen, die das Allgemeinwohl vertreten. Und das tun diese Leute eben nicht. Sie verteten eine Minderheit einer Minderheit, wie das Ingo Schulze so schön feststellt. Der "kleine Mann von der Straße" hat das schon viel eher begriffen. "Die da oben stecken sich alles in die Taschen." Unser Bundespräsident beweist gerade, dass in dieser Aussage viel Wahrheit steckt. Viel schlimmer als die persönliche Bereicherung in der Politik aber ist die Verlagerung der Interessenvertretung weg von den Ärmsten der Armen, hin zu den Reichsten der Reichen. Sehr interessant ist hier Rancières Definition von Politik als »Anteil der Anteillosen«. »Verkörpert wird diese Wahrheit von den Ärmsten der Armen, vom »Anteil der Anteilslosen«. Sie sind das absolute Maß der Demokratie, und über ihre Wahrheit darf die Demokratie nicht mehr abstimmen. Die Anteilslosen »sind das wahre Allgemeine, während alle anderen nur für ihre Partikularinteressen stehen«. (Artikel zu Slavoj Žižek, Die Zeit, 31.07.2009) |
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Die "Untätigkeit" der intellektuellen Elite in Deutschland wird in Schulzes Artikel völlig zurecht moniert, auch wenn Schulze selbst aus seiner eigenen Resignation nicht heraus kommt. Rückwirkend müssen Schulzes Thesen deshalb wie Luftblasen wirken, weil es ihm offensichtlich lediglich darum ging, "Luft rauszulassen", wenn er abschließend schreibt:
"ich würde noch gern erzählen, dass es darauf ankommt, sich selbst wieder ernst zu nehmen und Gleichgesinnte zu finden, weil man eine andere Sprache nicht allein sprechen kann. Und davon, dass ich wieder Lust bekam, den Mund aufzumachen." Damit verschwinden all seine klugen Thesen im Reich der Konjunktive, also im Reich der uneigentlichen Rede, woraus sich unweigerlich folgende Frage stellt: was können wir Schulze eigentlich abnehmen und hat er das alles überhaupt ernst gemeint?! Dabei ist der Schritt von der Resignation zur Agitation ganz leicht, man muss halt nur mal was machen (was einigen Intellektuellen vielleicht nicht intellektuell genug ist). Hätte Schulze seine Thesen z.B. auf einer Occupy- oder Attac Prostkundgebung laut durch ein Mikrophon gerufen, dann hätte er seinen Thesen einen agitatorischen Rahmen gegeben und hätte sich alleine schon aufgrund dieses Rahmens aus seiner Resignation befreit. Schlaue Thesen in Zeitungen schreiben, reicht halt nicht aus, aber immerhin ist sich Schulze dessen bewußt. Und Einsicht ist ja bekanntlich der erste Schritt zur Besserung. |
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Unser Problem heute liegt doch viel mehr in einem Theorie- als in einem Praxisdefizit.
