asansörpress35
20.04.2017 | 15:37 44

Im Rubikon sammelt sich die kritische Masse

Gegenöffentlichkeit Eckart Spoo setzte sich für Gegenöffentlichkeit ein. Mit Rubikon ist nun ein Medium mehr in die Öffentlichkeit getreten, das dem entspricht

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied asansörpress35

Der leider bereits verstorbene Journalist Eckart Spoo kritisierte bei einer Veranstaltung in Dortmund den zunehmenden Verfall der Meinungs- und Medienvielfalt in Deutschland. In diesem Zusammenhang wies er auf den Wegfalls konkurrierender Zeitungen, wie etwa in Dortmund (die Westfälische Rundschau bekommt die Lokalseite den Ruhr Nachrichten zugeliefert) hin. Des Weiteren war es dem früheren Redakteur der Frankfurter Rundschau ein Anliegen, den Aufbau einer kritischen Gegenöffentlichkeit jenseits der mächtigen Mainstream-Medien anzuregen. Ihm ging es darum, eine Bewegung von unten anzustoßen, die die Presse kontrolliert und Fragwürdiges auch dokumentiert. Gegebenenfalls müssten eben auch Chefredakteure konfrontiert und zu öffentlichen Veranstaltungen mit Unterstützung der Gewerkschaften zu Diskussionen eingeladen werden. Den Zustand des deutschen Journalismus stufte Spoo als bedenklich und so nicht länger hinnehmbar ein. Dabei bezog der Journalist ausdrücklich auch die öffentlichen-rechtliche Medien in seine Kritik mit ein. Im Internet sah Eckart Spoo durchaus viele Möglichkeit, eine Gegenöffentlichkeit auzubauen und sich sich zu diesem Behufe untereinander zu vernetzen. Dabei war er freilich nicht so naiv zu glauben, den großen Zeitungen und den Fernsehanstalten Paroli bieten zu können.

Unterdessen haben einige kritische und informative Medien im Netz durchaus ihr Publikum gefunden sich etabliert. Ob dies nun Ken FM, weltnetzTV oder die NachDenkSeiten – um stellvertretend nur drei zu nennen - sind. Darüber hinaus gibt es unzählige kleinerer und größere interessanter und auch kritischer Blogs.

Nun ist im April ein neues Medium hinzugetreten: Rubikon.

Selbstverständnis

Alea iacta est — Die Würfel sind gefallen. Für uns alle wie einst für den Urheber der geflügelten Worte, Julius Caesar, beim Überqueren des Grenzflusses: Rubikon. Wir befinden uns auf gefährlichem Terrain und kein Weg führt zurück. Aber anders als Cäsar soll uns der unvermeidliche Marsch nicht zu Bürgerkrieg und der Vernichtung der Republik führen. Denn wir sind weder Feldherren noch Krieger und unsere Waffen sind aus anderem Material. Aus scharfem Verstand, unzerstörbarer Empathie, siedendem Spott und gelegentlich einer leidenschaftlich geschwungenen Keule mit der neonknallbunten Aufschrift 'Moral'!

Möge dieses unser Arsenal dazu beitragen, das Zeitalter der Kriege, des Elends und der "schöpferischen Zerstörung" zugunsten einer extremen Minderheit zu beenden; die verkrusteten Strukturen zu sprengen, die längst keine „Ordnung“ mehr herstellen; die drängenden Probleme unserer Spezies zielführend anzugehen; endlich demokratische Verhältnisse zu schaffen, wo längst keine mehr zu finden sind.

So ist unser Rubikon denn keine weitere Publikation, die lediglich Kritik vorträgt und 'Empörungen aufeinanderstapelt' (Rainer Mausfeld). Im Rubikon sammelt sich die kritische Masse, die erforderlich ist, um tatsächliche Veränderungen herbeizuführen.

