Deutschland zählt zu den reichsten Industrieländern der Erde. Doch die Wohlhabenden profitieren davon immer noch unverhältnismäßig auf Kosten der Allgemeinheit und der Umwelt. Das öffentliche Bewusstsein darüber ist hierzulande stark verdrängt. Während 50 Prozent der Deutschen nur über 3,8 Prozent des nationalen Gesamtvermögens und 70 Prozent nur über 10 Prozent verfügen, leben 30 Prozent mit 90 Prozent dieses Besitzes. Und die Kluft zwischen Arm und Reich wächst von Tag zu Tag.
Gleichzeitig befinden sich das gemeinsam erarbeitete Gemeinwohl- und Sozialvermögen, allen voran die Staatsfinanzen, aber auch die Budgets für Gesundheit, Bildung, Wissenschaft, Kultur, Soziales, Kommunen sowie Umweltschutz in zum Teil desaströsen Zuständen. Während in der Finanzkrise Hunderte von Steuermilliarden zur Deckung von Bankkrediten, also ihrer privaten Anteilseigner fließen, kündigt das bürgerliche Lager gleichzeitig an, durch radikale Sparpolitik die defizitären Haushalte sanieren zu wollen. Damit aber wird die Entsolidarisierung der Gesellschaft weiter vorangetrieben. So soll die tiefste Gesellschaftskrise seit Gründung der Bundesrepublik immer mehr auf die Bevölkerungsmehrheit abgewälzt werden, während Wohlhabende aus Mehrwert und Staatsverschuldung wuchernde Gewinne erzielen.
Die bürgerlichen Parteien CDU/CSU und FDP verlieren damit immer mehr an politischer Legitimation. Nur mit Rot-Rot-Grün könnten diese Verhältnisse verändert werden – wenn sie gemeinsam darum ringen, mit welchen Mitteln sie denn ihre Programme umsetzen wollen. Weder durch Koalitionen mit CDU/CSU und FDP, noch durch Fundamentalopposition können linke Parteien auf Dauer zu Subjekten ihrer berechtigten Kernforderungen werden. Nur gemeinsam haben sie die Kraft dazu. Doch was kann das gemeinsame Fundament eines solchen Bündnisses sein? Dazu will dieser Beitrag sieben Grundbausteine vorschlagen.
1. Wende durch solidarische Annäherung
SPD, Linke und Bündnisgrüne können die Kluft zwischen eigener Programmatik und politischer Praxis nur dann überwinden, wenn sie sich weit vor der nächsten Bundestagswahl auf ein gemeinsames Gesamtkonzept verständigen, das weit über eine Wahlperiode hinausgeht. Das kann nur gelingen, wenn sich alle Seiten Lernfähigkeit und besondere Kompetenzen zubilligen. Aus gegenseitiger Abwertung, wie auch aus fehlender Kritik, resultiert gleichermaßen Anpassung an die bestehenden Verhältnisse. So können Mehrheiten nicht von der Ernsthaftigkeit der eigenen Programmaussagen überzeugt werden. Gegenseitige Ausgrenzung wird von vielen Wählern als Zeichen politischer Schwäche und Unreife gewertet. Rot-Rot-Grün müsste vorausschauend einen gemeinsamen Stufenplan entwickeln, der Ziele und Mittel definiert, um gravierende sozial-ökologische Fehlentwicklungen und deren Ursachen zu überwinden. Rot-rot-grüne Bündnisse auf Landesebene können dabei vertrauensbildend wirken und ein solches Bündnis auf Bundesebene vorbereiten.
2. Wende durch Visionen
Alle drei Parteien sind sich, bei allen Unterschieden, in einem Punkt einig: Ein grundlegender Gesellschaftswandel ist notwendig, der den Vorrang des Gemein- und Sozialwohls vor privater Profitmaximierung sichert. Dieser Prozess wird von SPD und Linken „demokratischer Sozialismus“ und von Bündnisgrünen „neuer Gesellschaftsvertrag“ genannt.
3. Wende durch Menschenrechte
Das Menschenbild ist in den drei Parteien nicht grundsätzlich verschieden. Ausgehend von der im Grundgesetz garantierten Menschenwürde, den Grundrechten, sowie der Sozialverpflichtung von Eigentum, geht es allen darum, die Entwicklungschancen der Menschen, besonders der von Armut, sozialem Abstieg und ökologischer Krise bedrohten Mehrheiten, zu verteidigen und auszubauen. Nicht Profitmaximierung für wenige, sondern Teilhabe aller am errungenen sozial-ökologischen Reichtum der Gesellschaft ist der entscheidende gemeinsame Grundwert. Dabei muss Politik verbindliche Hilfe zur Selbsthilfe für ein menschenwürdiges Leben sein. Das bedeutet aber auch: ohne individuellem Antrieb zu persönlicher Entwicklung, Erwerb von nachhaltigem persönlichen Eigentum zur Daseinsvorsorge und Engagement in der Zivilgesellschaft bleiben alle diesbezüglichen politischen Bemühungen vergeblich.
4. Wende durch demokratische Zivilgesellschaft
Alle drei Parteien halten die Mitwirkung jedes Einzelnen in Zivilgesellschaft und politischer Kultur für einen emanzipatorischen Gesellschaftswandel für unverzichtbar. Je mehr sich die Zivilgesellschaft über die jeweiligen Einzelinteressen hinaus, auch für Verteidigung und Weiterentwicklung des Gemein- und Sozialwohls, kämpferisch einsetzt und solidarisiert, umso mehr wird sie ihrer politischen Gesamtverantwortung im 21. Jahrhundert gerecht.
5. Wende durch neue parlamentarische Einnahmenpolitik
SPD, Grüne und Linkspartei möchten ein Primat der Politik durchsetzen, um ihre Forderungen auch verwirklichen zu können. Dabei haben alle Parteien bisher wohl folgendes Schlüsselproblem unterschätzt: Nur finanzstarke Haushalte mit steigendem Gemeinwohl- und Sozialeigentum können die notwendigen öffentlichen Aufgaben auch tatsächlich meistern. Die gigantischen Staatsdefizite von bald zwei Billionen Euro privatisieren allein durch Zinsbedienung jährlich bereits circa ein Drittel aller Steuereinnahmen in Bund und Ländern. Von einem Schuldenabbau ist hier noch gar nicht die Rede. Das bedeutet: die Haushalte wirken wider Willen als gewaltige Umverteilungsmotoren öffentlicher Einnahmen an private Anteilseigner der Banken. Wir sind bereits Zeugen der dramatischen Gefahr von Geiselhaft durch die Banken, die zu Staatsbankrotten und zum Zusammenbruch des gesamten Finanzsystems führen kann. Der Terror der Finanzspekulanten ist für die globale Sicherheit ungleich gefährlicher als die Bedrohung durch Al Kaida.
