Wider deutschem Michel und russischem Durak

Empörung+Engagement Gründe sich zu empören häufen sich. Doch wo bleibt die Empörung, wo das Engagement gegen zunehmendes Unrecht und Demokratiebedrohung im Sinne Stéphane Hessels?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Gründe sich aufzuregen gibt es seit Jahren zuhauf. Und deren werden keinesfalls weniger. Ganz im Gegenteil. Persönlich versuche ich seit einiger Zeit diesen nicht nur anscheinend immer zahlreicher werdenden Empörungsgründen und den damit nahezu jeder Zeit möglich werdender explosionsartig auftretenden Schnappatmungsanfällen mit vorbeugendem Durchatmen präventiv entgegenzutreten. Ratsam bei Bluthochdruck. Einmal gelingt es. Ein nächstes Mal nicht. So ist das Leben.

"Empört euch!"

"Empört euch!", schrieb uns der verstorbene Stéphane Hessel vermittels seiner inzwischen millionenfach verkauften Streitschrift gleichem Titels ins Gewissen ein. Mit Empören meinte er nicht Meckern. Die Kraft der Empörung wollte der einstige Résistance-Kämpfer Hessel gern umgewandelt in den seiner Meinung nach dringend notwendigen Widerstand gegen die Ungerechtigkeiten von Heute wissen: "Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen." Stéphane Hessel ging von seiner eignen Geschichte aus. Auf Seite 9 seines Büchleins schreibt er: "Das Grundmotiv der Résistance war die Empörung." (...) Demzufolge erwuchs der Widerstand gegen die nazideutschen Besatzer Frankreichs aus dieser Empörung. Weiter steht auf Seite 9 von "Empört euch!": "Wir, die Veteranen der Widerstandsbewegungen und der Kampfgruppen des Freien Frankreich, rufen die Jungen auf, das geistige und moralische Erbe der Résistance, ihre Ideale mit neuem Leben zu erfüllen und weiterzugeben. Mischt euch ein, empört euch! (...)

„Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“

Und tatsächlich: Diese Empörung flammte auf. Auch Widerstand erwuchs daraus und wurde geleistet. Etwa seitens der weltweiten Occupy-Bewegung oder der so genannten "Arabischen Revolution". Aber wir wissen unterdessen auch, dass Occupy an Kraft verloren und die "Arabische Revolution" Rückschläge erlebte. Niederlagen in derartigen Kämpfen sind in der Geschichte nichts, das ungewöhnlich wäre. Schließlich gilt: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Gleichgültig ob der Spruch nun von Bertold Brecht oder von Rosa Luxemburg stammt, wie manche meinen.

Die Empörung der Deutschen - wo bleibt sie?

Betrachten wir aber einmal wie es um die Empörung in Deutschland bestellt ist. Gründe, schrieb ich hier eingangs, gibt es zuhauf. Müsste dann nicht auch die jeweilige Empörung entsprechend hoch sein? Wie es den Anschein hat, ist das aber mitnichten so. Stattdessen verkündigen man uns aus Politikermündern und via führender Meinungsmacher der eingschlägigen Mainstream-Medien, "Deutschland", sogar noch frecher und anmaßender, wie ich finde, "uns" gehe es gut. "Uns"? Und als die Finanzkrise nach Darstellung des damaligen Finanzminister Peer Steinbrück wie ein "Springteufel" über uns gekommen war, verstieg sich Bundeskanzlerin Angela Merkel dazu, uns den Vorwurf zu machen "wir" hätten über unsere Verhältnisse gelebt. Wenn da nicht Empörung angesagt gewesen wär! Nun, es gab sie schon. Nur eben nicht flächendeckend. Schon gar nicht in nennenswerter Zahl aus den Reihen des Volks.

Empörungsgründe

Sozialabbau in Größenordnungen, Hartz-IV-Unrecht, das zunehmende Aufgehen der Schere zwischen Arm und Reich hierzulande, drohende bzw. schon vorhandene Rentenarmut, ein Pflegenotstand mit Ankündigung, Abbau von Demokratie, der ausufernde Überwachunsstaat, das Privatisieren öffentlicher Daseinsvorsorge, Steuerungerechtigkeit etc. All das sind gewiss Gründe um sich zu empören und im Einzelfall Widerstand zu leisten. Doch geschieht das? Ja, muss man sagen - jedoch nur mehr oder weniger (zu) unbedeutend. Auch die Ursachen dafür sind bekannt: Stigmatisiert, gedemütigt und diskriminiert (wie etwa die "Hartzer") haben sich viele in ihr persönliches Schneckenhaus, in Nischen, so man sie ihnen überhaupt noch belassen hat, zurückgezogen. Für sie - so dürften viele von ihnen denken - wird sowieso niemand auch nur eine Hand rühren. Bestimmte Politiker schon gar nicht. Also übt man sich u.a. in Wahlverweigerung.

