Wikipedia-Missbrauch enttarnt

Wikipedia ist bekanntlich ein politisches Schlachtfeld geworden. Leider wird emanzipatorischen AutorInnen so die Mitarbeit zunehmend vermiest
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Soeben wurde ein konservativer Wikipedia-Mitarbeiter des Missbrauchs überführt. Wikipedia ist bekanntlich ein politisches Schlachtfeld geworden. Leider wird in den Kämpfen um die richtige Formulierung nicht nur argumentativ einwandfrei auf wissenschaftliche Quellen zurückgegriffen, sondern zunehmend wird emanzipatorischen Wikipedia-AutorInnen die Mitarbeit vermiest. Ein bekannter konservativer Mitschreiber bekannte jetzt, dass er Mehrfach-Accounts angelegt hatte, mit denen er Abstimmungen manipulierte und mit Troll-"Sockenpuppen" gezielt in Diskussionen eingriff, von denen er inhaltlich keine Ahnung hatte, um "linken" Widersachern das Leben schwer zu machen.

Ja, ich habe Sockenpuppen mißbräuchlich eingesetzt und auch das eine oder andere Getrolle mal unwissentlich, mal wissentlich, unterstützt. Ich habe das Mentorenprogramm mißbraucht und eine Menge Leute verarscht und auch vor den Kopf gestoßen, keine Frage!


Von einem schlechten Gewissen oder einem Schuldgefühl jedoch ist der Benutzer mit dem Account-Namen MARK weit entfernt. In seinem Abschied formulierte er an der Adresse seiner Kritiker, dass auch ohne ihn für sie alles das gleiche in Grün bleibe. Damit dürfte er Recht haben. Denn dieses missbräuchliche Vorgehen scheint typisch zu sein für rechte und konservative Diskussionstrolle.

  • So wurde beispielsweise Dr. Dr. Volkmar Weiss, Genetiker und Historiker, bis Ende 2008 Direktor des Instituts für Genealogie in Leipzig, zunächst für vier Monate gesperrt, weil ihm nachgewiesen werden konnte, dass er in einer Löschdiskussion zum Artikel "Vererbung von Intelligenz" mit mehreren Accounts mitdiskutierte, mit aggressiven und vermittelnden Alter Egos, alles zum Zwecke der Manipulation, da die faire Argumentation nicht mehr reichte. Damit steht er in der Tradition der Intelligenz-Vererbungs-Prediger, die ja einige der bekannsteten Wissenschaftsbetrüger in ihren Reihen haben.
  • Für Terror sorgte auch "Rosa Liebknecht", ein extrem rechter Mitschreiber, der mehrere dutzend Accounts anlegte und sich über jede Sperre hinwegsetzte, um seinen Terror gegen antifaschistische Wikipedia-AutorInnen fortzusetzen.
  • Zu Berühmtheit schaffte es auch B**** F*********. Einerseits schätzte ich seine konservative Kritik, auch falsche Argumente helfen ja, Artikel voranzubringen. Aber auch er beließ es nicht bei der harten quellenbasierten Auseinandersetzung, sondern griff zu unfairen Mitteln und wurde außerdem beleidigend. Sein Sperrkonto wurde immer länger, schließlich schaffte auch er es zu einer infiniten Sperre.
  • Ein Kumpel von B**** F********* war Mark, bekannt für seine ausgezeichneten militaristischen Artikel, weniger bekannt für seine heimlich operierenden Accounts, die zum Teil nur dafür erschaffen wurden, seine politischen Gegner zu zermürben. Im Diskussionsteil zum Artikel zu Benno Ohnesorg provozierte er in einer Weise, die zum Streit zwischen Admins führte, ob und wie lange er zu sperren sei. Dies führte zu einer Überprüfung des Wikipedia-Autoren Mark, in dessen Verlauf er zugab, zahlreiche Wikipedia-Mitarbeiter hintergangen zu haben.

Volkmar Weiss, Rosa Liebknecht, B**** F*********, Mark waren alles keine Eintagsfliegen, sondern Wikipedia-Autoren, die sehr viele Artikel geprägt haben. Es ist auffällig, dass rechte/konservative Autoren sehr schnell zu Manipulationen in Wikipedia bereit sind. Meine These hierzu ist, dass rechte und konservative Weltbilder stärker durch Machiavellismus geprägt sind als linke und emanzipatorische Weltbilder. In einem dem Gleichheitsansatz verpflichteten Denken wird davon ausgegangen, dass das Wissen allen zugänglich ist und dass alle Menschen Argumentationen gegenüber zugänglich sind - Wissen ist an sich nicht privilegiert, oder besser gesagt: sollte es nicht sein. Im elitären und konservativen Denken hingegen ist das Überzeugen der Unwissenden nur Mittel zum Zweck - man ist von Natur aus im Recht und es bleibt sich gleich, ob ich die "Wahrheit" mit Argumenten oder mit Manipulation durchsetze. In der Welt gibt es in diesem Denken nur Pöbel und der will betrogen werden.

Ich hoffe, dass der "Fall MARK" zum Umdenken bei den Admins führt, die in den politisch brisanten Artikeln nur nervige Politnicks zu erkennen vermögen, die sich in ihren "Kindergartenkleinkriegen" gegenseitig nicht viel tun. Und ich hoffe, dass diejenigen, die an die Kraft der quellenbasierten und fairen argumentativen Auseinandersetzung glauben, an einen Fortschritt durch Diskussionen, sich in Wikipedia nicht unterkriegen lassen, sondern die Hegemonie der fairen Auseinandersetzung herstellen.

Zum Abschluss noch ein Link zum Wikipedia-Blog von Günter Schuler:

wikipedia-inside.unrast.org/2009-06-07-schwachkopf-am-richtigen-ort,45.html#more-45

Übrigens: Jeder und jede kann bei Wikipedia mitschreiben und insbesondere der Bereich mit soziologischen Themenfeldern ist noch ausbaufähig. Wer Lust hat, in bestimmten Bereichen sein Wissen zur Verfügung zu stellen, kann sich anmelden und hier MentorInnen bitten, beim Verfassen und Verbessern von Artikeln zu helfen: de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Mentor

Andreas

18:31 08.06.2009
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Geschrieben von

Andreas Kemper

Ich arbeite als Soziologe kritisch zu Klassismus, Organisiertem Antifeminismus und die AfD
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Andreas Kemper

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