Konstantin Wecker: Was mal raus musste

Griechenland Konstantin Wecker bringen rechtskonservative Dummköpfe und ins Auge gefasste Privatisierungen von Einrichtungen der griechischen Daseinsvorsorge auf die Palme.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

(Konstantin Wecker während einer Autogrammstunde in der Dortmunder Oper; Photo: Autor)

Söder und Rösler sind stets mit von der Partie. Etwa wenn kübelweise Häme über Griechenland ausgegossen wird. Oder es gerade einmal opportun erscheint gegen den Islam oder sonst etwas zu wettern. Selbst für übelste Hetze sind sie sich diese Herren nicht zu schade. Hauptsache man kann für sich und die Seinen Profit daraus schlagen. Prof. Dr. Heiner Flassbeck, früherer Finanzstaatssekretär unter Oskar Lafontaine und jetziger Chefökonom der UNCTAD, nannte neben anderen diese nur schwer erträglichen Zeitgenossen in einem Text rechtskonservative Dummköpfe. Nicht schlecht getroffen, meine ich. Auch Volker Kauder haut dann und wann mal mit in diese Kerbe.

Man kann gar nicht so viel fressen ...

Und, Flassbeck kennt seine Pappenheimer, einer der da immer wieder seinen ungenießbaren Senf dazu geben muss, ist auch jüngst wieder dabei: CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, der Wadenbeißer aus dem Bayernland. Kürzlich verkündete er - im Grunde ungefragt ungefragt - seine Überzeugung, wonach eben an einem Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone kein Weg vorbei führe. "Ich sehe Griechenland 2013 außerhalb der Euro-Zone", orakelte Dobrindt gegenüber der "Bild am Sonntag". Der Schwester der Bildzeitung, die einer Studie nach gar keine Zeitung, sondern eher ein Geschäftsmodell ist. Der BILD, in der frei nach Oksar Lafontaine nur zwei Sachen stimmen: Das Wetter und die Sportergebnisse. Dobrindt trötet: Nach einem "geordneten Austritt" solle das Land mithilfe eines Marshall-Plans wirtschaftlich wieder aufgebaut werden und dann die Möglichkeit haben, in die Eurozone zurückzukehren. Das werde für die Griechen aber ein langer Weg. Da ist doch wohl ein schlechter Wirtz?! Das Land erst sehenden Auges bis auf die Knochen verarmen lassen, täglich weiter schlecht und kaputt reden und ihm dann mit einem Marshall-Plan wieder auf die Beine helfen? Hetze und Heuchlei in einem. Wie sagte Liebermann einst: Man kann gar nicht so viel fressen wie man kotzen möchte.

Nachrichten verursachen Schnappatmung

Man muss nur die Nachrichten anmachen und etwas über Griechenland hören. Es muss nicht einmal von Dobrindt stammen. Auch was manche Moderatoren im Fernsehen so von sich geben, reicht – für jedenfalls – schon, dass ich auf Schnappatmung umstelle. Diese Arroganz, den medial vervielfältigt nachgeplapperten Unsinn, der uns die Hirne vernebeln soll. Bei den Stammtischen dieser Republik kommt das an. Ich muss aufpassen mit meinem hohen Blutdruck. Aber der Hut geht mir immer öfters hoch. Gegen Letzteres gibt es keine Pillen. Dem Liedermacher Konstantin Wecker ging und geht es wohl ebenso. Was mich nicht wundert. Der ist, was derlei anbetrifft - im besten Sinne - unverbesserlich. Weil er gewohnt ist auch das Herz zum Denken mitzubenutzen. Und ihm Ungerechtigkeit etwas ist, dass er nicht hinzunehmen bereit ist.

Was man unterschreiben kann

Vor Kurzem entdeckte ich auf Facebook eine kleinen, aber wohl notwendig gewordenen, spontanen Ausbruch des Künstlers. Wem das Schicksal Griechenlands nicht egal ist, dürfte diesen Text voll unterschreiben können. Reinsten Gewissens. Oder wollen wir es wirklich auch noch hinnehmen, warten bis „die Akropolis zur Empfangshalle der deutschen Bank mutiert ist“? Ich möchte diesen Beitrag des Leserinnen und Leser der freitag community zur Lektüre empfehlen. Konstantin Wecker stellte mir den Text auf Anfrage freundlicherweise zur Weiterverbreitung zur Verfügung:

Liebe Freunde,

entschuldigt bitte diesen sicherlich sträflich spontanen Beitrag. Und das ist jetzt viel zu unüberlegt, unbedacht,unvorsichtig und meinetwegen auch naiv.
Aber ich höre gerade Nachrichten, und es geht um Griechenland und meine griechischen Freunde, und ich höre zwischen dem üblichen Ökonomiekauderwelsch immer nur: PRIVATISIERUNG.
Ja, vielleicht habe ich nicht differenziert zugehört,

vielleicht habe ich uneinsichtig und von Vorurteilen besessen nur dieses Wort aus dem allgemeinen Gerausche entblättert -
aber ich frage euch jetzt, geht es wirklich nur darum, dieses wunderschöne Land mit seinen wunderbaren Menschen an ein paar reiche Arschlöcher und Konzerne zu verkaufen?
Strände, Post und Hafen, Kunstschätze und Telekommunikation, und so vieles mehr was dem Staat gehört und damit nach meinem Verständnis den Bürgern dieses Staates verscherbeln, damit für immer ein paar Oligarchen das Land besitzen und das Sagen haben gegen Poesie und Anmut, Schönheit und Eigenständigkeit, Herzlichkeit und Gemeinsamkeit?
Bin ich ein unverbesserlicher Altachtundsechziger und hab mir deshalb ein Herz für Menschen und Freiheit, Demokratie und - ja, am Ende eben doch Vernunft - verspielt?
Vielleicht. Aber - ob Söder oder Rösler, Merkel oder Juncker - wie sie auch alle heissen mögen , diese Totengräber einer menschlichen, gerechten und sozialen Gemeinschaft, diese Vasallen der Finanzautisten - ich kann sie nicht mehr ertragen.
Erst wenn die Akropolis zur Empfangshalle der deutschen Bank mutiert ist, geben sie wohl Frieden.
Und das ist einfach nur ekelhaft.
Verzeiht mir. Das musste mal raus
.

(Konstantin Wecker)

19:44 25.08.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
asansörpress35

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