Denn Störer braucht das Land

stoersender.tv Der große Alte des deutschen Kabaretts, Dieter Hildebrandt, rief auf zum Stören. Hochkarätige Störenfriede meldeten sich.
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Es war schon immer so. Die die Gesellschaft kritisch begleitenden Mitmenschen sind in der Minderzahl. Damit gemeint sind nicht etwa ewige Nörgler, die der puren Freude wegen am Herummosern Sand ins gesellschaftliche Getriebe streuen. Sondern wache Zeitgenossen, denen ein Gespür zu eigen ist, dass ihnen anzeigt: in der Gesellschaft läuft etwas entschieden falsch. Freilich war und ist es für Menschen stets einfacher gewesen sich gleich einem Lamm einer Herde von Lämmern anzuschließen, mehr oder weniger unkritisch nachzublöken, was ihnen gewisse Leithammel vorblöken. Nach dem Motto: Die wissen schon was für unsereinen gut ist. Und mit dieser scheinbaren Beruhigung kann man Gott einen guten Mann sein lassen. Damit ist oft lange ganz gut durchzukommen. Das zeigt die Geschichte.

Immanuel Kant: “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.”

Doch menschliche Lämmer oder Kälber liefen zu jeder Zeit Gefahr, in ihr, selber nicht in die Lage versetzt, diese zu erkennen, sehenden Auges nicht nur in sie hineinzutrotten, sondern auch darin umzukommen. Es fehlt hier u.a. an nötiger Aufklärung über die gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge. Und am Interesse daran diese verstehen zu wollen, um daraus eigne Schlüsse zu ziehen bzw. ein persönliches Handeln in Erwägung zu ziehen. Immanuel Kant wusste: “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.” Wer weder in die Lage versetzt ist, die erhellenden Zusammenhänge zu erkennen, noch infolgedessen nicht den Mut aufzubringen bereit sein wird, Schlüsse und ein eignes Handeln daraus herzuleiten, kommt irgendwann in Teufels Küche. Und noch dazu freiwillig! Bert Brecht drückte es so aus: „Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber.“

Die Mainstream-Medien haben eine wichtige Aufgabe stark vernachlässigt

Im Vorteil sind klar solche Zeitgenossen, welche in der Lage sind Informationen kritisch zu hinterfragen. Auch weil sie es unternehmen, das ihnen z.B. medial oder aus dem Munde von Politikern Vorgesetzte anzuzweifeln, beziehungsweise kritisch zu hinterfragen. Für diejenigen jedoch, die dazu aus welchen Gründen auch immer nicht in der Lage sind, hätten die Presse und die elektronischen Medien diese Aufgabe zu unternehmen. Doch die Mainstream-Medien haben diese wichtige Aufgabe vorwiegend in den letzten zwei Jahrzehnten nicht nur stark vernachlässigt – schlimmer noch: sie haben die munter heraufbeschworenen “Vorzüge” des Neoliberalismus sogar in den meisten Fällen unkritisch – und damit die jetzige damit verbundene, weiter ausufernde Misere – mit herbei geschrieben. Rettung aus dieser – nennen wir es einmal freiwillige politisch-medialen Gleichschaltung wardt uns nicht. Zum Leidwesen vieler besorgter und kritischer Mitmenschen auch nicht von den Öffentlich-Rechtlichen. Vieles was heute von diesen Anstalten versendet wird – abgesehen von den wenigen verbliebenen Politmagazinen – ist heute dermaßen journalistisch verschwurbelt und somit verunstaltet, dass es eher der Desinformation dient, als kritisch-unabhängige Informationen zu liefern.

Die NachDenkSeiten als Gegenpol zum Einheitsbrei des medialen Mainstreams

Die neoliberale Pest, frech propagiert und ordentlich finanziell unterfüttert durch die Metallarbeitgeber und als Ideologie verbreitet durch die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), sowie die immer unkritischer bzw. zu medialen Mittätern diesen Treibens gewordenen Mainstream-Medien riefen 2003 Albrecht Müller und Wolfgang Lieb auf den Plan. Sie gründeten die kritische Website NachDenkSeiten. Und zwar als kleinen, aber feinen immer beliebter werdenden Gegenpol zum Einheitsbrei des medialen Mainstreams. Selbstverständlich können die NachDenkSeiten weder finanziell noch verbreitungsmäßig gegen die Medienmächtigen dieses Landes anstinken. Aber sie unternehmen es wider den Stachel zu löcken.

“Zuschauen war gestern. Heute gibt’s Störsehen. Mach mit!”

So etwas müsste es auch auf dem Gebiete des Fernsehens geben, mag sich der große Alte des deutschen Kabaretts, Dieter Hildebrandt gedacht haben. Zu diesem Behufe will er sich eines populären Mittels unserer Zeit, des Internets, bedienen. Hildebrandt ist mit seinen 85 Jahren wach, zornig, unternehmungslustig und mutig geblieben. Der Altmeister will es wieder einmal wissen. Er befand: Ein Störsender sei nötig in diesem Land. Der Kanal wird stoersender.tv heißen und im Internet zu sehen sein.