Empörung auf Deutsch

Doch was ist mit den Mitmenschen, die noch halbwegs ordentlich bezahlte Arbeitsplätze haben? Müssten die sich nicht empören? Auf wen das Folgende nicht zutrifft, möge folgende Textstelle überlesen. Ja, es gibt reichlich Empörung in deutschen Landen. Empört wird sich, wenn die Benzinpreise wieder einmal steigen, wenn der heimische Fußballverein versagt hat, wenn die Grünen einen Veggie-Day in der Woche vorschlagen, über Rauchverbote und Forderungen nach Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen. Die Liste könnte fortgesetzt werden. Warum aber, frage ich mich, findet dagegen so gut wie keine Empörung über grundsätzliche Unmöglichkeiten und Ungerechtigkeiten statt. Etwa über die Diktatur der Finanzmärkte, die mit eisernen Hand ganze Regierungen wie Marionetten zu ihren Zwecken zappeln läßt? Regen niemanden wirklich Demokratiedefizite auf? Bemerkt so gut wie keiner, dass durchaus die alles andere als erfreulich zu nennende Möglichkeit besteht, dass unsere Gesellschaften von der vielleicht schon in Teilen stattfindenden Postdemokratie künftig in eine Art von Diktatur zu rutschen?

Beschweigen der wirklichen Missstände und das Versagen der Medien

Zu konstatieren ist ein unheimlich zu nennendes Schweigen im deutschen Walde. Beschwiegen werden die wirklichen Missstände in der Republik. Sind viele Menschen nicht in der Lage sie erkennen und folgedessen zu fürchten? Freilich sind die gängigen Medien - elektronische wie gedruckte - nicht ganz unschuldig an diesem Zustand. Sie nivellieren, sind zunehmend unkritisch und führen die Menschen oft eher hinter die Fichte. Plappern nicht selten viel lieber selbstherrlich Regierungspolitik unkritisch nach, als sich via ordentlicher Recherche zu bemühen Hintergründe tiefgründig recherchierend zu erhellen. Und den Nutzern nachhaltig Fakten zu liefern damit die in die Lage versetzt werden sich selbst eine Meinung zu bilden. Jämmerlich geschrumpfte Vierte Gewalt! Bundestagspräsident Norbert Lammert hat mit seiner Medienkritik gegenüber dem SPIEGEL deren wunde Punkte betreffs deren Versagens getroffen. Aber Kritik gab es schon vor Lammert. Und damit hätte man ahnen können, wohin der Weg führen kann. Im Jahre 1985 (!) warnte Albrecht Müller (heute Mitherausgeber der NachDenkSeiten) in Reaktion auf Neil Postmans "Wir amüsieren uns zu Tode": "Das Fernsehen bedroht die Demokratie" - lesenswert!

Kein Interesse den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu finden?

Doch lassen wir das Fernsehen beiseite. Können wir die ganze Schuld an der Misere dem Fernsehen zuschieben? Was ist mit den Bürgerinnen und Bürgern? Dem Souverän. Ist dieser denn en masse nicht interessiert mit Kant gesprochen einen Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu finden?

Deutschland betreffend kommt, in die Geschichte zurückblickend, diesbezüglich wenig Hoffnung auf. Der Deutsche Michel und wir wollen politisch korrekt bleiben: die Deutsche Micheline sind dazu offenbare nicht in der Lage, noch haben sie ein gesteigerte Interesse daran ihre selbstverschuldete Unmündigkeit abzuschütteln.

Deutscher Michel russisch potenziert

Ein Beispiel dafür fand ich neulich in einer Begegnung der eher unheimlichen Art. Immerhin: es war ein Tag vor Halloween! Und das Beispiel heckte sozusagen, potenzierte sich gar noch.

Gesprächsgegenstand war die skandalöse NSA-Affäre. Mein Gegenüber, ein Deutscher Michel, in Reinkultur, der mit seiner Glatze und den zurecht gedopten Muskelpacketen Ähnlichkeiten mit dem Michelin-Männchen aufwies, zuckte nicht nur verbal mit den Schultern: Ja, schlimm sei das. Aber machen könne man da sowieso nichts. Vielmehr sei das doch immer schon so gewesen.

Mein Hinweis auf anderes, in den letzten Jahrzehnten etwa über "Reformen" ins Werk gesetzte Empörenswerte und darauf, dass die gesellschaftliche Zu- und Umstände hierzulande doch schon einmal halbwegs gerechter gewesen wären, liefen ins Leere.

