Die zersplitterte deutsche Gesellschaft

Erodierende Wirklichkeit Eine homogene deutsche Gesellschaft gibt es nicht mehr. Diese ist längst in diverse Milieus zerfallen, die sich gegenseitig oft mit Ablehnung betrachten.
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„Die Menge wird sich immer denen zuwenden, die ihr von absoluten Wahrheiten erzählen, und wird die anderen verachten.“

Gustave le Bon

Vor ungefähr 500 Jahren soll er durch die deutschen Lande gezogen sein. Gab sich als Arzt aus, als Astrologe, Wunderheiler und Alchemist. Er spielte mit seinem Publikum und das dankte es ihm mit Bewunderung und einem gelegentlichen Davonjagen. Er schürte Neugier. Kanalisierte Ängste und Sorgen. Bot Lösungen für Probleme. Ein Liebestrank? Kein Problem! Ein Horoskop? Warum nicht? Ärztliche Dienstleistungen aller Art? Natürlich! Kurz gesagt; er befriedigte Bedürfnisse, für die andere keine oder keine ausreichenden Lösungen anboten. Die Rede ist von Johannes Faust (1480-1541), den erst der Volksmund und später Johann Wolfgang von Goethe, weltberühmt gemacht haben. Dr. Faustus.

Ein cleverer Selbstvermarkter? Ein wahrhaftig Eingeweihter? Ein übler Scharlatan? Wir werden es nie erfahren, denn die Quellenlage ist zu dürftig und der Rest nur Sage und Ausschmückung. Nun war Faust ein buntes Individuum, doch seine Methoden keinesfalls eine Besonderheit, denn fast zeitgleich blühte in Europa der Ablasshandel.

"Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt"; wer kennt diesen berühmten Ausspruch Johann Tetzels (1460 - 1519) nicht, mit dem der Mönch auf den Marktplätzen für seine "Wertpapiere" und "Versicherungen" gegen das ewige Feuer warb und damit nicht nur seinen Lebensunterhalt, sondern auch den manches Würdenträgers sicherstellte? Beide, sowohl Faust, als auch Tetzel, hatten den berühmt-berüchtigten Nerv' getroffen und konnten ihren Zielgruppen etwas anbieten, was für diese von ausgesprochenem Wert erschien.

An dieser Stelle lässt sich der Bogen zur heutigen Zeit spannen, denn auch im Hier und Jetzt stellt sich die Frage, wie Menschen zu Handlungen beeinflusst werden können. Das ist zweifellos ein großes Feld und es ist unmöglich, dieses in wenigen Zeilen ausreichend darzustellen. Aus diesem Grund konzentriert sich der folgende Beitrag auf einen kleinen Einblick in die Mechanismen der Beeinflussung.

Im Großen, nicht im Kleinen. Mehr als ein Ausschnitt sollen diese Zeilen aber auch nicht werden. Ein Anspruch auf Vollständigkeit und endlose Tiefe besteht nicht. Es ist aber ein Anfang und zwar einer, der ganz sanft und behutsam auf das Kommende vorbereitet.

Da gerade das politische Marketing ein Steckenpferd des Verfassers dieser Zeilen ist, ist es verständlich, dass dieses in den Vordergrund gestellt wird und weniger jenes mit primär ökonomischen Interesse, das aber ganz ähnlich funktioniert. Dieser Anfang fragt daher noch nicht nach operativen Methoden. Ihn interessiert es daher nicht, ob die Ansprache mit Hilfe des antiquierten Mediums Fernsehens erfolgsversprechender erscheint, oder über das Internet. Nein, viel interessanter ist es, zu erfahren, wie die Politik die Gesellschaft betrachtet und bewertet. Genau daraus leitet sich am Ende ab, wie die Menschen angesprochen werden und ob diese Ansprache von Erfolg gekrönt sein wird. Was sind die zentralen Segmentierungsmerkmale? Diese Betrachtungsweise in Erinnerung zu rufen, erscheint daher spannend genug, um sich alleine mit ihr zu beschäftigen.

Die politischen Parteien und ihre Strategen richten den Verkauf ihrer politischen Güter, nichts anderes ist es, wenn politische Versprechen gegen Stimmen getauscht werden, spätestens seit den 80ern, zumeist auf einen Ansatz aus, der die Gesamtbevölkerung auf sogenannte Lebenswirklichkeiten (Milieus) verteilt.

