Positionen

SPD | 12.11.2009 18:00 | Carsten Schneider

Die Mitte nicht aufgeben

Die Versuchung, sich nach links zu orientieren ist für die groß. Aber dort kann die SPD keine Wahlen gewinnen. Was fehlt, ist ein neues positives Leitbild für die Partei

Vielen Abgeordneten stand das Entsetzen noch ins Gesicht geschrieben, als sich die SPD-Bundestagsfraktion am 29. September zu ihrer ersten Sitzung nach der Wahl einfand. Mit einem derart niederschmetternden Ergebnis hatte niemand gerechnet. Schließlich hatten wir die Mehrheit der Bürger bei unseren zentralen politischen Themen wie Mindestlöhnen oder Atomausstieg auf unserer Seite gehabt. Und anders als bei den Bundestagswahlen 2005 war der SPD an ihren Infoständen kaum Unmut entgegengeschlagen, wie viele Kollegen einhellig berichteten.

dpz_logo_RGB-klein.jpgZwei Monate nach dem Schock vom 27. September ist in der SPD eine Debatte über die Deutung des Wahldebakels entbrannt. Welche Interpretation sich am Ende durchsetzt, entscheidet mit über den künftigen Kurs der SPD. Nach der einen Lesart sollte die SPD wieder gezielt ihre Stammklientel ansprechen und ihre großen Sozialreformen der vergangenen Jahre nachträglich als Fehler deklarieren, um enttäuschte Wähler zurückgewinnen – und anschlussfähig zu werden in Richtung Linkspartei. Ich dagegen bin überzeugt, dass diese Strategie der SPD lange Wanderjahre in der Opposition bescheren und eine schwarz-gelbe Hegemonie auf Jahre manifestieren würde. Die Verfechter eines Linksrucks gehen schlankerhand über die Tatsache hinweg, dass die SPD bei der Bundestagswahl laut der Analyse von Wahlforschern zwar 1,1 Millionen Wähler an die Linkspartei verlor, aber die weit größeren Verluste in der politischen Mitte der Gesellschaft verzeichnete: Rund 1,4 Millionen wechselten in das selbsternannte „bürgerliche“ Lager zu Union und FDP, 870.000 zu den Grünen, und 2,1 Millionen wurden zu Nichtwählern.

in der Mitte ist die Konkurrenz am härtesten

Die SPD kann die Wähler, deren Vertrauen sie verloren hat, nicht zurückgewinnen, indem sie einer dieser Wählergruppen hinterherläuft – genau darin besteht ihr Dilemma. Stattdessen muss die SPD für alle diese Menschen und Gruppen wieder attraktiver werden. Anders formuliert: Sie muss ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft verteidigen, die verloren gegangenen Randbereiche der Mitte zurückerobern und gleichzeitig ihre Stammklientel mobilisieren.

Die „Mitte“ mag ein soziologisch unscharfer Begriff sein. Niemand kann so genau sagen, wie sich diese Mitte zusammensetzt, wie sie sich verändert, wie sie tickt. Und sie ist ein politisch umkämpfter Begriff: Jeder reklamiert die Mitte für sich, mal als „Neue Mitte“, mal als „linke Mitte“, mal einfach als „Die Mitte“. Aber der Begriff ist genau deswegen so umkämpft, weil die Konkurrenz dort am härtesten ist, weil dort die Wahlen letztlich immer noch gewonnen werden. Auch den großen Erfolgen der Sozialdemokratie in der Vergangenheit ist stets eine Öffnung hin zur Mitte der Gesellschaft vorausgegangen – hin zu jenen gesellschaftlichen Gruppen, „die das Land prägen, ökonomisch, sozial und kulturell“ (Frank-Walter Steinmeier). Das gilt auch für die historischen Wahlsiege Gerhard Schröders und Tony Blairs, die jeweils unerträglich lange Phasen der Opposition beendeten.

