Warum JA und HLG nicht zusammenkommen

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

JA hat HLG, Herausgeber der Zeitschrift konkret, zum Freitag-Salon am 21. September eingeladen. HLG sagte ab. Er begründete seine Nichtteilnahme mit der geplanten Anwesenheit des Bild-Chefredakteurs KD. Das hatte sich JA schön vorgestellt: Einer der härtesten Kritiker des Jaucheblattes sitzt zusammen mit dessen Chefredakteur auf dem Podium, und JA moderiert. Wer von HLG jemals etwas gelesen hat, weiß, dass er niemals sich mit KD an einen Tisch setzen würde.

Schon damals, in den 70er Jahren, als Günter Wallraff noch den Titel Schriftsteller durch die Lande trug und gegen die Bildzeitung in der Bildzeitung als Undercover-Reporter arbeitete, war HLG dabei. Zehn Jahre nach der Veröffentlichung des daraus resultierenden Buches Der Aufmacher, erschienen 1987, gab HLG preis, dass Wallraff dieses Werk nicht selbst geschrieben sondern von ihm, HLG, inklusive der Vor- und Nachworte, verfasst worden sei. Verbunden war diese Enthüllung mit der Verleihung des Karl-Kraus-Preises, den HLG eine Zeitlang jährlich auslobte. 30.000 Mark sollte Wallraff bekommen, falls er verspräche, niemals mehr eine Zeile zu veröffentlichen. Keiner der Preisträger hat diese Auszeichnung jemals angenommen, auch der demissionierte Feuilleton-Chef der Zeit nicht. Fritz J. Raddatz war der Erste, der die Ehre hatte, für diesen Preis vorgesehen zu sein, weil er das mit Goethe und dem angeblichen Frankfurter Bahnhof nicht ganz auf die Reihe brachte. Immerhin hat Wallraff seinen Titel Schriftsteller nicht mehr. Wer ihn heute näher kennzeichnet, stellt ihm das Wort Enthüllungsjournalist vor den Namen.

HLG war, bevor er die Zeitschrift konkret übernahm, beim Spiegel, mit dessen Herausgeber und Gründer Rudolf Augstein er sich überwarf. Streitpunkt war die Mitbestimmung der Redaktion. Augstein löste das Problem mit der finanziellen Beteiligung der Spiegelmitarbeiter am Verlag. Dazu HLG im Freitag vom 10.11.2000 im Interview:

Mit 26 wollte ich zum Spiegel, also ging ich zum Spiegel, habe dort nach zwei Monaten zum ersten Mal gekündigt, war nach zwei Jahren der jüngste der leitenden Redakteure. Das ging, auf Schwäbisch: wias Kendlesmache, so easy, dass es auch nicht viel bedeutete, die Karriere aufs Spiel zu setzen und aufzugeben, als sich in dem Streit, den wir mit dem Verleger über redaktionelle Mitbestimmung angefangen hatten, die Frage der Ehre gestellt hat. Augstein wunderte sich damals sehr, dass ich sein Angebot, ich solle Chef des Bonn-Ressorts werden, was auch doppeltes Gehalt bedeutet hätte, wenn ich das Maul hielte, eine Zumutung nannte. Wie sehr ein solches Nein gegen Korruption immunisiert, ist mir später angesichts einiger jüngerer Kollegen klargeworden, die sich für Peanuts ihre Meinung abkaufen ließen: Wo die hinwollten, kam ich her, ihr Ziel war mein Start gewesen.

HLGs immer mal wieder auftauchendes Studienobjekt für Schreibinsuffizienz ist die Emma-Herausgeberin und Chefredakteurin Alice Schwarzer, die sicher JAs Einladung, gemeinsam mit KD zu diskutieren, gefolgt wäre. Sie hat sich gerade von der Bildzeitung anheuern lassen, um über den so gewichtigen Prozess gegen den Wettervorhersager Kachelmann zu berichten. Ihren treuen Leserinnen erklärt sie, warum sie vom Springer-Verlag auf dessen Gehaltsliste sich hat setzen lassen so:

Erstens bin ich grundsätzlich der Meinung, dass rund 12 Millionen BILD-LeserInnen ernstzunehmen sind. Zweitens ist die Einteilung der Medien in hie Gut und da Böse, hie objektiv und da verantwortungslos schon lange nicht mehr so einfach, wie viele es gerne hätten.