Vereinfacht gesagt, werden alle Menschen in Deutschland in "Schubladen" gesteckt. Die Theorie sagt letztendlich, dass alle Personen, die sich in dieser Ablage befinden, ähnlich denken, empfinden, handeln und vergleichbare Ansichten und Wertvorstellungen haben. Gleichzeitig beeinflussen sie sich gegenseitig, geben ihre Verhaltensmuster weiter und prägen so ihre Mitmenschen und Nachkommen.

Was bedeutet das aber nun für die Politik? Nun, wenn Menschen in der "Schublade" beeinflusst werden sollen, dann sollte eben diese sehr genau betrachtet werden.

Nehmen wir ein simples Beispiel. Viele Jahrzehnte war eines der zentralen Milieus in der Bundesrepublik die Lebenswelt des Arbeiters. Wodurch kennzeichnete dieses sich? Der Arbeiter strebte in der Regel nach einer gewissen sozialen und gesellschaftlichen Sicherheit. Nach Gemeinsamkeit; oft in Vereinen ausgelebt. Schrebergarten, der gemütliche Feierabend. Einen bescheidenen Wohlstand und eine wohlige Altersruhe. Er war traditionell, aber kein Modernisierungsfeind, solange die Veränderung langsam kam und in das eigene Leben integriert werden konnte. Nehmen wir nun als nächstes die Sicht eines Politikers an. Wie lassen sich die Stimmen dieses Milieus am Wahltag sichern? Natürlich, in dem ein politisches Gut bzw. ein politisches Programm angeboten wird, dass die Lebenseinstellung des Arbeiters bestärkt und stützt.

Eine Rentenkürzung wäre für dieses Milieu eine mittlere Katastrophe. Der Ausbau einer Berufsunfähigkeitsrente entspräche dem Sicherheitsbedürfnis. Das Prinzip ist nicht schwer zu erfassen.

An der Sache selbst hat sich bis heute nichts verändert: Wer immer Menschen politisch beeinflussen will, der versucht das Angebotene als ideale Ergänzung zur Lebenswirklichkeit anzubieten. Oder zumindest diese nicht signifikant negativ zu beeinflussen. Dabei sei hervorgehoben, dass die Milieus selbst nicht der einzige, aber ein wichtiger Faktor der Segmentierung sind.

Das sind letztendlich keine neuen Erkenntnisse, aber ihre Auffrischung hilft außerordentlich, um aktuelle Entwicklungen zu verstehen. Daher sollte sie für einen Moment im Hinterkopf verweilen.

Nach dem Krieg - wenige Milieus, einfache Ansprache

Bleiben wir bei den Milieus. In den ersten beiden Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg gestalteten sich diese überschaubar, denn es wurden lediglich vier "Schubladen" unterschieden, die klar einer Partei zugeordnet werden konnten:

  • das konservativ-protestantische Milieu (CDU)
  • das liberal-protestantische Milieu (FDP)
  • das sozialdemokratische Milieu (Arbeiter -> SPD)
  • das katholische Milieu (CDU)

Alles durchaus sehr übersichtlich. Oder etwas differenziert ausgedrückt: Klare Milieus, mit eindeutigen Werten und Vorstellungen, deren Bedürfnisse relativ einfach zu erkennen und zu befriedigen waren.

Heute - viele Milieus mit unterschiedlichsten Werten und Normen

Doch wie sieht es im nun aus? Grundsätzlich gibt es mehrere Milieu-Modelle, von denen das Sinus-Institut das bekannteste stellt. Es soll an dieser Stelle auch keine Rolle spielen, ob diese Modelle tatsächlich exakt die deutsche Gesellschaft abbilden. Kritikpunkte hierfür finden sich einige. Sie sollen für die Einführung aber noch keine Rolle spielen, denn sie ändern nichts daran, dass diese Schablonen Anwendung finden und da aber die Politik diese als einen wichtigen Faktor heranzieht, ist es legitim, ebenso zu verfahren, um das Denken und Handeln der etablierten Kräfte besser nachvollziehen zu können.

Glaubt man dem Marktführer Sinus, so setzt sich die deutsche Gesellschaft aus nunmehr 10 Milieus zusammen, die sich in ihren Werten, Handlunge und Ansichten deutlich unterscheiden:

Traditionelles Milieu (ca. 13% der Bevölkerung)

Menschen, die dem traditionellen Milieu zugeordnet werden, legen großen Wert auf Sicherheit und den Erhalt der Teile der Vergangenheit, mit denen man sich emotional verbunden fühlt. Sehr oft wird diese als „bessere Zeit“ oder als ein Sehnsuchtsort wahrgenommen.

