Zeitloser Hörraum

Premiere Ein Ensemble aus unterschiedlichen Generationen begibt sich auf eine bewegende Wanderung durch den Zeitgeist: „Winterreise“ von Elfriede Jelinek am Atonal Theater in Köln
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Drei fahrbare, weiße Wandelemente dominieren das schlichte Bühnenbild. Regelmäßig neu arrangiert und variiert bebildern sie beweglich die belebende Sprache Elfriede Jelineks. Stets neue Assoziationen schaffend bringt Jelinek geläufige Ausdrücke in neue sozialkritische Zusammenhänge und erweitert so den eigenen Gedankenhorizont. In ihren Dramen montiert Jelinek Sprachfragmente mit teilweise harten Schnitten aneinander, und eine einfache Handlung tritt in den Hintergrund. Winterreise behandelt das Thema Zeit, das unterschiedliche Zeitempfinden verschiedener Generationen und die eigene Vergänglichkeit in vielen Variationen.

Jelineks vielgespieltes und mit dem Mühlheimer Dramatikerpreis ausgezeichnetes Stück von 2011 entwickelt Jörg Fürst vom Freien Off-Theater Atonal in Köln mit einer eigenen Textfassung in einem ungewöhnlichen Setting. Er arbeitet mit drei professionellen Schauspielern bis 45 Jahren und neun Laien im Alter zwischen 65 und 85 Jahren. Die als „Experten des Alters“ bezeichneten Darsteller agieren keinesfalls laienhaft, sondern beeindrucken durch besondere Authentizität und Bühnenpräsenz. Im Drama, in dem die Darsteller fast ausschließlich monologisch zum Publikum sprechen, ist immer wieder vom „Verschwinden“ oder „Vorbeigehen“ die Rede. Die Figuren von Elke Ungerer und Adelheid Borgmann fragen etwa zu Anfang, sich pantomimisch gegenseitig verdeckend, ob man sich selbst im eigenen Schatten verstecken kann? Eine andere existentielle Frage beschäftigt Helgard Schenks Figur, elegant auf und ab gehend und den Kopf schüttelnd: „Wer beurteilt mich mit ungenügend in der Schule des Lebens?“ Zum Lachen ist hingegen Eva Stoldts Figur, die nach scheinbar tiefschürfenden Monologen anderer Figuren stets ruft: „Hahaha. Ich werde an dich denken. Ich kann nicht anders.“ Die Figuren von Valentin Stroh, Oleg Zhukov und Philipp Sebastian betreten ihre Szene schnittig durch die Lamellenwände hindurch. Sie möchten für Investoren marode Banken wie eine pucklige Braut aufhübschen, können jedoch nicht verhehlen, dass hinter dem schönen Schein kein ebensolches Sein steckt. Inhaltlich rücken stets neue Themen in den Fokus. Neben Flüchtlingen vor europäischen Küsten geht es um heimische Entführungsopfer, die in den Medien Berühmtheit erlangen und das Verlagern von persönlichen Beziehungen in das Internet. Auch die Biographie der Autorin Jelineks wird Thema, etwa wenn das Drama die komplizierte Beziehung zu ihrer Mutter oder die Demenz ihres Vaters behandelt. In Winterreise sprechen wechselnde Darsteller immer ein „ich“. Im Kampf um Gegenwart und eine Zukunft in fortgeschrittenem Alter wird der eigene Umgang mit Vergangenem und Gegenwärtigem reflektiert und es werden über das "ich" beim Zuhörer stets eigene Assoziationen und Gedanken wachgerufen.

Wieviel mir noch bleibt, egal, wohin ich gehe. Ich weiß aber nicht, wovon mir etwas bleiben sollte. Keine Ahnung. Wer nicht lebt, der rechnet. Wieviel bleibt, in dem ich dann auch wieder Nichts tun werde? Wieviel bleibt mir von der Gegenwart übrig, um die Gegenwart noch zu erleben? […] Die Zeit läuft vor mir davon, dabei geht von mir keinerlei Gefahr aus.“ (Jelinek, Winterreise)

Durchgehend verstärkt die Inszenierung mit musikalischen Elementen, Stimmen aus dem Off und Videoprojektionen den Eindruck eines Hörraums, der mit der Wiederholung einprägsamer Sätze und Motive wie einem mehrfach eigespielten Cover des Songs „One is the loneliest number“ von Harry Nilsson oder Anklängen von Kompositionen Franz Schuberts arbeitet. Darstellerinnen positionieren sich auf der Bühne mit Notenständern, auf denen Blätter liegen, von denen sie vortragen. Die Sprecherinnen wechseln sich miteinander beim Vortrag ab, reißen jedoch in einer Sprechpause synchron ihre Notenblätter in Papierfetzen und werfen diese wie Konfetti in die Luft - auch eine Form von Vergänglichkeit. Zuletzt kulminiert die Form der variierenden Wiederholung im Text, wenn die Figur der Autorin Jelinek (Renate Grimaldi) larmoyant selbst ihre Kritiker zitiert, die ihr „stets die gleiche Leier“ in ihrem eigenen Werk vorwerfen. Eine rundum gelungene und dynamische Inszenierung von Jelineks Winterreise mit einem gut aufgelegten Ensemble und auch musikalisch stimmungsvollen Ideen.

Diese Theaterkritik erschien erstmals am 16.01.2015 auf Kultura Extra.

http://vg04.met.vgwort.de/na/2005e832bdea4bf189b1e2c8ee488cc0

WINTERREISE (Atonal Theater Köln, 15.01.2015)

Regie, Bühne & Spielfassung: Jörg Fürst

Musik & Video: Valerij Lisac

Kostüme: Heinke Storck/ Monika Odenthal

Maske: Rosa Alana

Produktion: Renate Grimaldi

Lichtdesign: Veit Griess/ Kerp Holz

Technik: Dirk Lohmann, Garlef Kessler, Thomas Mörl

Besetzung:

Helmut Baumeister, Adelheid Borgmann, Renate Grimaldi, Angela Pott, Ursula Roth, Helgard Schenk, Eva Stoldt, Helga Tillmann, Philipp Sebastian, Valentin Stroh, Elke Ungerer, Oleg Zhukov

Weitere Termine: 16., 17. + 18.1./ 4., 5., 6., 7. + 8.2./ 6., 7. + 8.3.2015

Weitere Infos

23:32 16.01.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ansgar Skoda

Redakteur& Kulturkritiker u.a. bei der "TAZ"& "Kultura Extra" http://about.me/ansgar.skoda Freiberuflicher Social Media Manager
Ansgar Skoda

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