Durchschnittlich 593 Euro für TV-Reklame

Privat-TV-Kosten "Was haben Sie eigentlich letztes Jahr für das Privatfernsehen bezahlt?", fragt Ralph Altmann in seinem Essay "Die versteckten Kosten des Privatfernsehens"?
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Wir Menschen lassen uns nicht selten etwas vormachen. Ein X für U zum Beispiel. Aber wir merken’s meistens nicht. Henry Ford beispielsweise sagte einst: „Würden die Menschen das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh.

Eine Revolution stellte einst die Erfindung des Mediums Fernsehen dar

Wie fast alle Erfindung wohnen auch dem Fernsehen gute und schlechte Seiten inne. Ich glaube, wir sind heute inzwischen bei den überwiegend schlechten Seiten angekommen. Selbst das Niveau der Öffentlich-Rechtlichen ist unterdessen partiell bedenklich gesunken. Ausgerechnet mit der Einführung des Dualen Systems in der BRD unter Zulassung und Zuschaltung privater TV-Kanäle zu den gewohnten Öffentlich-Rechtlichen sollte alles noch viel besser werden. So tönten Politiker in den 1980er Jahren. Dabei hätte man doch nur herüber in die USA schauen müssen, um zu sehen, welch “Verbesserung” private Fernsehsender in die Wohnstuben bringen. Albrecht Müller, heute einer der Herausgeber der kritischen NachDenkSeiten und früherer Planungschef im Bundeskanzleramt unter Willy Brandt durfte 1985 dazu etwas Kritisches schreiben. Es waren andere Zeiten. Und auch der Spiegel war noch ein anderes Blatt als das heute der Fall ist. Albrecht Müller schrieb damals etwas zu Neil Postmans “Wir amüsieren uns zu Tode”. Der Text “Das Fernsehen bedroht die Demokratie” ist möglicherweise zur Zeit seiner Erscheinung gar nicht so beachtet worden. Aber Müller traf damit den Nagel genau auf den Kopf. Lesen wir den Text heute, müssen wir eingestehen: Die Befürchtungen Müllers waren keine Unkenrufe, sondern basierten auf schon damals zur Verfügung stehenden Fakten. Sind wir nicht genau da angekommen, wo die Demokratie auch durch ein niveauloses und in Teilen unkritisches Medium Fernsehen nicht zuletzt bereits bedroht ist? Die Privaten spielten dabei ein nicht geringe Rolle. Und die Öffentlich-Rechtlichen glaubten sich an dessen Niveau anpassen zu müssen, um nicht Zuschauer in Größenordnungen zu verlieren.

Alle zahlen

Man hat sich eben etwas vorgemacht. Und auch wir Zuschauer haben uns etwas vormachen lassen. Die Öffentlich-Rechtlichen sind sogar Vielen heute schlichtweg schnurzpiepe egal. Manchen hört man sagen: Wozu eigentlich noch Fernsehgebühren zahlen? Ich gucke doch eh die Privaten! Höre ich manche Zeitgenossen so sprechen, wende ich an der Stelle gerne ein, dass auch sie quasi Fernsehgebühren für die Privaten zahlten. Ich sehe dann meist in Gesichter mit offenen Mündern. Oder treffe auf Streitlustige und Ungläubige. Ungläubige, welche dem Fernsehen, zumal dem Privatfernsehen fast wie einer Religion huldigen.Und sogar auf die Mattscheibe stieren, wenn die allerdämlichste Werbung läuft, als sähen sie dort etwas ganz Interessantes. Das Schlimme für mich dabei: Auch ich selbst finanziere sozusagen das Privatfernsehen mit. Und dass, obwohl ich es wirklich fast gar nicht mehr schaue!

“Was haben Sie eigentlich letztes Jahr für das Privatfernsehen bezahlt?”,

fragt Ralph Altmann in seinem Essay “Die versteckten Kosten des Privatfernsehens”, welcher gestern auszugsweise auf den NachDenkSeiten zitiert wurde.
“Das sehen Sie gar nicht? Macht nichts, Sie zahlen dennoch…
8,3 Milliarden Euro erlösten die privaten Fernsehsender im Jahr 2006 mit Werbesendungen. Das Geld stammt letztlich aus den Geldbörsen derjenigen, welche die beworbenen Produkte kaufen. Vor allem bei neuen, „trendigen“ Produkten übersteigt der im Verkaufspreis enthaltene Anteil für Werbung die Herstellungskosten oft um ein Vielfaches. Gutgläubige Rentner lassen sich ja manchmal auf Kaffeefahrten überteuerte Produkte aufschwatzen – ihren coolen Enkeln zuhause vor der Glotze geschieht genau das Gleiche, nur öfter.
Die im Produktpreis steckenden Werbungskosten sind noch deutlich höher als das, was bei Sat.1 & Co ankommt: Die Werbespots selbst kosten Geld – oft mehr als die Sendungen, in die sie eingeblendet werden. Die vermittelnden Werbeagenturen wollen auch gut leben und lassen sich von beiden Seiten gern mal etwas zustecken, wie der ehemalige Sat.1-Geschäftsführer Roger Schawinski („Die TV-Falle“) ausgeplaudert hat. Doch bleiben wir der Einfachheit halber bei den 8,3 Milliarden Euro Werbungskosten und der Zielgruppe, die von der Werbung angesprochen werden soll: den 14- bis 49-jährigen. In dieser Altersgruppe gibt es etwa 40 Millionen Bundesbürger, die in 14 Millionen Haushalten leben. Auf jeden Haushalt entfallen also im Durchschnitt 593 Euro für Fernsehwerbung pro Jahr – fast das Dreifache der GEZ-Gebühr (204 Euro)… Die teilweise ganz offensichtliche Ausrichtung der privaten Programme auf Arbeitslose und sozial Schwache legt zumindest den Verdacht nahe, dass diese Schichten auch den Löwenanteil an diesen Werbeeinnahmen tragen.” Ralph Altmanns Schlussfolgerung: “Abschalten!”

Wie sagte doch Henry Ford so richtig und heute mehr denn je in die Zeit passend als zu dessen Lebenszeit: „Würden die Menschen das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh.“ Das Fernsehen, nicht zuletzt das Privatfernsehen sorgt dafür, dass Revolutionen ausbleiben. Das Werkzeug dazu pflegt man “Tittytainment” zu nennen…

11:13 08.11.2012
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Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
asansörpress35

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