Ehrliche Häute bei den Sozen

SPD Was ist nur los mit der Alten Tante SPD? Sie ist mit dem Klammerbeutel gepudert und gehört eigentlich statt Gustl Mollath in die Anstalt. Dennoch: Lichtblicke gibt es.
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Abermals nur wieder in die SPD hineinzurufen "Wer hat uns verraten?", dürfte viele anständige Mitglieder dieser ältesten deutschen Volkspartei, welche ihrem Selbstverständnis und ihren Taten nach wirkliche Sozial-Demokraten (waren und geblieben) sind, tief im nach wie vor heftig links schlagendem Herzen verletzen. Tapfer rackern sich diese Genossinnen und Genossen in vielen Ortsverbänden der SPD deutschlandweit nahezu Tag für Tag ab. Sie leisten wirkliche Kärrnerarbeit für ihre Partei und die Menschen, die (noch) an sie glauben. Machen Wahlkampf für die Alte Tante SPD, deren Spitze es ihnen schwer macht, wo es nur geht. Aber viele Menschen verstehen diese (ihre) Partei schon lange nicht mehr. Wähler wie SPD-Mitglieder. Und SPD-Genossinnen und Genossen, die nicht wie Oskar Lafontaine und viele andere mit und nach ihm von der Fahne gegangen sind, weil sie es nicht mehr aushielten - die Politik der Partei seit Gerhard Schröder nicht mehr mittragen konnten - harren und halten bis heute wacker , trotz tiefen Sorgen- oder Zornesfalten und manchmal heftigen Stechen in der Herzkammer in der Partei aus. Optimisten sind wohl diejenigen in der SPD zu nennen, welche vielleicht in der vagen Hoffnung auf wieder sozialdemokratischere Zeiten eine Art Arbeitskreis "Sozialdemokraten (!) in der SPD" unter dem Motto "Mein Herz schlägt links" gegründet haben.

Was ist nur los mit dieser SPD?

Sie ist gewiss schwer an einem gefährlichen Virus erkrankt. Gerhard Schröder und Kumpane haben ihr den einst eingeimpft. Er ist neoliberaler Abkunft. Und offenbar schwer wieder auszutreiben. Es ist wie ein Fluch! Der pappt der Alten Tante an wie Scheibenkleister. Da hilft im sozialdemokratischen - wie immer öfters im "richtigen" Menschenleben - anscheinend auch kein Antibiotikum welcher Machart auch immer, um diesen Virus endlich aus dem SPD-Korpus auszutreiben. Die Partei ist schwer mit dem Klammerbeutel gepudert. Sie müsste im Grunde genommen in die Anstalt. Stattdessen sitzt dort seit Jahren ein Herr Gustl Mollath. Der wohl dort gar nicht hingehört. Aber so spielt das Leben. Verkehrte Welt, wie ein Bekannter immer zu sagen pflegt: Die Nase läuft, die Füsse riechen...

1972: Mitfiebern mit "Willy"

Die Politik von Willy Brandt hat mich einst sehr politisiert und für die Sozialdemokratie erwärmt. Obwohl die SPD seinerzeit (geografisch) weit von mir entfernt war. Sie und mich trennte damals der sogenannte "Antifaschistische Schutzwall", auch Mauer bzw. "Eiserner Vorhang" genannt. Meine Sympathien für die SPD und "Willy" flog übergangslos und leicht wie eine Feder darüber hinweg. Noch heute erinnere mich des vom damaligen Oppositionsführer Rainer Barzel (CDU) gegen Willy Brandt im Bundestag eingebrachte sogenannte "Konstruktive Misstrauensvotum" mit Grausen. Als Schüler fieberte ich mit Willy Brandt und seiner SPD mit: Möge der Kelch an beiden vorbeigehen! In den Pausen zwischen den Schulstunden in Sachen ESP (Einführung in die Sozialistische Produktion) unweit des Kraftwerks in Halle-Trotha verfolgte ich an einem winzigen Transistorradio sowjetischer Produktion namens "Cosmos" die Abstimmung im Deutschen Bundestag. Und war heilfroh als der Deutschlandfunk vermeldete, Brandt habe das Misstrauensvotum überstanden. Und heute? Mit wem oder was soll man in der von Gerhard Schröder zum Trümmerhaufen gemachten Partei noch mitfiebern?

2013: Mitfiebern mit einem "Medienprodukt"?

Die SPD-Spitze des Jahres 2012 hat das "Medienprodukt" (Albrecht Müller, NachDenkSeiten) Peer Steinbrück zum künftigen Kanzlerkandidaten ausersehen! Dessen Wahl auf dem entsprechenden SPD-Parteitag dürfte wohl nur noch eine Formalie sein. Mögen die Linken in der SPD noch so mit den von vielen anderen aussichtslosen innerparteilichen Kämpfen eh schon abgeschliffenen Zähnen knirschen. Steinbrück, ein mehrfacher Wahlverlierer, mieser Kavellerist der arroganten Schule - ein Großverdiener in puncto Redehonorare, im Nebenberuf Bundestagsabgeordneter der SPD. Mit der Verlaub, der Mann ist doch alles anderes als ein Sozialdemokrat, sondern ein: Pfff...

Wie viele Menschen würden wohl heute mit einem Peer Steinbrück mitfiebern, wäre dessen politisches Schicksal - mal angenommen - als Bundeskanzler (der er gewiss 2013 nicht werden wird) bedroht, wie einst das von Willy Brandt im Jahre 1972? Man geniert sich schon beide Namen in einem Satze zu schreiben!