Russischer Durak sekundiert deutschem Michel

Was will man machen, so wurde mir vom deutschen Michelin-Mann entgegengeschleudert, die da oben machten doch sowieso was sie wollten. Und die bei besagter Begegnung ebenfalls anwesende dritte Person, ein Deutscher mit weissrussischem Migrationshintergrund sekundierte dem Deutschen Michel übereifrig und machte sich in meinen Augen damit zum Durak. Das ist ein russisches Schimpfwort und heißt Dummkopf. In diesem Falle: politischer Dummkopf. Denn ich möchte dem Manne ansonsten nicht weiter näher treten. Er ist nämlich gut ausgebildet und belesen. Da ging es im Gespräch längst um Machtmissbrauch bzw. um Korruption. Ich erlaubte mir zu kritisieren, dass ich es ziemlich anrüchig finde, dass Politiker nach ihrem Ausscheiden aus Regierungsämtern in Konzerne wechseln. Erst recht wenn es sich um Sozialdemokraten handele, die wie Kurt Beck nun der Pharmaindustrie dienten. Ach, beschied mir der Weißrusse mit deutschem Pass, dass sei eben so. Es machten doch alle so. Ob im Kommunismus. Oder Im Kapitalismus. Putin sei doch seinerzeit auch plötzlich vom gläubigen Kommunisten zum orthodoxen Gläubigen konvertiert. Und überhaupt: Altkanzler Schröder, Putins Gazmann, habe russische Waisenkinder adoptiert und verlange nicht einmal Kindergeld vom deutschen Staat (ob das stimmt? Ich kann es mir nicht vorstellen). Das sind ja wirklich schlagende Argumente. Auwa! Mögen sie auch noch verquer daher kommen. Kann der Mensch so wenig Demokrat sein, so wenig Interesse daran haben, den fraglos im Menschentier wohnenden Schweinehund entgegentreten?

Der Deutsche Michel im Bunde mit dem russischen Durak mit deutschem Pass. Deutsch-Russische Freundschaft, der unheimlichen Art. Otschen charascho!

Einer sich ankündigenden Schnappatmung kam ich mit tiefem Luftholen und einem langsam aber kräftig In-den-Bauch-Atmen prophylaktisch zuvor.

Schlimm ist Gleichgültigkeit

Die eigentümliche Moral von der Begegnungs-Geschicht': Das hier beschriebene Phänomen der Gleichgültigkeit im Zusammenspiel einer als naiv zu bezeichnende anscheinend grenzenlose Duldsamkeit ist also keinesfalls nur eines, das nur beim Deutschen Michel auftritt. Stéphane Hessel bezeichnet es in einem Kapitel von "Empört euch!" das "Ohne mich" (das reaktionslose Hinnehmen von Ungerechtigkeiten also) auf Seite 13 seines Manifests als "das Schlimmste, was man sich und der Welt antun kann". Und weiter: "Den "Ohne mich"-Typen ist eines der absolut konstitutiven Merkmale des Menschen abhanden gekommen: die Fähigkeit zur Empörung und damit zum Engagement."

Empören um sich zu engagieren

Gründe zur Empörung liegen derzeit gehäuft auf der Straße. Nicht erst seit Edward Snowdens Offenbarungen zur NSA-Tätigkeit in aller Welt und Deutschland im Besonderen Wellen machen. Nicht nur Professor Josef Foschepoths Veröffentlichungen deuten darauf hin, dass Deutschland nach wie vor nicht vollständig souverän ist. Wann zeigt sich der Souverän (nicht nur) auf der Straße, um die sich dort häufenden Gründe der Empörung zum Anlass zu nehmen, um Widerstand im Sinne Stéphane Hessel zu leisten, weil "Widerstand leisten heißt Neues schaffen"?

Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren

Es ist bestimmt wahr, dass der Einzelne nicht viel leisten kann. Aber etwas tun kann jeder Mensch. Gleichgültigkeit verschlimmert die üblen Zustände nur. Menschen, die meinen, man kann eh nichts machen oder: das war doch schon immer so, mögen bevor das aussprechen eines Stéphane Hessel und der vielen Mitglieder der Résistance erinnern. Deren Kampf gegen die nazideutschen Besatzer mag ihnen bisweilen auch ziemlich aussichtslos erschienen sein. Doch sie haben begriffen, dass er notwendig geworden war. Getreu dem Spruch: Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Der obrigkeitshörige Deutsche Michel und sein Pendant, der russische Durak, werden mit ihrer dumpfen Gleichgültigkeit zur Verschlimmerung bereits jetzt kritischer gesellschaftlicher Entwicklungen sowie zur Zerstörung der Demokratie und Beschädigung der Menschenrechte beitragen.

Diejenigen aber, die sich dem entgegen, ganz im Sinne der Intensionen des unvergessenen Stéphane Hessel darüber empören und sich für eine menschenwürdige Welt einsetzen, werden sich für diese Sache engagieren.

16:53 02.11.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

asansörpress35

Politischer Mensch, der seit der Schulzeit getrieben ist, schreibend dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen.
asansörpress35

Kommentare 2

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community