An der praktischen Umsetzung mangelt es nicht. Protestbewegungen wie S21, Attac, Piraten, Occupy etc. sind ja bereits aktiv. Auch in Griechenland und Spanien fehlt es nicht an Widerstand. Dieser führt aber meist ins Nichts, da eine gemeinsame Vision fehlt. Der wirkliche Mangel liegt doch darin das keine alternative Ideologie (Theorie) zu der aktuell herrschenden in Reichweite liegt. Alle genannten Protestbewegungen trauen sich nicht die bestehenden Verhältnisse komplett abzulehnen. Sie kritisieren lediglich die Gier der Banker, nicht aber das System das diese (und uns alle) dazu treibt gierig zu handeln. Mit Moral kommen wir nicht weiter. Für die "freie Marktwirtschaft" ist Gier eine Tugend und der Egoismus des Unternehmers ein Ideal. Žižek bringt das in der Taz mit einem platten "Witz" gut auf den Punkt: "Ein Bauer und seine Frau werden auf der Straße von einem Reiter aufgehalten, der dem Bauern mitteilt, dass er nun dessen Frau vergewaltigen werde. Da die Straße dreckig ist, soll der Bauer während der Vergewaltigung die Hoden des Reiters halten, damit sie nicht schmutzig werden. Nachdem der Reiter seine Tat vollbracht hat und davongeritten ist, beginnt der Bauer zu lachen. Seine gedemütigte Frau ist empört: "Wie kannst du lachen, wenn ich gerade vor deinen Augen vergewaltigt wurde?" Der Bauer antwortet: "Aber ich habe ihn erwischt! lch habe seine Hoden gar nicht gehalten und nun sind sie schmutzig." Die Gegenwartslinke hat für Zizek die Position des Bauern inne. Sie bewirft den Kapitalismus nur mit Schmutz, obwohl es ihre eigentliche Aufgabe sei, ihn zu kastrieren." www.taz.de/!85132/ Der Kapitalismus lässt sich nicht demokratisieren oder ethisch "umerziehen". Eine echte Alternative muss ihn daher ablehnen und an dessen Stelle eine neue Idee des gesellschaftlichen Zusammenlebens setzen. Wie diese Idee aussehen kann, darüber muss öffentlich (und privat) ausgiebig diskutiert, kritisiert und theoretisiert werden. Sonst übernehmen Rechtspopulisten und religiöse Fanatiker das Feld. |
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für diesen kommentar würde ich ihnen gerne 100 punkte geben. denn genau das trifft es. jedenfalls sehe ich das ganz genau wie sie.
es fehlt eine vision! die alte ist diskreditiert und nicht mehr mehrheitsfähig. BLÖD und konsorten haben ganze arbeit geleistet. daß aber occupy nicht den systemwechsel fordert und auch keine eigenen visionen hat, stimmt so in berlin eben auch nicht. die gestrige demo unter dem motto "change now" forderte x-fach genau das! und auch erste forderungen wurden aufgezählt. und die vision ist genaud as, was wir untereinander versuchen, neu zu entwickeln: eine demokratie von unten, eine echte demokratie, die sich an die ursprünge zurückerinenrt, die griechische agora. unter anderem. das alles werden sie weder ind er zeitung lesen, noch in einem bericht über uns hören. keiner der berichterstatter ist in dem prozeß dabei. aber auf die teilnahme in diesem prozeß kommt es letztlich an. teilnahme, selbstverantwortung sind zwei weitere wichtige stichworte für die bewegung. ja, wir haben noch keine fest umrisene neue vision. aber wir sind dabei, sie zu entwerfen. eine garantie, daß dies klappen könnte, gibt es momentan noch nicht. auch zwischen uns sind die auseinandersetzungen recht groß und manchmal heftig. aber immerhin finden sie statt. das allein ist bereits ein vorteil. und die ausrichtung auf konsens besteht anch wie vor. (sorry, bin schnellschreiber, daher sind tippfehler unvermeidlich.) |
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schrieb am
16.01.2012 um 19:21
"An der praktischen Umsetzung mangelt es nicht. Protestbewegungen wie S21, Attac, Piraten, Occupy etc. sind ja bereits aktiv. Auch in Griechenland und Spanien fehlt es nicht an Widerstand. Dieser führt aber meist ins Nichts, da eine gemeinsame Vision fehlt."
Erstens gehen sie in der Annahme fehl, dass die von ihnen genannten Bewegungen in sich keine gemeinsame Vision hätten. Natürlich hat(te) S21 eine andere Vision als zB. Occupy, dennoch haben beide eine Vision. "Der wirkliche Mangel liegt doch darin das keine alternative Ideologie (Theorie) zu der aktuell herrschenden in Reichweite liegt." Braucht es das denn, um etwas zu verändern? Muss denn immer alles theoretische Untermauert sein, um in ihren Augen eine Legitimation zu haben? MMn liegt das Problem nicht so sehr in einer magelnden Theorie, sondern vielmehr darin begründet, dass sich immer noch zu wenige diesen Protesten anschließen. |
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schrieb am
16.01.2012 um 22:19
Bei Occupy ist das sicher schon etwas konkreter, trotzdem aber noch sehr diffus. Die Kritikpunkte der genannten Bewegungen sind ja absolut berechtigt.
