"Empört euch!" - Stéphane Hessels Anleitung

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Es muss einen doch mehr als nur wurmen. So dachte ich immer wieder in unterschiedlichen Abständen. Und es beunruhigte mich zutiefst: Denn die Abstände, zwischen den Dingen, die mich nun längst nicht mehr nur wurmten, sondern inzwischen vermehrt auf die Palme brachten, begannen sich zu allem Überfluß auch noch zu verringern. Ging es eigentlich den Anderen ebenfalls so? Naja. Schon, dachte ich, aber...

...warum beschlich nicht weitaus mehr Menschen hierzulande das Gefühl, da müsse endlich gegengesteuert werden: man müsse sich wehren? Dagegen wehren nämlich, dass unsere Demokratie, der Rechtsstaat, die Kranken- und Rentenversicherung mehr und mehr ramponiert - ja: diese Errungenschaften in Teilen sogar drohen abgeschafft - zu werden. Warum gibt es nicht mehr "Wutbürger", die zu Mut-Bürgern werden, um sich schützend vor diese Errungenschaften zu stellen und gegen ein Weiter-so protestieren? Menschen, die das auch in der Öffentlichkeit deutlich zeigen. Vielleicht (ein naiver? Einfall), indem sie sich schlicht und einfach ein R ans Revers oder sonstwo hin heften, kleben, pinnen! Ein "R", das dick und fett für Réstistance, für gesellschaftlichen Widerstand - (ein elektrischer Widerstand - ein elektronisches Bauteil - täte es auch) - stünde. Dann kamen die Stuttgart21-Proteste. Und Hoffnung loderte auf. Bei vielen Menschen. Auch außerhalb Stuttgarts. Freilich knatterte so manch Geschütz der meinungsmachenden Presse darob zurück: Die Dagegen-Republik. Allzu durchsichtig. Denn der Protest - und darauf zielt u. a. etwa auch gewiss derjenige der CDU- soll nicht nur lächerlich gemacht sondern böse diffamiert werden.

Von wegen Dagegen-Republik: auf Sachverstand gestützte Nothilfe!

Aber mit Dagegen-Republik hat das (siehe z. B. S21-Proteste) indes nichts zu tun. Denn die "Protestanten" zeigen sich heute nicht selten äußerst gut informiert und, dass sie sachlich wie fachlich durchaus im Bilde und auf der Höhe sind (nicht zuletzt dank des World Wide Web). Auf diese Weise werden von anderen (der Presse, den Medien - der in der letzten Zeit schmählich versagt habenden sogenannten"Vierten Gewalt") ignorierte (oder gar zu angeblich unumgehbaren alternativlosen Erscheinungen umgelogene) aber für alle sicht- und spürbar (man nehme nur einmal den Zustand der Deutschen Bahn) offen zutage liegende Schwach- und Gefahrenstellen in Gesellschaft und System zunehmend kompensierend aufgearbeitet und einer breiten Öffentlichkeit zur Diskussion gestellt. Auch die sich auf Whistleblower stützende Plattform WikiLeaks gehört in diesem Kontext genannt. All das allein kann freilich nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Aber als Nothilfe kann es sehr wohl durchgehen. Und auch in der Zukunft dürften wir ohne diese neuen Formen nicht mehr auskommen.

USA: Alle glauben irgendwie recht zu haben

In den USA etwa dürfte es derartige Informations- und Aktionsinitiative im großen und ganzen schwerer haben als bei uns. Ein US-Schausspieler - mir ist im Moment leider der Name entfallen - erklärte das kürzlich in 3sat-Kulturzeit so: Die großen, die öffentliche Meinung des Landes bestimmenden (und damit stark beeinflussenden) Medien (allen voran das konservative Fox-TV) vermittelten den zusehenden Menschen - egal welcher politischen, religösen oder sonstigen Ausrichtung - durch die Bank allen das Gefühl, dass jede/r für sich recht hat. Was zwar unlogisch ist, im Endeffekt aber funktioniert: Alle fühlten sich in ihrer Überzeugung bestätigt. Das ist nicht nur verrückt, sondern wie die Schüsse auf eine Politikerin der Demokraten zeigten: auch verdammt gefährlich.