Bei der einheimischen Bevölkerung im Westen Deutschland äußert sich das beispielsweise oft durch ein Festhalten an den Werten und Abläufen der alten Bundesrepublik. Bei Migranten durch ein inneres Festhalten am Heimatland, das sogar zu einer aktiven Verteidigung desselbigen führen kann, obwohl dieses seit Jahrzehnten nicht mehr besucht wurde und ein Leben dort auch nicht gewünscht wird.

Das Vergangene bleibt für Personen, die dieser Schublade zugeordnet werden beinahe ein Ideal. Traditionen der früheren Schicht (z.B. Bürgertum, Arbeiterklasse) werden beibehalten. Man sieht sich als bodenständig, sparsam und bescheiden. Bei einigen spielt auch die Religion eine ausgeprägte Rolle.

Einkommenstechnisch gehört man bestenfalls zur Mittel-, aber auch oft zur Unterschicht. Nicht selten hat man in den letzten Jahren einen gewissen finanziellen Abstieg erlebt. Skeptisch ist man gegenüber Veränderungen. Einen Hang zur Entwicklung gibt es nur begrenzt und wenn doch, hat jede Anpassung langsam zu erfolgen. Ein zu schneller Wandel führt unter Umständen zu einer innerlichen Überforderung. Kommt dieses zu lange und zu intensiv vor, dann erfolgt eine Art innere Migration in die eigene Lebenswirklichkeit und der Rest wird gezielt ausgeblendet. Aktiver Widerstand ist eher selten und nur bei extremen Entwicklungen zu erwarten.

Prekäres Milieu (ca. 9%)

Personen, die dem prekären Milieu angehören zählen zur Unterschicht, die den Anschluss an die mittleren Milieus händeringend sucht und einerseits von realen Zukunftsängsten, aber auch von irrationalen Befürchtungen gelenkt wird. Man ist arm und fühlt sich auf jeder Ebene auch so.

Das soziale Umfeld macht den eigenen Aufstieg schwer und es gibt nur wenige Möglichkeiten die eigene Lebenswirklichkeit zu verlassen. Ausgrenzung erleben Angehörige dieser Schubladen des Öfteren und aus verschiedenen Gründen und der Glaube an die eigene Benachteiligung ist stark ausgeprägt. Viele kämpfen aufopferungsvoll jeden Tag auf das Neue. Ihnen fehlt es emotional schlicht an gesellschaftlicher Anerkennung und dieses wird schmerzlich empfunden.

Der größte Teil des prekären Milieus versucht derartiges durch Konsum zu kompensieren, was natürlich aufgrund der begrenzten Einkommen schwierig ist. So bleibt das Leben oft trostlos und grau.

Hedonistisches Milieu (ca. 15%)

Im hedonistischen Milieu finden sich die Anhänger der Spaßgesellschaft, die ganz einfach nur leben und dabei soviel Freude und Muße empfinden wollen, wie möglich.

Dabei empfinden sie Erwartungen als lästig und Traditionen und Konventionen als überflüssig.

Die Angehörigen dieser Schubladen wollen etwas erleben und dafür zeigen sie sich als extrem anpassungsfähig, denn es bindet sie letztendlich nichts. Politik und Bildung interessiert diese Gruppe nur dann, wenn sie unterhält.

Sie sind unbekümmert, lassen sich leicht begeistern, laufen gerne Trends nach und lieben den Konsum, der gerne auch einmal spontan sein darf, solange er sich in dem Moment gut anfühlt. Das Problem dabei ist, dass das insgesamt eher geringe Einkommen den Spaß doch immer wieder begrenzt.

Bürgerliche Mitte (ca. 13%)

Bei der bürgerlichen Mitte handelt es sich um den klassischen Mainstream, der die herrschende Ordnung stützt und dazu einen leistungsstarken Beitrag leistet. Die Zentralen Themen sind Sicherheit, Ordnung und das Finden eines Platzes im bestehenden System. Im Gegensatz zum traditionellen Milieu akzeptiert man Veränderungen und geht diese auch mit, wenn bewährte Kräfte diese glaubwürdig verkaufen. Es müssen schon extreme Geschehnisse sein, die ganz offen den Lebensstil angreifen, wenn dieser Teil der Bevölkerung offen rebellieren sollte.