Soziale Gerechtigkeit allein ist zuwenig

Diesmal muss die Phase der Opposition keineswegs so lange dauern. Denn ungeachtet des schlechten Wahlergebnisses steht die SPD programmatisch tatsächlich in der gesellschaftlichen Mitte. In Deutschland existiert eine „solidarische Mehrheit“, die mehr soziale Gerechtigkeit will, eine gute Gesundheitsversorgung für alle und keine Zwei-Klassen-Medizin, faire Löhne und Mindestlöhne, keine Steuersenkungen auf Pump, Chancengleichheit und bessere Schulen – all das sind sozialdemokratische Kernanliegen. Jedoch: Es wird nicht reichen, nur den Markenkern „soziale Gerechtigkeit“ zu stärken. Denn die meisten Bürger sind sich zugleich darüber im Klaren, dass jeder Euro, den der Finanzminister ausgibt, erst erwirtschaftet werden muss. Und dass nicht der Staat Arbeitsplätze schafft, wissen die Arbeiter, die Angestellten und die kleinen Selbständigen ebenfalls sehr genau. Will die SPD wieder Wahlen gewinnen, muss die SPD soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Dynamik gleichermaßen verkörpern. Gerhard Schröder brachte diese Erkenntnis 1998 auf die erfolgreiche Formel „Innovation und Gerechtigkeit“. Mit diesem Slogan mobilisierte die SPD ihre Stammwähler, erschloss neue Wählerschichten in der Mitte – und erhielt am Ende 40,9 Prozent der Stimmen.

Im Jahr 2009 lag die SPD bei der Kompetenzzuschreibung der Wähler auf dem Gebiet „Wirtschaft voranbringen“ hoffnungslos hinter der Union zurück (21 zu 47 Prozent). Nur 38 Prozent der Wähler stimmten der Aussage zu, die SPD habe gute Ideen für neue Arbeitsplätze. Wohl auch aus diesem Grund haben deutlich mehr Arbeiter und Angestellte für die CDU/CSU gestimmt, als für die SPD. Allem Anschein nach schaffen es die Sozialdemokraten nicht, in der größten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren, nach dem grandiosen Scheitern der marktradikalen Ideologie, als glaubwürdige Vertreter einer fortschrittlichen Wirtschaftspolitik wahrgenommen zu werden. Dabei entsprechen ihre wirtschaftspolitischen Grundpositionen – Nachhaltigkeit, langfristiges Wachstum, handlungsfähiger Staat – wie nie zuvor dem Zeitgeist. Auch hat sich in der Krise die sozialdemokratische Philosophie des „Dritten Weges“ bewahrheitet: Weder der Markt noch der Staat können allein erfolgreich agieren; beide Seiten müssen in einer vernünftigen Balance stehen.

Lehrstück Opel

Aus meiner Sicht beschränkt sich die SPD in der Wirtschaftspolitik allzu oft auf Einzelforderungen („Mindestlöhne!“), auf Beschimpfungen der Gegenseite („Schwarz-Gelb steht für soziale Kälte!“) – oder auf Abwehrreaktionen gegen die Globalisierung („Das ist mit uns nicht zu machen!“). Die Rettungsaktion für Opel im Wahlkampf ist ein lehrreiches Beispiel. Während sich Freiherr zu Guttenberg als strenger Ordnungspolitiker profilierte, konnte die SPD aus ihrer Forderung nach Milliardenhilfen aus dem Staatshaushalt kaum Kapital schlagen. Zusätzliche Wählerstimmen gab es noch nicht einmal in Rüsselsheim. Auch nicht in Bochum, nicht in Kaiserslautern, nicht in Eisenach. Denn die Bürger wussten, dass die zentralen Entscheidungen in Übersee gefällt wurden, und nicht in Berlin. Sie spürten, dass es in einer Branche mit enormen Überkapazitäten zwangsläufig zu strukturellen Veränderungen kommen wird. Überdies kannten sie die riesigen Löcher im Staatshaushalt. Bis heute spricht sich eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung gegen Staatshilfen für Opel aus.

Wo ist das positive Leitbild der SPD?

