Achtermann
12.06.2010 | 13:36 38

Gauck - Priester des Neoliberalismus

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Achtermann

In Gaucks veröffentlichter Vita ist eine Liste von Auszeichnungen zu finden, die beeindruckend ist. Insgesamt knapp 20 öffentliche Ehrungen hat er erhalten, darunter zwei Bundesverdienstkreuze und die Verleihung der Ehrendoktorwürde. Allein diese drei reichten schon, ihn als Persönlichkeit zu würdigen, die Bedeutendes leistete.

Die ihm darüber hinaus widerfahrenen Ehrungen zeigen, wer ihn besonders honorierte. Und die Auszeichner reflektieren das, was sie an Joachim Gauck schätzen - seine politische Haltung. Und diese, so meine These, lassen den Schluss zu, Gauck ist ein verbal geschickter Vertreter des Neoliberalismus.

Der evangelische Pfarrer wurde u.a. mit folgenden Preisen geehrt:

Heinz-Herbert-Karry-Preis: Er wird alle zwei Jahre zur Erinnerung an den 1982 ermordeten FDP-Politiker und hessischen Wirtschaftsminister Heinz-Herbert Karry verliehen. Preisträger waren bisher u.a.: Otto Esser, Manfred Rommel (CDU), Paul Kirchhof, Liselotte Funke (FDP), Hermann Rappe (SPD). Im Stiftungsrat sitzen Wolfgang Gerhardt (FDP), Ruth Wagner (FDP), Christian Graf Dohna (Friedrich-Naumannn-Stiftung) et al.

Thomas-Dehler-Preis: Er wird von der Thomas-Dehler-Stiftung, einer in die Öffentlichkeit hineinwirkenden sog. Bildungseinrichtung der bayerischen FDP verliehen. Zu den bisherigen Preisträgern gehören Hans-Dietrich Genscher (FDP), Martin Bangemann(FDP), Wolfgang Gerhardt (FDP), Josef Ertl (FDP) und Martine Dornier-Tiefenthaler.

Thomas-Ehlers-Preis: Ausgelobt wird er von einer schleswig-holsteinischen der CDU nahestehenden politischen Stiftung. Sie setzt sich für staatsbürgerliche Bildung und Begabtenförderung ein. Initiator war Kai-Uwe von Hassel (CDU, 1913 - 1997).

Courage-Preis: Er wird von der Stadt Bad Iburg (Kreis Osnabrück) an Menschen vergeben, die sich um das Gemeinwohl verdient gemacht hätten. Gesponsert wird diese Auszeichnung u.a. vom Audi-Zentrum, der Oeseder Möbelindustrie und dem Heinrich-Möllering-Bauunternehmen. Die bisherigen Preisträger sind beispielsweise Hans-Dietrich Genscher, Uschi Glas, Sabine Christiansen, Dagmar Berghoff, Dagmar Schipanski, Richard Oetker, Königin Silvia von Schweden.

Der Dolf-Sternberger-Preis wird für Verdienste für die öffentliche Rede vergeben. Sternberger (1907 - 1989) war Hochschullehrer für politische Wissenschaften. Auf ihn geht die Einführung des Begriffs Verfassungspatriotismus zurück. Der Anreger dieses Preises ist Bernhard Vogel (CDU). Bisherige Preisträger sind u.a. Wolfgang Schäuble (CDU), Manfred Rommel (CDU), Friedrich Merz (CDU), Martin Walser. Bernhard Vogel war es auch, der Gauck den Preis überreichte. Der Vorstand der Dolf-Sternberger-Gesellschaft ist der ehemalige Vorsitzende der Hochschulrektorenkonferenz: Prof. Dr. Landfried. Eine Zeitlang war er Mitarbeiter der Bertelsmann-Stiftung. Er ist Mitglied des Europäischen Instituts für Klima und Energie e.V., kurz EIKE. Aufschlussreich ist, dieser Zusammenschluss von Wissenschaftlern bestreitet, dass der Klimawandel etwas mit dem menschlichen Wirtschaften zu tun habe. In der Klimapolitik sehen diese Wissenschaftler einen Vorwand, um "Wirtschaft und Bevölkerung zu bevormunden und das Volk durch Abgaben zu belasten."

