Ohrenkuss im fünfzehnten Jahr - Gratulation!

Magazin-Jubliläum Das Magazin „Ohrenkuss ...da rein, da raus“ erscheint zweimal im Jahr und veröffentlicht ausschließlich Texte, die Menschen mit Down-Syndrom selbst verfasst haben.
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"Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding'', singt die Marschallin im Rosenkavalier, ''wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts, aber dann auf einmal da spürt man nichts als sie". Die dramatische Wahrheit die in diesem wehmütigen Rückblick der Marschallin steckt, spürt man selber wohl erst richtig, wenn man etwas älter ist. "Ohrenkuss", das einzige von Menschen mit Down-Syndrom gemachte Magazin in Deutschland hat weder dieses spezielle Altersstadium erreicht, noch besteht für die Journalisten ein Grund mit Wehmut auf das hinter ihnen liegende zurückzublicken. Im Gegenteil: Sie werden es mit Freude und gewiss auch mit Stolz tun. Vielleicht ist auch ein bisschen Verblüffung dabei. Schließlich war der "Ohrenkuss" zunächst als temporäres Projekt geplant, als es die spätere langjährige Chefredakteurin Katja de Bragança sozusagen aus der Taufe hob. Nun wird der "Ohrenkuss" 15 Jahre jung! Grund für die Redaktion ein Sonderheft herauszugeben. Das Thema: "Zeit". Wieder einmal ist nach intensiver Vorarbeit ein facettenreiches Heft entstanden. Dass das Heft tragende Thema ist nicht zufällig gewählt. Immerhin haben alle "Ohrenkuss"-Journalisten mit Down-Syndrom ein ganz unterschiedliches Zeitgefühl. Weshalb es wohl auch erst am 30. Oktober - zwei Tage verspätet (Thema Zeit!) - herausgekommen ist.

Rund ums Thema "Zeit"

Stichworte im Zusammenhang mit dem Thema "Zeit" sind: Ohrenkuss Zeit, Zeitdruck, Stress, Warten, Pünklichkeit, Vergangenheit, Zukunft, Jahreszeiten, Geburt, Lebenszeit, Sterben, Tod und Wiedergeburt. Apropos Wiedergeburt: Wenn Sie schon immer wissen wollten, als was eine Ameise wiedergeboren werden kann, sind "Ohrenkuss"-Leser mit dem neuen Heft gut beraten. Auch die anderen menschen- und weltbewegenden Themen finden die darin gut beackert vor. Die Herbst-Ausgabe des Magazins „Ohrenkuss ...da rein, da raus“ kann in Auszügen auch online gelesen werden."Hintergründe und Erklärendes zur Entstehung der "Zeit"- Ausgabe", informiert "Ohrenkuss" via Pressemitteilung, finden sich online hier.

Jubliäumsausgabe mit Aqarellen von Gabriele Lutterbeck

Das Foto zeigt Ohrenkuss-Fernkorrespondent Dominic Edler, gemalt von Gabriele Lutterbeck; via Ohrenkuss-Redaktion

Die Jubiläumsausgabe ist wieder rundum Aufsehen erregend. Nicht zuletzt deshalb, weil darin die bestechenden Aquarelle (siehe auch Artikelfoto) der Kölner Künstlerin Gabriele Lutterbeck zu bestaunen sind. Die Kölner Künstlerin hat die Ohrenkuss-Redaktion ein Jahr lang begleitet und bei Redaktionssitzungen und Recherche-Exkursionen viele Fotos gemacht.
Aus den besten Motiven wurden Vorlagen für die Ohrenkuss-Aquarelle. Vier davon sind als limitierte Edition erhältlich. Außergewöhnliche Bilder sind diesmal nicht nur im "Zeit"-Heft zu sehen, sondern auch ab dem 30. November bis zum 9. Dezember in der Ausstellung "As time goes by”. Veranstaltungsort ist der Projektraum b12 in der Baumschulallee 12 in 53115 Bonn. Am 7. Dezember ist dort um 17.00 Uhr außerdem eine Ohrenkuss-Lesung zum Thema "Wie die Zeit vergeht" geplant. Vier Ohrenkuss-Autorinnen und Autoren werden aus ihren Texten lesen. Begleitet werden sie dabei vom Spiel einer keltischen Harfe.