Offensichtlich erwartet die gesellschaftliche Mitte von der SPD mehr als den bloßen Bau von Trutzburgen gegen die Kräfte der Märkte. Dringend notwendig wäre, dass die SPD ein eigenes positives Leitbild vertritt, wie wir angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts wirtschaften sollten: Viel häufiger als bisher sollten Sozialdemokraten auch von den Chancen der Globalisierung sprechen, von Zukunftsbranchen wie den Alternativen Energien, in denen neue Arbeitsplätze entstehen, von einem handlungsfähigen Staat, der reguliert und fördert, und von vorsorgender Sozialpolitik, die die Menschen im unvermeidlichen Strukturwandel stärken und unterstützen kann. Diese Ziele können wir allerdings nur erreichen, wenn wir die Globalisierung gestalten, anstatt sie zu bekämpfen. Dafür wiederum brauchen wir internationale Partner. Die SPD kann nur dann glaubhaft eine progressive Wirtschaftspolitik vertreten, wenn sie offensiver als bisher Verbündete in Europa und in der Welt sucht. Ein wichtiger Schritt wäre es, mit den übrigen sozialdemokratischen Parteien Europas enger zusammenzuarbeiten.

Anpassung an die Linkspartei ist ein Irrweg

Eine solche optimistische wirtschaftspolitische Erzählung, die auf die Mitte der Gesellschaft zielt, ist in Deutschland auch deshalb eine Marktlücke, weil Union und FDP eben jene haushaltspolitisch unseriöse und volkswirtschaftlich wirkungslose Klientelpolitik betreiben, vor der die SPD im Wahlkampf gewarnt hat. Und nicht zuletzt wäre eine solche sozialdemokratische Strategie der Mitte auch für ein rot-rot-grünes Bündnis förderlich. Denn die Linkspartei hat nur eine einzige Chance, an die Regierung zu kommen: Sie muss mit der SPD koalieren. Die SPD kann immer auch anders. Igelte sich die SPD in ein „linkes Lager“ ein, würde sie nicht nur ihre günstige Mittelstellung im Mehrparteiensystem aufgeben, sondern auch den Druck von der Linkspartei nehmen, endlich weltfremde Positionen zu räumen – und damit überhaupt erst Regierungsfähigkeit zu erlangen.

Die umgekehrte Anpassung der SPD an Lafontainesche Positionen wäre hingegen schon deshalb zum Scheitern verurteilt, weil die Grünen dieses Spiel nicht mitmachen würden. Einmal abgesehen davon, dass ein solches Bündnis überhaupt nur dann mehrheitsfähig werden kann, wenn sich die potenziellen Partner auf eine gewisse Arbeitsteilung verständigen. Will die SPD im Jahr 2013 die Option haben, mit Linkspartei und Grünen zu koalieren, darf sie die Mitte nicht aufgeben.

Dieser Text wurde vom Progressiven Zentrum, dem Kooperationspartner des Projekts Linke Mitte, bereitgestellt und ist auch auf der Website des Zentrums abzurufen