Der größte Teil verfügt über ein gutes oder sehr gutes Einkommen. Trotzdem gibt auch hier vermehrt Abstiegsängste.

Adaptivpragmatisches Milieu (ca. 10%)

Bei der adaptiv-pragmatischen Lebenswirklichkeit handelt es sich um die junge und moderne Mitte der Gesellschaft, die primär von Nützlichkeitsaspekten geleitet wird. Sie ähnelt der bürgerlichen Mitte, ist aber noch biegsamer und flexibler, um einen Platz in der Gesellschaft zu erlangen, der das eigene Leben auf Dauer absichert.

Diese Schublade zeichnet sich daher durch eine hohe Flexibilität und Anpassungsfähigkeit aus. Sie ist dabei weltoffen und steht Veränderungen positiv gegenüber. Da man überwiegend bereits in jungen Jahren über ein gutes Einkommen verfügt, kann man sich diesen Optimismus auch durchaus leisten.

Gemeinhin wird dieses Milieu als die stärkste Lebenswirklichkeit der Zukunft betrachtet und spielt daher bei Gedankenspiele rund um die "Neue Mitte" eine herausragende Rolle.

Sozial-ökologisches Milieu (ca. 7%)

Anhänger des sozial-ökologischen Milieus sind die klassischen Verfechter der politischen Korrektheit und Vielfalt, die sich selbst als das soziale und ökologische Gewissen des Landes betrachten, aktiv versuchen andere von ihren Idealen zu überzeugen und den Anstoß für Veränderungen geben.

Das Establishment sehen sie kritisch. Das gilt auch für den Kapitalismus oder den Konsum, obwohl sie, mit relativ hohen Einkommen gesegnet, selbst nicht unter dem System leiden müssen.

Ihnen geht es aber um grundsätzliche Veränderungen und globale Zusammenhänge. Aus diesem Grund sehen sie sich auch als starke Befürworter der multikulturellen Gesellschaft und neuer Gesellschaftsordnungen.

Konservativetabliertes Milieu (ca. 10%)

Das konservativ- etablierte Milieu kann als das klassische Establishment beschrieben werden. Man hat einen traditionellen Führungsanspruch und zumindest die alte Bundesrepublik maßgeblich mitgestaltet. Standesbewusstsein und Leistungsdenken sind ebenso Grundpfeiler des Selbstverständnisses wie der feste Glaube an den eigenen Wert und die Exklusivität. Teilweise existiert noch eine starke Verankerung in Traditionen.

In den letzten Jahren ist der Einfluss der Angehörigen dieser Lebenswirklichkeit, trotz dessen, dass sie mit die Einkommenselite darstellt, gesunken, was aber nicht von Dauer sein muss, denn der natürliche Anspruch auf Führung wurde natürlich nicht aufgegeben und besteht noch immer fort.

Liberalintellektuelles Milieu (ca. 7%)

Angehörige des liberal-intellektuellen Milieus kennzeichnen sich durch einen hohen Bildungsstandard und eine liberale Grundhaltung. Ihr Antrieb ist die Freiheit. Materielle Sorgen kennen sie nicht und können daher vielfach interessiert sein. Ihre Ausrichtung ist kosmopolitisch.

Das oft hohe Interessen an Kunst und Kultur ist nicht gespielt, während sie auf der anderen Seite wenig von alten Traditionen oder der Verklärung der Vergangenheit halten.

Letztendlich zählt für sie Selbstverwirklichung und die persönliche Entfaltung.

Milieu der Performer (ca. 8%)

Zum Milieu der Performer zählt man die international orientierte Leistungselite des Landes. Sie denkt nicht mehr in nationalen oder gar regionalen Grenzen, sondern global. Konsum und Statussymbole sind für sie von zentraler Bedeutung, wobei letztere ganz bewusst zur exklusiven Abgrenzung dienen. Dementsprechend stark ist auch das Konkurrenzdenken ausgeprägt: Man weiß eben, dass die Welt ein Haifischbecken darstellt und die kleinen Fische letztendlich nur Beute sind.

Veränderungen oder das Nutzen von neuen Technologien sind für sie daher selbstverständlich. Ebenso eine Vernetzung mit Gleichgesinnten auf der ganzen Welt.

Expeditives Milieu (ca. 8%)

In der expeditiven Lebenswirklichkeit findet sich eine junge, kreative und hochgebildete Elite, die sich geistig und seelisch neuen Ideen öffnet und altes hinter sich lässt. Nonkonformisten, die wenig mit dem Establishment oder Traditionen anfangen können. Kein Denken in Grenzen. Starke Vernetzung. Sie sind vollkommen offen für alternative Lebensweisen und Lösungen und können sich das finanziell auch leisten.

Mit der politischen Zuordnung dieser Gruppe sollte man aber Vorsicht walten lassen, denn hier kann sich, soweit man Sympathien für das obsolete Links-Rechts-Schema verspürt, sowohl die moderne Linke, als auch die moderne Rechte finden, die sich von der Vergangenheit gelöst hat und ganz neue Wege, oft gepaart mit neuster Technologie, zu suchen bereit ist.

Eine Gesellschaft – viele Lebenswirklichkeiten

Mit der kurzen und knappen Darstellung der 10 Lebenswirklichkeiten, die heute nicht selten als Basis politischer Entscheidungen dienen, sei dieser Blick abgerundet und noch angemerkt, dass die

Grenzen zwischen den einzelnen Schubladen natürlich nicht starr zu betrachten, sondern fließend. Zudem sei angemerkt, dass die kurzen Zusammenfassungen nur begrenzt geeignet sind, um ein Milieu ausreichend zu würdigen. Sie geben allerdings einen guten ersten Eindruck und um den geht es hier, denn wir sollten uns den Kern des Ganzen in Erinnerung rufen:

Der Glaube an Milieu-Einteilungen ist in der Politik groß. So groß, dass sie spätestens in den 90er Jahren dazu geführt hat, sowohl die Kommunikation, als auch eigene Zielgruppe zu überdenken. Begonnen hat damit die SPD im Rahmen ihres Wahlkampfes zur Bundestagswahl 1998 ("Kampa").

Alle Aktionen sollten nicht etwa mehr das ursprüngliche Klientel ansprechen, sondern eine sogenannte "Neue Mitte", die sich an den Milieus orientierte. Nach dem Wahlsieg Gerhard Schröders wurde dieses Schielen nach der neuen Masse als modern und bahnbrechend gelobt und diente später auch Angela Merkel als Blaupause für den Umbau der CDU.

In diesem ersten Buch soll die Politik eigentlich nur eine begrenzte Rolle spielen, aber kleine Andeutungen seien erlaubt. Es gab also ein Umdenken auf Basis von Milieumodellen. Das erscheint erst einmal nicht unlogisch, nur führte das langfristig zu Problemen, denn diese "Neue Mitte" keine homogene Masse, sondern besteht aus unterschiedlichsten Milieus.

Nehmen wir zwei "Schubladen" aus der aktuellsten Studie: Zur neuen Mitte gehörten sowohl das sozialökologische, als auch das konservativ-etablierte Milieu.

Letztendlich also die "Bannerträger der Political-Correctness" (Zitat aus der Sinus-Beschreibung), als auch das "klassische Establishment" (Ebenfalls ein Zitat). Es bedarf sicher keiner tiefen Ausführungen, dass sich beide Gruppen in Fragen Traditionen und Verteilungen in vielen Punkten tendenziell uneinig sein werden.

Diese beiden Gruppen glaubwürdig unter einen Hut zu bringen, kann nur dann gelingen, wenn das angebotene politische Gut so allgemein gehalten wird, dass sich keine der Gruppen daran zu reiben vermag. Es muss abstrakt und theoretisch sein und sollte im besten Fall nur wohlklingende Schlagworte beinhalten.

Diese Methode wird bei Parteistrategen auch gerne als "Verwässerungsautomatik" bezeichnet. Eine Taktik, die auf Dauer ein Glaubwürdigkeitsproblem generiert, da allgemeine, wohlklingende Absichtserklärungen konkrete politische Güter ersetzen. Stehen diese dann auch noch im krassen Gegensatz zur real umgesetzten Politik, werden diese Absichtserklärungen nur mehr als hohle Phrasen wahrgenommen und wenden sich gegen den, der sie verkündet. Ohne, dass viel geschrieben werden muss, haben Sie, werter Leser, nun vielleicht schon eine Ahnung, wie es zu der heutigen, oft beklagten Entfremdung zwischen Politik und Teilen der Bevölkerung kommen konnte. Doch fahren wir fort.

