Vom seelischen Zustand

Raumforscher Über die Poetik des Raumes
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Dieser Blog kommt aus dem Raum:

Jedes große einfache Bild enthüllt einen seelischen Zustand. Noch mehr als die Landschaft ist das Haus ein état d’âme – eine „Stimmung“. Sogar die Abbildung seiner äußeren Ansicht sagt Innerlichkeit aus. Psychologen, im besonderen Françoise Minkowska und ihre Schüler, haben Kinderzeichnungen von Häusern studiert. Man kann daraus einen Test machen. Der Test des Hauses hat sogar den Vorteil, dass er aus der Spontaneität kommt, denn viele Kinder zeichnen, wenn sie mit dem Bleistift träumen, aus freiem Antrieb ein Haus. Außerdem, sagt Madame Balif: „Von einem Kind verlangen, dass es ein Haus zeichne, heißt ihm die Erfüllung seines tiefsten Traumes abverlangen, wo es sein Glück bergen möchte; wenn es glücklich ist, findet es auch das abgeschlossene, umhegte Haus, das standfeste und tiefverwurzelte.“ Es wird in seiner äußeren Form gezeichnet, aber beinahe immer bezeichnet irgendein Strich eine innere Kraft. In gewissen Zeichnungen, sagt Madame Balif, „ist es allem Augenschein nach warm im Innern, gibt es Feuer, ein Feuer, das so lebendig ist, dass man es aus dem Schornstein herauskommen sieht.“ Wenn das Haus glücklich ist, dann tänzelt der Rauch weich über das Dach.

Wenn das Kind unglücklich ist, trägt das Haus die Spur von den Ängsten des Zeichners. Françoise Minkowska hat eine besonders ergreifende Sammlung von Zeichnungen polnischer oder jüdischer Kinder ausgestellt, die den Gewalttaten der deutschen Besatzung während des zweiten Weltkriegs ausgesetzt waren. Ein solches Kind, das beim geringsten Anlass in einem Schrank versteckt bleiben musste, zeichnet lange nach den Stunden des Schreckens enge, kalte und verschlossene Häuser. Und so spricht Françoise Minkowska von „unbeweglichen Häusern“, von Häusern, die in ihrer Starrheit unbeweglich gemacht worden sind: „..diese Starrheit und diese Unbeweglichkeit findet man ebenso im Rauch wie in den Fenstervorhängen. Die Bäume daneben stehen kerzengerade und sehen aus wie Wächter.“

Gaston Bachelard

Poetik des Raumes

aus: II. Haus und All

Aus dem Französischen übersetzt von Kurt Leonhard

Fischer Taschenbuch Verlag

Hier endet der 327. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

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23:46 06.06.2012
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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