Glorie der düstren Welt

Rheinvokal-Festival, Konzert Klangvolle Todessehnsucht bei den "Wesendonck-Liedern" am 31. Juli 2022 mit Sopranistin Elena Zhidkova und Pianist Nikolaus Rexroth im Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen. Auch Werke russischer & ukrainischer Komponisten wurden gefeiert.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community.
Ihre Freitag-Redaktion

Anmutig, elegisch und zerbrechlich fließen die Tonfolgen. Energiegeladene Verzierungen brechen sich bewegt bahn, verströmen leise Dynamik. Der Frankfurter Pianist Nikolaus Rexroth setzt pointiert Akzente beim eröffnenden Klavierspiel dreier Bagatellen - Allegrato bis Moderato - vom ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov. Später wird er die russische Mezzosopranistin Elena Zhidkova begleiten. Er schafft ein famoses dramatisches Klangbett für Zhidkovas strahlende, mal dunkle, stets expressive Stimme.

Neben ausgewählten Kirchen am Mittelrhein, wie in Boppard, gastiert das Rheinvokal-Festival auch jährlich im sehenswerten Arp Museum Bahnhof Rolandseck, zuletzt vergangenen Sonntag.

Im Zentrum des Abends standen die sogenannten Wesendonck-Lieder. Mathilde Wesendonck (1828-1902) galt als Richard Wagners Vertraute und Muse. Er vertonte fünf ihrer Gedichte, Der Engel, Stehe still!, Im Treibhaus, Schmerzen und Träume, die im Arpmuseum mit Frauenstimme und Pianoforte-Begleitung aufgeführt wurden. Wesendoncks gereimten Verse handeln von unerfüllbarer Sehnsucht, unerreichbaren Sphären (wobei „handeln“ zu zupackend klingt), von Verklärung, Entrückung, Liebe, Engeln und Tod. Schwebende Melodiebögen, verstummende Harmonien, leise Akzente deuten Wagners späteren Stil und seiner Motivik für Tristan und Isolde an.

Da wo die Romantik stehen blieb und wo sich noch der ein oder andere Romantiker in Abgründe stürzte und vielleicht ein Werk daraus schuf, wenn er den Absturz überlebte, da geht Wagner weiter transzendiert und reißt alles mit in den Abgrund was vielleicht auf dasselbe hinausläuft. Das gipfelt im „Liebestod“ zu dem Wagner seine verklärte Beziehung zu Mathilde Wesendonck inspirierte. „Sonne, weinest jeden Abend/ Dir die schönen Augen rot,/ Wenn im Meeresspiegel badend/ Dich erreicht der frühe Tod;“ so eröffnet schwermütig die erste Strophe von Wesendoncks Gedicht Schmerzen, das Wagner in zurückhaltende Dissonanzen und satte Akkorde bettet. Das Grab der Familie Wesendonck liegt übrigens nahe bei Remagen, auf dem Alten Friedhof in Bonn.

Noch vor den in russischer Sprache vorgetragenen Liedern und Tänzen des Todes von Modest Mussorgsky, spielt Nikolaus Rexroth nach der Pause als Solist am Piano das Andante cantabile des russischen Komponisten Sergej Rachmaninov. Der Pianist entlockt spätestens mit dem Presto aus den Six moments musicaux Rachmaninovs dem Publikum mit seiner technischen Finesse anerkennenden Jubel. Überraschende Linien auf der Klaviertatstatur und über sich hinauswachsende Klangkombinationen bezeugen ein komplexes Klangwerk. Die leidenschaftlich vorgetragenen und begleiteten Lieder und Tänze des Todes, allesamt expressive balladeske Gesänge, die vom Sterben eines Menschen erzählen, bilden schließlich den Höhepunkt des Abends. Verhallende Akkorde und peitschende Tempi erinnern an das russische Schlaflied „Bajutschki baju“ oder an Motive des Totentanzes. Ein schwelgerisches, kurzweiliges Sommerkonzertevent.

Eingebetteter Medieninhalt

Weitere Infos siehe auch: https://www.rheinvokal.de

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ansgar Skoda

Redakteur& Kulturkritiker u.a. bei der "TAZ" & "Kultura Extra" http://about.me/ansgar.skoda Webentwickler und Journalist
Ansgar Skoda

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden