"Salome" von Richard Strauss an der Oper Bonn

Premiere Verruchte, dunkle und schwere Klänge lassen eine unheilvolle Familiendynamik erbeben
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"Salome" an der Oper Bonn (C) Thilo Beu

Welch kraftvollen Trotz vermag das erotische Begehren eines Teenagers zu entwickeln, wenn es nicht erwidert wird. Die Bibelgeschichte um Salome lässt sich als Auflehnung eines verwöhnten, pubertierenden Kindes gegen den (Stief)vater oder als innerfamiliäre Machtprobe deuten, bei der mit weiblichen Reizen aufgetrumpft wird. Die Abbildung eines Stammbaums Salomes im Programmheft zeigt inzestuöse Binnenverhältnisse der jüdischen Königsfamilie in der Zeit um Christi Geburt. Der Handlungsfokus liegt also weniger auf der Begegnung von Salome und Jochanaan, sondern vielmehr auf der verstörenden Beziehung zwischen Salome, ihrer Mutter Herodias und ihrem Stiefvater Herodes. So wird die Bonner Aufführung von Strauss‘ archaischer Oper zum Kammerspiel einer Familientragödie mit Inzestproblematik.

Das ungarische Regieduo Magdolna Parditka und Alexandra Szemerédy zeigte in der vergangenen Spielzeit in Bonn bereits Written on skin von George Benjamin symbolisch überfrachtet. Auch bei Salome verantworten Parditka und Szemerédy neben der Regie das Bühnenbild und die Kostüme. Die Bühne und die Requisiten zeigen wie in Written on skin eine Überfülle an teilweise auch plumper Symbolik. Bereits der Goldbilderrahmen, in dem die Bühne historisierend eingefasst ist, offenbart einen Riss.

Das Geschehen spielt in einem schräg gestellten Raum mit Schachbrettmuster, ein Wiener Kaffeehaus der 1920er Jahre. Zu Anfang liegt ein Hauch von exklusiver Eleganz über dem kühlen Bühnenbild. Die beiden Soldaten sind in der Inszenierung Kellner. Erlauchte Herrschaften in unauffälligen Anzügen und Uniformen werden von ihnen bedient. Die leicht überkandidelten Damen tragen Bubikopf und Charlestonkleider und rauchen mit langem Zigarettenspitz. Jochanaans Stimme bricht von draußen herein und seine vor der Tür vorgetragenen Tiraden beflügeln eine allgemeine Belustigung der Gesellschaft. Eine Egomanie der Figuren in ihrem Ausgeliefertsein an die eigenen sexuellen Begierden wird anschaulich, wenn etwa Narraboth Salome anhimmelt, obwohl ihn andere Damen der Gesellschaft warnen. Dies wird orchestral melancholisch immer wieder mit einer Solo-Violine unterstrichen. Auch der Stiefvater Herodes lüstert seiner Stieftochter Salome hinterher und das unheilvolle Geschehen nimmt seinen Lauf.

Noch sind die meisten Tische und Stühle besetzt. Dieselben erscheinen jedoch an der linken Wand noch einmal im Winkel von 90 Grad hochgeklappt – hier unbesetzt. Spiegelung einer alternativen Lebensform oder verrückte Realität – beim Tod des Täufers fallen die an der Wand hängenden Tische und Stühle dann dröhnend zu Boden. Doch der ersehnte Kopf des Jochanaan wird Salome schlussendlich nicht serviert, vielmehr bringt der Diener Salome, Herodes und Herodias schlussendlich die eigenen Köpfe auf dem Silbertablett.

Die Regie spielt mit uneindeutigen Bildern, auch der Wortlaut des Textes passt oft nicht einmal ansatzweise. Doch gerade in dieser Uneindeutigkeit entstehen manchmal auch bemerkenswerte Eindrücke, etwa bei einer Schlüsselszene der Oper, sprich Salomes Tanz. Hier wird Salome von einem Double mit Tango-Partner abgelöst. Sie selber zieht sich an den Bühnenrand zurück und wechselt ihre Garderobe vom weißen Abendkleid zum unschuldigen Mädchenkleid. Im Traum ermordet sie daraufhin die gesamte Festgesellschaft im Hause ihres Stiefvaters Herodes.

Nicola Beller Carbone – schlank und beinahe zerbrechlich wirkend - ist optisch eine ansprechende Besetzung für die Titelrolle. Sie beleuchtet die unterschiedlichen Gemütszustände der Salome nuanciert und gestaltet ihre Rolle unaufgeregt, vielschichtig und im Zusammenspiel mit ihren Umwerbern auch kokett. Carbone vermag ihre Stimme gesanglich expressiv einzusetzen, verliert in den Höhen leider jedoch an Glanz und singt manchmal auch mit verstellter Stimme im „kindlichen“ Tonfall. Mitunter wird sie vom konzentriert aufspielenden Beethoven Orchester übertönt und geht dann in der Klangfülle des Orchesters ein bisschen unter. Gut abgestimmt mit den gesanglichen Partien sind jedoch die vielen Soli des Orchesters. Anjara I. Bartz gestaltet ihre machtbewusste Herodias auch stimmlich wandlungsfähig mit gut austariertem Mezzosopran. Mark Morouse in der Rolle des tumben Jochanaan klingt im Off leider etwas blechern verstärkt, agiert jedoch prachtvoll und stoisch, wenn er Salome und ihre Familie verflucht. Roman Sadnik schließlich gibt einen mit verzweifelten Ausbrüchen sehr präsenten und überzeugenden Herodes. Insgesamt eine stimmungsvolle Inszenierung, die mit ihren surreal anmutenden Bildern und schweren, dichten Klängen noch lange in Erinnerung bleibt und viele Fragen bewusst offen lässt.

Diese Premierenkritik erschien erstmals am 06.02.2015 auf Kultura Extra.

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SALOME (Oper Bonn, 1.2.2015)

Musikalische Leitung … Stefan Blunier

Inszenierung … Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka

Bühne und Kostüme … Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka

Licht … Thomas Roscher

Besetzung …

Herodes … Roman Sadnik

Herodias … Anjara I. Bartz

Salome … Nicola Beller Carbone

Jochanaan … Mark Morouse

Narraboth ... Johannes Mertens

Ein Page der Herodias … Lisa Wedekind

Erster Jude … Martin Koch

Zweiter Jude … Christian Georg

Dritter Jude … Taras Ivaniv

Vierter Jude … Ali Magomedov

Fünfter Jude … Johannes Marx

Erster Nazarener … Priit Volmer

Zweiter Narazener … Christian Specht

Erster Soldat … Rolf Broman

Zweiter Soldat … Martin Tzonev

Ein Cappadocier … Algis Lunskis

Ein Sklave … Martina Kellermann

Tänzerin … Nathalie Brandes

Tänzer … Olaf Reinecke

Statisterie des Theater Bonn

Beethoven Orchester Bonn

Premiere war am … 1. Februar 2015, Oper Bonn

Weitere Termine … 8., 21.2./ 8., 20.3./ 11.4./ 2., 6., 15., 24.5./ 14.6.2015

Weitere Infos siehe auch http://www.theater-bonn.de/spielplan/gesamt/event/salome/vc/Veranstaltung/va/show/

09:51 07.02.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ansgar Skoda

Redakteur& Kulturkritiker u.a. bei der "TAZ"& "Kultura Extra" http://about.me/ansgar.skoda Freiberuflicher Social Media Manager
Ansgar Skoda

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