Vom Staat gedeckter Terror?

Gladio-Geheimarmeen Im Kalten Krieg sollten sogenannte Stay-Behind-Netzwerke bei eventuellen sowjetischen Invasionen eine “Volksbefreiungsbewegung” mimen. Liefen die aus dem Ruder?
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Die Gladio-Netzwerke existierten von 1950 bis in die 1990er Jahre. Auch in der BRD. Ein Prozess um die “Bommeleeär-Anschläge” in Luxemburg wirft derzeit ein trübes Licht auf den Oktoberfestanschlag 1980 in München. Ein deutscher Zeuge im Luxemburger Prozess hat ausgesagt, dass sein Vater für den Münchener Anschlag unmittelbar Verantwortung trug.

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Besonders perfide: Terror im Auftrag staatlicher Organe; Foto: Gerd Altmann via Pixelio.de

Die westlichen Staaten dürften noch so manch Leiche aus Zeiten des Kalten Krieges in ihren Kellern haben. Dazu gehört auch die BRD. Denn der Westteil Deutschlands war bekanntliche bis 1990 Frontstaat. Er grenzte unmittelbar an Mitgliedsländer des Warschauer Vertrages (CSSR und DDR). Da rieben sich sozusagen die Systeme. NATO-Länder und Staaten des Warschauer Vertrages standen sich bis an die Zähne bewaffnet gegenüber. Und beäugten sich argwöhnisch. Und ob nun tatsächlich berechtigt oder einem Verfolgungswahn erlegen: Der Westen, voran die BRD, rechneten ständig damit, dass die Russen kommen.

Gladio-Netzwerke sollten nach einer möglichen sowjetischen Invasion Sabotageakte durchführen

Wie auch immer: Für den Fall einer sowjetischen Invasion trafen westeuropäische Staaten Vorsorge. Sogenannte Stay-behind-Organisationen wurden installiert. Und zwar geschah das unter Federführung der NATO, der CIA und des britischen Geheimdienstes MI6. Die paramilitärischen geheimen Gruppen firmierten unter der Bezeichnung “Gladio” (ital., von lat. gladiusSchwert“). Gladio war zunächst nur der Namen des italienischen Zweiges dieser Geheimarmeen. Erfolgte eine sowjetische Invastion, oder übernähmen in westeuropäischen Ländern gar per Wahl an die Macht gekommene Kommunisten (in Italien “drohte” dieser Fall), sollten die Gladio-Gruppen (deren Mitglieder waren nichts anderes als Terroristen im Auftrage des Staates) Guerillaoperationen und Sabotageakte durchführen. Gladio sollte eine “Volksbefreiungsbewegung” initieren. Betreffs Italiens erscheinen heute bestimmte Bombenattentate (auf den Bahnhof in Bologna etwa, die man dann bevorzugt linken Gruppen in die Schuhe zu schieben pflegte) vor dem Hintergrund der Existenz von “Gladio” in ganz anderem Licht.

Auch in der BRD muss es ein solches Stay-Behind-Netzwerk gegeben haben. Und wir dürfen davon ausgehen, dass Westdeutschland (auch wenn gewisse Kreise sicher ein Interesse daran hatten), dass Bonn, kaum bis kein Einfluss auf das Gladio-Netzwerk nehmen konnte. Schließlich war die BRD dazu gar nicht souverän genug dazu. Die USA, respektive der CIA, bestimmten mit hoher Wahrscheinlichkeit über das Stay-Behind-Netzwerk.

Gladio-Netzwerke agierten von 1950 bis in die 1990er Jahre

Die Staatsterrorgruppen standen von etwa 1950 bis mindestens 1990 offenbar nicht nur Gewehr bei Fuß. Die Organisation arbeitete in Westeuropa, Griechenland und der Türkei (Lesen Sie dazu dazu einen Artikel der RE/Istanbul Post). Im fragwürdigen Auftrag von Geheimdienste agierten wohl gar nicht selten rechtsextrem eingestellte Gladio-Mitglieder.

In Italien kam im Jahre 1990 die “Leiche” Gladio aus dem Keller ans Licht. Die Europäische Union hat im selben Jahr das Vorgehen der beteiligten Geheimdienste verurteilt und ihre Mitgliedsstaaten dazu aufgefordert die Mitgliedsstaaten für Aufklärung zu sorgen. Dass dies in genügender Weise geschehen ist, muss bezweifelt werden. Die NATO lehnte damals nach der Aufdeckung von Gladio jegliche Stellungnahme ab. In Deutschland soll ein derartiges Stay-Behind-Netzwerk angeblich um 1992 herum abgeschaltet worden sein.

Steht das Attentat auf das Münchner Oktoberfest im Jahr 1980 im Zusammenhang mit Gladio?

Längst erscheint auch das Bombenattentat auf das Münchner Oktoberfest im Jahr 1980 rückblickend in ganz anderem, düsterem, Licht. Die These vom angeblichen Einzeltäter (Gundolf Köhler kam beim Anschlag selbst ums Leben) war höchstwahrscheinlich eine Nebelkerze. Allzu rasch war der Fall damals abgeschlossen worden. Dazu gibt es eine TV-Dokumentation (hier). Darin werden einige Ungereimtheiten offenbar.