Diese Sammlung Gauck'scher Preise lässt nur unkritische Adepten des rot-grünen Präsidentschaftskandidaten nicht vermuten, dass dieser Prediger in ein neoliberales Netzwerk eingebunden ist. Dieses Geflecht hat sich organisiert und nennt sich Stiftung Liberales Netzwerk, dessen Kuratoriumsmitglied Gauck seit dem Jahr 2003 ist. Zu den Grundsätzen dieser "überparteilichen Plattform" gehört die "Eigenverantwortung", die Freiheit von Bevormundung bedeute. Der Staat, so die Stiftung, habe sich zu bescheiden. Der "Gedanke der Freiheit" müsse "gegenüber dem Sicherheitsdenken wieder spürbar an Bedeutung gewinnen." Das sind die bekannten Floskeln der neoliberalen Zerstörer des öffentlichen Gemeinwohls, derer, die Gewinn-Interessen über alles stellen und legislative Maßnahmen des Parlaments als "staatliche Willkür" interpretieren.

Würde die Linkspartei diesem Kandidaten ihre Stimmen geben, machte sie sich unglaubwürdig. Nichts spricht aus Sicht eines politisch links von der Mitte Stehenden dafür, Joachim Gauck zu unterstützen. Für die Neoliberalen ist der Pfarrer der ideale Kandidat, da er sich überparteilich geriert. SPD und Grüne zeigen mit ihrer Präferenz, dass sie aus ihrer gemeinsamen Regentschaft nichts gelernt haben. Ihre vorsichtige Distanzierung von der Hartz-Gesetzgebung wird mit der Nominierung dieses Präsidentschaftskandidaten konterkariert.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (38)

Achtermann 12.06.2010 | 16:23

@ Alien59

Wulff ist von der Klasse der Besitzenden aus betrachtet der schlechtere Kandidat, da er eindeutig einer Partei zuzuordnen ist. Seine Grundsatzreden als Präsident würden sicher aus dem Blickwinkel des perfekten Polit-Karrieristen interpretiert werden und erzielten damit geringere Wirkung im Sinne der Vertreter des Neoliberalismus. Die konservative Presse hat sich ja sofort, vermutlich konzertiert, auf Gaucks Seite geschlagen.

koslowski 12.06.2010 | 16:29

Lieber Achtermann,
als einer der möglicherweise „unkritischen Adepten“ unter den Befürwortern des Kandidaten Gauck, den du in deinem Blog anhand der ihm verliehenen Preise als „Priester des Neoliberalismus“ entlarvst, möchte ich dir zwei Zitate zur ideologiekritischen Analyse vorlegen:
(1) „Ganz sicher sind westlicher Gesellschaften krisenanfällig und produzieren Ungleichheit – beides erfordert beständig Kritik und entgegenwirkende Maßnahmen. Aber dafür müssen wir nicht bei jenen in die Schule gehen, deren Gesellschaftssystem an mangelnder Freiheit zerbrochen ist.“ ( J.G., Winter im Sommer – Frühling im Herbst. München 2009, S.339 )
(2) „Ganz offensichtlich gibt es keine ungestörte Beziehung zur Freiheit. Schon ihre zwei Gesichter mögen uns verwirren. Eine erweckt Vertrauen – es verspricht Selbstverwirklichung, Gestaltungsmöglichkeiten, Zukunft. .. Das andere Gesicht der Freiheit hingegen lässt uns erschrecken – wenn es als Raubtierkapitalismus, nacktes Kalkül, Gruppenegoismus, als unethischer Forschungseifer letztlich den Egoismus fördert und die Solidarität und das Mitleid mit dem Anderen neutralisiert.“ ( a.a.O., S.341 )
In all der Naivität, zu der ich fähig bin, verstehe ich Gauck hier als Vertreter eines sozialen, menschlichen Kapitalismus, keineswegs als Anwalt einer deregulierten Marktwirtschaft, in der private Gewinnmaximierung als Bedingung für die Freiheit und den Wohlstand der Gesellschaft gilt.

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walter-ter-linde 12.06.2010 | 16:39

Wulff ist ein klassischer Politiker, im Prinzip bodenständig mit insgesamt eher altbürgerlichen oder altkonservativen Idealen, die er aber wegen Karriere modifizierbar hielt.
Gauck dagegen hat eine Sendung, die man ja auch viele Jahre hören könnte. Und diese Sendung wird von einem Netz (siehe oben) gehalten, nicht von Parteibeschlüssen. Gauck wäre m.E. der erste BP, der dem Land nach 89/90 wirklich entsprechen würde.
So schlimm ist es schon, und machbar.
Der Umbau der Bundesrepublik bekäme eine neue Qualität.

koslowski 12.06.2010 | 16:56

@achtermann 14:35

Dein Erklärungsversuch von 14:23 ist ganz plausibel: höhere Glaubwürdigkeit von Gauck als Präsident "aller Deutschen" und inzwischen wohl auch die Einsicht, dass die Zeiten, in denen der Neoliberalismus in der Gesellschaft mehrheitsfähig war, (zunächst einmal) vorbei sind. Gauck wäre kein "systemkritischer" Bundespräsident, aber einer, von dem eher Plädoyers für einen menschlichen, sozialverträglichen Kapitalismus zu erwarten wären. Das mag für einen kapitalismuskritischen Linken zu wenig sein, ist aber im Vergleich zum Kandidaten Wulff ein Vorzug - es sei denn, man glaubt, ein intelligenter Vertreter eines "sozialen Kapitalismus" , noch dazu mit einem pastoralen Pathos ausgestattet, sei für die Linke der gefährlichere Gegner.

Joachim Petrick 12.06.2010 | 17:38

Das ist doch wunderbar gut sortiert, wie gekonnt und doch unhörbar in den Wind gepfiffen.
Rotgrün missbraucht Joachim Gauck als Bundespräsidentenkandidaten nur als Pausenclown für das Sommerloch, damit Rotgrün nicht allzu sehr in die Pflicht gegen den schwarzgelben Sparhammer genommen wird.
Rotgrün hat Joachim gaick nur als kandidat nominiert, weil Rotgrün wie die Medien, trotz und wg. des nun anschwellenden Bocksgesangs und Rummels im Sommerloch, gar nicht wirklich wünscht, dass Joachim Gauck zum Bundespräsidenten gewählt wird.

Joachim Gauck will die Fraktion der Linkspartei im Deutschen Bundestag, anders als Christian Wulff, besuchen und sich als Kandidat vorstellen und Fragen der Fraktion stellen (Gregor Gysi bei „hart aber fair“ Sendung diese Woche).

Selbstverständlich ist Dr. Luc Jochimsen eine hervorragende Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin. Die Machtverhältnisse sprechen gegenwärtig noch eine andere Sprache.

Die SPD war bisher listig genu, die Linkspartei in die Befürwortung des Kandidaten Joachim Gauck nicht einzubinden, damit die Medien de SPD auf den kandidaten Jaochim Gauck Leim gehen.
Was nicht ist, kann ja noch, „nun soll die rotrotgrüne Glocke in der Erden werden“.
Gegen Auszeichnungen kann man/frau, wie Joachim Gauck, sich kaum wehren(s. Auszeichnungen von Dr. Luc Jochimsen).

Joachim Gauck steht für keine politische Farbe wirklich, steht für ein anderes Licht für einen offeneren Raum der Debatten!

tschüss
JP

Siehe dazu:

www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/joachim-gauck-lebt--das-andere-licht

12.06.2010 | 02:36
Joachim Gauck lebt das andere Licht für offene Debatten
Joachim Gauck: "lebt das andere Licht für offene Debatten"

.joachim-gauck.de/Unterstuetzer/index.html
So können Sie Joachim Gauck unterstützen

Magda 12.06.2010 | 20:35

@ Joachim Petrick - Ich bilde mir ein, dass dazu schon so viel gesagt wurde. Schon vor einiger Zeit und dann noch vor einer Woche, als es gerade "raus" war mit dem Gauck. Da gibts nicht mehr so viel zu sagen zu.

www.freitag.de/community/blogs/magda/gauck-und-merkel

Davor auch schon mal.

www.freitag.de/community/blogs/magda/joachim-gaucks-totalitaere-aufklaerung

Jetzt können ja auch andere mal. Er wird sowieso nicht Bundespräsident.