Zinsmoratorien und Schuldenerlasse für Staaten, die Teilentschädigung ausdrücklich einschließen, wären verfassungskonforme Auswege aus der Schuldenfalle. Zugleich dürfen Staatskredite an Banken und Industrie sowie Subventionen nur noch dann gewährt werden, wenn sie später auch zu dauerhafter Gewinnbeteiligung für die Einnahmen der öffentlichen Haushalte führen. Im Grundgesetz heißt es ausdrücklich: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Die Durchsetzung progressiver Steuern und Sozialabgaben, entsprechend steigender Privateinnahmen, ist dafür unabdingbar.
Große Einsparpotenziale sind hingegen beim Bürokratieabbau sowie durch Abrüstung im Militär und im Polizeiapparat vorhanden, wenn Kriminalität und Gewalt vorrangig präventiv, also durch sozialen Ausgleich bekämpft werden. Erst wenn die heutige Eigentumsakkumulation von Unten nach Oben stoppt und in umgekehrter Richtung verläuft, werden die Ziele rot-rot-grüner Programmaussagen auch umsetzbar. Alles andere wird die Wähler nur enttäuschen und zu weiterer Politikverdrossenheit führen.
6. Wende durch neue parlamentarische Ausgabenpolitik
Der Verfassungsauftrag eines menschenwürdigen Lebens für alle kann durch einen schwachen Sozialstaat nicht eingelöst werden. Nur wenn es gelingt, eine Grundversorgung aller Menschen im Gesundheits- und Bildungswesen, im Kulturbereich, in der Arbeitslosenförderung und im Rentensystem zu erreichen, ist dieses Ziel auch erreichbar. Die Stärke eines Wirtschaftstandortes hängt zudem in erster Linie von der Stärke durchschnittlich erworbener und geförderter Berufs- und Sozialkompetenzen der Bevölkerung ab. Das sind die entscheidenden Investitionen in die Zukunft. Was über eine menschenwürdige, Armut vermeidende soziale Grundversorgung hinausgeht, ist Sache zusätzlicher privater Daseinsvorsorge. Zugleich kann der ökologische Umbau nur dann rascher gelingen, wenn diese Technologien auch durch finanzstarke öffentliche Hände gefördert werden. Aber auch das können keine Steuergeschenke sein: Sie müssen zur kommunalen und staatlichen Gewinnbeteiligung führen, weil Energieversorgung gleichfalls ein hohes öffentliches Gut ist. Im Übrigen sollte „Made in Germany“ zukünftig wieder stärker auf Qualität, Umwelt- und Sozialverträglichkeit begründet und gezielt durch rot-rot-grüne Wirtschaftspolitik gefördert werden. Diese nachhaltige Marktfähigkeit schafft auch neue Arbeitsplätze.
7. Wende durch neue Außenpolitik
Friedenssicherung kann nur dann gelingen, wenn nicht militärische Konfliktlösungen, sondern Abrüstung und sozial-ökologische Entwicklungspolitik absoluten Vorrang erhalten. Nur so ist der Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt in den internationalen Beziehungen zu durchbrechen. Das ist die bittere Lektion aus den militärischen Interventionen der USA und ihrer Verbündeten. Das Gewaltmonopol der UNO zur internationalen Friedenssicherung darf ausschließlich nur auf der Grundlage seiner Charta durchgesetzt werden. Stabilität im internationalen Finanzsystem ist gleichfalls ein hohes öffentliches Gut. Deshalb ist wirksame Kontrolle und Regulierung der Finanzmärkte, etwa durch eine Börsentransaktionssteuer, sowie ein TÜV für Aktien ein vorrangiges außenpolitisches Gebot, wenn ganze Volkswirtschaften und Währungen zukünftig vor Spekulanten geschützt werden sollen.
Die Bekämpfung der ökologischen Krise kann nur dann erfolgreich sein, wenn Industriestaaten wie Deutschland, in der Entwicklung regenerativer Technologien weiter vorangehen und diese auch Schwellenländern kostengünstig zur Verfügung stellen.
Fazit
Dies sind Grundbausteine einer neuen politischen Architektur des Gemeinwohls, die auf dem Fundament eines erneut zu akkumulierenden Gemeinwohl- und Sozialvermögens ruhen. Die direkte und indirekte Umverteilung von Oben nach Unten ist und bleibt die Schlüsselfrage der Zukunft, wenn die Kernforderungen von SPD, Linken und Bündnisgrünen eingelöst werden sollen. Die Zeit drängt. Die Zeit wird reif für Rot-Rot-Grün.
Wolfgang Herzberg ist Journalist, Publizist und Dokumentarfilmer. In seinen Interviews beschäftigt er sich stets mit dem Verhältnis des Individuums zur Politik
|
|
Durch Neoliberalismus, brutalsten Markt und Banken bzw. Finanzhaie die weiterhin unter "Artenschutz" stehen, mit allen Folgen ( Waffengänge ?) ist der soziale Friede, nicht nur in Deutschland in Gefahr. Die sich gegen ein Rot - Rot - Grünes Manifest stemmen, sollten sich die Frage gefallen lassen ob der Mehrwert mehrwert ist als die Freiheit?! Deutschland Platz 5 der meisten Millionäre - noch Fragen.