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
Ingo Stützle schrieb am 13.11.2009 um 14:13
Wenn ich Artikel im freitag lese, dann hoffe ich darauf, einen Diskurs zu verfolgen, der »irgendwie links« von der Mitte ist. Auch wenn ich mit vielem nicht d'accord bin, verfolge ich interessiert bestimmte Debatten. Carsten Schneiders Beitrag jedoch ließ mich zusammenzucken. Da spricht ein aufstrebender Jungpolitiker, der bereits 2004 (also vor den Wahlen 2005!) ein Verschuldungsverbot einforderte (FAZ, 6.9.04) und am liebsten da weiter machen würde, wo Gerhard Schröder aufgehört hat. Das einzige was Schneider in diesem Artikel zum Ausdruck bringt, ist sein Wille zur Macht. Das neue Leitbild für die SPD schrumpft darauf zusammen, dass Herr Schneider wieder an die Regierung will. Die Begründung für eine Orientierung auf die Mitte liest sich so: "Aber der Begriff ist genau deswegen so umkämpft, weil die Konkurrenz dort am härtesten ist, weil dort die Wahlen letztlich immer noch gewonnen werden." Schneiders politische Ausrichtung richtet sich danach, wo Mehrheiten dazu verhelfen, Wahlen zu gewinnen. Erinnert sei an Johannes Agnolis Analyse parlamentarischer Wahlen: Die WählerInnen gleichen KonsumentInnen und suchen zwischen den feilgebotenen Möglichkeiten aus, »die von den Konsumenten selbst als Gebrauchswerte verstanden werden, während in Wirklichkeit diese Güter durchaus reale Tauschwerte darstellen. Sie werden auf dem Machtmarkt als Tauschwerte realisiert, um die in den Wahlkampf investierte politische Machtposition profitabel zu machen.«
Inhalte werden zweitrangig und sind es bei Carsten Scheider bereits. Schröder trat zwar mit dem Motto "Neue Mitte" an. Rot-Grün konnte 1998 aber voll allem deshalb die Regierungsverantwortung übernehmen, weil viele Kohl und dessen neoliberale Politik satt hatten. Die Hoffnungen wurden bitter enttäuscht, den Schröder vollendete das neoliberale Projekt und brachte nicht die von vielen gewünschten politische Korrekturen. Ein Grund warum die Linkspartei entstehen konnte und die SPD heute da steht, wo sie steht. Dazu kein Wort. Für Schneider gilt: Die Macht ist da, wo die Mitte ist. Und eines muss man sagen, im Seminar für neoklassische Mikroökonomie hat er gut aufgepasst (bit.ly/1lo5KE).
Einem jung-dynamischen Mitarbeiter einer Werbeagentur gleich, will Schneider ein neues Leitbild, eine neue Verpackung für die SPD (Corporate Design) und drückt sich in seinem ganzen Beitrag um eine inhaltliche Diskussion. Alles was er inhaltlich aufführt würden viele Grüne ebenso unterschreiben wie Anhänger der Linkspartei. Es sind Allgemeinplätze. Die Globalisierung gestalten will auch Angela Merkel und hat das 2007, in dem Jahr, in dem der G8 in Deutschland stattfand, wirklich so oft gesagt, dass es einem fast so vor kam, als habe die Vinyl-Platte Merkel einen Sprung. Schneider verhält sich wie jemand, der ein Produkt auf dem Markt platzieren will und entwickelt keine einzige politische Idee. Er will auch nichts politisch. Er will eben nur nicht, dass die SPD wie die Linke wird. Er will sich nicht anpassen. Er sucht nach einem Alleinstellungsmerkmal, betreibt Product-Placement anstatt sich inhaltlich mit den Positionen der Linkspartei auseinander zu setzen. Er führt keinen politischen Diskurs, sondern ein Verkaufsgespräch.
Er schreibt: »Denn die Linkspartei hat nur eine einzige Chance, an die Regierung zu kommen: Sie muss mit der SPD koalieren.« Ergo: Sie soll sich an die SPD anpassen und nicht umgekehrt. Warum: So könnten sie dann gemeinsam regieren und Schneider wieder zusammen mit seiner SPD an Macht. Vielleicht als Finanzminister? Eine politische Auseinandersetzung findet nicht statt. Auf so eine SPD kann ich ebenso verzichten wie auf derartige Beiträge im freitag.