SPD ohne kerniges Wahlkampfthema

Aber die Hoffnung stirbt ja zuletzt. Auch wenn wenig davon aufscheint derzeit. Die SPD spielt manchmal ganz gut Opposition. Sigmar Gabriel sagt manches Mal richtige Sachen. Auch Steinmeier tut das. Sogar Peer Steinbrück sagt Richtiges und Wichtiges. Doch: täte er es auch, würde er Kanzler? Die SPD brauchte wie zu Willy Brandt ein kernige Wahlkampfthema. Ein Wahlkampfthema, das die Menschen vom Hocker reisst, weil es sie angeht und täglich umtreigt! Die Sicherung der Gesetzlichen Rente wäre beispielsweise ein solches. Aber greift sie danach? Welch Jammer. Wie dämlich kann eigentlich diese SPD sein? Diese Dämlichkeit wäre nur in einem Falle verständlich: Wenn die Partei gar kein Interesse hätte zu regieren. Beziehungsweise wenn doch, dann nur als Juniorpartner unter Angela Merkel.

Ehrliche Häute in der SPD

Und es stimmt ebenfalls: so manches Herz in der SPD schlägt wacker weiter links. Hut ab! Mag auch die SPD an politischer Dummheit nicht zu übertreffen sein, es gibt Kräfte in ihr, auf die man stolz sein kann. In die man Hoffnung setzen kann. Auch als Nicht-SPDler. Es sind natürlich die anfangs erwähnten rührigen Ortsvereine der SPD, von denen offenbar ein der für Steinbrück Wahlkämpfen wollende Thüringer SPD-Mann Machnig nicht so zu halten scheint, um die SPD zum Siege zu führen. Und es sind Einzelpersonen, Sozialdemokraten, die nicht müde werden, sich ihre ehrliche Haut in der Partei und auch im Bundestag zum Wohle ihrer Partei zu bewahren. Eine dieser Sozialdemokraten ist der Dortmunder Marco Bülow.

Will kein Abnicker sein: Marco Bülow (SPD)

Nicht das erste Mal wollte er - so auch betreffs der Abstimmung zur sogenannten Griechenlandhilfe wieder - kein Abnicker von Regierungsbeschlüssen sein. Bülow hat sogar ein Buch darüber geschrieben. Es heisst "Wir Abnicker - Über Macht und Ohnmacht der Volksvertreter". Folgedessen stimmte er auch diesmal wieder mit Nein.

Marco Bülow schrieb dazu auf seiner Webseite: "Die Bundesregierung will, dass der Bundestag dem Griechenland-Hilfspaket in Höhe von knapp 44 Milliarden Euro zustimmt. Wieder einmal wurden die Abgeordneten über die Thematik in einer indiskutablen Art und Weise in Kenntnis gesetzt. Mittlerweile kann man nur noch zu dem Schluss kommen, dass das Parlament von der Regierung nicht mal ansatzweise informiert wird. Die Abgeordneten, die dies akzeptieren, dürfen nicht damit rechnen, dass sie noch ernstgenommen werden. Das Parlament wird nämlich so zu einer reinen Hilfstruppe der Regierung und verliert den Anspruch, Entscheidungsträger und Zentrum unserer parlamentarischen Demokratie zu sein." Bülow monierte desweiteren den seiner Meinung nach unverantwortbaren Zeitdruck, dem die Bundestagsabgeordneten ausgesetzt gewesen seien:

"Am Mittwoch habe ich zwei deutsch übersetzte Texte erhalten, die 83 Seiten bzw.153 Seiten lang waren. Es ist unmöglich, diese Texte in dieser Woche in der gebotenen Sorgfalt durchzuarbeiten, geschweige denn darüber zu diskutieren und zu einer angemessenen Entscheidung zu kommen. Hier geht es schließlich nicht um Nebensächlichkeiten."

"Wer soll uns in Zukunft noch ernst nehmen?"

Und der Dortmunder Marco Bülow, der bei der kommenden Bundestagswahl abermals für seinen Wahkreis und die SPD antritt, will auch weiter fest bleiben: "Diese Art von Politik werde ich auch zukünftig nicht mehr hinnehmen. Wann werden die Abgeordneten endlich wach und lassen sich solch eine Vorführung nicht mehr bieten? Wer soll uns in Zukunft noch ernst nehmen? Wann beginnen wir endlich, ein Parlament zu sein, welches verantwortungsvoll, eigenständig und transparent zu Beschlüssen kommt?" Die Abstimmung bezeichnet Bülow als "Verhöhnung des Parlaments".

Bitteschön keine Pauschalkritik an der SPD

Ja, so möchte ich schließen, die Frage "Wer hat uns verraten?" darf auch heute noch und immer wieder, solange das nötig ist, gestellt werden. Doch bitteschön nicht pauschal an die Adresse vieler ehrlich gebliebener Häute in den Reihen der ältesten Volkspartei Deutschlands. Diese Sozen sind es, die den sozialdemokratischen Gedanken weiter hochhalten und dafür in der Gesellschaft hart kämpfen, dass dieser eines Tages vielleicht wieder verstärkt zum Zuge kommt. Sie bekommen oft gehörig Prügel dafür. Von der Parteispitze. Und von den Wählern in ihren Wahlkreisen. Denn die Sozialdemokraten gibt es nicht. Es gibt eben entweder echte Sozialdemokraten reinen roten Blutes, oder solche, die sich nur so nennen, aber qua ihrer Taten (an denen wir sie erkennen sollten!) keine sind.

Marco Bülow auf Abgeordnetenwatch: hier

17:34 03.12.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
asansörpress35

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