Analyse und Kritik der herrschenden Zustände sind Bedingung für eine erfolgreiche Verbesserung der Weltverhältnisse. Der Rubikon leistet dies dank exzellenter Autorinnen und Autoren auf hohem Niveau. Sachlich, präzise und doch getragen von Herzlichkeit, Humor und Phantasie, immer mit dem Anspruch, nicht nur Probleme, sondern auch Alternativen zu benennen.

Denn 'es gibt nichts Gutes, außer man tut es!' (Erich Kästner). Der Rubikon wird deshalb den Scheinwerfer auch auf bereits erfolgreiche Praxen richten. Welche Kämpfe wurden bereits gewonnen – und wie? Wie können wir weitere Siege erringen? Nicht gegeneinander, sondern miteinander.

Trauen Sie sich, aufzustehen. Trauen Sie sich, klar und zuversichtlich zu sein! Lassen Sie uns sicht- und hörbar werden, denn diese Welt und diese Zeit brauchen uns alle, brauchen auch Sie. Überschreiten wir gemeinsam den Rubikon. Denn ob wir es wollen oder nicht: die Würfel sind längst gefallen. Es ist daher an der Zeit, das Spiel selbst in die Hand zu nehmen.“

Die Redaktion

Der Redaktion gehören nebst Jens Wernicke auch Wolf Wetzel, Florian Ernst Kirner alias Prinz Chaos II. und Gaby Weber an.

Ein hochkarätiger Beirat

Rubikon hat einen Beirat. Er besteht aus klugen gesellschaftlich engagierten Personen. Ihm gehören bekannte Namen an: Daniele Ganser, Rainer Mausfeld, Daniela Dahn (WeltnetzTV), Konstantin Wecker (WeltnetzTV), Maren Müller (PropagandaSchau), Karin Leukefeld, Gaby Weber, Hannes Hofbauer, Werner Ruf, Mathias Bröckers (Co-Autor von NachDenkSeiten-Mitarbeiter Paul Schreyer), Walter van Rossum, Jörg Becker, Rainer Roth, Werner Rügemer (NRhZ-Online, Pleisweiler Gespräche), Conrad Schuhler, Winfried Wolf, Jochen Scholz, Mag Wompel u.a.

Eckart Spoo dürfte Gefallen an Rubikon gefunden haben. Und vielleicht wäre er ja persönlich dabei. In der Redaktion oder im Beirat?

(mit Rubikon)

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (44)

wwalkie 20.04.2017 | 17:31

Warum sich die Herausgeber und Autoren in caesaristischem Stolz Rubikon nennen, ist ihr Geheimnis. Das Überschreiten des Flusses durch den "Populisten" Caesar war jedenfalls ein bewusster Schritt in den (Bürger-)Krieg, ein "illegaler Krieg", um mit einem Schweizer Historiker zu sprechen.

Übrigens ist es nach der Darstellung des Althistorikers Christian Mayer wahrscheinlich, dass der Diktator beim Überschreiten des Flüsschens den griechischen Dichter Menander wörtlich zitierte: Der Würfel soll geworfen werden. Er spielte also Risiko.

Noch eine kleine ironische Anmerkung. Im Rubico sammelt sich nicht "die" kritische Masse, sondern es schreiben einige Autoren, die auch bisher in einer Art Zitierkartell verbunden waren. Vielleicht gehen sie ja beim Überschreiten des Flüsschens unter. Obwohl es so tief auch wieder nicht ist.

iDog 20.04.2017 | 19:01

Wahscheinlich kann man das auch ganz anders sehen.