Philip Grassmann schrieb am 13.11.2009 um 16:00
Lieber Ingo Stützle,
ich fand Ihren Kommentar interessant. Was ich allerdings etwas schade finde: Ich lese so gar nichts konstruktives. Sie qualifizieren Schneider als machtgeiles Verkaufstalent ab, dem es nicht um Inhalte sondern nur um die eigene Karriere geht. Das finde ich nun wiederum etwas langweilig, das habe ich nämlich schon so oft über die SPD gelesen. (Und nebenbei gesagt, schätze ich Schneiders Text auch anders ein) Aber das ist hier eigentlich gar nicht das Thema. Denn hier soll es um die Chancen für ein rot-rot-grünes Projekt gehen.Darum, wie sich SPD, Grüne und Linkspartei ändern/positionieren müssen, damit daraus eine reale Machtperspektive wird. Sie sind ja ganz offensichtlich nicht Schneiders Meinung. Haben Sie nicht Lust, einen Blogbeitrag zu schreiben, wie so ein Projekt auf den Weg gebracht werden könnte?
Viele Grüße, Philip Grassmann
Streifzug schrieb am 13.11.2009 um 16:09
Man kann es einfacher sagen: "Carsten Schneider hat nicht verstanden."
Ingo Stützle schrieb am 13.11.2009 um 17:09
Wo bleibt das Positive? Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt wusste schon Erich Kästner zu antworten. Ich glaube ich habe einfach keine Lust mir den Kopf *für* die SPD zu zerbrechen. *Über* die SPD schon eher, weil es wirklich bitter ist, was da los ist - für die gesamte Linke. Aber vielleicht reicht die Energie ja noch für ein etwas konstruktiveren Beitrag. Vielleicht.
Ich fühle mich jedoch missverstanden, wenn das, was ich geschrieben habe einfach auf Carsten Schneider zurückfällt. Nein, so einfach ist das nicht. Ich würde den Kommentar auch als Form von Parlamentarismuskritik begreifen (wofür ja auch der gute Johannes steht). Parteien funktionieren nun mal so. Haben aber auch Spielräume, aber eben nur dann, wenn sie sich kritisch zu ihrer Rolle als Parteien verhalten und die staatsfixierte Sich auf Politik aufgeben (hat nicht der Freitag Raul Zeliks Thesen zur Vermessung der Utopie abgedruckt und nicht nur einmal darüber diskutiert?). Den Schuh müssen sich alle linken Parteien anziehen. Lustigerweise haben das vor allem die Grünen nach (und teilweise vor) der Wahl gemacht, indem sie das Bündnis mit der Staße proklamiert haben. Nur kann man leider nicht so tun als hätte es die letzten 25 Jahre nicht gegeben. Zudem haben sie ihr Standbein amputiert (so ihre Metapher für die sozialen Bewegungen; die parlamentarische Arbeit sollte nur das Spielbein sein - und ja, die Entwicklung war auch etwas komplizierter).
Auch will ich mir nicht den Kopf über eine reale Machtperspektive von Rot-Rot-Grün zerbrechen. Dann bin ich nämlich schnell dabei meinen Eisstand in die Mitte des Strandes zu bauen. Politik und Kräfteverhältnisse finden existieren nicht allein im Parlament, sondern haben eine gesamtgesellschaftliche Dimension und ein linkes Projekt, das wirklich was verändern kann, kann nur ein gesellschaftliches und eben kein Parteiprojekt sein. Deshalb ist die Frage für mich schon falsch gestellt und nicht nur die Antwort mangelhaft. Deshalb macht es für mich wohl auch wenig Sinn mit SPDlern zu diskutieren, die nur den Weg ins Parlament suchen und dann nicht mehr raus, sondern nur nach oben finden.
vomsehen schrieb am 13.11.2009 um 14:27
Der Kritik von Ingo Stützle kann ich mich inhaltlich anschließen - allerdings nicht formal, ich finde, dass dieser Text als Anwalt des Teufels durchaus seine Berechtigung hat an dieser Stelle.