|
|
|
Die Kunde höre ich gerne; die Inflation "vollkommen neuer" Theorieansätze, Manifeste und anderer (Sanierungs)Pläne etc. ist ja kaum noch auszuhalten. Ein bunter Strauss hier:
www.gruener-sanierungsplan.de/ www.solidarische-moderne.de/ www.stefan-liebich.de/article/1708.oslo-laesst-gruessen.html www.freitag.de/positionen/1023-was-ist-schief-gelaufen soll ich noch mehr...? Dabei, sorry, gibt es das bereits. Wesentlich konkreter als geschwurbelter, pseudointellektueller Neusprech der selbst ernannten Leitplankenaufsteller wider dem entfesselten Kapital. Und es wurde formuliert unter dem frischen Eindruck der Niederlage, einer Katastrophe, die unsere Eliten (in der Regel und mit vollem Besitz) aber dennoch eher schadlos überstanden haben. Also, nicht das Rad neu erfinden sondern bestenfalls das hier: www.kas.de/upload/themen/programmatik_der_cdu/programme/1947_Ahlener-Programm.pdf mal lesen, verstehen und notwendigerweise "im Detail", in den konkreten Ausprägungen anpassen; that's all. Die Linke - gern der Wagenknecht-Flügel, weniger dieser oben verlinkte "Pragmatiker" - scheint mir da zwar nicht deckungsgleich, aber relativ nahe d'ran zu sein. Also, noch konkreter? Gern, und ohne die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien, Banken und anderen monopolartigen Gebilden und Institutionen geht es gemäß der CDU (von 1947) nicht. Dahinter kommt ansonsten nur noch die RAF; oder? Nein, die SPD als damalige, 5. Kolonne Moskaus unter Brandt/Wehner nun nicht mehr. Sie hat mittlerweile die Seite der Barrikade gewechselt; hat verstanden... Alles andere ist geschwurbelte Kosmetik, softig angenehm klingende, Verständnis herauskehrende Fingerübung - bullshit (sorry for that). So hart das für alle kompromisswilligen, staatstragenden Sachzwangerkenner klingen mag. Die einfache Nagelprobe daher, gerade für Grüne und (Agenda)-SPDler: Wie haltet ihr es mit den Essentials des Ahlener Programmes der CDU? Und nicht als schlußendlich verwässerter Kompromiss. Nein, als Mindestanforderung! |
|
|
schrieb am
14.06.2010 um 19:42
>>Die Linke - gern der Wagenknecht-Flügel, weniger dieser oben verlinkte "Pragmatiker" - scheint mir da zwar nicht deckungsgleich, aber relativ nahe d'ran zu sein.<<
Mir dem Programmentwurf, ja. Es gibt aber Leute, innerhalb der Linken, die eine offene Diskussion des Entwurfes durch öffentliche Äusserungen unterlaufen wollen. Die sind noch gefährlicher als diejejenigen, die erwarten, die Linke solle sich permanent wie in Hessen, Thüringen und NRW von der SPD lächerlich machen lassen... >>Nein, die SPD als damalige, 5. Kolonne Moskaus unter Brandt/Wehner nun nicht mehr. Sie hat mittlerweile die Seite der Barrikade gewechselt; hat verstanden...<< Sie haben sich mit dem Godesberger Programm von dieser Propaganda "5. Kolonne Moskaus" reingewaschen. Und als sie dann regierten, bettelte der damalige Schatzmeister Alfred Nau gleich BDI, und die Vorstände grosser Konzerne und Banken um Spenden an, um zu demonstrieren, dass es ihnen ernst ist. Die CDU war natürlich konsequent: Pferdmenges und sein Adenauer haben das Ahlener Programm gleich 1949 entsorgt. |
|
|
Programmentwurf?! @claudia
Gehe mal davon aus, das der hier gemeint ist: die-linke.de/programm/programmentwurf/ Und beispielsweise auf den Seiten 3, 14 und 14 ebenda gibt es bei der Thematik der "Vergesellschaftung" gute, richtige Parallelen zum CDU-Entwurf von 1947. Aber wie man bereits lesen konnte, sind die "Pragmatiker", die Realos, die Sachbezwangten innerhalb der Linken schon dabei, dieses "Teufelswerk" im Sinne der bestehenden, alternativlosen Ordnung einzuebenen, zu relativieren; schlußendlich zu kippen. "Wer hat uns verraten..." ist dann neu zu intonieren. |
|
|
"...auf den Seiten 3, 12 und 14" natürlich; sorry.
|
|
|
schrieb am
15.06.2010 um 09:58
Den Programmentwurf meine ich, ja. Und es findet zur Zeit eine "Programmdebatte" statt.
--- >>...sind die "Pragmatiker", die Realos, die Sachbezwangten innerhalb der Linken schon dabei, dieses "Teufelswerk" im Sinne der bestehenden, alternativlosen Ordnung einzuebenen, zu relativieren; schlußendlich zu kippen.<< Näher kenne ich nur die Lage in Bayern: Hier ist Michael Wendl (Mitglied des Landesvorstandes) der Haupt-"Sachbezwangte" (guter Begriff, merke ich mir). Wendl ist gegen alles: Sogar die die Forderung nach einem Mindestlohn ist ihm schon zu viel... Er bekommt durchaus contra von der Basis, wurde auch schon zum Rücktritt aufgefordert. Es ist enorm wichtig, diese Agenda-2010-Hardliner zu isolieren bevor sie die Partei zerstören und sie dahin zurück zu schicken, wo sie herkommen: Zur Seeheimer Kreissäge. |
|
|
Oh Mann!!!!!!!!!!!!!!!!!! Was nützt alles schreiben ? Was nützen alle Institutsgründungen?
Wenn die Menschen nicht miteinander können, ist alles nix!!! Gibt es z.b. eine gemeinsame Bewertung des 17.Juni 1953 - ein gemeinsames Erinnern??? |
|
|
Gibt es eine gemeinsame Gewertung der Schlacht im Teutoburger Wald? Wie stehen mögliche Bündnispartner zur Schlacht bei Issos? (333) Was besagt die verbindliche Sprachregelung zur Braunkohlenbildung im Tertiär?
|
|
|
"Gibt es z.b. eine gemeinsame Bewertung des 17.Juni 1953 - ein gemeinsames Erinnern???"
man, 17.06., langweilst du dich nicht inzwischen selbst über deine immer gleichen beiträge? du bist irgendwie fdp-like, ein "einthemenkommentator" wie mir scheint. hadie hat vollkommen recht ... hör auf in der vergangenheit zu leben bzw. ausschließlich mit ihr zu argumentieren? so gibt es keine zukunft. |
|
|
@ SiebzehnterJuni (14.06.2010; 14:56):
Wie wär's mal mit der Lektüre von Stefan Heyms 5 Tage im Juni? Anschließend könnten wir einen Gesprächskreis eröffnen, wie wir den nhalt des Romans gemeinsam erinnern. Meine Erinnerung an den 17. Juni ist keine gemeinsame, sondern eine individuelle, und sie trieft vor Langeweile und Abscheu vor der Verlogenheit des Feieranlasses ("Tag der deutschen Einheit"). Folgerichtig wurde nach der neuen Einigkeit Deutschlands der Tag, an dem ein Arbeiteraufstand gefeiert wurde, schleunigst entsorgt. Arbeiteraufstände waren eben nur interessant, wenn sie sich gegen eine Regierung erhoben, die von sich selbst behauptete, die Arbeiter zu repräsentieren, gell? Recht so? Oder sollte ich fragen: rechts so? |
|
|
schrieb am
15.06.2010 um 23:59
Ich finde, der Einwurf von hadie kann auch als Abschlag genutzt werden, sofern er I.D.A. Liszts Erinnerung als Bananenflanke zum Kopfballtor mitnimmt.
Für mich ist der 17. Juni ein Datum des Ideologiekomplexes. |
|
|
Papier ist geduldig, Programme dem Reißwolf geweiht. Also was hilft uns solch Gechreibsel.
