Wer entscheidet?

Medientheorie Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss schreibt in seinem Buch “Das Rohe und das Gekochte”, daß den Wilden die Eigenschaften ihres mythischen Denkens verborgen bleiben.
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Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss schreibt in seinem Buch “Das Rohe und das Gekochte”, daß den Wilden die Eigenschaften ihres mythischen Denkens verborgen bleiben. Diese Einsicht dehnte er auf sein wissenschaftliches Denken, die Mythenanalyse, aus. Warum sollte es dem Ethnologen auch anders als den Wilden gehen? Von sich, dem Subjekt, sah er ab, um die Mythen nicht zu verzerren. So erfand er die subjektlose Ethnologie. Sie erkennt nicht wie “die Menschen in Mythen”, sondern wie “die Mythen in den Menschen ohne deren Wissen denken”. D.h. die Mythen denken sich bloß untereinander. Doch wer Mythen erzählt oder analysiert, konstruiert und verändert sie zugleich. Das gilt für Lévi-Strauss genau wie für uns. Wer dem von ihnen verhängten Schicksal blind folgen möchte, muß schon willentlich die Augen schließen. Andernfalls droht eine Erkenntnis des Denkens und der eigenen Interessen. Es ist kein Zufall, daß die deutsche Medientheorie Kunststücke nach diesem Muster vorführt. Man könnte darin ein Echo des Schicksalsruf des Seins hören, der Heidegger erst in die Irre führte. Später vernahm er diesen Ruf als sich und uns (ver-)sprechende Sprache. Im historisch unbefangeneren Frankreich klang das nicht nur bei Lévi-Strauss, Jacques Lacan und Michel Foucault so erfolgreich nach, daß der Reimport und Weiterverarbeitungen nicht ausbleiben konnten.

Der Erkenntnis, wie vermessen der Anspruch einer subjektlosen, strukturalistischen, gleichsam objektiven Analyse der Diskurse, Sprachen, Codes und Texte dieser Welt ist, folgte die Erfindung des Intertextes: ein schon poststrukturalistisches Konzept, das die unausschöpfbaren Verbindungen und Verzweigungen in den Blick nimmt. Doch ganz von der Sprache gesprochen und so von den Lasten des Humanismus und der Aufklärung befreit, wollten einfach zu viele fröhliche Wissenschaftler – je nach Charakter ohnmächtig, paranoid oder lustvoll – im uns einspinnenden Intertext versterben: als denkende und verantwortliche Subjekte. Zum Glück war bald eine andere Spielwiese gefunden: die technische Implementierung des Intertextes als Medienverbund und Internet! Mit ihren Texten, Bildern und Tönen adressieren sie uns als Resonanzkörper und Projektionsfläche. Ein telematischer Weltgeist denkt sich selbst und gebiert den Mythos der unaufhaltsamen und unwiderstehlichen Medienevolution.

Dieser Mythos beschwört die Entwicklung der Medien als natürliche Evolution, in der wir keine Rolle mehr spielen und für deren Katastrophen wir deshalb nicht verantwortlich sind. Die Medien: ein vampiristisch-parasitäres Geflecht, das über jede Nische und orbital über die Welt hinaus wächst. Kein Wunder, daß ihre Theorie sich Vorläufer so einverleibt wie die hungrigen neuen Medien die alten (uns eingeschlossen).
Selbst ein gestandener Diskursanalytiker wie Friedrich Kittler hat erkannt, daß der Zeitgeist erlaubt, sein technoides Begehren zu verallgemeinern. Was Foucault von den Diskursen behauptet – ihre Materialität “kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert” -, gilt nun für die stets aus der Kriegstechnik entstandene Medientechnik. Jede Analyse des historischen müsse daher zum technischen Apriori fortschreiten. “Unter hochtechnischen Bedingungen” seien politische, ökonomische und kulturelle Diskurse nur “nebensächlich”. Die Nachhut kann so schon die Relativierung der Medialität der neuen Medien in Angriff nehmen.

Scheinbar radikal konstruktiv heißt es etwa bei Rudolf Maresch, dem Herausgeber des gerade erschienenen, sehr kontroversen Bandes “Medien und Öffentlichkeit”: “›Lebendige Erfahrung‹ ist ohne die Vermittlung von Medien, auch so vergessener altmodischer Medien wie Licht, Wasser, Sand, Steine, Luft usw. … gar nicht denkbar.” Wozu also die Aufregung? Ist alle Wahrnehmung medial, wird die Frage hinfällig, “wie Medien die Realität verzerren”. Ohnehin sind technische Medien der einzige Maßstab, denn, so hat Maresch von Kittler gelernt, nur was “schaltbar ist und geschaltet wird, ist überhaupt”.

Richtig, das Gehirn läßt sich als “Empfangsmedium” begreifen, das Wahrnehmungen aus den medialen Impulsen der Außenwelt durch Selektion und Interpretation gleichsam automatisch konstruiert, weil es Wirklichkeit als solche nicht abbilden oder repräsentieren kann. Doch damit ist der Unterschied zu den keinesfalls automatischen Konstruktionen der technischen Medien, wie etwa das Fernsehen oder Internet, die ganz anders selektieren und interpretieren, nicht aufgehoben. Und selbst wenn die Position, daß alle Wahrnehmung oder Erkenntnis bloß Konstruktion und Schein sei, erkenntniskritisch wäre: als Metaerkenntnis fiele sie doch dem damit beschworenen Relativismus zum Opfer. So werden Entscheidungen notwendig …

Nur rhetorisch sind die Fragen, ob “die medial-technische Eskalation gar das Ende einer … Epoche der Moderne” einleitet, oder ob mit dem Medienverbund nur “Gleichschaltung und Homogenisierung” auf uns zukommt, wie Maresch noch Kittler stellvertretend paranoid vermuten läßt. Aus Maresch hingegen spricht schon die Objektivität des “Es wird gewesen sein”: “Bestrebungen, die Evolution medial-technischer Dispositive zu einem totalen und absoluten System aufzuhalten oder gar zum Einsturz zu bringen, sind illusionär und melancholische Gefechte après la guérre”.

Im Interview mit dem als jungkonservativ geltenden Walter Seitter, dem sich unser Jahrhundert samt seiner Medientechnik nicht ohne Ironie als “Jahrhundert der Megaflops” darstellt, will Maresch daher unbeirrbar insistierend nur wissen – “Megaflop hin oder her” -, ob er nicht sehe, daß mittlerweile “Siliziumchips und deren Architekturen … die Verkehrs- und Kommunikationsverhältnisse zwischen Menschen und Staaten usw. regeln”. Seitter aber versteht zwar das Desiderat, daß vielleicht “Medientechnik selber die Souveränität erlangt hat”. Doch genausowenig wie Maresch auf seine Stilisierung als Sprachrohr der subjektlosen Medienapokalypse mag Seitter auf seine als kriegerischer “Solitär” verzichten. Er sieht nur die Gefahr einer subjektgesteuerten “priesterliche(n) Medienaktivität”, die, wie schon teilweise in Ostblockländern, “Politiker, Parteien, Wahlen, Parlamente in eigener Regie ›herstellt‹.” In diesem Getriebe dürfen neben den Priestern auch andere Subjekte oder “Sandkörner” eine entscheidende Rolle spielen.

Solche Hoffnungen sind für Maresch, ob nun von Seitter oder Jürgen Habermas vorgetragen, nur “Abfallprodukt(e)” der Macht, die sich “mit ›Polarisierung‹, mit einem lebensweltlich abgesicherten ›Gegenentwurf‹ für zukünftige ›Gegenmächte‹ … verwechseln”. Mit seiner Vision des “technisch funktionierenden ›Weltstaats‹ (E. Jünger)”, die er mit Foucault und Carl Schmitt ausmalt, entscheidet Maresch, daß der mediale Ausnahmezustand schon der Normalfall ist. Wieder eine Strategie, die den Vorlauf der Informationsgesellschaft zu ihrem ohnehin unaufhaltsamen Tode beschleunigen will, damit das Neue beginne?

Ob sie nun apokalyptisch oder integriert ist und ein “Lob des Eklektizismus” und des “Opportunismus” (Norbert Bolz) singt, Medientheorie ist nie bloß eine positivistische Beschreibung der Medienwirklichkeit. Wer diese Möglichkeit behauptet oder Technikgeschichte als Naturgeschichte stilisiert, betreibt eine subjektlose, fatalistische Geschichtsphilosophie. Daß wir mit unseren Konzepten, Theorien, Mythen und Handlungen im evolutionären Chaos der offenen Systeme von Ökologie und Ökonomie, Politik und Gesellschaft erst konkurrierende Ordnungen schaffen, muß eine solche Medientheorie herunterspielen. Wie unhaltbar diese Position ist, gestehen ihre unter Beschuß geratene Vertreter allmählich ein, demonstrieren es praktisch allerdings schon länger. Damit sich ihre Orakelsprüche erfüllen, sind sie auch in der Managementberatung und Werbung tätig: eine Betroffenheit mit Machtinstinkt.

Wer aber die Frage nach der Macht, die gerade auch für die Medientheorie relevant ist, wieder bloß entscheidet, darf sich über die Reaktionen darauf nicht wundern.

14:59 06.03.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Dirk de Pol

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Dirk de Pol

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