Die Ordnung der Revolte

„Gelbwesten“ "EN ISO 20471" heißt die Warnweste weltweit. In Frankreich beerbt sie nun die revolutionäre Symbolik
Die Ordnung der Revolte
Die „gilets jaunes“ waren lange das Gegenteil von Ungehorsam und Aufstand. Nun sind sie ein grelles Signal gegängelten Bürgers

Foto: Cunaplus M. Faba/IStock

Frankreichs Revolutionäre sollte sie vereinen – die Jakobinermütze war einmal eine große Idee, sie war das Erkennungszeichen der Robespierre-Anhänger, der Sansculotten, der kämpfenden Arbeiter und Kleinbürger. Die Jakobinermütze stand für Freiheit, Brüderlichkeit, vor allen Dingen aber für die Gleichheit der Revolutionäre. Gleichzeitig war die sogenannte Phrygische Mütze ein großes symbolisches Missverständnis: Die Barrikadenkämpfer setzten die Kopfbedeckung im historischen Irrglauben auf ihre wutroten Köpfe, dass sie in der Antike bereits von befreiten Sklaven getragen wurde. Das stimmt allerdings nicht, denn die hatten den aus Filz geschnittenen „Pileus“ auf dem Scheitel. Die „Phrygische Mütze“ war in Wahrheit ein gegerbter Stier-Hodensack, der dem antiken Träger die Potenz eines Bullen verleihen sollte.

Dieser Tage herrscht erneut Revolutionsstimmung in Frankreich. Die Mode allerdings hat sich geändert. Derzeit kämpfen die „Gelbwesten“, die „gilets jaunes“, auf den Champs-Élysées und in der gesamten Republik gegen die Erhöhung der Benzinsteuern und den Staat, wie Emmanuel Macron ihn sich vorstellt. Billige Warnwesten als Symbol einer Aufstandsbewegung gegen die gestriegelte Anzugspolitik von Macrons „En Marche“-Bewegung. Keine blau-weiß-rote Demokratiebewegung, sondern ein neonleuchtendes Ausrufezeichen, das Kommunisten und Nationalisten mit dem französischen Wutbürger vereinen soll.

Ikonografisch ist das ein spannender Fall. Schließlich erzählt die kurze Geschichte der Warnweste so ziemlich das Gegenteil von Ungehorsam, Revolution und Aufstand. Erfunden wurde sie, um Schutz zu gewähren, nicht um Chaos zu stiften. Sie sollte das Personal von Flughäfen, Brummi-Fahrer, Jäger und Bauarbeiter durch erhöhte Sichtbarkeit sichern. Außerdem werden Ordner jeder Art mit den „gilets jaunes“ ausgestattet, um das öffentliche Durcheinander mit harter Hand zu organisieren. Irgendwann wurde die Warnweste dann zum Accessoire pflichtbewusster Helikopter-Eltern: kein Kindergarten-Ausflug ohne Apfelscheiben in Tupperdosen und viel zu großen gelben Jäckchen. Die merkwürdige Spezies radikaler Radler trägt Warnwesten so selbstverständlich über der Jack-Wolfskin-Jacke wie den mit Plastiktüte geschützten Fahrradhelm auf dem Kopf und die neongelben Hosen-Klettbänder um die Schienbeine. Etwas Spießigeres als Warnwesten gibt es eigentlich nicht – höchstens Gartenzwerge (die – warum eigentlich? – weitgehend ohne Gelbwesten auskommen).

Es waren die Engländer, die irgendwann Warnwesten für Hühner (in den Modellen neongelb, pink und blau) entwickelt und erfolgreich exportiert haben. Die EU verstand weniger Spaß. Sie hat sich die „gilets jaunes“ bürokratisch vorgeknöpft und vereinheitlicht: Im Rahmen der Angleichung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten für persönliche Schutzausrüstungen wurde eine Norm für Warnwesten eingeführt, die den Titel EN ISO 20471 trägt. Seither gilt, dass in Pkws „Warnkleidung mitzuführen ist, die den Durchführungsanweisungen zur DGUV Vorschrift 70 entspricht, die auf DIN EN 471 und bestimmte Anforderungsmerkmale dieser verweist“. Ausgerechnet dieses weltweit genormte Kleidungsstück soll nun für eine neue französische Revolution stehen? Brennende Autos statt Schutz für Autofahrer? Unordnung und Aufstand statt Klamotte für Ordner? Staatsstreich im Mäntelchen eine EU-Norm? Die vom Staat verpflichtende Klamotte für den Freiheitskampf? Handelt es sich hier etwa zum zweiten Mal in der Geschichte Frankreichs um einen modischen Irrtum der Revolutionäre? Sind die „gilets jaunes“ die phrygischen Hodensäcke unserer Zeit? Und handelt es sich in Frankreich in Wahrheit um eine Neon-Revolution nach DIN-Norm?

Ganz so einfach ist es nicht. Wahrscheinlich ist kein anderes Kleidungsstück in so vielen Haushalten vorhanden wie die Warnweste. Sie gehört in jedes Auto wie das Toilettenpapier auf ein WC. Die Warnweste ist das Accessoire, durch das ein Volk in Wahrheit vereint wird. Ein Affront gegen Yves Saint Laurent, Jean Paul Gautier und Karl Lagerfeld, wobei Letzterer wahrscheinlich behaupten würde, jeder, der eine Warnweste trägt, habe längst die Kontrolle über sein Leben verloren. Die Warnweste ist so praktisch-rational wie die Guillotine und die günstigste und sozial verträglichste Uniform (den Viererpack gibt es ab 10,99 Euro). Sie symbolisiert die Geschichte der Arbeiterklasse und verkörpert gleichzeitig das im Namen der Sicherheit unterjochte Volk. Und das Wichtigste: Die gemeine Warnweste schreit ununterbrochen, Tag und Nacht, in neon-schriller Deutlichkeit: „Schaut auf mich! Vergesst mich nicht!“

Auf alten Gemälden trägt Frankreichs Revolutionsikone, die Marianne, übrigens mit großem Stolz eine Jakobinermütze, während sie über brennende Barrikaden stürmt. Der deutsche Michel wurde von den Franzosen dagegen schnell mit einer zwar ähnlichen, aber vollkommen anders konnotierten Kopfbedeckung bedacht: mit einer Schlafmütze. Als Symbol dafür, die Revolution verpennt zu haben. Während die Jakobinermütze es bis in die demokratische Mode der USA gebracht hat, ziert die Schlafmütze bis heute hauptsächlich die Gartenzwerge in deutschen Vorgärten.

Letztlich hat sich in Europa seit der ersten Französischen Revolution eben nur wenig verändert. Während die Pariser mit der Warnweste die Straßen stürmen, kutschieren die Deutschen das Modell EN ISO 20471 pflichtbewusst im Kofferraum herum. Und wenn sie es doch einmal hervorholen, dann um in der winterlichen Dunkelheit gut sichtbar – zum Biofeinkostladen zu radeln.

06:00 01.12.2018
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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