Der gesunde Menschenverstand, er hilft, er half und wird auch helfen, wenn, ja wenn er nur zum Zuge kommt, gekommen wäre oder kommt. Der olle Kant aus Königsberg war so einer, Der kleidete das Normalste in einen griffigen Satz: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ "Sapere aude" Nur, braucht es Mut? |
|
|
Hallo Herr Schmidt
was soll der gesunde Menschenverstand eigentlich sein? Und Kant meinte mit: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ zuallererst die uns bekannten Dinge oder das was uns als das Normalste erscheint in Frage zu stellen. Nicht umsonst nennt man Kant auch "den alles Zerdenker" oder so ähnlich. Was letztendlich zu der sogenannten kopernikanischen Wende führte. C.F.v. Weizsäcker beschreibt in seinem Werk: Zeit und Wissen u.a., dass man das Bekannte immer und immer wieder betrachten und beschreiben muss, um zu neuen Erkenntnissen und somit zu neuen Wegen und Handlungsoptionen zu kommen. Insofern befindet sich der Autor m.E in bester kantischer Tradition. Auch sind Politiker nicht wendig auf Rollschuhen unterwegs, sondern lenken einen schweren Dampfer in rauer See. Da will jedes Steuerungsmanöver gut überlegt und vorbereitet sein, wenn man nicht vollends kentern will. Sehen Sie mal, es macht schon einen Unterschied, ob man oben auf der Tribüne sitzt und die Leistungen der Spieler kommentiert und bewertet, oder ob unten man selbst spielt. Mir war die selbstgerechte Fankritikkultur aus diesem Grund schon immer suspekt. Nix für Ungut. |
|
|
schrieb am
15.06.2010 um 10:01
Glaubte nicht, dass mein Beitrag missverständlich wäre.
Wenn ich es noch recht in Erinnerung habe, scheiterten die "(Nicht)Versuche" einer Rot/Rot/Grünen Regierungsbildung nicht an unüberwindbaren programmatischen Unterschieden, sondern schlicht und einfach an persönlichen Animositäten und der natürlich so unheimlich systemimmanten Frage, war die DDR ein Unrechtsstaat oder eine Diktatur, eine totalitäres Regime. Will sagen. Es können Tonnen von Papier beschrieben werden, egal in welcher Farbe, wenn sich niemand seines "gesunden" Menschenverstandes bedient und nicht die Zeichen der Zeit erkennen will, dann wird das nichts. Manifest hin, Manifest her. Hatte bis jetzt nicht gedacht, dass der Satz von Kant einer ausführlichen Erklärung bedarf. ;-) Sehen Sie mal, auch im Theater wird auf der Tribüne die Leistung der Darsteller und der Regie bewertet und das ist auch gut so. Nicht jeder muss Schauspieler sein, um erkennen zu können, wer hier Schmiere oder Kunst abliefert. Übrigens, die Selbstgerechtigkeit der Handelnden dürfte die der Kritiker bei weitem übertreffen. |
|
|
Das Manifest, müsste nach meiner Meinung, die Ursachen der
globalen Finanz- und Wirtschaftskrise, benennen. Die Eigentumfrage. Daraus abgeleitet müssen rot-rot-grün über die künftigen Schwerpunkte diskutieren. Hier noch ein Link einer kompetenten Analyse und verdtändlicher (linker) Schlussfolgerungen : www.jungewelt.de/2010/06-12/019.php |
|
|
schrieb am
15.06.2010 um 05:22
Der verlinkte "Junge Welt"-Artikel ist eine gute Zusammenfassung der akuten Situation.
Um eine Grundlage für weitere Diskussionen zu haben, die sich nicht in verschiedenen Dämpfungs- und/oder Verzögerungsmodellen festbeissen, kopiere ich mal das Facit herein: (Zitat aus: "Junge Welt") "Die Antwort der Linken, der Lohnabhängigen und Marginalisierten auf diesen sich radikalisierenden Krisenprozeß – und die Krisenoffensive des Kapitals – kann vernünftigerweise nur möglichst radikal ausfallen: Sie muß das Problem an der Wurzel fassen. Es gilt, unter bewußtem Bruch der kapitalistischen Zwangslogik die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und eine breite Diskussion über Wege zu einer alternativen Gesellschaftsformation zu initiieren, in der eben diese Grundbedürfnisse befriedigt werden und in der Kapitalakkumulation und Privateigentum an Produktionsmitteln nur noch schlechte Erinnerungen an eine finstere, barbarische Vorzeit der Menschheit sein würden. Das Räsonieren über Finanzmarktregulierungen und Konjunkturprogramme – die ohnehin nur die Defizitkonjunktur in staatlicher Regie bis zum Staatsbankrott fortführen – können wir getrost der CDU und SPD überlassen." Hier greift auch wieder der obige Hinweis von ebertus: (Zitat aus: "Ahlener Programm der CDU") "Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen. Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein. Durch eine gemeinwirtschaftliche Ordnung soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung erhalten, die dem Recht und der Würde des Menschen entspricht, dem geistigen und materiellen Aufbau unseres Volkes dient und den inneren und äußeren Frieden sichert." Das wurde 1947 geschrieben. Wir haben also kein Problem des Nichtwissens. Sondern ein massives Verdrängungsproblem und ein Problem mit der Befangenheit der Co-Abhängigen, denen man gerne Glauben schenken möchte, solange es halbwegs geht. Die Begriffe aus der Psychopathologie verwende ich sehr bewusst. Möglicherweise können damit Wege aus der Erstarrung gefunden werden. |
|
|
"...Junge Welt..." wer bezahlt diese Zeitung eigentlich noch? Wer liest dieses Blättle eigentlich noch?
Oh Mann, "der Freitag" auf dem Wege zu Zeiten vor der Wende. Ich fasse es einfach nicht!! Aber nur weiter "Fröhlich sein und singen..." .. |
|
|
Na dann weiter mit "Fröhlich sein und singen..."
"Der SiebzehnteJuni der hat immer Recht.." |
|
|
"Sapere aude" , wie weiter oben @SchmidtH bereits empfahl.
Oder rudimentär für Deutschsprachler ganz variabel übersetzt. "Es kommt weniger darauf an, wer etwas sagt, sondern vielmehr was es sagt" Den Text der JW mit dem CDU-Programm von 1947 und dann wieder mit dem Programmentwurf der Linken erst mal eher formal, begriffsbestimmend zu vergleichen ist schon etwas aufwendiger, aber doch lohnend. Und dann noch "Sapere aude" mit Blick auf die aktuelle Realität, die erwartbare Entwicklung. Ja, man kann es auch übertreiben; Menschen überfordern. |
|
|
Ich habe die J.W. sogar aboniert!