Das Oktoberfest-Attentat und Morde in anderen westeuropäischen Ländern könnten gewissermaßen auch sogenannte “nasse Sachen” gewesen sein, in die verschiedene Geheimdienste involviert gewesen sind.

Die “Bommeleeër-Anschläge” – Ein Jahrhundertprozess in Luxemburg

Hinweise darauf, dass auch das Oktoberfest-Attentat eine “nasse Sache” (wie im Geheimdienstjargon Aktionen abseits des Rechts bezeichnet werden) gewesen sein könnte, geben auch die Aussagen des Deutschen A. Kramer vor einem Gericht in Luxemburg. Dort findet derzeit nämlich – von deutschen Medien merkwürdigerweise fast unbeachtet – ein Jahrhundertprozess in Sachen “Bommeleeër-Anschläge” statt. In den 1980er Jahren wurden in Luxemburg Anschläge auf Strommasten, Schwimmbäder und Gasstationen verübt, die dabei gesprengt wurden. Die Attentate hörten schließlich plötzlich abrupt auf. Steckten Geheimdienste dahinter? Der sonst so joviale luxemburgische Premier Jean-Claude Juncker äußert sich nicht in dem Fall. Er wird wissen warum.

Der deutsche Zeuge im luxemburgischen Jahrhundertprozess, Andreas Kramer, ist da redseliger. Gerichtlich vereidigt sagte er im Luxemburger Prozess aus, dass sein Vater, ein Bundeswehroffizier, nicht nur Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND)war, sondern darüberhinaus auch in das Gladio-Netzwerk der NATO-Geheimarmeen eingebunden gewesen sein müsse. Aus den Aussagen Kramers lässt sich schließen, dass Kramers Vater für das Attentat auf das Münchner Oktoberfest im Jahre 1980 verantwortlich gewesen war. Kürzlich brachte dazu 3sat-Kulturzeit einen Bericht Berliner Filmemacher (hier zu sehen via Mediathek) dazu. Andreas Kramer gab der Münchner Abendzeitung ein Interview, sowie der taz ein weiteres Interview zu dem Fall.

Die seinerzeitige offizielle Darstellung des Oktoberfestanschlages, die man längst schon anzweifeln musste, ist nach Andreas Kramer ein Märchen. Er, der einst sein Vater auf der Dienststelle besuchte, wo dieser nur ein unscheinbares Büro hatte, hält das Oktoberfest-Attentat für einen Terrorakt. Und zwar für eine gezielte und lange vorbereitete Aktion des Bundesnachrichtendienstes, für den sein Vater gearbeitet hat. Kramer in einem der Interviews: “Das geschah nicht nur mit Billigung, sondern im Auftrag höchster Militär- und Geheimdienstkreise.”

Was die “Bommeleeër-Anschläge” in Luxemburg angeht, kommen Luxemburger Journalisten sowie der Anwalt zweier wegen des Vorwurfs der Erpressung des staatlichen Stromkonzerns angeklagter Polizisten, Gaston Vogel, vor dem Hintergrund aufgelisteter Indizien zu der Annahme, dass die Täter nicht einfache Kriminelle waren. Sie nehmen an, dass eine militärische Organisation dahinter gesteckt hat.

Staatsterrorismus

Diese Fälle sind nur zwei Leichen aus den Kellern des Kalten Krieges. Wie viele mögen dort noch liegen? Unumwunden: Die demokratischen westeuropäischen Rechtsstaaten, die immer so gern und auch berechtigt auf Schweinereien in anderen nichtdemokratischen Ländern jahrzehntelang zeigten, haben selbst einen gewaltigen Klumpen Dreck am Stecken. Und den schleppen sie mit sich. Die Installation – und erst Recht: der Betrieb des Gladio-Netzwerkes (bis in der 1990er Jahre hinein!) auch hierzulande ist kein Ruhmesblatt demokratischer Rechtsstaaten. Auch dann nicht, wenn man sich damit herausreden wird, man habe ja die “Freie Welt” gegen die wohl irgendwann kommenden bösen Russen (wie man damals glaubte) verteidigen wollen. Leichen im Keller kommen hin und wieder ans Tageslicht. Und dann riecht es recht streng. Stay-Behind-Netzwerke wie Gladio sind mit einem demokratischen Rechtsstaat unvereinbar. Taten, die von meist auch noch rechtsextremen Mitgliedern dieser Geheimarmeen – wo auch immer- begangen haben, sind nichts anderes als Terror im Auftrag des Staates. Staatsterrorismus, der durch nichts zu rechtfertigen ist. Wenn man an Gladio denkt, kommt einem irgendwann auch der mordende NSU und dann besonders das “Versagen” staatlicher, hauptsächlich geheimdienstlich arbeitender Stellen, hinsichtlich der Aufklärung der Mordfälle in den Sinn. Denkt man beides zusammen, kann es einem ziemlich mulmig zumute werden.

Hier noch eine Dokumentation der BBC zum Thema “Gladio”.

13:42 12.05.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
asansörpress35

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