Totalitär war die DDR nicht nur in Fragen der Herrschaft, sondern auch in solchen der Sinnproduktion: Im Prinzip ließ sich jeder Hahnenschrei in den Zusammenhang mit Planerfüllung und Weltfrieden bringen. In einem positiven Sinne bedeutete das: Verantwortung – und was damit gemeint sein kann, hört man im Prolog von Roland Steiners Dokumentarfilm Unsere Kinder.
Darin entfernt sich die Kamera langsam vom Wasserturm im Prenzlauer Berg, der Himmel ist eindrucksvoll, und zum Bild der leeren Straße beginnt eine ungeübte, persönliche Stimme (die Steiners) von etwas Unerhörtem zu reden: "Zuerst war es nur ein Gerücht". Die Art, wie Steiner spricht, könnten Leute, die 1968 nicht verkraftet haben, als ungeliebte Sozialarbeiterbetroffenheit desavouieren. In dieser Stimme liegt aber ein Ernst, von dem man heute womöglich keinen Begriff mehr hat, weil für Steiner das Aufkommen von Neonazis in der DDR tatsächlich etwas Unerhörtes ist: Wie können Leute sich auf eine menschenverachtende Geschichte beziehen, gegen die der Staat, in dem sie leben, gegründet worden ist?
Die Antwort, die Steiner durch seine Gespräche mit Neonazis und mit Jugendlichen aus anderen Subkulturen, durch Prozessbesuche und Eltern-Interviews hervorbringt, ist denkbar einfach: Für die jungen Nazis geht es gegen den Staat, in dem sie leben. Steiner trifft bei seinen Gesprächen auf eine Generation, die von der öffentlichen Heuchelei enttäuscht ist, die die Geschichte der DDR, mit der sich die Eltern arrangiert haben, nicht mehr glaubt und deshalb zur unverdauten Vergangenheit der Großeltern zurückgeht. Es geht um Provokation – das sagt einer der jungen Nazis, wenn er den Anteil derer, die den Hitlergruß aus Überzeugung zeigen oder das Horst-Wessels-Lied mit Bewusstsein singen, auf eine kleine Gruppe reduziert. Die Mehrzahl will ihr Nicht-einverstanden-Sein artikulieren und wählt sich dafür Gesten, von denen sie sicher sein kann, dass sie damit Aufmerksamkeit gewinnt.
DDR-spezifisch ist die Reaktion auf dieses Phänomen: Nach anfänglicher Ignoranz schlägt der Staat mit der Härte des Gesetzes zurück. Und erreicht dadurch, dass sich die Jugendlichen in der Haft weiter radikalisieren, in dem Winkel einrichten, in den sie vor den Lügen des Staates geflohen sind. Bei einem dieser Prozesse zitiert Steiner aus einem anrührenden Brief, den ein junger Nazi aus dem Gefängnis an seine Mutter schreibt, und wer diese reflektierten Worte hört ("Deshalb habe ich mich abgesondert"), der kommt nicht umhin, dahinter einen Menschen zu erkennen, der der Gesellschaft verloren geht, obwohl er in ihr nur nach einem Platz sucht.
Unsere Kinder, 1986 begonnen, 1989 fertiggestellt, ist ein paradigmatischer Film, weil er all das, was heute in der Debatte um Rechtsextremismus diskutiert wird, schon weiß. Und der sich dennoch unterscheidet vom einer gegenwärtigen Wahrnehmung des Problems durch seine unschuldige Offenheit: Unsere Kinder versteht sich als ein "Plädoyer für das Zuhören", der Film macht es sich nicht leicht, in dem er die Nazis ausschließt aus dem Wir der Gesellschaft, sondern vielmehr die Gesellschaft als etwas begreift, das die Auseinandersetzung mit diesem, ihrem Teil führen muss.
So gibt es viele bemerkenswerte Szenen: Wie Steiner mit Gruftis vor dem Roten Rathaus dreht und selbst verzweifelt an der Ignoranz des Volkspolizisten, dem die "schwarzen Bürger" suspekt sind. Wie eine junge Frau eine Art privater Sozialarbeit betreibt und in welchen Worten deren Vater den Sinn dieses Tuns begreift. Wie Christa Wolf – Unsere Kinder läuft gerade in einer filmischen Retrospektive im Berliner Kino Babylon Mitte – mit zwei jungen Nazis das Gespräch sucht, Fragen stellt. Allein an dieser Szene kann man lernen, was Verantwortung bedeuten kann.
Unsere Kinder ist im Rahmen der Christa-Wolf-Retrospektive zu sehen im Berliner Kino Babylon Mitte – am 1. Januar um 17.45 Uhr, am 4. Januar um 18.15 Uhr und am 7. Januar um 17 Uhr.
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Schade, dass man den Film nicht überall sehen kann! So kann man schlecht etwas dazu sagen. Freut euch Berliner, ihr könnt das sehen.
