asansörpress35
09.09.2012 | 11:22 3

Eugen Drewermann: Mitmenschlichkeit leben

Märchendeutung Die katholische Kirche entzog Dr. Eugen Drewermann im Jahre 1991 die kirchliche Lehrerlaubnis. Ein Verlust für die Kirche. Ein Gewinn für viele Menschen.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied asansörpress35


Eugen Drewermann beim Signieren seiner Bücher; Photo: Autor

Manch aus dem Sinn geratenes bringt sich manchmal scheinbar zufällig wieder in Erinnerung. So erging es mir mit Eugen Drewermann. Ich hatte lange nichts mehr von ihm gehört. Diese Woche hielt der Gesellschaftskritiker und Querdenker Dr. Eugen Drewermann einen Vortrag im wegen seiner Architektur Tortenstück genannten Gebäudeteil des Dortmunder Harenberg City Center. Thema waren diesmal die Märchen der Gebrüder Grimm, die Drewermann (wie manch anders zuvor) unter dem Gesichtspunkt der Mitmenschlichkeit analysierte.

Drewermann fesselte sein Publikum von Anfang an mit seinen Analysen und den von ihm angestellten Vergleichen. Wie immer, versteht sich, in freier Rede. Es ist immer wieder verblüffend, welche Vortragskunst Eugen Drewermann beherrscht. Konzentriert und niemals auch nur eine Sekunde stockend, sorgt er dafür, dass er die Menschen auf seinen Zug der klugen Gedanken mitnimmt. Die Zeiten sind kalt geworden. Drewermann geht es in seinem neuen Werk um Mitmenschlichkeit. Um die Anregung eines neuen Umgangs der Menschen miteinander. Sein aktuelles Buch heißt „Geschichten gelebter Mitmenschlichkeit – oder: wie Gott durch Grimm’sche Märchen geht“ (Patmos, 2012). Um das deutlich zu machen hat sich Drewermann drei Märchen der Gebrüder Grimm als Textgrundlage genommen. Während seines Dortmunder Abends las er aus zwei davon. Um sie dann analysierend auszulegen.

Blick nach Griechenland

Es geschah dies am Donnerstag. Da die EZB-Räte um Ex-Goldman-Sachs-Banker Mario Draghi zwecks Aufkauf von Staatsanleihen angeschlagener Euro-Länder berieten. Just da hatte, so berichtete Drewermann, eine Journalistin gefragt, was er denn in dieser Krise tun würde, hätte er Macht. Drewermann lächelte. Denn das würde nie sein. Die Antwort blieb er dennoch nicht schuldig: Er würde im Falle Griechenland einen Schuldenschnitt, ja sogar einen Schuldenstrich verfügen. Um einem von der Krise und der Troika gebeutelten und malträtierten, bis aufs Blut ausgepressten (auf Jahre hinaus!) Lande wieder auf die Beine zu helfen. Einem Land, so Drewermann, welchen Europa und die Demokratie viel verdanke.

Reiche: Stets von Gier getrieben

Anhand des Märchens „Der Arme und der Reiche“ gelang es Drewermann sehr gut darzustellen, was die Menschen seit ewigen Zeiten an Negativem begleitet: Gier und Neid:

„Der liebe Gott auf Wanderschaft will abends bei einem Reichen einkehren, weil er dem wohl wenig zur Last fällt, aber wird abgewiesen. Der Arme im Haus gegenüber und dessen Frau nehmen ihn freundlich auf, essen mit ihm und bestehen darauf, dass er ihr Bett zum Schlafen nimmt. Morgens gewährt Gott ihnen drei Wünsche, und der Mann wählt Seligkeit, Gesundheit und bekommt noch ein schöneres Haus dazu. Als der Reiche das hört, ärgert er sich. Seine Frau lässt ihn dem Wanderer nachreiten und auch drei Wünsche erbitten. Gott rät ab, doch auf dem Heimweg überlegt er krampfhaft, wie er sich genug wünschen könnte. Dabei stört ihn sein unruhiges Pferd so, dass er es totwünscht. Er läuft mit dem Sattel auf dem Rücken und verwünscht seine Frau, die daheim ist, dass sie auf dem Sattel sein muss […] (Wikipedia)