Anleitung zur Empörung

Wir, die wir noch nicht so weit - aber vielleicht schon auf den Weg dorthin - sind, sollten uns über die letztlich schwerwiegenden Miß- und Zustände unserer Zeit aufregen. Aber womöglich geht es vielen von uns ebenso wie den - im Gegensatz zu uns (Stichwort: Heißer Herbst der Gewerkschaften) - immerhin dann und wann auf die Barrikaden steigenden Franzosen. Der französische Réstistance-Kämpfer 93- jährige Stéphane Hessel hat nun eine "Anleitung zur Empörung" für die Jugend geschrieben. Diese kam nun bereits in der 11. Auflage heraus. Der 3 Euro teure "Überraschungsbestseller", wie DIE PRESSE, Wien, schreibt, trägt den Titel "Indignez vous!" ("Empört euch!"). Stéphane Hessel erklärt es so: "Die Grundmotivation der Réstistance war die Empörung. Wir, die Veteranen der Widerstandsbewegung, rufen die jüngeren Generationen dazu auf, das Erbe der Réstistance und ihre Ideale zu leben und weiterzugeben. Wir sagen: Nehmt das Steuer in die Hand und empört euch!"

Empören über die "unverschämte Macht" des Geldes und seiner Diener

Der, flapsig ausgedrückt, hallo-wache, 93-jährige Hessel möchte helfen, herauszufinden, worüber man sich empören sollte. Für Frankreich nennt er u. a. die Politik des Möchtegern-Napoleon Nicolas Sarkozy und die Einsparungen bei der Rentenreform. Ebenfalls auf die Palme bringt Hessel die auch die menschenfeindliche Blockade des Gazastreifens. Für Deutschland - wie für Europa und die Welt insgesamt - könnte die Empörung über die "unverschämte" Macht des Geldes und seiner Diener eines der Aufreger und Treibstoff für den Widerstand sein. Ebenso die "Diktatur der Finanzmärkte" und das damit ursächlich in Verbindung stehende immer weiter voran schreitende Aufklaffen der Schere zwischen Armen und Reichen.

Empörung ja, aber...

Brauchen wir Deutsche Hessels "Anleitung zur Empörung"? Ich fürchte entschieden: Ja! Grund zur Empörung besteht allerdings fast tagtäglich in Deutschland. Gemeint ist jedoch keineswegs die regierungsamtliche Empörung. Wie etwa beim Dioxinskandal: Viele Aigner- und anderer Worte, der sicherlich wieder keine kriminelle Machenschaften stoppenden Taten folgen werden.

Nützt sie denn etwas, die Empörung jenseits der Regierung? Bei der SPD offenbar nicht: Beinahe 70 Prozent der Deutschen lehnen die Afghanistan-Krieg ab. Die Gabriel-SPD, offenbar noch immer mit dem Steinmeier-Klammersack gepudert, tut kund, sie will der Verlängerung des "Afghanistan-Einsatzes um ein Jahr zustimmen. Die SPD ist, um es mit einem Wort aus dem letzten Kölner Tatort zu sagen, einfach "wartungsresistent".

Trotzdem möchte man mit Stéphane Hessel in die deutschen Lande rufen: "Empört euch!" Dessen ganz sicher mit Gewinn zu lesende 20-seitige Broschüre kann man sich in den nächsten Tagen kaufen. Heute reicht erstmal das Folgende zum Einstimmen auf's Empören: Um 21.45 Das Erste einschalten. Da läuft die Dokumentation "Der Drückerkönig und die Politik". Sie handelt von AWD-Gründer Carsten Maschmeyer und seinen willigen Helfershelfern in Politik und Wissenschaft. Machmeyer wollte die Austrahlung mithilfe des gewieften Medien-Anwalts Matthias Prinz verhindern. Das scheiterte und stiess auf Empörung bei den ARD-Oberen. Sicher sind Herr Maschmeyer und Veronica Ferres, die mit ihm liiert ist, nun gar not amused darüber und möglicherweise sogar ziemlich empört. Es wird auch die Maschmeyer-Freunde und Helfer ziemlich wurmen..

14:15 12.01.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
asansörpress35

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