Natürlich hat Cäsar den Rubikon überquert ... but who the fuck cares? Was eher brisant ist, ist dass es heute anscheinend keiner tun will , zumindest natürlich nicht die systemkonformistische Journaille. Es wäre ein zu großes Risiko , das System zu sein und es zu kritisieren? Mit nichten. Denn wir sind alle das System. Aber enden wird es trotzdem müssen . Es ist definitiv dabei zu enden. Was wirklich gefährlich ist, ist das zu ignorieren und so zu tun, als wenn nichts wäre, alles weiter so zu machen, wie man es immer gemacht hat. Damit konsolidiert man natürlich die Illuison, nichts habe sich geändert , nichts würde sich je ändern, aber befördert dabei den Untergang dessen, was man nicht untergehen sehen will. In soferen ist es besser den "Rubikon" in weiser Voraussicht zu überqueren , mehr oder weniger bewusst, besser bewusst ein Risko einzugehen, um wenigstens die Möbel zu retten, wenn das Haus schon nicht zu retten ist.

In sofern ist das Bild vom Rubikon sinnvoll ... und ob es dabei Bürgerkrieg geben wird, hängt allein davon ab wieviele nicht begreifen wollen, dass Neues unvermeidbar ist - man weß das eignetlich seit 1789. Dass dabei die "Republik" untergehen wird , ist indes sicher.

Magda 20.04.2017 | 19:31

So ist unser Rubikon denn keine weitere Publikation, die lediglich Kritik vorträgt und 'Empörungen aufeinanderstapelt' (Rainer Mausfeld).

Genau das tun die aber meistens. Die sind fast alle im "Empörungston", der offensichtlich zum Pflichtmodus gehört.

Werner Rügemer z. B. sehr interessant, obwohl ich nicht alle Fakten kenne, aber im Ton des kompletten Angewidert Seins, dass man keine Lust mehr hat, das zu verfolgen.

@ wwalkie - Noch eine kleine ironische Anmerkung. Im Rubico sammelt sich nicht "die" kritische Masse, sondern es schreiben einige Autoren, die auch bisher in einer Art Zitierkartell verbunden waren. Vielleicht gehen sie ja beim Überschreiten des Flüsschens unter. Obwohl es so tief auch wieder nicht ist.

Das sind doch im Grunde kommunizierende Röhren. Bei den NDS vertun sich sowohl Jens Berger als auch Albrecht Müller , der eine im Bezug auf die Türkei - und musste da auch erheblich zurückrudern. Und Albrecht Müller in seiner Kritik an diesem Marsch der Wissenschaftler, kleidet seine Skepsis in dermaßen pauschales Moralisieren, dass man auch keinen Bock mehr hat, dort nachzulesen.

Die verlieren Leser im Wochentakt und machen nun einen neuen Laden auf. Dass Daniela Dahn da mitmacht, ist bedauerlich, auch bei Konstantin Wecker tuts mir Leid.

iDog 20.04.2017 | 21:39

"Dass Daniela Dahn da mitmacht, ist bedauerlich, auch bei Konstantin Wecker tuts mir Leid."

Irrwitz, dass Ihnen Leid tut , dass andere was sehen und verstehen können , was Sie nicht sehen und verstehen. Versuchen Sie es doch mal mit Selbstmitleid. Vielleicht klappt's dann.

"Die sind fast alle im "Empörungston", der offensichtlich zum Pflichtmodus gehört."

Wer kritisches Denken nicht aktezptiert, muss es wohl Empörung nennen. Was bliebe Ihm sonst?

Wer Empörung nicht versteht, ist nicht tolerant oder kann sich in Ermanglung von Horizionten nicht in anderes Denken hinein versetzen oder dieses nicht historisch zuordnen.

Wer die Form der Kritik kritisiert, ist einer Erwiderung derselben nicht fähig.

Alter Linker 21.04.2017 | 00:21

Ja, ich finde auch dass der Rubikon erstmal ein spannendes Projekt ist. Gegenöffentlichkeit ist eigentlich immer positiv, und um so mehr in der heutigen Medienlandschaft.

Vom liberalen Mainstream abweichende Meinungen und Deutungen sind zwar nicht immer gut oder richtig, sie sind aber als Gegenpol zu der Konformität des Mainstreams trotzdem notwendig.