Was ich zu Carsten Schneider anmerken möchte: Er lügt sich in die Tasche. Die großen Verluste an SPD sind nach links gegangen. Die Grünen mögen nicht generell eine linke Partei sein, aber diejenigen, die von der SPD zu den Grünen gegangen sind, haben dieses aus einer "linken" Motivation getan. Vor allem aber würde ich die Nichtwähler ganz deutich als "links liegengelassen" bezeichnen. Auch wenn sie sich selbst nicht mal unbedingt so sehr als "links" einschätzen würden. Das sind zum teil ja Traditionswähler, denen man nun so feste in den Ar*** getreten hat, dass es ihnen reicht.

Dem muss sich die SPD einfach mal stellen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 13.11.2009 um 17:28
Ich supporte Ingo Stützle.
Und soll die SPD überhaupt noch jemals wieder eine Wahl regierungstendenziell gewinnen?
Rhetorische Frage eines Lesers, der sich links von irgendwie links beheimatet fühlt. Vgl. E. Bloch, Im Prinzip null Hoffnung bei der (kursiv) Sozialdemokratie. Dresden: Verlag Zweifelsohne 2009.
Reimers schrieb am 14.11.2009 um 04:42
DIE SPD

Es geht auch jetzt nicht darum, aus Fehlern zu lernen. Es geht schon längst einmal wieder darum, den Widerspruch zwischen Wort und Tat zu verschleiern.

Diese Taktik des Tarnen und Täuschens hat in der Sozialdemokratie eine lange Tradition. Voraussetzung für den Erfolg ist eine willige Gefolgschaft und eine strikte Parteihierarchie, in der die Rechtslastigkeit mit der Stufe innerhalb dieser Hierarchie immer mehr zunimmt.

Dieses Organisationsprinzip gewährleistet in jeder kritischen Situation, in der sich die SPD gerade befinden mag, die eigene Rekonstruktion nach genau diesen Kriterien. Ausnahmen von dieser eisernen Regel werden nur solange erlaubt, bis sie zu wirklichen Veränderungen dieser Struktur und damit der Realpolitik führen könnten.

Damit ein streng hierarchisches Prinzip bei gleichzeitiger innerparteilicher Demokratie aufrechterhalten werden kann, muss man nur darfür sorgen, dass zu jeder Zeit und auf jeder Stufe des Parteiapparates sich dieses Prinzip wiederholt. Um es noch kürzer zu auszudrücken: Oben ist rechts, unten ist links.

Damit dieser Parteikuchen auch dem gemeinen Wahlvolk als bekömmlich verkauft werden kann, muss noch ein zweites Prinzip durchgängig eingehalten werden: Je höher man sich innerhalb dieser Partei befindet, desto mehr dürfen einen Moral und Prinzipien nicht kümmern. Es zählt nur noch, auf die nächst höhere Stufe zu gelangen - koste es, was es wolle.

In der alltäglichen Parteiarbeit ist alles erlaubt, was dieses System stabilisiert. Mit zunehmender Stufenhöhe - genauso wie bei Teilchen in zunehmender Lufthöhe - muss man sich gleichermaßen von der Bindung an programmatische Aussagen freimachen. Man schwebt sozusagen in luftiger Höhe über der Parteibasis und beglückt dieselbe mit der unglaublichen Aussicht dort oben.

Bei starkem Gegenwind muss die Partei unbedingt darauf achten, dass genügend Kitt vorhanden ist, um das rechtslastige Konstrukt aufrecht zu halten. Als besonders gute Kittmasse haben sich hier gemeinsames Singen, moralische Apelle, der Verweise auf lange Tradition und väterlich gemeinte Ratschläge (bisweilen auch Schläge) bewährt.

Bevor ich es vergesse: Natürlich darf niemals beim gemeinen Parteisoldaten der Eindruck entstehen, dass dieses Gebilde asymmetrisch und rechtslastig ist. Sollte dennoch bei der überwiegenden Anzahl der Mitglieder dieser Eindruck entsthen, braucht man nur die Perspektive bei der Betrachtung dieser schiefen Pyramide ein wenig ändern und schon ist alles wieder symmetrisch - eben die Mitte.

Falls bei dieser Beschreibung der Parteistruktur der SPD irgendwelche Gemeinsamkeiten zu anderen Parteien aufgetreten sein sollten, so ist dies vom Autor nicht beabsichtigt und eher rein zufällig.