SiebzehnterJuni 13.06.2010 | 00:43

Weißt Du JP, mit Gauck scheint es so ähnlich zu sein wie mit einem Buch,das 1996 von " Volker Döring/Nele Güntheroth/Christoph Diekmann; Fröhlich sein und singen" erschien. Hier wird schonungslos mit Text und S/W Fotos der Schulalltag 1988/89 in der DDR dokumentiert. Die Auflage betrug 5.000. Die PDS hat damals fast die gesamte Auflage sofort aufgekauft. 1998 wurden 1.000 Exemplare zu einem Preis von 2,-DM auf dem 1.Mai-Flohmarkt am Prenzlauer Berg von der PDS verkauft.
So erwarb ich rein zufällig dieses wunderbare Buch. Wenn Du das siehst und liest - militarisierte Mathematik- und Physikaufgaben usw. usw. dann bist Du einfach platt. Über Amazon ist das Buch noch zu erhalten, wie ich gerade festgestellt habe.
Das sollte einfach niemand sehen, lesen.

Und ähnlich scheint mir die Reaktion auf Gauck zu sein. Er weiß halt vom Leben in der DDR unendlich viel mehr als Wulff und das scheint mir das Problem zu sein.
Dem Gauck kannst Du über die DDR halt in Talkrunden keine Märchen erzählen!!
Übrigens: Gysi nimmt an keiner Talkshow teil, an der Gauck teilnehmen will bzw. teilnimmt. Warum wohl??

Magda 13.06.2010 | 01:12

"Dem Gauck kannst Du über die DDR halt in Talkrunden keine Märchen erzählen!!"

Meine Güte, SiebzehnterJuni, wer bestreitet denn Dinge, die in der DDR unerträglich gewesen sind.
Die Schulen waren reglementiert, auch die Verteidigung gegenüber dem Klassenfeind war ein Thema. Aber es gab auch vernünftige Lehrer. Alles hing von den Menschen ab. Ich kannte Lehrer vor und nach der Wende, die hatten Einsichten, die Gauck aber niemandem zuzubilligen scheint, der nur ein verteidigendes Wort über die DDR zu sagen wagt.

Es gibt auch heute noch Lehrer, die sich dazu äußern.
Was wollen Sie eigentlich? Manchmal denke ich, Glaubensbekenntnisse musste man früher aufsagen, heute soll man das wieder tun und wehe man weicht ab von der vorgefertigten Lehre oder von den Weisheiten eines einzigen Buches, dann ist man schon nicht mehr akzeptiert. Und wenn Sie persönlich - dauernd in dieser Rächer- und Siegerpose auftreten, nervt mich das total. Haben Sie jemals was riskiert in der DDR, für irgendwas gerade stehen müssen? Auf etwas verzichten? Sich durchwursteln? Ich finde Sie unglaublich anmaßend. Waren Sie im Westen so angepasst, dass Sie sich jetzt im Osten was besorgen, was nach Dissidenz aussieht?

Tjelle 13.06.2010 | 03:10

SPD und Grüne wiederholen mal wieder den alten Fehler, einen falschen Konsens mit der imaginären "Mitte" durch faule Kompromisse zu suchen. Gestern: Schröder hat linke Projekte nie angepackt, z.B. die überfällige solidarische Bürgerversicherung. Stattdessen hat er sich dem Zeitgeistdiktat von BDI und Bertelsmann ("Lohnnebenkosten/Steuern runter"; "Staatsquote runter"; "Sozialausgaben runter") unterworfen und sich im Glanz seiner sog. Sozialreformen ("richtig und wichtig") gesonnt. Beifall von Hans-Olaf und Baring und BILD: "Mutig, bravo". Heute: Die SPD nominiert Gauck, einen Mann, für den Freiheit auch ohne soziale Chancen, Umverteilung und Solidarität möglich ist, der also den emanzipatorischen Aspekt von Sozialpolitik als "Motor der Demokratie" verkennt.