Und Buntheit, Vielfalt und Diversity finden die Anhänger des liberalen Mainstream doch sonst auch so toll. :)

asansörpress35 21.04.2017 | 09:01

Abgesehen davon, dass im Rubikon sachlich und kompetent Kritik geübt wird. Auch gegen Empörung wäre nichts einzuwenden. Forderte nicht der großartige, leider schon verstorbene, Stéphane Hessel "Empört euch!" Tagtäglich gibt es heute Gründe sich zu empören. - Und, liebe @Magda, was gibt es an der Teilnahme von Daniela Dahn am Rubikon bedauerlich zu finden. Das ist doch eher ein Ausweis, dass der Rubikon in die richtige Richtung geht.

wwalkie 21.04.2017 | 11:00

Noch eine kurze Erklärung, warum mich der Name Rubikon irritiert.

Er gehört historisch eher zum Repertoire der Rechten, deren Heroen dauernd irgendwo einen Rubikon überschritten haben und weiter überschreiten. Noch im letzten Jahr veröffentlichte einer der "Chefideologen" der Neuen Rechten, Karlheinz Weißmann, das Buch "Rubikon. Deutschland vor der Entscheidung". Sein Jünger Götz Kubitschek rezensierte in der "Sezession": Weißmann geht davon aus, dass wir in einer geschichtlichen Phase "beschleunigter Prozesse" stünden und dass die Karten nun neu gemischt würden.

Ganz schön selbstbewusst, die Rubikonüberschreiter. Wer sich also "Rubikon" nennt, sollte schon wissen, dass er sich auf ein Terrain begibt, das schon besetzt ist.

Ich erwarte also nichts Neues. Aber wir werden sehen.

DeadMan 21.04.2017 | 11:56

Wie üblich WWALKIE & Co.

Weil inhaltlich an den bislang erschienenen Texten wohl nichts ernsthaft zu kritisieren ist (aus irgendwie linker Sicht, versteht sich),

so werden formale (Pseudo)Kriterien thematisiert, im Kontext eher surreale Beziehungen und Personen.

Was bei Andre und seinen ebenso skurrilen Querfrontseiten (you know) den qualitativen Inhalt bestimmt.

Ergo: Kritisieren Sie doch mal einen der bislang bei Rubikon erschienenen Artikel; aber bitte inhaltlich!

weinsztein 22.04.2017 | 03:15

"Wer sich also "Rubikon" nennt, sollte schon wissen, dass er sich auf ein Terrain begibt, das schon besetzt ist." Denn der Name "gehört historisch eher zum Repertoire der Rechten". Und: "Im Rubico sammelt sich nicht "die" kritische Masse, sondern es schreiben einige Autoren, die auch bisher in einer Art Zitierkartell verbunden waren."

Lieber wwalkie, bitte enttäuschen Sie mich nicht - das ist doch nicht wirklich Ihre Meinung, oder?

weinsztein 22.04.2017 | 04:19

Komischer Streit hier um „Rubikon — Magazin für die kritische Masse“.

Zum Beirat des Rubikon gehören Autorinnen und Autoren, die -ich kenne nicht alle- ich sehr schätze: Daniele Ganser, Rainer Mausfeld, Daniela Dahn, Konstantin Wecker, Maren Müller, Karin Leukefeld, Gaby Weber, Hannes Hofbauer, Werner Ruf, Mathias Bröcker, Walter van Rossum, Jörg Becker, Rainer Roth, Werner Rügemer, Conrad Schuhler, Winfried Wolf, Jochen Scholz, Mag Wompel und viele andere.

Ich lese gern Artikel im Freitag, bewege mich in der Freitag-Community, kommentiere da linke und "irgendwie linke" Beiträge und ich lese Artikel im Rubikon, die ich oft für pointierter halte.

Na und?

