Vater unser

Autobiografie Alexander Münninghoffs "Der Stammhalter" ist ein bewegendes Vermächtnis, ein sorgfältig ausgearbeitetes Zeitzeugnis und rechnet gleichzeitig entlarvend mit dem Vater ab
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Vater unser
Alexander Münninghoff

Foto: Vera de Kok/Wikimedia (CC BY-SA 4.0)

Kluge Ratschläge fürs Leben brauchte ich von meinem Vater nicht zu erwarten. Seine drei Lieblingssprüche lauteten: «Die dümmsten Bauern haben die dicksten Schwänze», «Mit Gewalt geht alles» und «Das Denken soll man den Pferden überlassen, die haben die größeren Köpfe».“ (Alexander Münninghoff, Der Stammhalter, S. 253)

Der erstgeborene Sohn nimmt seit jeher in vielen Familien eine besondere Position ein. Er wird vom Vater oft stolz hofiert und protegiert. Gleichzeitig geht mit der Ehre als Primus eine besondere Bürde einher. Kann man geistig unabhängig bleiben bei einem vielleicht auch übergriffigen Übervater? Zieht man den Neid etwa jüngerer Geschwister auf sich? Die Familie ist für viele eine der grundlegendsten patriarchal organisierten Gemeinschaften; neben religiösen Gruppen wie den Muslimen aber auch Katholiken oder gar anderen Netzwerken wie Burschenschaften.

Alexander Münninghoff (1944-2020) war der älteste Sohn seines Vaters und der erstgeborene Enkel eines sehr einflussreichen niederländischen Kaufmanns, Joan Münninghoff (1887-1954). Er wurde von seinem Großvater schon als Säugling zum „Stammhalter“ auserkoren. Schon zu Beginn des Werks wird Joan Münninghoff trotzdem durchgehend distanziert als der „Alte Herr“ wahrgenommen:

Der geschäftliche Erfolg ging allerdings mit unerfreulichen Entwicklungen im Privatleben einher. Nach außen, im Umgang mit Fremden, konnte der Alte Herr außerordentlich charmant, weltgewandt und vertrauenserweckend sein. Doch im vertrauten Kreis verhielt er sich reserviert ausgerechnet gegenüber denen, die ihm am nächsten standen, mit Ausnahme seiner Frau, […]“ (S. 23)

Vor kurzem verstarb der niederländische Journalist und Schriftsteller Alexander Münninghoff. Er hinterließ seine über viele Jahre akribisch recherchierte Autobiografie De stammhouder. Een familiekroniek (2014). 2018 wurde sie auch ins Deutsche übersetzt wurde und erschien hierzulande auch in zweiter Auflage. Vor wenigen Tagen erschien die englischsprachige Übersetzung The Son and Heir: A Memoir (2020). Der Stammhalter ist ein bewegendes Vermächtnis, ein sorgfältig ausgearbeitetes Zeitzeugnis und gleichzeitig eine entlarvende Abrechnung mit dem eigenen Vater Frans.

Was ich damals nur gefühlsmäßig erfasste, sehe ich heute, während ich dies schreibe, endlich klar: Ich hatte einen Vater, der sich nicht für mich interessierte, der ganz von der Idee besessen war, einmal reicher zu werden als der Alte Herr – erst dann würde er glücklich sein können.“ (S. 255)

Was Der Stammhalter jedoch nicht ist, ist ein romanhaftes oder gar vordergründig literarisches Werk. Der vom C.H. Beck Verlag hier beigefügte Untertitel „Roman einer Familie“ kündigt das Werk falsch an. Über 334 Seiten treten eher journalistisch und sachlich aufgearbeitete Informationen und Reportage-ähnliche Berichte in den Vordergrund. Alexander Münninghoff war ja auch zeitlebens vor allem Journalist (und passionierter Schachspieler). Es gibt durchaus Autobiografien bedeutender Schriftsteller, die sich mit den eigenen Eltern beschäftigen, die auch sehr literarische Qualitäten haben, denke man an Natascha Wodins Sie kam aus Mariupol (2017), an Szilárd Borbélys Die Mittellosen (2014) oder an Delphine de Vigans Das Lächeln meiner Mutter (2013). An diese romanhaften Qualitäten reicht Der Stammhalter nicht heran. Im Untertitel werden Erwartungen geweckt und größtenteils enttäuscht. Manchmal bereichern aber durchaus visuell lebendige Bilder das Erzählte, etwa wenn das Chaos am Ende des Zweiten Weltkrieges um 1944 in Polen beschrieben wird:

Aus der Luft muss Posen wie ein Ameisenhaufen ausgesehen haben. Einerseits hatten viele Zivilisten ihr verbliebenes Hab und Gut zusammengepackt und versuchten wegzukommen, zu Fuß, zu Pferd, mit Fuhrwerken oder Autos. Andererseits trafen im Bahnhof schlecht ausgebildete, eilig aufgestellte militärische Einheiten aus allen Teilen des Ruhrgebiets ein und suchten die ihnen zugewiesenen Ausgangspositionen auf dem Weg zur Front, wo sie «asiatische Horden» zum Stehen bringen sollten.“ (S. 111)

Alexander Münninghoff erzählt chronologisch erst vom Leben des Großvaters, dann vom Leben des Vaters und schließlich vom eigenen Leben. Er selbst hat übrigens auch einen Sohn, Michael. Natürlich überlagern sich die Biografien vielfach. Dieses Aufarbeiten der Männergenerationen ist spannend, macht das Werk aber auch zu einem „Männerbuch“, da die Frauen der Familie auch real in den Hintergrund rücken. Alexander hat mindestens drei Halbschwestern, die er kaum kennen lernt und die er, wenn überhaupt, eher despektierlich betrachtet, etwa auf Seite 282 Monika Bauer: „Ein Rotzkegel an der Nase, unschöne Schweinsäuglein wie ihr Vater.“ Monika ist seine zweite und jüngste Halbschwester mütterlicherseits.