Die "Neue Mitte" als Dogma

Obwohl es nicht wenige Rückschläge bei dem Versuch die "Neue Mitte" für sich zu gewinnen gab, blieb diese der heilige Gral der Volksparteien. Was also gerne als Linksruck bezeichnet wird, ist lediglich Milieuumorientierung, weil man sich in dieser Lebenswirklichkeit die Mehrheit der Wähler der Zukunft erhofft. Tatsächlich bestand diese "Neue Mitte" aber immer aus verschiedensten Milieus, die nicht so viele Lebensansichten teilen, wie es sich die Parteistrategen erhofft hatten. Trotzdem wurden jene als homogene Masse angesprochen, was letztendlich auch den Versuch darstellte, diese Homogenität erst zu schaffen.

Der Rest war der Glaube an den Standard, den Gustave Le Bon bereits 1885 in seinem "Psychologie der Massen" beschrieben hat:

"Die reine, einfache Behauptung ohne Begründung und jeden Beweis ist ein sicheres Mittel, um der Massenseele eine Idee einzuflößen. Je bestimmter eine Behauptung, je freier sie von Beweisen und Belegen ist, desto mehr Ehrfurcht erweckt sie.

Die Behauptung hat aber nur dann wirklichen Einfluss, wenn sie ständig wiederholt wird, und zwar möglichst mit denselben Ausdrücken. Das Wiederholte befestigt sich so sehr in den Köpfen, dass es schließlich als eine bewiesene Wahrheit angenommen wird.

Das Wiederholte setzt sich schließlich in den tiefen Bereichen des Unbewussten fest, in denen die Ursachen unserer Handlungen verarbeitet werden. Nach einiger Zeit, wenn wir vergessen haben, wer der Urheber der wiederholten Behauptung ist, glauben wir schließlich daran.“

Es wäre naiv, im Angebot von politischen Gütern nicht immer auch einen gewissen Erziehungsauftrag zu sehen. Dieses ist sogar unabdingbar und in der Summe schien es auch zu funktionieren und führte sogar zu der Annahme der Existenz einer neuen Gesellschaft.

Am Ende glaubten die Parteistrategen tatsächlich aus unterschiedlichsten Ansichten, Werten und Normen eine neue homogene Masse, das Wort „Volksgemeinschaft“ wird hier tunlichst vermieden, hilft aber um ein schnelles Verständnis zu rahmen, geschaffen zu haben. Quasi ein neues Volk und so sind die politischen Kräfte davon ausgegangen, dass mit der Mehrheit der Bevölkerung, der "Neuen Mitte" einen Gesellschaftsvertrag über die Zukunft und den Umbau des Landes abgeschlossen wurde und Widerstände nur am Rand zu erwarten wären. Eine Annahme, die unabhängig vom Bestehen eines derartigen Kontraktes, welche die etablierte Elite immer mehr von den eigentlichen Lebenswirklichkeiten abkoppelte und dafür oberflächlichen Idealismus anstelle von konkreten Problemlösungen setzte.

Tatsächlich mündete die allgemeine Ansprache oder besser Missachtung der Milieus nicht zu einer "Homogenität der Neuen Mitte", sondern zum Rückzug vieler Menschen von der Politik. Verdrossenheit und eine schwindende Parteienbindung waren die Folge. Die Gruppe der Nichtwähler wuchs an, denn es schien für sie kein geeignetes Angebot mehr zu geben. Die etablierte Politik interessierte sich scheinbar nicht mehr für die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten und damit die Probleme und Nöte der Menschen.

Aus deren Sicht wirkten die Bevölkerung wiederum zufrieden. Ein Prozess der viele Jahre ging, aber niemanden so recht kümmerte, da es lange Jahre keine alternativen Angebote gab und auch die Abwesenheit von Krisen die bestehende Ordnung begünstigen. Eine interessante Frage ist nun, wer den Kampf um die "Neue Mitte" gewonnen hat. 2013 erschien das noch vollkommen klar: Während die kleineren Parteien sich oft auf wenige Milieus konzentrierten, schien von den Volksparteien die neuausgerichtete CDU diesen Kampf gegen die SPD siegreich gestaltet zu haben. Der Umbau wurde, ähnlich wie 1998 bei den Sozialdemokraten als großer Erfolg gefeiert. Kritiker verschwanden und verstummten. Dass dieses nur ein Scheinsieg gewesen sein konnte zeigt sich nun.

