Vom unendlichen Wald

Raumforscher Über die Poetik des Raumes
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Dieser Blog kommt aus dem Raum:

Frommer Wald, gebrochener Wald, wo man die Toten nicht fortbringt

Unendlich geschlossen, gedrängt von alten starren rötlichen Stämmen

Unendlich eingeengt von alten grau geschminkten Fichten

Über der Schicht von mächtigem tiefem samtleisem Moos.

Pierre-Jean Jouve, Lyrique, Mercure de France

Wer wird uns aber von der zeitlichen Dimension des Waldes sprechen? Die Geschichte genügt nicht dazu. Man müsste wissen, wie der Wald zu seinem hohen Alter kommt: Warum es im Reich der Phantasie keine jungen Wälder gibt. Was mich angeht, so kann ich nur die Dinge meiner Heimat in Betracht ziehen. Ich vermag zu erleben – Gaston Roupnel, der unvergessliche Freund, hat es mich gelehrt -, wie der dialektische Wechsel zwischen Felderweiten und Wälderweiten wirkt. In der weiten Welt des Nicht-Ich ist das Nicht-Ich der Felder nicht das gleiche wie das Nicht-Ich der Wälder. Der Wald ist ein Vor-Ich, ein Sein vor meinem, vor unserem Dasein. Die Felder und Wiesen dagegen verbinden sich in meinen Träumen und Erinnerungen zu allen Zeiten mit den Arbeiten des Pflügens und des Erntens. Wenn die Dialektik des Ich und des Nicht-Ich ihre Starrheit verlieren, dann fühle ich die Wiesen und Felder mit mir, in meinem, in unserem Dasein. Aber der Wald beherrscht die vergangene Zeit. In jenem Wald, den ich kenne, hat sich mein Großvater einst verirrt. Man hat es mir erzählt, ich habe es nicht vergessen. Es war in einem Einstmals, als ich noch nicht lebte. Meine ältesten Erinnerungen sind hundert Jahre alt oder noch ein bisschen älter.

Dies ist mein „altehrwürdiger“ Wald. Und alles übrige ist Literatur.

Gaston Bachelard

Poetik des Raumes

aus: VIII. Die innere Unermesslichkeit

Aus dem Französischen übersetzt von Kurt Leonhard

Fischer Taschenbuch Verlag

Hier endet der 362. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

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Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

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23:07 09.08.2012
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
archinaut

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