Verblüffende Ein-Sichten

Ohrenkuss-Redakteure haben mit ihren ganz besonderen Blick, der ihnen eigen ist und mittels dessen die Leser des Magazins immer wieder zu verblüffenden Ein-Sichten inspiriert werden, auf die Welt, die Menschen sowie stattgehabte Ereignisse geschaut und sich in einem ein Jahr lang geführtem Logbuch darüber spezielle Gedanken gemacht. So schreibt Julian Göpel über den Gedenktag der Anschläge auf New York und Veronika Hammel am Ende der Ausgabe über das verlorene EM-Halbfinale der deutschen Mannschaft gegen Italien, Zitat: „zerknirscht ratlos Kleinlaut und Enttäust“. Die Ohrenkuss-Redaktion hat die die besten Logbuch-Einträge ausgewählt und neu sortiert. Schließlich verläuft Zeit nicht immer nur linear.

Die Ohrenkuss-Autoren haben sich mit nahezu allen Themen befast, die unmittelbar mit Zeit zu tun haben und ebenso beständig wie unmerklich unser Leben bestimmen. In der Pressemitteilung findet sich Beispiele: So diktiert Marc Lohmann: „Morgens früh aufstehen, dann geht die Zeit langsam, weil ich dann ganz schnell zum Bus muss.“ Und auch Julian Göpel hat die verschiedenen Geschwindigkeiten von Zeit durchschaut. Im Kapitel „Zeitdruck und Stress“ schreibt er:
„Ich habe manchmal Zeitstress bei der Arbeit und heute beim Ohrenkuss. Abends lege ich mich hin – hochleistungschillen.“

Ohrenkuss-Leserinnen und Leser zeigen sich immer wieder frappiert darüber, welche Schlussfolgerungen Ohrenkuss-Autoren aus scheinbar lapidaren Vorgängen und Lebensabläufen ziehen und auf ihre besondere Weise auszudrücken imstande sind. Für Verena Günnel ist

Vergangenheit ein „Gefühl. Und Herzen zu denken“. Und die Zukunft? Julia Bertmann meint: „Zukunft ist, man guckt mit den Augen nach vorne.“ Verena Elisabeth Turin findet im Morgen „die Hoffnung natürlich“. Und Romy Reißenweber sagt selbstbewusst: „Ich nehme mein Leben in die Hand. Ich werde selbständig, Ich bin nicht mehr bei Mamahotel.“

Ohrenkuss ist Gewinner vieler Preise

Das Magazin „Ohrenkuss ...da rein, da raus“ erscheint zweimal im Jahr und veröffentlicht ausschließlich Texte, die Menschen mit Down-Syndrom selbst verfasst haben. Leser von Ohrenkuss könne so direkt daran teilhaben, wie Menschen mit dieser geistigen Behinderung ihre Umgebung wahrnehmen. Und erfahren was sie wirklich denken.

„Ohrenkuss ...da rein, da raus“ hat bereits viele Preise gewonnen, darunter den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland und den Jugendkulturpreis Nordrhein-Westfalen, den Designpreis Deutschland und aktuell den Matthias-Claudius-Preis für soziales Handeln.

Da bleibt einiges zwischen den Ohren hängen

''Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding'', singt die Marschallin im Rosenkavalier. Das walte Hugo! Der "Ohrenkuss" ist schon 15! Schon? Erst! Also quasi ein Halbstarker? Vonwegen: Der "Ohrenkuss" ist verdammt stark. Und das in jeder Hinsicht! Da rein, da raus? Für die Leserinnen und Leser das einzigartigen Magazins stimmt das ganz und gar nicht: Nach der Lektüre von Ohrenkuss bleibt so einiges zwischen beiden Ohren hängen. - Gratulation, weiter so!

13:04 06.11.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
asansörpress35

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