Tjelle 13.06.2010 | 03:18

Was bitte ist für dich sozialer Kapitalismus? Ich bin vehement für einen sozialen Kapitalismus, nur ist Gauck meilenweit davon entfernt, diesen einzufordern. Sozialer Kapitalismus setzte voraus
- einen radikalen Umbau des Bildungssystems, um vehemente Chancenungleichheiten auszugleichen
- Heranziehung von Kapitalerträgen zur Finanzierung der Sozialsysteme
- Armutssichere Sozialhilfesätze, armutssichere Mindestrenten
- Menschenwürdiger und grundrechtskonformer Umgang mit Arbeitslosen (d.h. die HARTZ-SGB-Novellen weitgehend rückgängig machen), echte Brücken in die Arbeit

Glaubst du wirklich, dass Gauck auch nur einen dieser Punkte unterschreiben würde?

Tjelle 13.06.2010 | 03:18

Was bitte ist für dich sozialer Kapitalismus? Ich bin vehement für einen sozialen Kapitalismus, nur ist Gauck meilenweit davon entfernt, diesen einzufordern. Sozialer Kapitalismus setzte voraus
- einen radikalen Umbau des Bildungssystems, um vehemente Chancenungleichheiten auszugleichen
- Heranziehung von Kapitalerträgen zur Finanzierung der Sozialsysteme
- Armutssichere Sozialhilfesätze, armutssichere Mindestrenten
- Menschenwürdiger und grundrechtskonformer Umgang mit Arbeitslosen (d.h. die HARTZ-SGB-Novellen weitgehend rückgängig machen), echte Brücken in die Arbeit

Glaubst du wirklich, dass Gauck auch nur einen dieser Punkte unterschreiben würde?

weinsztein 13.06.2010 | 04:16

@SiebzehnterJuni schrieb am 12.06.2010 um 22:43

Das finde ich sehr interessant. Die PDS hat - wie Sie schreiben - 1996 fast die gesamte Auflage eines ihr nicht genehmen Buchs ("frösi") aufgekauft, um zwei Jahre später 1000 Exemplare dieses Buches am 1. Mai für 2,-- DM auf einem Flohmarkt zu verkaufen. Und dann hat die Linkspartei das Werk auch noch an Amazon verkloppt. Sie schreiben: "Das sollte einfach niemand sehen, lesen." Sehr merkwürdig, oder?

Warum Wolfram Gysi an keiner Talkshow teilnimmt, die auch Joachim Gauck zu Gast hat, kann ich nur ahnen (vorausgesetzt, diese Information ist ähnlich gut recherchiert wie die zu obigem Buch): ich glaube, aus ästhetischen Gründen meidet Gysi Ihren Herrn Gauck. Aus dessen Behörde wurden über Jahre Medien mit Unterlagen gefüttert, die Gysi kampagnenhaft diffamieren sollten. Hat aber nicht so geklappt wie erhofft.
Doof gelaufen, oder?

Dass Sie Herrn Gauck sehr gern als Präsidenten sähen, ist auch bei mir angekommen. Würde er wirklich gewählt werden, würde das weder Sozialdemokraten noch Grünen nützen, das ist aber nicht mein vorrangiges Problem.

Was finden Sie an Joachim Gauck irgendwie sozialdemokratisch oder grün? Irgendwann würde die Wahl Gaucks beiden Parteien um die Ohren gehauen werden, weil sie einen westergewellten Kandidaten ins Amt gehievt hätten.

Und wie soll sich Die Linke zu diesem oft so genannten "brillanten Schachzug" von "Rotgrün" verhalten? Gauck wählen? Warum?