Der Sender soll eine Spielwiese für Störenfriede bieten, die sich nicht abfinden wollen mit den gesellschaftlichen Verhältnissen wie sie sind. Der Störsender hat vor, nächstes Jahr zwanzig Mal ein TV-Magazin zu produzieren. Dieter Hildebrandt soll darin regelmäßig auftreten. Wie die Macher um Stefan Hanitzsch, der Sohn des ebenfalls mitwirken werdenden Münchner Karikaturisten Dieter Hanitzsch, auf der Website mitteilen, nimmt der Störsender Extremisten aufs Korn und Politiker auf den Arm. “Gestört wird durch diese Kampagnenplattform jeder, der sich dafür aufdrängt. Und zwar von Allen.” Das Motto lautet: “Zuschauen war gestern. Heute gibt’s Störsehen. Mach mit!”

Kürzlich gab es schon mal eine Eröffnungs-Matinée in der “Lach- & Schieß” (hier der Film dazu) in München. Auf Facebook findet sich der Störsender hier. Auf Twitter hier. Und auf Youtube hat er hier einen Kanal.

Das “Störkraftwerk” wird von Leuten mit Rang und Namen angeheizt

Dieter Hildebrandt hat gerufen. Und viele bekannte Kabarettnasen von Rang und Namen folgten seinem Ruf: Georg Schramm, Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig, Michael Altinger, Ottfried Fischer, Monika Gruber, Luise Kinseher, Sandra Kreisler, Ecco Meineke, Maria Peschek, Gerhard Polt, Urban Priol, Ludo Vici, Hans Well (früher “Biermösl Blosn”) und Sigi Zimmerschied. Ebenso mit dabei zu sein rechnen sich als Ehre Roger Willemsen und Konstantin Wecker an. Sie alle wollen das “Störkraftwerk” anheizen. Konstantin Wecker im Film zu den Vorhaben: “Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Blödsinn machen.” Deshalb ist der Liedermacher und Schauspieler dabei. “Stören ist natürlich grandios. Man muss stören!, so Wecker in einem kurzen Filmchen. “Wir sind jetzt im Jahr 2013 und wir werden erleben, dass es alles sich noch ungerechter entwickeln wird. Da kann man sicher davon ausgehen.”

Störsender als unabhängiges Crossover-Projekt

Stefan Hanitzsch sieht im Störsender ein “unabhängiges Crossover-Projekt. Mit Kabarett, Journalismus, Satire, Kampagne und Stör-Aktionen online wie offline”. Für die jeweils 30-minütigen Magazin-Sendungen sind Animationen, Interviews, Berichte über Störaktionen und Auftritte von Hildebrandts liebsten und besten Kollegen angedacht.
Die Webseite soll dafür die Plattform bieten und gleichzeitig als ein Kampagnen-Werkzeug fungieren. Dieses Internet-Fernsehen wird sich also vom gewohnten – öffentlich-rechtlichen wie privaten – Fernsehen erheblich unterscheiden. Und was nicht zu verachten ist: Der Störsender soll nicht nur aktuell sein, sondern auch nicht jeder Sau nachlaufen, sondern selbst Säue aufscheuchen. Auf der Website wird folgender Aufruf verbreitet: “Wenn Du eine Sau kennst – her damit! Wir berichten, bis die Schwarte scheppert! Je mehr Störenfriede aus aller Damen und Herren Länder mitmachen – sei es im Interview, sei es im Forum, sei es bei Störaktionen auf eigene Faust – desto besser.”

Schwarmfinanzierung endet am 10. Februar 23.59 Uhr

Interessant: Das Projekt wird schwarmfinanziert (Crowdfunding). Jeder kann mitmachen. Ab einen Beitrag von 5 Euro kann man sich beteiligen. Wer nicht die Finanzen zur Verfügung hat, sollte – meint Konstantin Wecker – das Projekt “liken”. 125.000 Euro sind nötig, um den Störsender zu installieren. Im Augenblick sind 63.251 Euro zusammen. Ende der Crowdfunding-Aktion ist am 10. Februar 23.59 Uhr. Es verbleiben also noch 36 Tage. Der Störsender hat inzwischen 1419 Fans und 1096 Unterstützer. Sollte, was niemand ernsthaft hoffen kann, die notwendige Summe nicht aufgebracht werden können, bekommt – das ist garantiert – jeder sein eingezahltes Geld zurück. Wir werden die Aktion weiter verfolgen und über das hoffentlich positive Ergebnis berichten.

Die die Gesellschaft kritisch begleitenden Mitmenschen mögen in der Minderzahl sein, aber vielleicht trägt der Störsender mit Dieter Hildebrandt kräftig wider den Mainstream-Stachel löckend dazu bei, dass deren Zahl künftig doch etwas steigt? Denn Störer braucht das Land. Störer im Köpfchen und Mut zum Handeln. Wider Verdummung und Demokratieabbau.

10:40 05.01.2013
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Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
asansörpress35

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