Eine nachträgliche Betrachtung weist aber auch auf, dass es nicht unbedingt die "Neue Mitte" war, welche die Volksparteien 2013 stützten, sondern noch das alte Klientel aus früheren Tagen. Inzwischen sind einige Jahre vergangen und die Volksparteien verlieren mehr und mehr an Zustimmung. Selbstverständlich gibt es dafür eine Vielzahl von Gründen, aber ein gewichtiger davon ist, dass die großen Volksparteien bei der Bedienung der einzelnen Milieus schlicht versagt haben. Für diese selbstverschuldete Systemkrise kann selbst der Zeitenwandel außen vorgelassen werden, welche den die Zersetzung gar nicht auslösen musste, sondern nur beschleunigte. Das politische Establishment hatte sich völlig unabhängig davon verkalkuliert.

Der große Wandel führt jetzt allerdings dazu, dass sich das Land diese Selbsttäuschungen der politischen Elite nicht mehr weiter leisten kann, weil es schlicht keine Zeit mehr zu verschwenden gibt, will man Wohlstand und Leistungsfähigkeit des Landes auf Dauer bewahren.

Doch solche Gedanken gehen für den Moment zu weit. Bleiben wir weiter auf der Ebene der strategischen Fehler.

Was geschah daher nun mit den vernachlässigten Bevölkerungsgruppen? Tatsächlich besteht auch in diesen, nur oberflächlich umworbenen Lebensumständen, eine Nachfrage nach politischen Gütern oder Lösungen für ihre individuellen Probleme.

Sie sind Nachfrager auf dem Markt und entsprechende Angebote finden sie nun bei alternativen Anbietern. Ein völlig normaler Vorgang. Der naive Glaube, dass diese alleine durch singuläre Ereignisse (z.B. der Flüchtlingskrise) nach oben gespült wurden, sollte verworfen werden, denn das Entstehen neuer Kräfte zeichnete sich bereits seit Jahren ab. Dieses wurde aber bereits mehrfach angesprochen und thematisiert. Am Ende bleibt eine weltenphilosophische Erkenntnis:

"Der Mangel an einer vollkommenen Wahrnehmung führt zu einer eingeschränkten Weltenerklärung und schafft damit die individuelle Realität"

Die individuelle Wirklichkeit, welche die Parteien, und hier im Besonderen die Volksparteien, für sich erschaffen haben, ist eine, in welcher viele der "Schubladen" nicht mehr ausreichend Beachtung finden. Damit bleiben die Wünsche, Sorgen, Nöte und Hoffnungen vieler Menschen ungehört. Lange Zeit wurde dieses bewusst hingenommen und gelegentlich sogar der Rückgang von Wahlbeteiligungen und die allgemeine Politikverdrossenheit als Zustimmung zur bestehenden Ordnung gewertet.

Tatsächlich war es aber nur eine Frage der Zeit, bis neue Anbieter auftauchten und es ihnen gelingen würde, sich auf dem Markt der Politik zu etablieren. Hierfür bedurfte es keiner Krisen, auch wenn diese die Entwicklung beschleunigten, sondern nur vieler ungehörter Stimmen, die sich irgendwann interessanteren Angeboten zugewandt haben. Doch das politische System wird uns noch in einem gesonderten Buch beschäftigen.

Übrigens; auch Johannes Faust, der bei Goethe Heinrich heißt, sagte man nach, dass er ein besseres Angebot gefunden hätte. Das des Teufels. Ob es dieser war, der sich für die Explosion verantwortlich zeichnete, die Faust vom Leben in den Tod brachte oder ob es ein missglücktes alchimistisches Experiment war, weiß man nicht.

Und Johann Tetzel und der Ablasshandel? Auch hier ging man davon aus, dass man die Nachfrage der Menschen befriedigte. Doch als Reaktion auf diese und andere Taten, kamen Luther und die Reformation, die das Kräfteverhältnis vollkommen veränderten.

Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber der Mensch bleibt nun einmal Mensch.

Dieser Debattenbeitrag von Andreas Herteux erschien ursprünglich in der Huffingon Post. Aufgrund der anhaltenden Aktualität des Beitrages erscheint eine Fortführung der Debatte für angemessen, denn mehr denn je werden heute Debatten mit obsoleten Weltansichten wie dem veralteten Links-Rechts-Schema geführt, die auf einer Betrachtungsweise der Gesellschaft beruhen, die nichts mehr mit ihrer tatsächlichen Struktur zu tun hat.

16:11 19.02.2019
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