Arbeitsteilung

Ostharz: Generationenvertrag - ein Roman in Fragmenten
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Ein junger Architekt ist gekommen, um sich vorzustellen. Er arbeitet in einem anderen Quedlinburger Büro, aber es gefällt ihm nicht:

Die machen nur Sanierung! sagt er und stöhnt.... tagelang muss ich Fachwerkgebinde, Holzbalkendecken und Dachstühle zeichnen, Bestandspläne mit Ergänzungen nach altem Vorbild, jede Verbindung, jeder Beschlag muss mit dem Denkmalschützer abgestimmt werden!

Man lernt bestimmt eine Menge, sagt der Chef der Bauprojekt Quedlinburg, an den alten Häusern hier in der Stadt gibt es so viel zu tun...

Aber ich will etwas Modernes bauen! wirft der junge Architekt ein und schiebt seine Mappe über den Tisch zum älteren: Bauprojekt hat immer Neubauprojekte gehabt, daran will ich mitarbeiten, Wohnhäuser, Bürohäuser, sehen Sie doch, meine Arbeiten aus dem Studium... er blättert die Mappe auf.... ich bin in Quedlinburg aufgewachsen, die alten Häuser finde ich ja schön, aber ich habe in Magdeburg und Dessau studiert, wenn ich jetzt etwas plane, soll das nicht so aussehen, als ob es schon hundert Jahre oder länger hier steht! Die Entwürfe in seinerMappe deklinieren den schlichten Kubus, gereiht, gestelzt, gedreht, poliert und geriffelt, garniert mit Loch- und Schlitzfenstern in wildesten Proportionen.... nein, der historischen Tradition folgt er nicht.

Wissen Sie, sagt der Ältere jetzt, ich bin noch nicht lange hier, aber oft muss ich mir Kritik anhören, dass Bauprojekt Häuser geplant hat, die nicht in das historische Bild passen... die Kollegen haben funktional und zweckmäßig entworfen.... er blättert in der Mappe des jungen Kollegen: Ihre Ideen sind sehr puristisch.... übrigens denke ich, dass wir uns auch bei Fachwerk-Sanierungen bewerben müssen, um Erfahrungen und Referenzen zu sammeln... von einem Quedlinburger Büro erwartet man Expertise im Denkmal.

Der junge Architekt lehnt sich zurück, Blick und Stimme bleiben skeptisch: Wir arbeiten in einem Raum, wo ständig Staub aus den Decken rieselt, abends müssen wir die Tastatur der Computer abdecken, und es zieht elendiglich durch die Fensterritzen... im Winter war ich ständig erkältet, die Chefs haben nicht geheizt, weil das Büro so wenig verdient hat, die Bezahlung ist sowieso ein Witz....

Kennen Sie auch die Arbeit auf der Baustelle, die Bauüberwachung? fragt der ältere jetzt nach,innerlich muss er lächeln, wissen Sie, im Moment können wir niemanden einstellen, aber ich werde Ihre Telefonnummer hier behalten und Sie anrufen, wenn sich das ändert...

Der junge Architekt erzählt jetzt von seinen Baustellen und schreibt nebenher eine Mobilnummer auf und dazu seinen Namen: Maik Peters.

Hoffentlich steht die Finanzierung bald, denkt der Ältere, dann kann ich schneller entscheiden, wen ich hier neu hereinholen will...

Als der Bewerber gegangen ist, geht der Chef drei Räume weiter zum Bauleiter Grau: Manchmal denke ich, dass Sie in der Bauleitung Unterstützung brauchen könnten....

Ich schaff’ das schon, murmelt Grau verbissen gegen die Zahlenkolonnen auf seinem Monitor....

Neben Grau sitzt Obermeyer, der leitende Architekt der Bauprojekt Quedlinburg. Auf dem Schreibtisch liegen Pläne ausgebreitet, die Grundlage der Ausschreibung für die beiden Wohnblocks werden, die Grau gerade auf seinem Rechner zusammenstellt.

Schaffen Sie vor Ihrem Urlaub die Ausschreibung für die Werkstatterweiterung, Herr Grau? Oder wird Frau Bollmann die Leistungsverzeichnisse aufstellen? fragt der Geschäftsführer nach. Frau Keyser, die Architektin, zeichnet noch an den Plänen, aber die Firmen sollen möglichst bald ihre Angebote abgeben, der Bauherr ist schon ungeduldig, täglich rufen neue Firmen an, die auf die Ausschreibung warten.

Nein, wehrt Grau verkniffen ab: Für Frau Bollmann muss ich in der nächsten Woche Vorgaben zu den Positionen machen, sie wird nur die Massen ermitteln.... sie ist doch Bauzeichnerin, keine Bauleiterin!

Er muss erst die Ausschreibung für meine Vorhaben fertig machen, sagt Obermeyer, die Geschäftsführung der WoBauGe fragt bereits nach, wo die Unterlagen bleiben, sie wollen jetzt vergeben, die Preise sind günstig.... Die Wohnungsbaugesellschaft ist unser wichtigster Kunde! fügt er mit einem flüchtigen Seitenblick hinzu, leisen Tadel führt das Timbre seiner Stimme.

Grau blickt kurz zu Obermeyer, unterdrückt aber eine Bemerkung und wendet sich verbissen wieder gegen den Bildschirm.

Übernimmt Frau Bollmann denn Ihre Urlaubsvertretung, Herr Grau? fragt der Chef neugierig. Nein, erwidert Grau eine Spur zu barsch, ich sagte doch, sie ist Bauzeichnerin, keine Bauleiterin!

Offensichtlich hat Frau Keyser ihren Namen gehört, sie steht jetzt vor der offenen Bürotür: Anfang Juni will Herr Grau in den Urlaub, obwohl die ersten Firmen dann auf meiner Baustelle sind, er muss unbedingt die Bauanlaufberatung machen! Sie ist aufgeregt, fast empört, rote Flecken flammen über ihren Hals.... Obermeyer reagiert nicht.... Irgendwann muss ich doch auch in den Urlaub, verzweifelt Grau in die Stille... Und wenn die Architekten Ihre Urlaubsvertretung übernehmen, im eigenen Projekt? Es geht nur um zwei Wochen... schlägt der neue Geschäftsführer vor. Die Architektin wird feuerrot im ganzen Gesicht und stammelt abwehrende Begründungen, Obermeyer verschränkt stumm die Arme: Früher hatten wir zwei Bauleiter bei Bauprojekt, sagt er mit bitterer Miene und hält den Blick gesenkt auf die Pläne.

Auch eine andere Aufgabe hat der Chef noch: Aus Magdeburg hat jemand angerufen, ein Grundstücksverwalter, den ich von früher kenne, er hat mich gefragt, ob wir für eine leerstehende Liegenschaft einen Vorschlag zur Sanierung machen wollen.... Forschend schaut er Frau Keyser an, die Architektin, sie aber blickt zu Obermeyer und sagt unsicher: Die meiste Erfahrung mit Sanierungsvorschlägen hat Herr Obermeyer, da fragen Sie am besten ihn.... und nickt mit dem Kopf in den Raum.

Magdeburg? fragt der leitende Architekt der Bauprojekt Quedlinburg zurück, nein, nein, in der Großstadt kennen wir uns nicht aus, da arbeiten wir nicht....

Hier endet der 307. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

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01:13 05.05.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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