Nicht das ich jetzt auf die ROTELISTE komme, fürs Erschießungskommando! Denn Merke: Am 17 Juni 2010 erhängt sich MEINUNGSFREIHEIT im Bahnhof Zoo! Wo sind sie eigentlich Reservist? Bei GLADIO? |
|
|
Ein kurzer Blick in die populärwissenschaftliche Standardquelle hätte einen Antwortansatz geliefert, aus dem ich zu zitieren mir erlaube wie folgt:
»Seit 1995 befindet sich die junge Welt im Besitz der von ihren Lesern getragenen Linke Presse Verlags- Förderungs- und Beteiligungsgenossenschaft junge Welt e. G. (Vorbild war das Genossenschaftsmodell der taz) und kann so auf größere Einnahmen durch Anzeigen und auf finanzielle Unterstützung durch Parteien verzichten, was sie gegenüber anderen Zeitungen unabhängiger macht. Sie erscheint im Verlag 8. Mai, der ebenfalls von Akteuren der Tageszeitung gegründet wurde. Seit dem Frühjahr 1998 ist die Beteiligungsgenossenschaft Mehrheitseignerin am Verlag 8. Mai GmbH. Im Januar 2007 gehörten der LPG junge Welt eG 610 Personen an.« |
|
|
schrieb am
16.06.2010 um 00:02
Ich habe die junge Welt schon mal längere Zeit am Stück gelesen. Noch gar nicht so lange her. Mir ist nichts passiert, außer ein paar wirklich sehr gute Artikel auf den Schreibtisch.
|
|
|
@Angelia: Nicht "alles Zerdenker", sondern "Alleszermalmer".
@Siebzehnter Juni: Bewertung des 17.6.? Ja, es war Feiertag und meine Großmutter hatte Geburtstag. Gehässig, gell? "Wer liest noch die Junge Welt?" Zumindest für Rechtsextremisten schwer verdaulich. |
|
|
ich wollte wissen, wer die "..Junge Welt.." sponsert. Denn die GenossenInnen in Treptow haben mir gesagt, dass sie von Abos und kiosk-Verkauf noch nicht mal die Miete bezahlen könnten!!
Allerdings wollten sie ihr tolles ungenutztes Analog-Fotolabor nicht gegen 25€ pro Stunde vermieten!!! |
|
|
"ich wollte wissen, wer die "..Junge Welt.." sponsert."
Ganz bestimmt die Herren und Damen von der Hochfinaz. Wer denn sonst. 17.06., wenn Du wissen willst wer diese Zeitung sponsert, dann nutze doch Deine guten Kontakte zu den "GenossenInnen in Treptow" und lass uns alle hier wissen, wer die JW bezahlt! Dann können wir alle fröhlich sein und singen und wissen auch, das die ganzen Linksradikalen, Kommunisten und/oder DDR-Nostalgiker eigentlich stinkreiche Säcke sind, welche sich ähnlich den russischen Oligarchen, die zum Spaß Fußballvereine kaufen, eben eine "kommunistische" Zeitung "halten". Natürlich, lieber 17.06. wird diese Zeitung ausschließlich durch unterschlagene SED-Vermögen am Leben gehalten. Das wollten Sie doch eigentlich sagen, im Subtext, oder? |
|
|
ich wollte es einfach nur wissen, weil die jw schon mehrmals am Abgrund stand. Was ist so schlimm an der Frage?
Dass JA den Freitag sponsert, habe ich auch erst spät begriffen. Ehrlich, wo liegt das Problem? Die paar Menschen von der jw, die ich vor dem alten FDGB-Haus mehrmals getroffen habe, konnten es mir jedenfalls 2006 nicht sagen. |
|
|
@ SiebzehnterJuni (15.06.2010; 10:27):
>ich wollte wissen, wer die "..Junge Welt.." sponsert.< - Schade, daß die Tage vorbei sind, da man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen konnte, daß "sowas" natürlich von Moskau bezahlt wurde. In den unübersichtlichen und undurchsichtigen Zeiten, in denen wir leben, wird "sowas" sicher von Washington bezahlt, damit den Leuten immer wieder vor Augen geführt wird, daß die rote Gefahr nicht gebannt ist... Fazit: Früher war alles besser, sogar und vor allem der 17. Juni. |
|
|
"ich wollte es einfach nur wissen, weil die jw schon mehrmals am Abgrund stand. Was ist so schlimm an der Frage?"
an der frage ist nichts schlimm. schlimm ist nur, dass sie die antwort nicht interessiert, sondern nur die pflege ihrer eigenen ressentiments. machen sie sich schlau. recherchieren sie. meinetwegen rekultivieren sie ihre angeblich so guten kontakte zu den "genossenInnen" der JW! 2006 ist ja auch schon was her. warum bewegen sie sich immer auf so dünnem argumentativen eis? wenn sie eine vermutung haben, wer diese schlimme, schlimme kommunistenzeitung finanziert, dann sagen sie es doch einfach frei heraus und warten die reaktionen ab. bisher ist ihre masche billig und hat mit dem eigentlichen blogthema relativ wenig zu tun. |
|
|
schrieb am
16.06.2010 um 11:13
|
|
|
." Oh Mann, "der Freitag" auf dem Wege zu Zeiten vor der Wende. Ich fasse es einfach nicht!!
17.06.haben Sie den Artikel gelesen ? Gut das die JW, woher ist mir völlig egal,die "Kohle" hat um solche Artikel zu drucken. Sowohl der Artikel als das hiesige Thema beschäftigen sich meiner Meinung nach nicht mit den "Zeiten vor der Wende".Können wir zum Thema zurückkehren ! |
|
|
Dieser Artikel ist inhaltlich und sprachlich ein Armutszeugnis.
Am 07.06.2010 stellte ich dem Freitag in einem Kommentar zu www.freitag.de/wochenthema/1022-rechts-liegen-gelassen die Fragen: Nach welchen Kriterien werden eigentlich neuerdings Autoren ausgewählt? Ist eine Voraussetzung, daß sie schlechtes Deutsch schreiben, oder reicht es schon, wenn sie einfach so nicht in der Lage sind, ihre Gedanken zu ordnen? Aber vielleicht brauchen sie ja einfach nur irgendwie links zu sein. Im Zusammenhang mit dem vorliegenden Artikel fühle ich mich gemüßigt, diese Fragen erneut zu stellen. Es war soviel anzumerken, daß daraus zwei längere kritische Texte wurden, die sich hier finden: www.freitag.de/community/blogs/i-d-a--liszt/die-sieben-plagen www.freitag.de/community/blogs/i-d-a--liszt/nix-vill-gutt-deutsch |
|
|
@I.D.A.Liszt , schreiben Sie bitte in verständlichem Deutsch, von welschem Artikel Sie sprechen . Danke !
|
|
|
Natürlich von Artikel 1 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland, Sie Schelm!