Und da kommt Drewermann ein weiteres Mal auf Griechenland. Dort sei schon in der Antike bedingungslose Gastfreundschaft allgegenwärtig gewesen. Und Drewermann bemüht dazu auch ein persönliches Erlebnis aus seiner Jugendzeit. Da sei er für wenige D-Mark und per Autostopp nach Griechenand gefahren. Und Gastfreundschaft sei ihm dort in einem winzigen Wagen einer armen Bäuerin widerfahren. Das Erlebnis habe ihn sehr geprägt.

Doch Drewermann malt weder schwarz und weiß, noch prägt er den Märchenfiguren ein Stempel mit "gut" oder "böse" auf: Während der Arme nichts zu verlieren hat, plagt nämlich den Reichen stets die Angst vor dem Verlust des Reichtums. Den er befürchtet zu verlieren. Deshalb ist er auch ein von der Gier Getriebener. Und deshalb ist er wohl dazu verdammt, sich immer noch mehr und noch mehr einzuverleiben. Drewermann hat recht: Es ist dies ein erkennbar sich durch die Jahrhunderte ziehendes Psychogramm des Kapitalismus. Das Märchen eine Metapher dafür. Zustände, wie wir es heute mehr denn je erleben.

Der Kapitalismus mit seiner ihm innewohnenden Gier ist und bleibt unfähig zum Innehalten. Das ist sie wieder, Drewermanns Systemkritik. Drewermann verdeutlichte jedoch, dass die Reichen in diesem von Menschen selbst geschaffenen System dem Zwange unterliegen, menschenfeindlich zu handeln. Dennoch, davon ist Drewermann überzeugt, ist dieses Tun nicht alternativlos. Immer gibt es auch die Möglichkeit innezuhalten, sich von Unmenschlichkeit abzukehren und die Gesellschaft gerechter auszurichten. Menschlichkeit zu leben.

Das Religiöse im Märchen

Das zweite Märchen „Der Schneider im Himmel“ hat ebenfalls mit Mitmenschlichkeit zu tun. Es ist sogar ein Märchen dem eine gewisse Komik, aber auch Tragik innewohnt. Abermals ist die Aufnahme von Fremden und Hilfsbedürftigen Thema. In den ausgewählten Märchen spielen religiöse Figuren („der liebe Gott, „Petrus“ etwa) eine Rolle. Gewiss ist uns das als frühe Leser - oder den vorlesenden Eltern früher als Kinder zuhörend - gar nicht – aufgefallen. Eugen Drewermann animiert uns, diese Märchen vielleicht noch einmal wiederzulesen, sie sozusagen mit anderen Augen zu sehen, um sie neu und Gewinn für unser gegenwärtiges Leben zu entdecken.

Aber wie viel steckt doch in ihnen! Philosophie, Mythologie, Theologie – der Psychologe Drewermann legt immer wieder Märchen – diese scharf sezierend - mit hohem Gewinn für uns Leser tiefenpsychologisch aus. Das ist ein ums andere Mal lehrreich. Es wirkt auf die Leser an keiner Stelle belehrend. Ist aber eingehend. Und es geschieht nicht selten mit Bezug auf das gegenwärtiges Weltgeschehen.

Wie würden wir selbst handeln?

Denn, so Drewermann in Dortmund, wie handelten wir denn selbst? Wenn heute zum Beispiel ein Schwarzafrikaner an unsere Türe klopfte, um nach Hilfe anzusuchen? Wer ließe ihn denn sofort ein? Da ist Misstrauen. Vielleicht auch Angst. Hat er gültige Papiere? Ist er ein Asylant? Darf er sich überhaupt hier aufhalten? Gingen einen nicht solche Fragen durch den Kopf? Müssten wir nicht gleich die Polizei herbeirufen, oder wenigstens die Ausländerbehörde in Kenntnis setzen? Ja, Fremdenfeindlichkeit ist nach wie vor ein Thema. In Deutschland und anderswo. Daran übt Eugen Drewermann Kritik. Zu Recht! Denn, ist es nicht wie im Märchen „Der Arme und der Reiche“? In jedem Hilfesuchenden könnte man Gott entdecken. Sollten wir ihnen deshalb nicht mehr und öfter beistehen? Wie können wir Europäer es zulassen, dass das Mittelmeer Jahr um Jahr mehr zum Grab für Tausende Hilfesuchenden wird, die die die Hoffnung antreibt, im Westen fänden sie eine besseres Leben als in der jammerarmen Heimat?