Gut, dass es den Freitag gibt und den Rubikon.

wwalkie 22.04.2017 | 09:03

Es ist früh am Morgen, als wir Aleppo verlassen. Joseph, der mich bei Recherchen in Syrien meist begleitet, steuert sicher und zügig den Wagen durch den morgendlichen Verkehr. Den Soldaten an den zahlreichen Kontrollpunkten reicht meist der Blick auf das Schild „Presse“, das vorne an der Windschutzscheibe klebt, um uns freundlich weiter zu winken. Manch einer liest sich das Schreiben des Informationsministeriums genau durch, blickt dann in den Wagen und sagt: „Eine Deutsche? Herzlich willkommen in Syrien.“

Sorry, lieber Weinzstein, ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie diese Courths-Mahler-Reportage aus Syrien wirklich schätzen. Oder den arg dünnen Beitrag jenes berühmten Schweizer Historikers. Oder das Chaos-Gespräch mit Wecker über Spiritualität und Rebellion und kalte und warme Empathie. Oder den Artikel "Hurra, die Schulpflicht brennt". Oder....oder...oder.

hammerfakt 22.04.2017 | 09:33

"Gut, dass es den Freitag gibt und den Rubikon." kann man (n) doch respektieren oder?

wegen ihrer irgendwie launisch/abschätzigen kommentierung in sachen konstantin wecker und prinz chaos nur zur erinnerung, was diese politisch aufgeweckten anarchisten für ein lebensfrohes büchlein veröffentlicht haben- und völlig gierlos🖒🖒🖒🖒

kostenloser download: Aufruf zur Revolte. Eine Polemik von Konstantin Wecker und Prinz Chaos II

denkzone8 22.04.2017 | 09:55

...völlig gierlos.

michel de montaigne - ist wohl paar jahre her-

wies hin auf lüste, die auf den beifall der anderen zielen:

"die gemütsart, die dem rückzug am heftigsten entgegensteht,

ist der ehrgeiz.

der ruhm und die ruhe sind dinge,

die nicht im selben hause wohnen."

gegen die maß-volle nutzung von einkünften

hatte er nichts einzuwenden, wenn man sich der wechselhaftigkeit des schicksals bewußt bleibt.

- mußte ich mal loswerden, ich zappel-philipp.

DeadMan 22.04.2017 | 10:10

Nach dem entsprechenden Raunen weiter oben wäre es doch nicht zuviel verlangt, wenn WWALKIE nun die Rechten, die Neurechten beim Rubikon gnadenlos entlarvt.

Stattdessen raunt er schon wieder, verwechselt gar die Rubikon-Beiträge mit dem aktuellen, dem mittigen und erkennbar pflegeleichten, irgendwie linken Freitag.

Klar, eine Karin Leukefeld hat ebenso wie Daniela Dahn oder Konstantin Wecker hier nichts (mehr) verloren, ist der Freitag in Gestalt seines Besitzers doch bereits genug geadelt, wäre das -wenn überhaupt- ad personam mal aufzuarbeiten.

DeadMan 22.04.2017 | 10:24

Btw.

so gibt es am Montag (24.04.2017) die IVW-Auflagenzahlen für das erste Quartal 2017 - man darf gespannt sein.

Da meine Halbwertzeit hier mit Sicherheit begrenzt ist, so sein schon mal auf den (weiteren) Blog zu eben diesem Thema verwiesen; an anderer Stelle versteht sich.

Vorab und mit einem etwas anderen Fokus wird dort gerade über Medien und Propaganda im Allgemeinen diskutiert.


Aufhänger sind die ÖR's und deren DVB-T(2).

Moorleiche 22.04.2017 | 10:39

Wenn sich ein toter Mann mit einer Moorleiche austauscht ...

Um Wilber und die Integralen soll es ja hier nicht gehen, da sie nur Aufhänger für einen nicht mal misslungenen, aber eben auch nur Allerweltsartikel waren. Nur soviel: Wilber hat mit Esoterik nicht nur nichts zu tun (es sei denn man gebraucht einen so breiten Esoterikbegriff, dass er beliebig wird – was natürlich zu 90% der Fall ist) sondern vertritt sogar eine explizit antiesoterische Position, wenn man nicht den griechischen Esoterikbegriff unterstellt, sondern den einer (post)modernen (deutschen) Esoterik, wie wir sie in den 1980ern und 90ern erlebt haben. Danach ist die ehemals kräftige, einflussreiche und herzlich wenig aufgearbeitete Welle (Ausnahme vielleicht: Angelika Koller) scheußlich versandet, der Begriff inzwischen völlig tot und zu einem Synonym für irgendwas zwischen Wellness, Alternativmedizin und sogenanntem Hokuspokus geworden.

Dagegen haben sich dann sich aufklärerisch gebärdende, aber eher sektenähnliche Gruppierungen (persönliche Meinung) gestellt, wie GWUP, Brights, Psiram und Teile der ambitionierten Gegenöffentlichkeit wollen da kräftige Kooperationen ausgemacht haben (Stichwort: Markus Fiedler) und damit nun auch für alle erkennbar der Bogen zum Rubikon. Da ist ja mit Daniele Ganser einer im Fadenkreuz der Erwähnten, der von vielen verehrte Rainer Mausfeld möchte über die Machenschaften der systematischen Diskreditierung aufklären und hat mich dabei leider nicht auch nur im Ansatz überzeugen können. Bestimmte Begriffe als „toxisch“ zu bezeichnen und damit zu sperren (= wer die verwendet, outet sich als Schaf, Transatlantiker …) ist ja nun auch nur eine Immunisierung gegen Kritik, auf dann auch noch fragwürdiger Basis, denn Mausfelds Behauptung, wer einen Begriff verwende, kaufe implizit seine dranhängende Bedeutung mit ein, ist ganz einfach falsch, seit Quine und Wittgenstein wissen wir, dass die Bedeutung eines Begriffs in seinem Gebrauch liegt, sprich: man meint mit dem Begriff, was man meint und was das genau ist, muss erfragt werden.

Dann aber, geht mein erster Eindruck vom Rubikon eher in die Richtung von wwalkie. Vieles ist tatsächlich langweilig und schlecht geschrieben (eben „Courths-Mahler-Reportage“ mäßig), bei dem Syrien-Artikel habe ich rausgeklickt, der Adenauer-Artikel hat es auch nicht geschafft, meine Müdigkeitsschwelle zu überleben und ich weiß auch gar nicht, ob man das Schießpulver überhaupt noch mal neu erfinden kann. Formate, die nur Aufmerksamkeit erheischen wollen, sind ja nun schon auf die Spitze getrieben, für die Gegenöffentlichkeit Marke schwarz und weiß, gibt es ja RT und ähnliche Formate und anspruchsvolle Reportagen findet ein bravdummes Schaf wie ich tatsächlich am häufigsten noch bei dem Öffentlich-Rechtlichen, läuft halt nicht Samstags zur besten Sendezeit und wohl tendenziell auch mehr im Radio, aber zu finden ist das schon, wenn man Hochwertiges und abgestandenen Mist nicht unterscheiden kann, ist das zwar ein Problem, das liegt aber zwischen den eigenen Ohren, Stichwort: Medienkompetenz.

Ich bin so ein Multiuser, habe da keinen festen Heimathafen, am ehesten im Radio, mit geilen Features und Interviews in Stundenlänge oder Thementage, aber ansonsten klicke ich auch mal zu Kän ÄffÄm, der mir aber etwas zu angestrengt, schiebt, klicke mich durch die „Leitmedien“, habe mal hier Schimpfe gekriegt, weil ich den Cicero ganz gerne gelesen habe, lese aber auch die hier immer mal wieder verlinkten, linksbunten Produkte, mich muss halt das Thema packen.