Gucken sie spaßeshalber auch mal ganz oben auf dieser Seit nach (in verständlichem Deutsch für Sie: hier auf der Seite, auf der ich dieses schreibe). Es könnte ja zufällig sein, daß Sie dort einen Artikel finden. Übrigens: Schreiben Sie doch mal in verständlichem Deutsch, auf welchen Kommentar von I.D.A. Liszt Sie sich beziehen! |
|
|
nein, der Artikel beschäftigt sich nicht mit Zeiten vor der Wende. Aber wenn man mehrere Wochen täglich die "Junge Welt" liest, dann hat man den Eindruck, dass sich die Sprache und der Stil dieser Zeitung sich in nichts von der Sprache und dem Stil vor der Wende unterscheidet. Und allein diese Sprache und dieser Stil - unabhängig vom Inhalt - ist für mich unerträglich!
|
|
|
@Onkel Wanja
>>Wo sind sie eigentlich Reservist? Bei GLADIO?<< Muss nicht sein. Ich tippe eher auf eine andere Behörde. Der „17.6.” versucht seit einiger Zeit, unerwünschte Themen mit Nonsense-"Diskussionen” zu blockieren. Der Stil des Themenschredderns ist bekannt. --- @ebertus: >>Ja, man kann es auch übertreiben; Menschen überfordern.<< Eine „Überforderung” haben wir in der Gewerkschaftsjugend um 1970 festgestellt. Wir gingen zwar nicht mit dem Ahlener Programm, aber mit folgendem Text auf die Strasse und fragten Leute, woher das ihrer Meinung nach stamme: „Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt. Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen. Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt. Die Entschädigung ist unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen. Wegen der Höhe der Entschädigung steht im Streitfalle der Rechtsweg vor den ordentlichen Gerichten offen.” Ein Teil meinte, das müsse aus dem „kommunistischen Manifest stammen, ein anderer Teil tippte auf die DDR-Verfassung. Nur eine Minderheit sagte, das stehe so im Grundgesetz. "Enteignungen zum Wohle der Allgemeinheit": Das wäre ja mit der "freiheitlichen Grundordnung", wie sie uns seit Bestehen der BRD ins Hirn gewaschen wurde, völlig unvereinbar. Denn die Allgemeinheit: Das ist ja der Kapitalbesitz, dessen freie Entfaltung gewährleistet sein muss... Ähnliche Ergebisse liefert ein Versuch mit der Passage, die ich aus dem Ahlener Programm hier her kopiert hatte. Interessanterweise meinen gar nicht Wenige, das sei eigentlich für die Partei „Die Linke” zu radikal, es könne nur von einer extremistischen Splittergruppe stammen... Niemand ausser den bösen Kommunisten, die bekanntlich den Armen ihr nichtvorhandenes Eigentum wegnehmen wollen, kann so etwas geschrieben haben. Es überfordert erst mal, aber die Aufklärung bringt Erstaunen und kann letzlich ein unabhängigeres Nachdenken in Gang setzen. Wir haben es mit tiefgreifender Gehirnwäsche zu tun. Das Wecken des Bewusstseins für die eigene Lage kann schmerzhaft sein, man muss sich eingestehen, dass man zu lange falsche Hoffnungen in ein rigoroses Ausbeutungssystem gesetzt hat. Aber wir kommen daran nicht vorbei, wenn wir etwas zum Besseren wenden wollen... |
|
|
Menschen überfordern @claudia, oder die eigene (subjektive) Erkenntnis zu sehr verallgemeinern. Die Mehrzahl der letzteren, der oft fassungslosen "Verallgemeinerer" (wohl auch wir beide) sind trotz dieser Erfahrung damals eben nicht den (Irr)weg der RAF gegangen.
Menschen, denen echte (akzeptiert, wir sind nicht frei davon) und medial eingeredete Bedürfnisse näher sind als dieses hier genannte "Sapere aude", diese Mehrzahl der Menschen - die heute beinahe gehypten Mittelschicht - hat (vermeintlich) noch viel zu verlieren, lässt sich daher mehr oder weniger leicht instumentalisieren. Es ist (leider) so, und ich habe da auch keinen Ausweg, keinen pragmatischen, alternativlos kompromissfähigen Königsweg parat. Und wenn es der Mehrzahl der Menschen (erwartbar) zukünftig und nicht nur materiell schlechter gehen wird, so ist es (ebenfalls, leider) nicht ausgemacht, dass diese Menschen darauf hin "links" wählen und agieren. Nicht zuletzt Chomsky's Propagandamodell erzeugt (unbewußt) dann eher Resignation. Und radikal, "rechts" zu agieren ist dabei schon beinahe impliziter Bestandteil dieser Instrumentalisierung; leider... |
|
|
Insbesondere @Siebzehnter Juni: Mir ist die Vergangenheit dazu da, um daraus zu lernen - siehe auch meine Blog-Artikel 'Linksbewegt' und 'Die BRD ist ein Unrechtsstaat' -, nicht um mit ihr von den Missständen der Gegenwart abzulenken. Der 17. Juni 1953 wie auch die Ereignisse 1989 in der Ex-DDR zeigen mir, dass sich die Menschen vom Staat nicht alles gefallen lassen. In der heutigen BRD wie überhaupt in Europa werden die über die Zeit mühsam errungenen sozialen Fortschritte Schritt um Schritt zurückgefahren, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Was ich in der heutigen BRD sehe: dass sich praktisch deren gesamte etablierte 4-Parteien-Landschaft (CDU/CSU, FDP, SPD, Bündnis90/Grüne) dem Brachialkapitalismus angeschlossen haben (Agenda2010-Linie der rot-grünen, der schwarz-roten, der schwarz-gelben Regierungen). Ich habe mich von dieser quasi "Neoliberal-Kapitalistischen Einheitspartei Deutschlands" gelöst, und mich der einzigen Bundestags-Partei zugewendet (und von Den Grünen abgewendet), die dieser sozialkahlschlagenden Entwicklung Widerstand leistet: Die Linke. Eine Partei, die dazulernt, statt wie die anderen immer mehr zu vergessen.
Im Augenblick lese ich das hochinteressante Büchlein 'Prekarisierung in Europa' der Fraktion der Vereinigten Europäischen Linken/Nordisch Grüne Linke - GUE/NGL im Europaparlament. Das liest sich weitestgehend altsozialdemokratisch-altgrün (also wie die SPD und die Grünen vor deren jeweiliger Neoliberalisierung einmal gewesen sind). Die Zukunft sehe ich nun im Demokratischen Sozialismus des 21. Jahrhunderts, wie er von Der Linken vertreten wird, als eine positive Kombination von Demokratie und Sozialismus, wo aus den Fehlern sowohl des Realsozialismus wie aus den Fehlern der Realdemokratie (missliche Verquickung von kapitalistischer Ideologie mit demokratischer Politik) gelernt wird. Ich habe von den 53ern (DDR), von den 68ern (BRD + ČSSR), von den 84ern (BRD, Jahr nach dem Buch von George Orwell) und von den 89ern (DDR) gelernt, dass es auch notwendig ist, gegen Unrecht und für seine bürgerlichen und menschlichen Rechte auf die Straße zu gehen. Darum gehe ich in der BRD auf die Straße - gewaltlos -, gegen den Neokapitalismus und Neomilitarismus der Neuen Mitte und gegen den Neofaschismus der Neuen Rechten. |
|
|
Du hast recht, stimme Dir zu.Vollkommen!
Nur warum wollen manche Alt-DDR'ler nicht an ihre Revolutionäre aus dem Jahr 1953 erinnert werden, sondern benennen teilweise noch heute Aktivitäten des CIA als Ursache? Es waren damals in der Woche des 17.Juni immerhin ca. 200.000 Menschen von Rostock, Stralsund bis Görlitz, Bitterfeld und Magdeburg auf den Straßen. |
|
|
Also, SiebzehnterJuni, Sie könnten ja wirklcih einmal in aller Ruhe bei Stefan Heym nachlesen (s.o. meinen Komm. [15.06.2010; 23:24]).
|
|
|
Aus der Geschichte zu lernen, leiber Red Bavarian, daran appelliere ich ja schon lange. Und bei meinen eigenen Lernversuchen ist im Laufe der Jahrzehnte so Einiges an Information zusammen gekommen.
--- Lernen aus den Bauernkriegen, lernen von der französischen Revolution 1789, lernen von der Commune de Paris, wie sie entstand und wie und von wem sie gewaltsam beendet wurde. Lernen vom bolschewistischen Versuch und dessen Scheitern an den aus USA entsandten Söldnertruppen und dem "Radieschen"-Problem. Lernen von dem Versuch der deutschen Arbeiter- und Soldatenräte und der münchener Räterepublik 1918/19, die altem Machtverhältnisse zu beenden und wie und von wem sie wieder weggeschossen geschossen wurden. Es bleiben manchmal Zitate im Kopf. Zum Beispiel: "Einer muss den Bluthund spielen" und "Die Demokratie muss gelegentlich in Blut gebadet werden". Und das Staunen darüber, wie sich die Sprüche gleichen im Abstand von fünfeinhalb Jahrzehnten. Und lernen von der DDR, wie sie entstand und warum sie so wurde, wie sie war. Und lernen von dem Bauarbeiterstreik am 16. Juni 1953 und fragen, warum der Sender RIAS den zum Anlass nahm, am selben Tag noch für den 17. 06. zum Generalstreik aufzurufen. Und fragen, was diejenigen, die dem Aufruf folgten, gedacht haben und wie sie sich dann getäuscht sahen. (Damals, "17.Juni", schreiben in der BRD die Zeitungen, es seien Millionen gewesen, "das ganze Volk", und nicht nur 200 000.) Und, last but never least, von der '89er Bewegung in der DDR. Wie die Bonner Regierung darauf mit einem mit heisser Nadel gestrickten Anschlussplan begegnete, der unter dem Titel "Kohls 10 Punkte-Papier" im November 1989 veröffentlicht wurde. Und lernen, warum man in der BRD gar so beunruhigt war, als zuviele Leute riefen: "Wir sind das Volk". Und warum das so schnell und ratzfatz wieder abgewürgt wer den musste: Die "runden Tische", der Verfassungsentwurf, das Volk, das selber sein will. Daraus kann man allerhand lernen. Vor allem auch, wie wichtig es ist, selbständig zu denken und sich nicht immer wieder von Einflüsterern, die niemals sagen was sie wirklich wollen, auf den Leim locken zu lassen... |
|
|
Ich möchte aber wieder zum Thema zurück kommen:
Kann es eine Zusammenarbeit von SPD/Grüne/Linke im Interesse des Volkes geben? Ich meine: Theoretisch ja. Allerdings würde das an alle 3 Parteien Anspüche stellen, denen sie im Moment nicht genügen. Die SPD müsste dringend den "Seeheimer Kreis" ausschliessen. Die Grünen müssten in die Zeit vor der ersten 50 000-DM-Spende des Verbandes der chemischen Industrie zurückgehen und von dort aus noch mal neu starten. Stichwort: "Sozialökologischer Umbau" Die Linke müsste die Mitglieder, die mit knallharter Vertretung der Agenda 2010 "Regierungsfähigkeit" demonstrieren wollen, aus der Partei ausschliessen. Denn die gehören mental (oder sogar real?) dem Seeheimer Kreis an. Dann könnte es durchaus etwas werden mit der "deutschen Unidad Popular"... |
|
|
Erst mal muss man den Ordnungrahmen schaffen, damit eine solche Politik wieder moeglich wird. Ansonsten ist das alles leeres Gerede.
|
|
|
schrieb am
16.06.2010 um 22:23
"Wieder" verstehe ich nicht, zelotti.
Es müssten grundlegende Zielsetzungen anders aussehen als bisher. Wenn man an irgendeinen Punkt zurück wollte, dann käme man auch wieder dahin, wo wir heute sind... |
|
|
"Wieder" verstehe ich nicht, zelotti.