Detlef Reimers
rheinelbe schrieb am 15.11.2009 um 17:27
Die Mitte ist die Fortsetzung des Randes mit anderen Mitteln

Irgendwie ist alles Mitte (oder was?!), weil das deutsche Fülleton es in diesem Herbst so schreibt. Mitte bedeutet, nach allen Seiten offen zu sein, sich nicht festzulegen, also beliebig oder auch nicht vielleicht je nachdem und vordem. Gerd Schröder suchte die "neue Mitte", fand sie dann nicht, aber einen guten Job bei Gasprom. Da ging er ab durch die Mitte. Der Fußballprofi G. Netzer kam einst hingegen immer aus der Tiefe des Raumes, in die keiner hineinwollte, denn Tiefe ist immer unheimlich - genau wie Höhe. Wer hoch steigt, kann tief fallen! Rahn dagegen schoss oft aus dem Hintergrund, aufs Tor und im Konjunktiv ("Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt. Tor!"). Man erinnere sich an das Wort "Mittelstürmer".
Was ist die Mitte ohne Rand? Und umgekehrt sowieso.
Wir brauchen eine Philosophie der Mitte.
Die goldene Mitte - dort wollen also alle hin.
Golden, golden ist das Reich der Mitte!
Aha.
Aha!
...
Carsten Schneider schrieb am 21.11.2009 um 20:46
Lieber Herr Stützle,
dass Parteien Mehrheiten gewinnen wollen, finde ich nicht weiter verwerflich. Im Gegenteil: Nur wer Mehrheiten bekommt, kann gestalten. Deshalb muss jede Partei möglichst genau analysieren, wie ihre jeweiligen Wahlergebnisse zustande gekommen sind. Mit dem Text habe ich versucht, dazu einen kleinen Beitrag zu leisten.
Ihr Vorwurf lautet nun, ich würde reines „Product-Placement“ betreiben, so im Stile eines Werbemanagers. Ich meine, damit machen Sie es sich zu einfach. Erstens entwickle ich in dem Beitrag sehr wohl einige politische Ideen. Und zweitens gewinnt man die „Mitte“ doch nicht, indem man blind einer vermeidlichen Mehrheitsmeinung hinterherläuft, sondern indem man die Mehrheit von der eigenen Politik überzeugt. Die SPD muss die „Deutungshoheit“ wiedergewinnen, von der Sigmar Gabriel in seiner Bewerbungsrede als Parteivorsitzender in Dresden sprach.
Recht haben Sie dagegen mit Ihrem Satz „Politik und Kräfteverhältnisse existieren nicht allein im Parlament, sondern haben eine gesamtgesellschaftliche Dimension“. Wer die Deutungshoheit (und damit die gesellschaftliche Mitte) gewinnen will, der braucht gesellschaftliche Bündnispartner. Aber er benötigt auch Bündnispartner unter den Parteien. Deshalb lohnt sich die hier begonnene Debatte um rot-rot-grüne Gemeinsamkeiten und Unterschiede aus meiner Sicht sehr wohl.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Carsten Schneider
André Rebentisch schrieb am 21.11.2009 um 21:38
Und welche Rolle spielen die Freien Demokraten, die einen nicht unerheblichen Stimmenzuwachs zu verzeichnen hatten?
misterl schrieb am 24.11.2009 um 17:51
Ins bürgerliche Lager wechselt nicht ca 1.4 Millionen sondern etwa 2.3 Millionen. Die GRÜNEN als Partei sind Bestandteil dieses Lagers - ob auch die Wählerschaft mag strittig sein. Zudem die über 2.1 Millionen Nichtwähler plus der unbekannte Anteil hin zur Union nach dem Prinzip Hoffnung über Aufschwung. In Summe gingen der SPD also um die 2.7 bis 3 Millionen verloren ohne bei den bürgerlichen zu Landen und nicht in ein "linkes Lager".

Die Beute liegt vielleicht dort rum und weniger in der leergegrasten Mitte, der man zudem ein Angebot machen muss, das man am Ende nicht bedienen kann.

Glück auf SPD und in NRW gibt es im Mai 2010 Schluckauf, wenn man bei der SPD begreifen muss, dass die GRÜNEN (falls möglich) in Schwarz oder Jamaika gehen werden.

Vielleicht braucht man die Erfahrung...
Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Café Moskau

Ausgabe 07/12
16.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Linke Mitte

portlet_linkeMitte.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG