Andreas Kemper
15.02.2010 | 20:43

"Dekadenz" erweitert die aktuelle Sozialeugenik-Debatte

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Andreas Kemper

Zur Dekadenz der Einheitsschule

Westerwelle wurde für die Verwendung des Wortpaares "spätrömische Dekadenz" im Zusammenhang mit der Debatte um ALG-II-Bezüge scharf verurteilt.

Er zog daraufhin jedoch nicht den Gebrauch der Wortes "Dekadenz" zurück. Vielmehr präzisierte er dessen Verwendung in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Bereits im Artikel für die Welt-Online bezog Westerwelle "Dekadenz" nicht nur auf ALG-II-Bezüge, sondern auch auf die Bildungspolitik:

"Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein. An einem solchen Denken kann Deutschland scheitern. In vielen aufstrebenden Gesellschaften andernorts auf der Welt wird hart gearbeitet, damit die Kinder es einmal besser haben. Bei uns dagegen wird Leistung schon im Bildungssystem gering geschätzt: Wir debattieren Einheitsschulen und das Ende der Notengebung." link

Wie wir im Dishwasher zeigten, bezieht Westerwelle anschließend den Dekadenz-Vorwurf nur noch auf die Bildungspolitik:

„… für mich ist die beste Sozialpolitik immer noch die Bildungspolitik, und da haben wir in Deutschland mittlerweile geradezu dekadente Erscheinungen. Dass hier in Berlin demnächst die Gymnasiumsplätze nicht mehr nach Noten oder nach Leistung oder nach Bewertung vergeben werden sollen, sondern zu fast einem Drittel, wenn Mangel da ist, per Losverfahren, ist ein himmelschreiender Skandal gegen die junge Generation. Und wenn ich mir die Einheitsschule in Hamburg ansehe, wenn ich mir ansehe, dass die Eltern nicht mehr die Schulform wählen können, nicht mehr wählen sollen die Schulform für ihre Kinder, dann ist das ein Skandal. Wenn man die Kinder so schlecht behandelt, wenn man Losverfahren einführt für Schulplätze, dann sind das Erscheinungen, die man nur noch als dekadent bezeichnen kann.“ link

Es geht nicht mehr direkt um die Höhe, Berechnungs- und Auszahlungspraxis von ALG-II, sondern um die Schulstruktur-Konflikte, wie sie sich in Berlin und Hamburg zeigen. Vordergründig geht es Westerwelle um "Leistung". "Dekadente Erscheinungen" träten ein, wenn Leistungen von Kindern nicht mehr festgestellt und durch eine Auslese honoriert würden. Spätestens beim Satz "wenn ich mir ansehe, dass die Eltern nicht mehr die Schulform wählen können, nicht mehr wählen sollen die Schulform für ihre Kinder, dann ist das ein Skandal." ist diese Lesart nicht mehr möglich. Verschiedene Studien zum Übergang von Kindern von der Primar- zu Sekundarstufe bestätigen, was auch der gesunde Menschenverstand schon nahelegt: Lehrer_innen beurteilen die Leistungen der Kinder objektiver als die Eltern der Kinder dies machen. Natürlich bevorteilen Lehrer_innen Akademikerkinder, aber längst nicht in dem Ausmaße, wie Eltern dies machen würden.

Herr Westerwelle tritt nicht für die Feststellung von und Selektion nach Leistung ein. Westerwelle vertritt - wen wunderts? - die Interessen von privilegierten Eltern, die in Berlin und Hamburg verhindern wollen, dass die Privilegien für ihre Kinder angetastet werden. Und er nennt es "dekadente Erscheinung", wenn die Kinder privilegierter Eltern nicht ebenfalls privilegiert werden.

Dekadenz als Begriff der Sozialeugenik-Debatte

"Die Rede von der Dekadenz ist vom positivem Gegenbild kraftstrotzender Natur kaum ablösbar, Naturkategorien werden auf gesellschaftlich Vermitteltes projiziert." Adorno, Noten zur Literatur, Erpreßte Versöhnung, S. 255

Wer "Dekadenz" mit Orgien aus dem römischen Reich assoziiert, der schießt über das Ziel weit hinaus. Wir hatten vor einhundert Jahren eine ausgedehnte Debatte über "Dekadenz". "Dekadenz" war ein integraler Bestandteil der Sozialeugenik- und Rassenhygiene-Diskurse, die von der Mitte der 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem in Deutschland die Sozial-, Gesundheits- und Bildungspolitik bestimmten. Was Herr Westerwelle, der den "Sozialismus" der derzeitigen Hartz-IV-Debatte anprangert, vielleicht nicht weiß: die grausamsten Entscheidungen im Stalinismus wurden mit dem Begriff der "Dekadenz" begründet. Unnötig zu erwähnen, dass im Nationalsozialismus mit der Begründung von "dekadenten Erscheinungen" Millionen von Menschen deportiert, verfolgt, verhaftet, gefoltert und ermordert wurden.

An anderer Stelle habe ich das sehr lesenswerte Buch "Das Bild des Mannes" von Georges L. Mosse ausgewertet und seine Untersuchung zum Begriff "Dekadenz" dargestellt. Im 19. Jahrhundert vermischten sich der moralisch gebrauchte Begriff Dekadenz mit dem medzinischen Begriff "Degeneration". Geschlechter-, Klassen- und Rassendiskurse verbanden sich mit psychiatrischen und medizinischen Diskursen. Konzeptionen der hegemonialen Männlichkeit setzen sich von "Counter-Typen" (Mosse, 79) ab: "Zigeuner, Landstreicher und die Juden ... Verbrecher, Geisteskranke und die sogenannten Perversen". "Verweiblichung", "Hysterie", "Nervösität" waren geschlechtlich aufgeladene Diagnosen, mit der vor dem Angriff auf die Männlichkeit, die sich um die Jahrhundertwende in der Krise befand, gewarnt wurde. Angegriffen wurden die herrschende Männlichkeit durch das zunehmend selbstbewusste Auftreten von Schwulen und Lesben, durch die erste Frauenbewegung, durch die Jahre später als "entartet" genannte Kunstbewegung. Wieviel schlaflose Nächte bereitete es den Altherren und Corps, dass immer mehr Frauen und Proleten nicht nur studieren wollten, sondern gar einen Allgemeinen Studierendenausschuss einforderten.

Gegen diese Gefahren der Entartung, Degenerierung und Dekadenz schossen Christliche Vereine mit evangelischen Kirchenmännern und Schullehrern an der Spitze aus dem Boden. Und herbeigesehnt wurde der Erste Weltkrieg, in dem endlich wieder die gesunden Tugenden sich ihren Weg bahnen konnten. Doch der Krieg brachte nicht die Wiederherstellung des "gesunden Volkskörpers". Im Gegenteil. Diese Erfahrung führte jedoch nicht zu einer Abkehr von Konzeptionen der Biomacht, sondern zu ihrer internationalen Verwissenschaftlichung. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden zahlreiche internationale Kongresse zu Rassenhygiene und Sozialeugenik durchgeführt.

Auch an Westerwelle dürfte die Problematik, die mit dem Begriff "Dekadenz" gerade in Deutschland verbunden ist, nicht entgangen sein. Wie der FDP-Nachwuchs-Politiker Daniel Bahr in seiner Verteidigung Westerwelles twitterte, sei es nötig, lautstark aufzutreten, um sich Gehör zu verschaffen. Bahr muss es wissen. Er wurde schlagartig bekannt, als er auf dem Höhepunkt einer ersten Sozialeugenik-Debatte 2005 verkündete:

"In Deutschland bekommen die Falschen die Kinder. Es ist falsch, dass in diesem Land nur die sozial Schwachen die Kinder kriegen"

Für diesen Spruch wurde Daniel Bahr seinerzeit noch kritisiert. Auch Clement bekam sein Fett weg für seinen Parasitenvergleich. Mit Sarrazins Lettre-Interview haben wir jedoch seit dem Spätsommer 2009 einen stabilen Sozialeugenik-Diskurs. Wenn sich Sloterdijk mit seinem "Bürgerlichen Manifest" im Cicero direkt den Thesen Sarrazins anschließt und den Stab an den Sozialeeugeniker Heinsohn weitergibt, dann haben wir es nicht mehr mit "verbalen Ausrutschern" zu tun, sondern mit einem parteiübergreifenden Diskurs, dem sich neben Giordano, Henkel, Broder und Helmut Schmidt umstandslos anschlossen - gerade in den umstrittenen Passagen der "rassenspezifisschen Vererbung" von Intelligenz.

In diese Enttabuisierung und Wiederherstellung der sozialeugenischen Ideologie ist auch das wiederholte Konstatieren einer drohenden "Dekadenz" im Sozial- und Bildungssystem einzuordnen. Vorboten dieser Debatte waren die Hochbegabungs- und Exzellenz-Diskussionen. Auch die Verdrängung des sozialdemokratischen Begriffs "Chancengleichheit" durch den christdemokratischen Begriff "Chancengerechtigkeit", das Verdrängen des Leistungsprinzip durch das Begabungsprinzip, zeugen von biologistischen Tendenzen in der Bildungspolitik.

Der Dekadenz-Diskurs Westerwelles schließt direkt an Sarrazins Unterschichten-Deziminierungsforderung und indirekt an Sloterdijks Menschenpark-Zucht-Phantasien an. Dieser Diskurs ist nicht eine abgeschmackte Ideologie, sondern legitimiert einer weitere Ressourcenumverteilung für die Privilegierten.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.