Schizophren?

ARD-Deutschlandtrend 66 Prozent der Deutschen wollen eine Große Koalition. Eine Mehrzahl der Befragten unterstützt aber inhaltlich vor allem die Forderungen von SPD, LINKEn und Grünen.
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Mööööh, mööööh, mööööhh. Manchmal bin ich versucht aus deren Verhalten zu schlussfolgern, die Deutschen verhielten sich in ihrer Mehrzahl oftmals wie die Lämmer. Die Deutschen, ein Volk von (vielen) Lämmern und (wenigen) Denkern? Na ja: Tiervergleiche sind ja stets problematisch. Beispielsweise, wenn man einen Menschen als "dummes Schwein" bezeichnet. Vonwegen! Schweine gelten vielmehr als sehr intelligent. Und sie sollen ein sehr gutes Gedächtnis haben. Aber dennoch: Es könnte einem ja ob des Verhaltens der Deutschen manches Mal doch der Vergleich mit Lämmern in den Kopf kommen.

Wählen gegen eigene Interessen

Vor allem in den vielen Fällen, in denen sie in hoher Prozentzahl gemessen einem bestimmten Trend, einer meist von anderen (Mainstream-Medien, Politikern) vorgegebenen (gemachten) Meinung, hinterdrein laufen. Offenbar ohne diesen Trend zuvor auch nur Geringsten hinterfragt zu haben. Schweine mögen ein gutes Gedächtnis haben. Von Menschen, respektive den Deutschen, kann das kaum behauptet werden. Oder warum wählen sie immer wieder politische Parteien, die zumindest den eigenen Interessen widersprechen? Ja, vielen von ihnen sogar Schaden bringen. Mööööh, mööööh! Warum ertönt Weshalb nur ertönt von den deutschen Couchen stattdessen nicht öfters ein lautes und deutliches "Nöööhööö!"?

Ein Verdacht

Ach, wenn es doch nur so einfach wäre! Die Deutschen, diverse Umfragen geben das her, machen gar nicht mal selten neben dem fragwürdigen Trends und bedenklichen politischen Entscheidungen unkritisch zustimmendem "Möööh" auch ein ablehnendes "Nööhöö". Wenn beide Bekundungen in Beziehung mit ein und der selben Politik bzw. den Personen, die sie zu verantworten haben, stehen, nährt das den Verdacht, die Deutschen seien möglicherweise schizophren.

Der Kabarettist Volker Pispers brachte das in seinen Programmen schön öfters auf den Punkt: "Die Mehrheit der Deutschen will einen gesetzlichen Mindestlohn, die Mehrheit der Deutschen wählt Angela Merkel. Wahrscheinlich sind das die selben Leute." Ebenso stellte Pispers zutreffend fest, dass die Deutschen in großer Mehrheit gegen den Afghanistan-Krieg ist, aber zu fast gleicher Prozentzahl die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel gut finden. Verstehe einer die Deutschen!

Große Koalition mit Politik von SPD, Linkspartei und Grünen?

etzt kam der aktuelle ARD-DEUTSCHLANDTREND heraus. Demnach wollen zwei Drittel "der Deutschen" die Große Koalition.

Beachtliche 66 Prozent der Deutschen seien, verkündigt Jörg Schönenborn, für eine Große Koalition im Bund. Weiter: "Inhaltlich unterstützt die Mehrzahl der Befragten im ARD-DeutschlandTrend aber vor allem Forderungen von SPD, Linkspartei und Grünen." Wenn das nicht tatsächlich schizophren ist!

Laut ARD-DEUTSCHLANDTREND bewerten "66 Prozent der Befragten (...) dieses Bündnis als "sehr gut" oder "gut für das Land".

Trügerischer Glaube

Wahrscheinlich verbindet der Deutsche mit einer Großen Koalition die Hoffnung auf Stabilität und glaubt daran, die brächte so etwas wie Ruhe in den Karton. Na, mit dem Glauben ist das ja bekanntlich so eine Sache!

Eben jener Glaube könnte trügen. Regierten letztlich tatsächlich Union und SPD das Land in einer Großen Koaltion, hätten wir nun zwar nicht gleich eine Art Diktatur - aber wünschen sollten wir uns das eigentlich im Sinne einer lebendigen und vor allem funktionierenden Demokratie nicht. Die Regierung hätte dann nämlich eine überwältigende (um nicht beängstigende zu schreiben) Mehrheit. Die Opposition wäre denkbar schwach. Nicht einmal einen Untersuchungsausschuss könnte sie ohne Stimmen aus den Regierungsfraktionen bilden. Aber bedenken das die Deutschen? Schenkt man den Umfragen Glauben: Nein!

Besser die SPD bliebe abstinent

Ich persönlich hielte es für gut, wenn die SPD nicht mit der Union in eine Große Koalition ginge. Die Opposition wäre gestärkt. Und die SPD hätte vier Jahre Zeit, sich endlich mal auf den Hosenboden zu setzen, um sich neu zu besinnen. Sprich: um wieder sozialdemokratisch zu werden. Sonst gnade der hunderfünfzig Jahre alten, auf finstere Ab- und Holzwege geratenen Tante Gott!

Und Angela Merkel? An Tagen wie diesen fielen ihr da wohl die Mundwinkel nach unten. Erst recht wenn es auch nicht mit den Grünen klappt. Dann müsste sie sich eben wechselnde Mehrheit suchen, wenn sie denn regieren will. Aber, wir kennen sie!, viel lieber agiert sie ja. Ob Neuwahlen eine Lösung wäre ist fraglich.

Womöglich kämen dann die Pappnasen von der FDP wieder in den Bundestag oder die teils für's Bräunliche empfänglichen Eurokritiker von der AfD. Nein, danke!

Weiterwurschteln?

Oder wie wär's mit Weiterwurschteln? Erinnern wir uns: Das Nachbarland Belgien blieb einmal quasi lange 254 Tage ohne Regierung. Und ist das Königreich untergegangen? Dagegen beschloss eine dann endlich ins Amt gekommene Regierung sogleich einige soziale Grausamkeiten.

Ja, ich weiß, das geht bei uns nicht. Deutschland ist ja ein so wichtiger Staat innerhalb der EU. Alles blickt auf uns. Der EU fehlte ja dann die Führung! Obgleich, bin ich versucht ein wenig ketzerisch zu denken: einige Staaten im Süden Europas, die unter den Folgen der ihnen von Merkel aufgezwungenen Austeritätspolitik bitter leiden, würden womöglich aufatmen. Und bekämen die Chance sich zu erholen!

Vielleicht bestünde dann mit ein bisschen Druck von der Opposition im Bundestag doch noch eine Möglichkeit, das Gefährt EU kurz vor der Kollision mit der Wand, auf die wir nicht zuletzt durch den von Angela Merkel programmierten Kurs zusteuern, noch rechtzeitig abzustoppen.

Aber wollen das die Deutschen?

Offenkundig nein. "Zwei Drittel" der Deutschen tut der "Herr der Zahlen", Jörg Schönenborn kund um zu wissen, sind für eine Große Koalition. Aber woher weiß das der WDR-Mann überhaupt?

Mich hat niemand gefragt. Sie? Aber, es ist eben der Trend, stupid! Und der wird den Deutschen (so der Gedanke nicht schon in ihnen zuhause war) eben von den Meinungsmachern dieser Republik eingeschrieben und via elektronischer Medien ordentlich ein- und eingetrichtert.

Und dann sitzt der Deutsche halt auf der Couch vorm Flachbildfernseher und macht unkritisch "Mööööh" dazu, um dann in die Chipstüte zu greifen und wenig später weiter zu zappen. Daran, dass die dann agierenden Parteien schon einmal ziemlich Mist verzapft haben denkt der deutsche Michel und seine Micheline nicht. Schließlich haben wir es in diesem Falle mit Menschen und nicht mit Schweinen, denen nachgesagt wird, sie seien intelligent, zu tun. Aber, wie bereits bemerkt: Mit Tiervergleichen ist es bekanntlich so eine Sache.

