Wohlfühlpop mit hintergründiger Konsumkritik

Neues Album Santigolds "99¢" übt unterschwellige Kritik am Kommerz der Musikindustrie. Prahlerisch-verspielter Bubblegum-Pop trifft auf polyrhythmisch-unentschiedene Melodiebögen
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Wohlfühlpop mit hintergründiger Konsumkritik
Santigold im Juni in New York während des Events "AFRICA'SOUT!"
Foto: Monica Schipper/AFP/Getty Images

Als Barbiepuppe liegt sie eingeschweißt in einem Plastikbeutel. Musikinstrumente, Make up-Utensilien und vieles andere, was ihr jetziges Leben repräsentieren soll, sind ihr beigefügt. In gelb prangt auf der Frischhaltetüte der Aufkleber "99¢". Ihre glasigen Augen richten sich auf das Preisschild. Frech deutet so schon das Albumcover von 99¢ eine unbequeme Konsumkritik an. Die 40-jährige US-Amerikanerin Santi White alias Santigold veröffentlichte mit 99¢ im Februar diesen Jahres ihr drittes Album.

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Kurzweilig, dublastig und entspannt behandeln die Songs durchaus komplexe Inhalte - wirtschaftliche Zwänge und die eigene Ausbeutung als Künstlerin in einer Zeit, in der Musik zunehmend zur bloßen Konsumware degradiert erscheint. Voller Bubblegum-Pop rechnet 99¢ mit gesellschaftlichen Phänomenen wie Social Media ab. Santigold kritisiert einen zunehmend kultivierten Konsum-Narzissmus, durch den es für viele Konzertbesucher immer wichtiger wird, Fotos von sich oder dem Konzert zu machen, anstatt gute Musik zu genießen. Im heiteren Album-Opener "Can’t get enough of myself" befeuert Santigold den "Selfie Look" und "vainglory": "If I wasn’t me, I can be sure I’d wanna be."

99¢ wartet mit eingängigen Melodiesträngen und abwechslungsreichen, mannigfaltig flirrenden Rhythmen auf, vermag jedoch nur in wenigen Momenten zu zünden. Santi Whites helle, affektierte Stimme wiederholt bei Tracks wie "Who I thought you were" eingängig und sich monoton steigernd die Titelzeile, verebbt jedoch, ohne den Song auf eine neue Ebene zu bringen. Hier hätte man sich mehr Kreativität und kompositorisches Gespür gewünscht.

Santigolds selbstverliebtes Duett mit dem Hip Hop-Newcomer ILoveMakonnen "Who be lovin‘ me" ermüdet trotz gelungener Rap-Passagen uninspiriert dahinplätschernd. Das lässig interpretierte und von Rostam Batmanglij (Vampire Weekend) mitkomponierte "Chasing Shadows" schillert hingegen exotisch mit einer eleganten Hookline. Insbesondere die selbstironische, 80er-Jahre-Synthisizer Popnummer "Rendezvous Girl" schmeichelt mit zurückgenommen gehauchtem Gesang und gut aufeinander abgestimmten Rhythmen.

Bereits in ihren früheren Alben verhandelte Santigold Konstrukte wie Ruhm und Berühmtheit, Identität und Authentizität. Leider reichen die meisten Songs des neuen Albums nicht an Santigolds Hitsingles "L.E.S. Artistes" aus ihrem Debüt Santogold (2008) und "Disparate Youth" aus ihrem zweiten Album Master of my Make-Believe (2012) oder frühere, starke Songs wie "Creator" heran. Polyrhythmische Melodiebögen zeugen von mannigfaltigen Einflüssen, erscheinen jedoch stilistisch oft zu verspielt, prahlerisch und unentschieden. In den Lyrics verbergen sich jedoch immer wieder kleine, sarkastische Weisheiten.

Hierzulande dürfte die Sängerin, Produzentin und Komponistin auch in diesem Jahr einige Fans enttäuscht haben, weil ihre Veranstalter geplante Konzerte, wie bereits 2009, absagten. Bleibt zu hoffen, dass es bald wieder Konzerte der New Yorkerin im Deutschland geben könnte – auch wenn dies durchaus eitle Konsumentenwünsche befriedigen dürfte.

Diese CD-Kritik erschien erstmals am 6.10.2016 auf Campus Web.

08:34 06.10.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ansgar Skoda

Redakteur& Kulturkritiker u.a. bei der "TAZ"& "Kultura Extra" http://about.me/ansgar.skoda Freiberuflicher Social Media Manager
Ansgar Skoda

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