Ich sehe das also sportlich, mit dem Rubikon, wenn die gute Artikel haben, warum nicht, nur wie will man ein „irgendwie dagegen“-Format aufziehen, ohne allzu offensichtliche Verschwörtungstheorien (mööööp: toxisch, toxisch, toxisch) und in der Kürze und mit dem Wumms, dass man auch am Ball bleibt. Die Wahrheit über … Artikel sind halt nicht in 13 Minuten Lesezeit zu pressen, dass kann nur oberflächlich bleiben, dabei ist Potential durchaus da, denn meine Lebenserfahrung (bei aktiver Beschäftigung mit diesem und jenem Thema) zeigt mir, dass tatsächlich ein Großteil dessen, was wir zu wissen glauben falsch ist, nur sind diese Bilder nicht in verschwörender Absicht entworfen worden und spielen nicht der Sensationspresse in die Karten. >98% unseres Alltags sind bei vielen Menschen einfach stinklangweilige Routine, da will man wenigstens die Illusion haben, dass alles ganz anders ist, das peppt.

Nur ungewohnt anders, soll‘s dann bitte auch nicht sein, eher erwartbar anders. Und so anders, dass vieles noch mal von Grund auf neu betrachtet wird, das ist den Meisten zu anstrengend und verkauft sich daher vermutlich nicht. Warten wir‘s ab.

Krysztof Daletski 22.04.2017 | 15:01

"Gegenöffentlichkeit" ist vielleicht etwas hochgegriffen, denn ein Massenmedium wird's wohl nicht werden (dazu fehlt eine finanzstarke Marketingmaschinerie im Hintergrund).

Trotzdem sind solche Plattformen sehr wichtig, weil bestimmte Positionen, die einem parteiübergreifenden Konsens widersprechen, in den Konzernmedien weitgehend ausgeblendet werden. Sogar das bloße Widersprechen gegenüber dem von der Regierung verbreiteten "Narrativ" (im Sinne einer einseitigen Interpretation von Vorgängen) kann schon zu einer Ächtungskampagne führen, wie es derzeit bzgl. Michael Lüders passiert.

Da muss es Portale geben, die überhaupt noch Interviews mit solchen "Unberührbaren" führen.

weinsztein 23.04.2017 | 03:39

Sie zitieren aus der Syrien-Reportage von Karin Leukefeld eine Passage, die Sie an den Stil von Courths-Mahler erinnert. Da kennen Sie, anders als ich, Hedwig Courths-Mahler aber schlecht.

Hedwig hätte Karin Leukefeld sich in ihren Fahrer Joseph verlieben lassen, er sich in sie, gefolgt von Irrungen wie Wirrungen, Joseph entpuppt sich als Mann von reichem Adel und am Ende hätten sie geheiratet.

Ich glaube, dass Karin Leukefeld beschreibt, was sie erlebt hat. Das mag Ihnen nicht gefallen wie auch andere Rubikon-Artikel. Aber Ihnen, lieber wwalkie, scheint es eher darum zu gehen, die Zeitschrift Rubikon generell zu diskreditieren. Warum?

In FAZ, TAZ, Süddeutsche, Spiegel, Freitag, Rubikon und in vielen anderen Medien finde ich manche Beiträge, die schlecht recherchiert, grausig doof geschrieben oder aus anderen Gründen völlig daneben sind. Aus meiner Sicht.

Beiträge mancher Autorinnen und Autoren lese ich besonders gern, klicke ich an, andere nicht, ganz nach meinen Vorlieben.

wwalkie 23.04.2017 | 09:25

Aber schööön ist es doch:

Immer wieder schweift der Blick vom Notizblock aus dem Fenster über die endlose Weite. Tiefgrüne Felder und Wiesen, auf denen Frauen in ihren bunten Tüchern und Röcken Kräuter und Salat ernten, ihre Männer oder Söhne werden es später in die Stadt bringen und verkaufen. Hirten, die Kufiyeh um den Kopf geschlungen, treiben Ziegen- und Schafe vor sich her, Jungtiere springen um die gemächlich grasenden Herden herum. Aus der Bäckerei von Sfireh trägt ein Bauer aufrechten Ganges ein großes Paket frischen Brotes davon, Kinder jagen Hühner vor sich her, Kühe suchen den Schatten von Olivenhainen, um sich dort friedlich kauend niederzulassen.