Fällt die SPD nicht wieder um, wenn man ihr die Instrumente zeigt?

Der Volksmund sagt: Jeder ist seines Glückes Schmied. Und Brecht notierte: "„Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber.“ Beides sollte auch die SPD sich durch den hunderfünfzigjährgien Kopf gehen lassen. Wird sie widerstehen können? Wird sie einer Großen Koalition eine klare Absage erteilen? Na, Zweifel sind angebracht. Man kennt ja seine Pappenheimerinnen und Pappenheimer!

Werden die Genossen nicht letztlich doch noch umfallen, wenn ihnen, von der Union und den staatstragenden Mainstream-Medien die Instumente gezeigt werden? Wer von der SPD will schon als vaterlandsloser Geselle gelten? Das hat schon in früheren Zeiten gezogen: Im August 1914 hat die Reichstagsfraktion der SPD ihre Zustimmung zu den Kriegskrediten gegeben. Der rechte Flügel der SPD war dabei der treibende Kern. Dieser Flügel ist auch heute noch sehr stark.

Und heute? Da geht es ja nicht nur um Deutschland, sondern auch Europa! Und wenn man für's Umfallen ein paar Ministerpöstchen kriegt? Warten wir es ab. Noch ist nicht aller Tage Abend.

DieDeutschen gibt es nicht

Die Deutschen also ein Land (vieler) Lämmer und (weniger) Denker? Nun, das behaupten wäre gewiss sehr arrogant und ungerecht den Deutschen gegenüber, die schon ihren Hirnskasten bemühen und nicht unkritisch vor sich hin möhend auf der Couch vor der Plattscheibe sitzen. Vielleicht kann das beruhigen: Die Deutschen gibt es ja so gar nicht. Wie es auch den Deutschen, dem es laut Merkel und Co. angeblich gut geht pauschal nicht gibt. Deutschland geht es gut, wird Merkel nicht müde zu blubbern. Da muss man schon genauer hingucken.

Mir fällt betreffs derartiger Pauschalierungen immer der verstorbene große Theatermann George Tabori ein. Er erzählte einmal, wie er in seiner Kindheit einmal aus der Schule heimkam und zu seinem Vater sagte, er habe gelernt, dass alle Rumänen schwul seien. Woraufhin dieser ihm eine Ohrfeige verabreichte und seinen Sohn belehrte: Erstens seien nicht alle Rumänen schwul. Und zweitens, wäre es nicht schlimm, wenn alle es seien, und drittens, so etwas wie „die Rumänen“ gebe es nicht. Die Wirkung der väterlichen Ohrfeige samt damit verbundene Belehrung hielt bei George Tabori ein Leben lang an und bewahrte ihn sicher vor Vorurteilen.

Die Deutschen kein einfacher Fall

Dessen eingedenk sollten wir dem jüngsten Deutschlandtrend , wonach zwei Drittel der Deutschen eine Große Koalition präferieren, gleichzeitig die Befragten jedoch mehrheitlich die Forderungen von SPD, Linkspartei und Grünen umgesetzt sehen möchten, vielleicht mit kühler Gelassenheit begegnen. Leidet der der für Umfragen in Anspruch genommene Deutsche nicht doch an Schizophrenie? Gehört er aus diesem Grunde nicht also auf die Couch des Psychiaters? Aber sitzt der nicht schon bräsig auf selbiger und knabbert, sich durch das TV-Programm zappend, Chips? Verrückt!

Die Deutschen sind eben kein einfacher Fall. Obwohl es sie nach Tabori ja so pauschal ja nicht geben dürfte.

Aber, Entschuldigung Vater Tabori, schlimm wäre es in diesem speziellen Falle schon, zumindest aber sehr bedenklich, wenn alle Deutschen für eine Große Koalition seien. Was ja aber erfreulicherweise nicht der Fall ist. Es wird nur versucht das dem Publikum weis zu machen. Und das wiederum macht sich die Welt widdewidde sie ihm gefällt ...

15:24 11.10.2013
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Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
asansörpress35

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