Die "Wende" und ich

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Berlin, 4. November 1989, nach 23.00 Uhr, irgendwo an der Grenze. Kreuzberg, oder doch nicht weit davon, eine gesperrte Brücke über das Wasser. Nachtspaziergang im Grüppchen nach einem Seminar und einem guten Abendessen in einem winzigen kurdischen Lokal.

Einer der Männer witzelte: „Was wohl passiert, wenn ich auf diese Brücke gehe?“ Nicht mehr ganz nüchtern, der Gute. Nein, er ließ es doch lieber.

Was sich keiner vorstellte: den 9. November. Den sah ich dann nur noch im Fernsehen, wieder in Süddeutschland.

Am Tag darauf jedoch, auf der A 7 Richtung Hannover fahrend, ein völlig ungewohntes Bild: Trabbis. Nicht einer, nein, eine ganze Kette, schmutzigbeige, quietschorange, himmelblau knatterten sie auf der Gegenfahrbahn.

Im Hause meiner Eltern, bei der Geburtstagsfeier meines Vaters, drehte sich das Gespräch fast nur um die wieder offene Grenze. Welche Folgen würde das haben? Gerade für meine Familie, teilweise aus einer Stadt direkt am Grenzfluss Werra stammend, eine Frage besonderer Bedeutung. Viele Ausflugsziele, Erinnerungen, waren nach dem Krieg durch den Stacheldraht abgeschnitten worden. Die Tanten, dort im alten Haus verblieben, berichteten bisweilen von nächtlichen Schüssen. Manchmal, so der Förster, hinkte dann ein Reh oder ein todeswunder Hase Richtung Westen, manchmal sahen die Grenzschützer zähneknirschend zu, wie ein Mensch Richtung Osten abtransportiert wurde. Ein Segen, wenn es das nicht mehr geben sollte.

Was dann? Kann man Zeit zurückdrehen, ein System völlig ändern? Nein, vertrat ich als wohl einzige in der Runde. Warum auch? Grenze öffnen, freie Wahlen, zwei Staaten. Sollten sie selbst aussortieren, was sie ändern und was übernehmen wollen. Meine Skepsis wurde auch genährt durch einen meiner besten Lehrer, der, selbst aus Rostock geflohen, beide Seiten gut kannte, nie geglaubt hatte, dass eine „Wiedervereinigung“ eine auch nur irgendwie realistische Perspektive haben könne. Die Geschichte widerlegte ihn – aber ich gebe ihm noch heute recht.

3.10.1990 – der Jubeltag. Im Ausland arbeitend, eine Einladung des Konsulats zur Feierstunde und zum Empfang. Ich ging nicht hin. Thanks, but no thanks. Großes Erstaunen bei meinen Gastgebern – sie wedelten stolz mit ihren Eintrittskarten. Ich überließ ihnen den Spaß mit der Expat-Gemeinde, die ich ohnehin mied, und machte einen Spaziergang durch die Stadt, alleine.

Der Skandal des Tages: ein wohlmeinender lokaler Gast hatte dem Konsul einen Kuchen in Form des nun wieder vereinigten Deutschlands offeriert. Leider hatte der Kartenersteller einen überalterten Atlas benutzt. Böhmen und Mähren waren inbegriffen. Der tschechische Konsul war „not amused“. Omen? Wohl nicht direkt.

Die Zeit ging, die Skepsis blieb. Bis es hieß: Go east.

08:00 01.03.2010
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Geschrieben von

Alien59

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Alien59

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