Ach, Baby, ich weiß Bescheid

Coming Out-Klassiker James Baldwins Roman „Giovanni's Room“ über Ausgrenzungserfahrungen wurde neu übersetzt. Der schwarze US-Amerikaner erzählt von der Liebe zweier Männer im Paris der 50er
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Ach, Baby, ich weiß Bescheid
James Baldwin ist bis heute aktuell

Foto: Ralph Gatti/AFP via Getty Images

Barack Obama erinnerte anlässlich der US-Massenproteste gegen Rassismus in den USA jüngst in einer Ansprache an das hellsichtige Werk von James Baldwin (1924-1987). Baldwins literarisches Schaffen thematisiert den Rassismus, dem schwarze Menschen in den USA ausgesetzt sind. Gebürtig in Harlem, emigrierte Baldwin mit 24 Jahren nach Paris. Er lernte hier den US-amerikanischen Romancier Richard Wright kennen, der auch über den Rassismus in den USA schrieb und Baldwin förderte.

Baldwin begegnete in einer Pariser Kneipe ferner dem Schweizer Lucien Happersberger, dem er später Giovanni's Room (1956 erstveröffentlicht) widmete. Obwohl Baldwins zweiter Roman von zwei weißen Schwulen handelt, verarbeitet Baldwin hier auch eigene Erfahrungen. Happersberger und Baldwin hatten eine lebenslange Beziehung mit Höhen und Tiefen. Baldwin bezeichnete Giovannis Zimmer oft als ein Schlüsselwerk. Voller Intensität wird eine Verletzbarkeit aufgezeigt, die Begehren mit sich bringt:

„Ich hatte gehofft, ich hatte geglaubt, ich würde nichts empfinden: Doch am äußersten Rand meines Herzens wurde mir eng, als hätte mich dort ein Finger berührt.“ (James Baldwin, Giovannis Zimmer, S. 156)

Giovannis Zimmer handelt von Sehnsucht, Fehlbarkeit, Begehren und Scham, Neid und Verlangen. James Baldwin erzählt seinen Liebesroman aus der Ich-Perspektive von David, einem US-Amerikaner Ende zwanzig. David lernt im Paris der 1950er Jahre den italienischen Kellner Giovanni kennen. Beide trinken gerne und frönen gemeinsam in Szene-Kneipen dem Müßiggang:

„In seinem Lächeln lag etwas so Argloses, dass ich es einfach erwidern musste. Giovanni bildete sich gern ein, der Praktische von uns beiden zu sein und mir den steinigen Grund des Lebens vor Augen zu führen. Er brauchte dieses Gefühl: Denn im Grunde seines Herzens wusste er, ob er wollte oder nicht, dass ich ihm im tiefen Grunde meines Herzens, ob ich wollte oder nicht, mit aller Kraft widerstand.“ (S. 95)

Zu zweit in Giovannis schäbigem Untermietszimmer genießen sie eine kurzzeitige, heftige Liaison. Doch Giovannis Zimmer wird bald auch zum Ort einer bedrohlichen, existenziellen Beziehungskrise. Denn David versucht, sein eigenes Schwulsein zu verleugnen. Giovanni hingegen findet ihre Liebesbeziehung nicht sündhaft. Er klagt David an, ihn durch das fehlende Eingeständnis seiner Liebe zu erniedrigen und zu demütigen:

„Du willst Giovanni verachten, weil er keine Angst hat vor dem Gestank der Liebe. Du willst ihn umbringen im Namen all deiner verlogenen kleinen Moralien. Und du – du bist unmoralisch. Du bist mit Abstand der unmoralischste Mensch, den ich in meinem ganzen Leben begegnet bin. Sieh dir an, sieh dir an, was du mit mir gemacht hast. Meinst du, das hättest du hingekriegt, wenn ich dich nicht lieben würde? Geht man so mit der Liebe um?“ (S. 161)

Tatsächlich verrät David bald den, den er liebt und verbittert darüber, voller Selbsthass. Denn Giovanni bleibt für ihn auch danach noch Projektionsfläche für eine unstillbare Sehnsucht. Die Geschichte nimmt einen tragischen Ausgang. Davids Ängste sind nicht unbegründet. In den 50ern wurde in den USA mehr noch als in Frankreich Homosexuellen nachgestellt. Es herrschte vielfach eine vergiftete Atmosphäre der Hetze und Bedrohung.

„Viel ist über die Liebe geschrieben worden, die in Hass umschlägt, über das Herz, das kalt wird, wenn die Liebe stirbt. Das ist ein bemerkenswerter Vorgang. Es ist viel schrecklicher als alles, was ich je darüber gelesen habe, schrecklicher als alles, was ich darüber zu sagen vermag.“ (S. 179f.)

Giovannis Zimmer ist ein schmerzhaftes und bitteres Werk über Konventionen, Normabweichungen, einen Chauvinismus, der Liebe unmöglich macht, sowie Integrität, die Bedeutung von gesellschaftlichen Hierarchien und schablonenhaften Deutungen der Welt.

Kurz nach Erscheinen der Neuübersetzung von Giovannis Zimmer (2020) hob das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel die Verkaufszahlen zum Roman mit der Bezeichnung „Belletristik-Hochspringer“ hervor. Das Verbandsorgan der Buchbranche informierte auch darüber, dass beim Münchner dtv-Verlag Baldwins Gesamtwerk gerade in einer neuen Edition in deutscher Sprache erscheint. Miriam Mandelkow erhielt 2018 für ihre Baldwin-Übertragungen unter anderem den Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis.

Das Sujet James Baldwins wird zurzeit mit erfolgreichen Verfilmungen wie der Romanverfilmung If Beale Street Could Talk (2018) und dem Dokumentarfilm I Am Not Your Negro (2016) wiederentdeckt. Auch Baldwins zweiter Roman Giovanni’s Room erregte kürzlich Aufmerksamkeit in der BBC-Miniserie A Very English Scandal (2018). Die Serie behandelt einen realen politischen Skandal aus den 1970er-Jahren. Jeremy Thorpe (dargestellt von Hugh Grant), Liberal-Party-Vorsitzender des britischen Parlaments, möchte eine jahrelange Affäre mit einem jungen Mann vertuschen. Doch dieser, Norman Josiffe (dargestellt von Ben Whishaw), erpresst ihn. Thorpe überlegt, den ehemaligen Liebhaber ermorden zu lassen. In Rückblenden wird gezeigt, wie Thorpe seinem Liebhaber Giovanni’s Room leiht und beide über Normans Lektüreerlebnis sprechen. Ein pointierter dramaturgischer Kniff und eine unheilvolle Vorausdeutung: Beide stehen sich bald ähnlich unversöhnlich gegenüber, wie David und Giovanni aus Baldwins Roman. Und auch hier geht es „nur“ um ein Coming Out und ein Bekenntnis zueinander.

Es beeindruckt, wie facettenreich und bis heute gültig James Baldwin soziale Ungerechtigkeiten für schwarze Menschen, aber auch Einschränkungen für Schwule (nicht nur in den USA) aufzeigt.

Eingebetteter Medieninhalt

Bibliographische Angaben:

JAMES BALDWIN | GIOVANNIS ZIMMER

EUR 20,00 € [DE], EUR 20,60 € [A]
dtv Literatur
Mit einem Nachwort von Sasha Marianna Salzmann
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow
208 Seiten, ISBN 978-3-423-28217-8
21. Februar 2020

https://www.dtv.de/buch/james-baldwin-giovannis-zimmer-28217/

21:20 07.06.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ansgar Skoda

Redakteur& Kulturkritiker u.a. bei der "TAZ" & "Kultura Extra" http://about.me/ansgar.skoda Webentwickler und Journalist
Ansgar Skoda

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