Auch Alexanders Mutter Wera spielte in seinem Leben nur anfangs eine wichtige Rolle. Sie kommt aus ärmeren Verhältnissen. Frans wird seiner Ehefrau Wera nach dem Krieg müde. Wera wird in der Familie auch vom Großvater Joan zunehmend abgelehnt und angefeindet. Sie kann sich, während Frans im Krieg kämpft, kaum gegen Joan behaupten. Sie wird in der reichen Familie jahrelang nur als Mutter des Stammhalters geduldet und verharrt in einer passiven Rolle. Bei der Trennung wird Alexander seinem Vater Frans zugesprochen. Doch Wera entführt den sechsjährigen Alexander nach der Scheidung nach Übach-Palenberg. Alexander wird kurze Zeit später vom Großvater wieder zurück in die Niederlande entführt. So kann der Autor des Buches in der Tat auf keine „harmonische Jugend“ (S. 275) zurückblicken. Wera bricht den Kontakt zum minderjährigen Sohn nach dessen Rückführung in die Niederlande aus Enttäuschung ganz ab. Sie lebt fortan in armseligen Verhältnissen. Wera sieht ihren Sohn erst als Erwachsenen auf seine Initiative hin wieder.

Alexander Münninghoff beschreibt das gerissene kaufmännische Geschick seines Großvaters zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Joan knüpft auch in dieser schweren Zeit und in den Nachkriegs-Jahren vorsichtig und geschickt Allianzen. Anders als sein Sohn Frans unterstützte Joan auch in gewisser Weise den Widertand gegen Hitler:

Schon einem Beamten mit Informationen über die wirtschaftliche Situation den Absprung nach London zu ermöglichen, war für den Staat von großer Bedeutung, und es kam noch hinzu, dass er den MI6 aus erster Hand über die Verschwörung gegen Hitler auf dem Laufenden hielt, dass er regelmäßig Berichte über den Atlantikwall oder V2-Stationierungen weitergab und dass er Menschen im eigenen Haus und bei seinem Bruder Wim in der Prins Albertlaan in Voorburg versteckte.“ (S. 121)

Joans Sohn Frans meldete sich hingegen 18-jährig gegen den Willen seines Vaters zu Kriegsbeginn als Freiwilliger bei der Waffen-SS. Frans kämpft an der Front in Russland. Im Krieg kann Joan bei den Nationalsozialisten mit seinem SS-Sohn punkten. Joan schafft es auch durch seinen gesellschaftlichen Einfluss, Frans nach dem Krieg vor möglicher Vergeltung oder Bestrafung zu schützen. Später trifft Frans ehemalige SS-Kriegskameraden wieder. Frans wird sogar als Betreuer für Schleichwege ins Exil für ehemalige SS-Angehörige angeworben, „nach Brasilien, Argentinien oder in andere lateinamerikanische Länder“ (S. 141). Doch er möchte lieber das Geschäftsimperium seines Vaters erben (S. 263). Er hat Glück, eine Anfechtungsklage seiner Schwester gegen das väterliche Testament bleibt erfolglos (S. 264). Doch seine Geschäftspartner sind weniger treu wie seine Kriegskameraden. Frans erweist sich kaufmännisch als zu naiv (S. 273), unreflektiert, sentimental und lebensuntüchtig. Er lässt sich zu geschäftlichen Betrügereien (S. 266) hinreißen und achtet dabei zu wenig auf mögliche Mitwisser (S. 273). Auch gegenüber dem eigenen Sohn agiert er bald gewissenlos. Obwohl Alexander eine Nähe zu seinem Vater sein ganzes Leben lang vermisst (S. 254), schafft er es schlussendlich versöhnlich, ihn auch aus den Augen Außenstehender zu betrachten:

Sein silbergraues Haar, der Spazierstock mit silbernem Knauf, die Zigarettenspitze aus Bakelit, seine joviale Art und seine guten Manieren, die er überall mit einem gewissen Nachdruck zur Schau stellte – all das machte ihn in der Gemeinde Bladel en Netersel, aber auch darüber hinaus zu einer Respektperson, zu einem der Honoratioren. Besonders unter den einfachen Leuten, die zu ihm aufschauten wie zu einem Botschafter aus einer anderen Welt.“ (S. 298)

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Verlags-Link zu Der Stammhalter

Diese Buchrezension erschien erstmals am 18.8.2020 auf Kultura Extra.

16:47 18.08.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ansgar Skoda

Redakteur& Kulturkritiker u.a. bei der "TAZ" & "Kultura Extra" http://about.me/ansgar.skoda Webentwickler und Journalist
Ansgar Skoda

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