Das Problem ist nur, sie gehen nicht weit genug. Mittlerweile stimmen sogar einige Banker, Wirtschaftsvertreter und rechte Politiker dieser Kritik in vielen Punkten zu. Es gibt doch niemanden mehr der nicht in den Mainstream-TV-Talkshows gegen gierige Banker, den Neoliberalismus, Ratingagenturen, Korruption und eine entfesselte Finanzindustrie wettert. Wenn doch fast jeder dagegen ist, warum passiert dann nichts? Das Bourdieu-Zitat oben im Text beschreibt genau das Problem. Die Forderungen die an die politischen Eliten gestellt werden verändern das Feld noch nicht. Sie sind passiv da sie nicht die herrschenden "Spielregeln" und Machtverhältnisse ins Visier nehmen. Die politschen Eliten können (selbst wenn sie wollten) die gestellten Forderungen garnicht mehr umsetzen, da sie sich der Ökonomie und dem "freien" Markt unterworfen haben. Die Wirtschaft regiert, nicht die Politik. Wir wissen zwar wogegen wir sind aber nicht so recht wofür. Erst das richtige "Wofür" wird wirklich etwas ändern können. Es geht doch immer um den Wert einer Überzeugung, nicht um die Zahl ihrer Anhänger. Wenn es gelingt eine echte, gemeinsame (theoretische) Alternative zum aktuellen Kapitalismus/Liberalismus zu schaffen, wird auch die Zahl der Anhänger steigen. Solange man den Menschen keine überzeugende Alternative anbieten kann, bleiben sie beim Status Quo. |
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schrieb am
17.01.2012 um 01:43
@Z4ph0d
"Die Wirtschaft regiert, nicht die Politik.<2 Das stimmt. Weil die Politik es zulässt. So wie die Ministerien geöffnet wurden, könnte man sie auch wieder schließen und Gesetze unabhängig und selbst schreiben. Sitzen genug Juristen in den Parlamenten rum. Aber ich bitte euch nochmal: wo ist die parlamentarische Mehrheit für einen - wie auch immer gearteten - Wechsel? Was nützt es, darüber zu diskutieren, ob Theorien vorhanden sind, die im Fall der Fälle umgesetzt werden könnten, wenn der Fall der Fälle schon rein theoretisch gesehen nicht eintreten kann, weil keine Mehrheiten zustande kommen (sollen)? |
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schrieb am
17.01.2012 um 12:41
Weil die Politik sich den Zwängen des Marktes unterwirft, egal ob schwarz, rot oder grün, kann man vom Parlament auch keinen Ausweg aus dem Dilemma erwarten. Das Parlament ist Teil des Systems und viele Politiker profitieren davon. Lobbyisten noch viel mehr. Gesetzesanträge erstellen sie zum Teil schon selbst. Das Parlament übernimmt sie. Politik und Wirtschaft sind viel zu stark verflochten.
Die Mehrheiten müssen sich außerhalb des Parlaments bilden, an der Basis. Echte Politik muss von unten her kommen, über grassroots movements, die sich dann in späterer Folge institutionalisieren müssen. |
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Z4ph0d: "Es gibt doch niemanden mehr der nicht in den Mainstream-TV-Talkshows gegen gierige Banker, den Neoliberalismus, Ratingagenturen, Korruption und eine entfesselte Finanzindustrie wettert."
und das gibt überhaupt niemandem zu denken - gerade übrigens denen nicht, die jahr und tag damit beschäftigt sind, uns darüber "aufzuklären", dass die berühmten "mainstream-medien" doch sowieso nichts anderes als interessierte lügen in die welt setzen. |
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Der springende Punkt ist doch, kaum äußert sich einmal jemand, der sonst persönlich eher still ist, schon jumpen einigermaßen altgediente Journalisten drauf und erklären dem armen Ingo, was er falsch macht und wo er "stehen bleibt".
Nur nebenbei, der Ingo ist ein Schriftsteller, der weder etwas von Worten, noch von ihrer Präsentation versteht (;-)). Da lässt sich noch viel besser drauf herum turnen, statt einfach einmal zu sagen, "Herr Schulze, bravo, Sie haben sich auf die richtige Seite geschlagen. Und nun weiter so." Grüße Christoph Leusch |
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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