Und dieses Idyll verdanken wir dem syrischen Präsidenten und seinen deutschfreundlichen Soldaten.

Die Joseph-Geschichte, Weinsztein, ist übrigens recht kompliziert. Der ehemalige Touristenführer Joseph ist nämlich verheiratet:-)

Ist aber alles nicht so bedeutend. Nicht am Rubikon, sondern an der Seine findet heute eine wichtige Entscheidung statt. In den WDR-Nachrichten wurde Mélenchon gerade als "ultralinks" eingestuft. Igittigit!

Viele Grüße

Magda 23.04.2017 | 17:53

Das ist ein ganz bösartiger Beitrag von diesem Matthias Burchardt, den Baum da so liebt.

Er moniert "Symbolpolitik", wo es in der Tat um ein symbolisches Aufbegehren geht und nicht um die Verwerfungen in der deutschen Wissenschaft und Lehre.

Heute marschieren in den USA die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, weil Donald Trump massenweise Forschungsmittel kürzt und damit massiv in die Wissenschaftslandschaft eingreift. Der gleiche Burchardt aber

der hier ziemlich massiv gegen Gender und gender studies zu Felde zieht. https://www.rubikon.news/artikel/angriffe-auf-den-gesellschaftlichen-zusammenhalt

Burchardt fantasiert was von akademischem Totentanz. Das ist ein dermaßen zerstörerischer Ton, dass man nicht mal berechtigte Kritiken mehr wahrnimmt.

Bestatter 23.04.2017 | 19:43

Die kritische Gegenöffentlichkeit (wie Rubikon und andere aktiv Kritisierende) kann doch heilfroh sein, dass destruktiv Agierende im Freitag ihr Zuhause gefunden haben. Das Ergebnis ist eindeutig, die Freitag-Community ist am Ende, in die Bedeutungslosigkeit zensiert, Rubikon hat Erfolg.

Die hier den Rubikon Abkanzelnden kennt niemand außerhalb des Freitag. Und das ist auch gut so.

weinsztein 24.04.2017 | 04:46

Warum so spießig? Hedwig Courths-Mahler hätte kein Problem damit gehabt, dass Joseph verheiratet ist. Das gibt dem Roman erst so richtig Zucker. Am Ende kriegen sie sich trotz alledem.

Ich habe etliche Artikel von Karin Leukefeld gelesen und kenne einige ihrer Interviews. Sie ist oft in Syrien, auch zu Kriegszeiten. Sie ist vor Ort. Anders als die meisten und einflussreichen bundesdeutschen Medien, die zur Lage in Syrien aus Kairo berichten oder sich auf Quellen aus England beziehen. Das macht den Unterschied aus, das wissen doch auch Sie, lieber wwalkie.

Ich kommentiere gerne in der Freitag-Community und lese außerdem Beiträge im Rubikon.

Moorleiche 24.04.2017 | 08:27

Danke, für die links.

Schmidt-Salomon ist in der Tat seit Jahren für eine Verflachung des Diskurses, als Vertreter eines mitlerweile überwundenen old school Biologismus und Atheismus bekannt, der in Fragen, die er selbst behandelt (Willensfreiheit) entweder überhaupt nicht auf den Stand der Dinge ist oder wesentliche Postionen bewusst leugnet (Kompatibilismus) und so weiter:

Klassisch dazu: Eine kritische Rezension zu: Michael Schmidt-SalomonJenseits von Gut und Böse Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind(2009) Ulrich Leinhos-Heinke