Ist das wirklich so schwer zu machen, zu was uns Dr. Eugen Drewermanns "Geschichten gelebter Menschlichkeit oder Wie Gott durch Grimmsche Märchen geht", weise anregen wollen? Etwas, an das sich doch von alters her fast alle Menschen gehalten haben und noch heute manche halten. Nämlich so zu handeln wie Drewermanns einstige Wirtin in Griechenland: Gastfreundlich zu einem Fremden und hilfsbereit gegen Arme sein.
Und während des gewinnbringenden Vortrags von Eugen Drewermann beginnt man sich selbst auch an die eignen Nase zu fassen: Wie oft sind wir selbstgerecht, oder erheben uns zu Richtern über andere Mitmenschen. Drewermann erklärte, wie manches dafür seine Ursachen in einer vermeintlichen oder wirklichen Verletzung in frühester Kindheit hat. Manchmal können wir deshalb nicht anders. Und handeln als Erwachsene sogar wie die Kinder. Doch sollten wir es öfters wenigstens versuchen, fremde Schuld – diese zwar nicht gut zu heißen - aber dennoch vergeben. Statt darüber selbstgerecht richtend den Stab zu brechen. Auch das sagte uns Eugen Drewermanns Vortrag in Dortmund: Üben wir uns im ehrlicheren Umgang mit uns selbst, wie auf humorvolle Weise das Märchen vom „Schneider im Himmel“ darlegt.

Wahrer Seelsorger und Querdenker von Format

Dies wie manch anderes verlieren wir zuweilen aus dem Auge. Aber nicht ganz aus dem Sinn. Denn da „wohnt“ es weiter. Neben neu Hinzugekommenen. Entdecken wir es neu. Einer ungeplanten Taxifahrt verdanke ich den erneuten Gang zu Eugen Drewermann. Ich will ihn und seine Schriften nun wieder im Auge behalten. Und ich empfehle es auch den Leserinnen und Lesern. Drewermann ist sich treu geblieben. Nur die gesellschaftlichen Umstände haben sich weiter verschlechtert. Der Mann mit seiner analytischen Begabung und seiner perfekten Wissens- und Erkenntnisvermittlung via freier Rede sowie auch übers gedruckte Wort ist stets auf Neue eine wahre Bereicherung, die begeistert und Kraft auf den weiteren Weg gibt. Eugen Drewermann ist ein erfreulich unprätentiöser Seelsorger, der diesen Begriff wie selten jemand anderer mit Leben erfüllt. Als Theologe, praktizierender Psychotherapeut, als Vortragsredner und Schriftsteller. Und nicht zu vergessen: Als erfreulich tief und über jeden Tellerrand hinaus schürfender Gesellschaftskritiker. Ein Querdenker von Format, von denen unser Land mehr gebrauchen könnte.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (3)

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Ehemaliger Nutzer 09.09.2012 | 13:27

Ob Drewermann eine analytische Begabung ist, sei mal dahingestellt. Jedenfalls ist der Man nicht einfach irgendein Psychotherapeut. Er ist ein Psychoanalytiker...Hätte er sich etwa der transpersonalen Psychologie zugewandt - OK. Aber der Psychoanalyse? Dieser vulgär-biologistischen Trieblehre? Diese passt in der Tat nicht zur katholischen Kirche, auch nicht mit einem Neo-davor. Man muss Spiritualität und Transzendenz wohl für die Sublimierten genitalen Blutdrucks halten, um Drewermanns Lebensweg einleuchtend und die Reaktion der Kirche auf ihn falsch zu finden.