Wenn man an irgendeinen Punkt "der Politik" zurück wollte, dann käme man auch wieder dahin, wo wir heute sind... Es müssen Zielsetzungen gefunden werden, die uns nicht immer wieder dahin führen, wo wir heute sind. Wenn ich meinte, dass die Grünen noch mal neu starten müssten, dann weil eben die Politik, die von den Gründungsmitgliedern Ditfurth, Trampert und Ebermann vertreten wurde, damals nicht möglich war. Sondern einer "Regierungsfähigkeit" unter den bestehenden Machtverhältnissen geopfert wurde. Man sollte eher aus dem Vergangenen lernen, um es endlich mal besser zu machen. Wie sollte der "Ordnungsrahmen" aussehen? Vielleicht eine Verfassung die gemäss Art. 146 vom Volk beschlossen wird? |
|
|
@claudia: »Daraus kann man allerhand lernen. Vor allem auch, wie wichtig es ist, selbständig zu denken und sich nicht immer wieder von Einflüsterern, die niemals sagen was sie wirklich wollen, auf den Leim locken zu lassen...«
Richtig. Wobei auch politische und ökonomische Bildung wichtig ist. Ich habe Büchlein 'Prekarisierung in Europa' der GUE/NGL gerade das überaus aufschlussreiche Kapitel 'Prekarität - Folgen für Arbeitsbeziehungen und soziale Konflikte in Europa' gelesen, das mir wieder einen Aha-Effekt gebracht hat. Je mehr mir das Ausmaß und die Perfidie des aggressiven Neokapitalismus durch eigene Beobachtung und eigenes Erleben, sowie durch Aufklärung bewusst wird, umso besser erkenne ich, dass er eine erhebliche Gefahr für die Demokratien in Europa ist, weil er Armut und soziale Ausgrenzung befördert. Dass es da zu Unmut und schließlich Unruhen in der Bevölkerung kommt, ist logisch. Selbst bei mir normalerweise ruhigem und verständigem Menschen steigt der Blutdruck mit jeder weiteren Stufe des neokapitalistischen Sozialkahlschlags. Wenn es so weitergeht, dass über 200 Jahre Errungenschaften von den Neokapitalisten weggetreten werden, dann kommen wir zuletzt wieder bei der Französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts an. »Kann es eine Zusammenarbeit von SPD/Grüne/Linke im Interesse des Volkes geben?« Schwierig, weil da Einiges im Argen liegt, nicht nur das schon Genannte. Meine Position als heutiger Parteilinker ist: Diskutieren und verhandeln mit der SPD und mit Den Grünen, aber sich nicht über den Tisch ziehen lassen. Ich will nicht umsonst von SPD auf Grüne (in den 80ern), und nicht umsonst von Grüne auf Linke (in den 2000ern) umgestiegen sein. Ich bleibe bei meinen linksalternativen Grundsätzen - rhetorisch ein wenig überspitzt ausgedrückt: anti-kapitalistisch, anti-militaristisch, anti-faschistisch, anti-TINAistisch, anti-autoritär. Die negative Entwicklung in der Groß-BRD und in der EU (Mitterextremismus und Rechtsextremismus) zeigen mir, dass diese Grundsätze, keine Jugendspinnereien sind, sondern Hand und Fuß haben. Zu den Grünen Spitzenpolitikern, die meinen, gegen Linke kämpfen zu müssen (siehe jüngstens NRW), sage ich: Das tut weniger uns weh, sondern mehr euren sozial, ökologisch und antifaschistisch engagierten Basismitgliedern, mit denen wir linke Basismitglieder aufgrund derselben Interessen auf den unteren Ebenen zusammenarbeiten (jedenfalls ist das bei uns in Bayern so). |
|
|
"Ich will nicht umsonst von SPD auf Grüne (in den 80ern), und nicht umsonst von Grüne auf Linke (in den 2000ern) umgestiegen sein."
Beinahe auch meine politische Vita @Red Bavarian, jedoch mit dem kleinen Unterschied, nach der Brandt-SPD und vor den u.A. Kelly-Grünen auch phasenweise mit der Matthäus-Maier-FDP (im Geiste von Karl-Hermann Flach) sympathisiert zu haben. Entstehende Reibungshitze beim "über den Tisch gezogen werden" darf man eben nicht mit Akzeptanz, gar Sympathie verwechseln und was die doch so "siegreiche", im Grunde und faktisch jedoch Verlierer-SPD da gerade in NRW abzieht, das spricht in jeder perfiden Ausprägung für sich. Dies hier ist mir gerade in einem anderen Blog über den Weg gelaufen - habe es spontan und sofort selbst integriert - und relativ am Anfang muss Sigmar Gabriel wohl versuchen, das (berechtigterweise erwähnte, von Wagenknecht provozierte) Entgleisen seiner Gesichtszüge zu vermeiden. www.youtube.com/watch?v=ddhm3qpe7sg |
|
|
schrieb am
17.06.2010 um 20:13
Zu der verlinkten Bundestagsrede: Die Klarheit in der Aussage von Sahra Wagenknecht beindruckt immer wieder. Nur wissen es die Angesprochenen ja selber. Die Frage ist, wie man ihr kriminelles Tun beenden kann...
--- In der SPD habe ich Anfang der 70er Jahre die Erfahrung gemacht, dass die Parteispitze sich im Demokratieverständnis kaum von den C-Parteien unterschied: Es wurde viel verordnet und wenig Grundsatzdiskussionen geführt. Der Bettelbrief von Alfred Nau an BDI und Konzernvorstände untergrub das Vertrauen weiter. Dass die SPD/FDP-Regierung die Beitragsgelder der Arbeitslosen- und Rentenversicherung so locker hin und herschob und dabei immer wieder Gelder mit versicherungsfremder Verwendung veruntreute, sollte par ordre du mufti auch nicht diskutiert werden... Die einzige Gruppierung, bei der ich mich mit der letzteren Sorge ernstgenommen sah, war damals übrigens die DKP. Das führte zum endgültigen Bruch der SPD mit mir: Ich hatte die vom Parteivorstand verordnete Berührungsangst missachtet. Es war eine gute Erfahrung: So ein Hinauswurf ist heilsamer als jede Psychotherapie. :-) Die Agenda 2010 hat mich aufgrund schon vorhandener Erfahrungen nicht überrascht, leider aber sehr persönlich getroffen und den Rest meiner Lebensperspektive sehr tiefgreifend verändert. Gewählt habe ich seit den frühen 90er Jahren die PDS, weil mich die klare Geradlinigkeit ohne Worthülsen und Schwurbeleien von Gregor Gysi sehr beeindruckte. In der BRD-Politik war es ja ein absolutes Novum, dass ein Politiker Klartext spricht. Hab mich aber trotzdem erst vor kurzer Zeit entschlossen, bei der Linken selber mitzumachen. --- Zur Frage des Bündnisses: SPD und Grüne werben ja zur Zeit sehr um Vorschussvertrauen. Auch hier alle paar Tage wieder neu. Nur geben sie praktisch sehr wenig Anlass zu Vertrauen. Mir fehlt die Aussage, dass Agenda 2010/Hatz4 ein Fehler war und dass man die angerichteten Schäden so weit wie möglich wieder gut machen will, wenn man die Gelegenheit dazu erhält. Dass sie heute so tun, als wäre alles von unbekannten, finsteren Mächten installiert worden und SPD/Grün seien nicht verantwortlich: das lässt leider nichts Gutes erwarten. Die in NRW beim "Sondierungsgespräch" wiederholte knallharte Unterwerfungsforderung an die Linke zeigt, dass SPD/Grün von einer konstruktiven Zusammenarbeit immer noch sehr weit entfernt sind. Einen kleinen Hoffnungschimmer immerhin bietet das Interview mit Sascha Vogt, das ich vorhin bei TAZ online las: www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/blockieren-wo-es-geht/ |
180 Seiten. 20 Abbildungen. Gebunden.
16,99 €
Ausgabe 20/2012
16.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen