Etwas fehlt immer

Coming of Age-Roman Schneeflocken locken prachtvoll auf einem Buchcover. Hinrich Schmidt-Henkel übersetzte Tarjei Vesaas norwegischen Klassiker „Das Eis-Schloss“ über Verlusterfahrungen neu
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Etwas fehlt immer
Symbolbild

Foto: Patrick Hertzog/AFP via Getty Images

Der Winter hierzulande lässt Schnee und Eis vermissen. Von einer geheimnisvollen, in winterliches Weiß getauchten Welt erzählt hingegen der norwegische Romancier Tarjei Vesaas (1897-1970) in seinem Roman Das Eis-Schloss (Orig.: Is-slottet, 1963). Norwegen war 2019 Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Just im gleichen Jahr landete der 2014 gegründete Guggolz-Verlag mit der Neuübersetzung von Das Eis-Schloss durch Hinrich Schmidt-Henkel einen Coup. Der norwegische Klassiker wurde wiederentdeckt und im Kulturfeuilleton gebührend gefeiert. Kunstvoll verwebt Tarjei Vesaas Motive aus der norwegischen Märchen- und Sagenwelt in seine Geschichte.

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Das Eis-Schloss erzählt behutsam und bewegend von zwei ungleichen Mädchen, von der Einsamkeit, vom zarten Band der Freundschaft und vom Erwachsenwerden. Vesaas schreibt in kurzen Sätzen, die eine kindliche Perspektive nahelegen. Das Werk ist jedoch mitnichten nur ein Buch für Kinder. Denn der Roman handelt auch anrührend vom Verlust und von der Trennung durch den Tod. Durchzogen wird die Erzählung von ergreifenden Beschreibungen der Natur:

„Die Strömung hat zugenommen, geht stärker durch den Fichtenwald. Die Nadeln strecken ihre Zungen vor und singen ein unbekanntes Nachtlied. Jede Zunge allein ist so klein, dass sie nicht zu hören ist, gemeinsam tönt das Lied so leise und machtvoll, dass es Berge schleifen könnte, wenn es wollte. Aber die Luft ist mild, der Schnee liegt feucht und still darunter, wird nicht aufgeweht. […]“ (S. 125)

Die elfjährige Unn ist neu im Dorf. Sie lebt bei ihrer alleinstehenden Tante. Ihre Mutter starb vor nicht langer Zeit. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt. In der Pause auf dem Schulhof ist sie stets alleine und steht etwas im Abseits. So weckt sie das Interesse der gleichaltrigen Mitschülerin Siss, die sich bald zu ihr hingezogen fühlt. Unn genießt die Aufmerksamkeit und wagt es, Siss anzusprechen. Sie lädt sie zu sich nach Hause ein. In Unns Kinderzimmer wird dem Entstehen einer gewissen Vertrautheit nachgehangen. Der Moment ist für Unn etwas sehr Besonderes. Sie wägt ab, ist bedacht und vielleicht auch ein bisschen überfordert. Plötzlich ist da ein anderer Mensch, der sich für sie interessiert. Sie möchte am nächsten Morgen die feierliche Wiederbegegnung mit Siss hinauszögern. Kurzerhand entschließt sie sich, am nächsten Tag heimlich nicht in die Schule zu gehen. Sie lenkt sich ab und begibt sich zu einem großen Wasserfall, von dem in der Schule erzählt wurde. Er ist aufgrund der Kälte gefroren und sieht wie ein Eisschloss aus. Unn betritt das Eis und schafft es, sich immer tiefer in die entstandenen Eis-Räume hineinzubegeben.

Als am Nachmittag ein Schneesturm aufzieht, wird die in der Schule und zu Hause vermisste Unn gesucht. Siss kommt dabei eine Schlüsselrolle zu, da sie eine der letzten ist, die Unn gesehen hat.

Vesaas lässt vieles bewusst im Uneindeutigen, das subtil mitschwingt. Einige Kapitel lesen sich wie ein verwunschener und düsterer Traum. Das Eis-Schloss erzählt aus der Perspektive der beiden Mädchen auch von erwachender Sexualität, von der Abgrenzung von Anderen und von Unabhängigkeit. Vesaas Roman ist ein starkes, wehmütiges und geheimnisvolles Werk. 1964 wurde es mit dem begehrten Literaturpreis des Nordischen Rates ausgezeichnet und 1987 erfolgreich verfilmt. Es handelt auch von dem Verlust, den das plötzliche Verschwinden eines geliebten Menschen hinterlassen kann; so mysteriös-rätselhaft, wie ein Riss im Eis.

„Die Männer gehen nicht, sie warten. Sie kommen nicht los. Unbegreiflich ragt das Eisgebäude über ihnen, machtvoll, seine Zinnen verschwinden in der Dunkelheit und dem Winterwind. Wie bereit, auf ewige Zeiten hier zu stehen – aber die Zeit wird bestürzend kurz sein. Wenn die Fluten wieder strömen, bricht das Schloss ein. Heute Nacht hält es die Männer fest. Sie bleiben länger hier, als ihr Vorhaben es gestattet. Sie bemerken es vielleicht nicht einmal. […]“ (S. 92)

20:02 02.02.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ansgar Skoda

Redakteur& Kulturkritiker u.a. bei der "TAZ" & "Kultura Extra" http://about.me/ansgar.skoda Webentwickler und Journalist
Ansgar Skoda

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