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Hallo Herr Dell,
ein gesundes Neues Jahr und vielen Dank für diesen Artikel. War mir nicht bewusst, dass solche Filme zu DDR-Zeiten entstehen durften. Zumal zum Thema Nazis. Die gab es ja offiziell nicht, allerdings begegneten sie einem im Alltag durchaus. Aber das ist ja auch kein großes Geheimnis. Was ich eigentlich fragen wollte: Meinen Sie - oder könnten Sie es journalistisch ermitteln - dass dieser Film eventuell auch als DVD erschienen bzw. erhältlich ist? Vielen Dank im Voraus. |
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Es gab z.B. eine Gruppe im Leipziger 'Zentralinstitut für Jugendforschung', die sich mit den Fascho-Skins beschäftigte. Die Leute tourten auch mit Vorträgen durch's Land.
Mahung, alles frisch? :)) |
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Ja. Noch ein wenig verkatert von gestern. aber sonst, alles gut.
"Es gab z.B. eine Gruppe im Leipziger 'Zentralinstitut für Jugendforschung', die sich mit den Fascho-Skins beschäftigte. Die Leute tourten auch mit Vorträgen durch's Land." Das wusste ich auch nicht. Danke für den Hinweis und schöne Neujahrsgrüße! |
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@mahung
same, same (gutes neues jahr). mit der dvd wird mal nachgeforscht (die zuständige stelle ist allerdings erst nächste woche wieder zu erreichen), fürchte aber, von jetzt auf gleich ist das nicht vorgesehen |
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Dass es - nicht sehr groß - auch eine Neonazi-Szene gab, war bekannt, aber nicht, dass darüber reflektiert wurde. Von denen hat die Staatsmacht wenig befürchtet. Eher von den Gruppierungen, die die DDR verändern wollten. Deshalb hat sie die auch nicht ernst genommen.
Neonazi in der DDR, das war in der Tat äußerste Opposition. Aber - eben auch - irgendwie eine Frucht der DDR-Verhältnisse. Man wollte ganz ganz anders sein. Sich absetzen. |
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Ja. Wahrscheinlich. Aber klügere Leute wurden wenigstens Punk ;-))
Ein guter Film zu diesem Thema: Führer EX de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BChrer_Ex Ein Film der mich damals beinahe physisch berührt hat. Jedenfalls weit weg von der "Good-bye-Lenin-Sonnenallee-Romantik", die auch nicht schlecht war, aber eben nicht so tief ging. "er ist anders als all die andern und er will auch anders sein er ist anders als all die andern doch er fühlt sich so sehr allein" Sandow |
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die nähe von punk und nazi als formen der dissidenz ist in dem film durchaus angelegt, steiner beobachtet ja mehrere jugendliche subkulturen. und die nähe kommt auch zum ausdruck, insofern einer der punks "abfall" genannt wird, und der neonazi, der den brief schreibt, der oben erwähnt ist, "schmutz".
und als interessante verbindung zu "führer ex" - glaube, in einem der beiden jugendlichen, die mit christa wolf reden, ingo hasselbach erkannt zu haben, dessen lebensweg ja vorlage für "führer ex" war |
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Warum gibt es eigentlich keine solchen Filme über die Neonazis in der alten BRD?! Warum gibt es überhaupt so wenig darüber in den Medien zu lesen? Wenn, dann ist es immer nur die DDR bzw der Osten. Dabei vergisst man, das die viele Nazis aus dem Westen nach der Wende in den Osten gekommen sind.
Schon auffällig immer dieses "draufhaun" auf den Osten. |
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der frage, warum es keine filme aus dem westen gibt, müsste man einmal nachgehen. vielleicht gibt es die ja auch, nur sind sie nicht präsent im kollektiven wissen - "unsere kinder" ist ja auch eine entdeckung, wenn man das so sagen kann.
eine erklärung könnte sein: im westen hat sich vermutlich das fernsehen der neonazis angenommen, man müsste einmal monitor-, panorama-, kontraste-sendungen ab den späten siebziger jahren durchschauen. ddr-spezifisch ist ein film wie "unsere kinder", wie gesagt, in seinem umfassenden ansatz. unter "draufhaun" kann man diesen film nicht verbuchen, er handelt ja über einen osten vor dem "osten". gesamtdeutsch fällt zumindest winfried bonengel ein, der 1993 eine umstrittene dokumentation über den (west)nazi ewalt althans gemacht hat. und der später den oben erwähnten "führer ex" drehte, in dem es um eben diese mesalliance von west- und ost-nazis geht |
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"Warum gibt es eigentlich keine solchen Filme über die Neonazis in der alten BRD?! "
Weil die sich solche Fragen nicht mehr stellen müssen. Wenn man eine "Bad Bank" Ost hat, wo man das alles auslagern kann, ist die eigene öffentlich-mediale Reflexionsfähigkeit arg gestört. |
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an dem outsourcing des wirs mag was dran seien, aber interessant ist die frage doch, wenn man von "unsere kinder" ausgeht - und also einmal schaut, wie im westen vor der existenz des "ostens" seit den siebziger jahren der neonazismus medial bearbeitet/kritisch begleitet wurde
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Doch, zumindest in den achtzigern war das ein Thema. Gerade aus der "Tatort"-Reihe ist mir einer erinnerlich, wenn ich mich nicht irre, mit Manfred Krug: "Voll auf Hass".