Warum sollte, was Rotgrün (mit beifälligem Nicken aus schwarzgelben Kreisen) als brillanten Kandidaten ausgeben, aus welchen taktischen Gründen für Die Linke wählbar sein?

Achtermann 13.06.2010 | 09:21

Gauck ist, wie oben erwähnt, Kuratoriumsmitglied des Liberalen Netzwerks. Hier noch die Namen einiger Persönlichkeiten, die mit dem Kandidaten von SPD und Grünen am Kuratoriumstisch sitzen:

Prof. Dr. Arnulf Baring

Jochen Kienbaum
Vorsitzender der Geschäftsführung Kienbaum Consultants International GmbH

Prof. Dr. Renate Köcher
Geschäftsführerin Institut für Demoskopie Allensbach

Klaus P. Schöppner
Geschäftsführer TNS Emnid

Gerd Schulte-Hillen
ehem. Aufsichtsratsvorsitzender Bertelsmann AG

Mathias Graf von Krockow
Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter Sal. Oppenheim jr. Cie.

Dr. h. c. August Oetker
Persönlich haftender Gesellschafter Dr. August Oetker KG

Dr. Jens Jürgen Böckel
Finanzvorstand Unternehmensgruppe Tengelmann

Dr. Jürgen R. Thumann
Vorsitzender strategischer Lenkungsauschuss der Heitmann Thumann KG, Präsident Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI)

Dr. Hans-Dietrich Winkhaus
Mitglied des Gesellschafterausschusses Henkel KGaA

Bemerkenswert ist schon, dass die beiden Meinungsforschungsinstitute Demoskopie Allensbach und TNS Emnid in diesem Netzwerk vertreten sind. Deren Einfluss auf die veröffentlichte politische Willensbildung ist sicher nicht unerheblich - und auch nicht interessenfrei.

koslowski 13.06.2010 | 14:12

Aus der "Frankfurter Allgemeine(n) Sonntagszeitung" von heute:

„Die Unterzeichnenden sind der Überzeugung, dass Joachim Gauck der zukünftige Bundespräsident werden sollte. Joachim Gauck bringt alle Voraussetzungen für dieses Amt mit. Die Wahl von Joachim Gauck wäre eine historisch richtige Entscheidung von großem gesellschaftspolitischem Wert.“

Zu den Unterzeichnern gehören Götz Aly, Marcel Beyer, F. C. Delius, Herbert Grönemeyer, Daniel Kehlmann, Necla Kelek, Monika Maron, Albert Ostermaier, Hans-Ulrich Treichel, Ilija Trojanow, Harald Welzer und Roger Willemsen.

koslowski 13.06.2010 | 14:47

Nein, aber die Petition könnte doch die eigene feste Überzeugung in Frage stellen, Gauck sei ein "Priester des Neoliberalismus" und ein Werkzeug wirtschaftsnaher Netzwerke. Ob die Unterzeichner "überzeugende Persönlichkeiten" sind, weiß ich nicht - ich kenne niemanden persönlich. Aber unter ihnen sind jedenfalls kompetente Historiker (Aly), Sozialwissenschaftler (Welzer) und Schriftsteller (Delius, Kehlmann, Treichel), denen ich zutraue, dass ihr Votum auf rationalen Überlegungen basiert.

Achtermann 13.06.2010 | 16:25

@ koslowski

Du schreibst: "Aber unter ihnen sind jedenfalls kompetente Historiker (Aly), Sozialwissenschaftler (Welzer) und Schriftsteller (Delius, Kehlmann, Treichel), denen ich zutraue, dass ihr Votum auf rationalen Überlegungen basiert."

Das mag durchaus sein. Jedoch reklamiere ich für meine wenigen Gedanken ebenfalls Rationalität. Eine Entscheidung läuft eher auf eine politische Bewertung hinaus. Da meine Interessenlage eine andere ist als beispielsweise die von Herbert Grönemeyer oder Roger Willemsen, kann ich deren Unterschrift zwar zur Kenntnis nehmen und denken "aha, die schon wieder", jedoch mir fehlt die Einsicht in ihre Beweggründe, die mich überzeugen könnten.