Ob die Emma-Leserinnen mit einer derartigen Begründung so ernst genommen werden wie die Leser und Leserinnen der Bildzeitung? Den Grundsatz, hie Gut und da Böse, zu überwinden, hat sie bei der Zeitschrift konkret noch nicht gepflegt, als sie jüngst den Herausgeber HLG indirekt mit verantwortlich für Klaus-Rainer Röhls damalige Blattkonzeption 'Sex und Marx' machen wollte und die Zeitschrift in einen Artikel über Pädophilie einbezog, indem sie mit drei Titelbildern aus Röhls Zeit den Emma-Artikel verzierte und so betitelte: So sahen sie aus, die Cover der ›linken‹ konkret, die Röhl seiner kleinen Tochter Anja zuschob. Schwarzer weiter im Text: Der Herausgeber der Apo-Postille [= Röhl] war in den späten 1960er/frühen 1970er Jahren quasi der Erfinder des medialen Kindersex. Jedes zweite konkret-Cover war mit dieser obszönen Mischung von Marx und Lolita aufgemotzt. Doch daß das Interesse des konkret-Machers an "Nymphchen" sich nicht auf die Theorie beschränkte, das mußte eigentlich allen, die nicht entschlossen waren wegzusehen, immer schon schwanen.

HLG schrieb der PorNo-Verfechterin zurück:

Das Autorenverzeichnis von konkret weist für das Jahr 1970, den Höhepunkt in der Geschichte von Röhls medialem Kindersex, vier Artikel einer gewissen Alice Schwarzer aus, die nun die Wahl hat, ob ihr die obszöne Mischung von Marx und Lolita damals so gut gefiel, daß sie mitmischen wollte, ob sie entschlossen war wegzusehen, ob sie zu dumm war, etwas zu ahnen, oder ob sie mit Priscilla Presley ("Die nackte Kanone") sagen will: "Ich war jung und brauchte das Geld."

Heute ist Alice Schwarzer nicht mehr so jung - 67 -, und trotzdem schlägt sie das Geld wie damals nicht aus, auch wenn sie es mit einem der übelsten Blätter Deutschlands verdient.

Sie hat die Sympathien auf ihrer Seite. Wer so häufig im Fernsehen auftritt, muss Gewähr bieten, beim Publikum anzukommen. Aber nicht jedem, der sich auf HLG beruft, wird Geduld und Offenheit entgegengebracht. Da ist Vorsicht geboten…


Hier der Schriftwechsel zwischen JA und HLG:

Lieber Hermann Gremliza,

wir haben eine Diskussionsreihe, den Freitag-Salon, zu der ich Sie gerne einmal einladen würde. Ab der kommenden Spielzeit findet das einmal im Monat im Gorki-Theater statt. Es geht um Gesellschaft und Kunst und Politik. Wir werden uns dabei an den Spielplan des Gorki-Theaters anlehnen, und ich moderiere. Eigentlich ein sehr schönes Format.

Am 21.9. soll es um Helmut Kohl gehen, um die 80er Jahre, dann die Zeit der Wende und den deutschen Wandel. Das Gorki hat dazu ein Theaterprojekt. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie an diesem Abend mitdiskutieren würden. Aber ich will Ihnen nicht verheimlichen, wen ich da sonst noch einladen möchte: Gustav Seibt und Kai Diekmann. Diekmann kennt Kohl ja sehr gut, war damals ein Fan und ist seitdem ein Wegbereiter eines "neuen Deutschland", das sich von der alten Bundesrepublik ja erheblich unterscheidet.

Ich halte das für eine sehr spannende Kombination und wäre sehr froh, wenn Sie dabei wären. Melden Sie sich?

Herzliche Grüße

Ihr Jakob Augstein

Die Antwort:

Lieber Herr Augstein,

haben Sie Dank für Ihre Anfrage, die mich erst heute erreicht hat, und sagen Sie mir, bitte, daß Sie nicht im Ernst gemeint haben, ich könnte mich mit einem Schmieranten wie dem Chefredakteur des größten Dreckblatts auch nur in einem Raum aufhalten, geschweige an einen Tisch setzen.

Mit freundlichen Grüßen

H.L. Gremliza



17:53 05.09.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Achtermann

Ich lass' mich belehren. Jedoch: Oft wehre ich mich dagegen.
Achtermann

Kommentare 213

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