Auch andere Berichterstattung - vielleicht ist es mir mehr im Gedächtnis, weil ich mehr damit zu tun hatte? Mit der Wahlkampfkampagen "Das Boot ist voll" von 1980 kamen sie aus den Löchern, und Türkenwitze wurden salonfähig. Ca. 1982, 1983 gab es erste Literatur dazu - habe ich leider nicht mehr. |
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Für mich ist das gezielte Ablenkung von den eigentlichen Problemen! Dieser ganze Ostterror der Rechtsextremisten. Wenn in München die Neonazis aufmarschieren wird in den Medien nicht so viel darüber berichtet. Hat auch Gründe warum das so ist. Nur verschweigt man eben diese gerne. Genau wie eben die Aufklärung der Zwickauer Zelle nicht wirklich von statten gehen wird. Wobei das auch alles für mich fraglich ist!
Und wenn der VS schon damit verbandelt ist, dann zeigt dies doch das wahre Gesicht der Republik! |
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Das Schlimme, Magda, ist doch, dass es unzählige Berichte in den Medien (Fernsehen, Rundfunk, Zeitungen gab) und dass ich mich trotzdem heute immer wieder frage: wie kommt es, dass das alles nichts gebracht hat!
Ich habe 5 Ordner voll von 1964 an, die voll sind von Artikeln über Rechtsradikalismus: woher, wieso, wohin... Und es hat alles nichts genützt. Und das ist das für mich Unerträgliche. |
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Zum Thema "outsourcing Ost" heute ein sehr lesenswerter Beitrag von Sabine Rennefanz in der FR!
www.fr-online.de/panorama/rechtsextremismus-uwe-mundlos-und-ich,1472782,11369068.html "Unsere Kinder" werde ich mir Samstag anschauen! |
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zum kotzen finde ich diese ewige auf- und gegenrechnerei, die hier immer stattfindet. nach rostock-lichtenhagen, gewissernassem die "zeitenwende" dieses themas, hiess es im westen: aha, die ossis sind in wahrheit lauter latente nazis, weil sich jetzt alles bahn bricht, was die SED mühsam unter der decke hielt. und im osten hiess es: aha, jetzt haben wir den salat und die ganzen west-nazis als importware mit dabei.
auf diesem niveau - abspalten, verdrängen, "zurechnen" - kommen wir jedenfalls nicht weiter. zu meiner schulzeit - 80er, westen - stand das thema faschos sehr wohl auf der tagesordnung, und das sogar ziemlich weit oben, zb per lehrfilm in der schule (und mal ehrlich: recht viel "offiziöser" gehts nicht mehr, als in der schule pädagogisches lehrmaterial zu einem thema vorzustellen) oder veranstaltungen mit externen soz.-päds. unter die decke wurde da nix gekehrt, wie manche mit mutmassen. nur fand die auseinandersetzung mit diesem komplex in einer ganz bestimmten manier statt, die da lautete: braver bürger, sei wachsam und melde die leut bei der polizei, damit der staat sich drum kümmern kann. illustriert wird damit, wie der staat seine bürger auf den standpunkt des ideellen gesamtpolizisten festnagelt: das "gemeinwesen" ist potentiell immer und überall bedroht, allerdings kann die staatsgewalt "leider" nicht immer und überall sein, also nimm, lieber bürger, deine pflicht gefälligst ernst. diese denke gehört auch zur spezifischen sozialisierung im besten deutschland aller zeiten. im gefolge dieser lesart - ganz grob: das sind die verflachten ausläufer der totalitarismustheorie - wurde ein bild generiert das bis heute in den köpfen (auch hier, wie man nachlesen kann) nachwirkt, weil es so unendlich simpel ist: nazis treten ausschliesslich in gestalt von skinheads auf (1. fehler) und sind samt und sonders hirnlose zombies, die man am besten wegsperrt oder umdressiert (2. fehler). was damit unter den tisch fällt ist zum einen die frage, wie es jemand zum wirklich waschechten nazi mit festzementiertem weltbild bringt, und zum andern, dass leute, die mit 15, 16 oder 17 jahren (also in einem alter, in dem regelmässig noch keine umfassende politische "theoriebildung" stattgefunden hat) mal in der dazugehörigen szene versumpfen, keine menschen sind, die man von vornherein einfach abschreibt. |
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