Der vergessene König des Chicago Blues

Muddy Waters Stellen Sie sich vor, einer der bedeutendsten Musiker des 20. Jahrhunderts feiert seinen 100. und kaum jemand bemerkt es
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So geschehen mit dem gerade vergangenen Geburtstag von Muddy Waters, dem König des Chicago Blues und einem der wichtigsten Vorläufer des Rock’n'Roll. Sowohl die Rolling Stones, die ihn abgöttisch verehrten, als auch das Rolling Stone-Magazin haben sich nach einem seiner Songs benannt. Normalerweise liegen zu solchen runden Jubiläen in den Redaktionen die Würdigungen schon bereit, denn sie sind ja gut planbar. Man erzählt die vielleicht schon vergessene Lebensgeschichte noch einmal, oder versucht neue Aspekte zu entdecken, Verbindungen zur heutigen Musik und Gesellschaft aufzuzeigen.

Verkaufskräftige und noch heute populäre Musiker/innen werden ohnehin gewürdigt, dass auch an hierzulande weniger bekannte Musiker wie Woody Guthrie gedacht wurde ist sicher auch der Lobbyarbeit einzelner Leute zu verdanken. Da haben die Freund/innen der Arbeit von Muddy Waters offenbar geschlafen. Und die Redaktionen ebenso – entweder waren sie sich Muddy Waters Bedeutung nicht mehr bewußt oder dachten, er macht keine Auflage.

Geprägt vom Delta-Blues

Guckt man sich nicht nur die Eckdaten, sondern auch die Bedeutung von Muddy Waters und des von ihm repräsentierten Chicago Blues an, müsste eigentlich nicht nur gerade Muddy-Waters-Monat, sondern sogar Muddy-Waters-Jahr sein. Muddy Waters (4. April 1913 – 30. April 1983) wurde als McKinley Morganfield in einem kleinen Nest in Mississippi geboren und wuchs nach dem frühen Tod seiner Mutter in der Kleinstadt Clarksdale bei seiner Großmutter auf. Hier war der Delta-Blues lebendig, und Robert Johnson will an einer Kreuzung der Stadt seine Seele an den Teufel verkauft haben, um den wahren Blues spielen zu können (wobei auch andere Orte diesen Anspruch erheben).

Zunächst übte Muddy Waters seine musikalischen Fähigkeiten auf der Mundharmonika, bis er sich eine Gitarre kaufen konnte. Neben der lokalen Livemusikszene beeinflussten ihn auch die ersten Aufnahmen von Johnson und Son House, die als recht neue Erfindung unter der Sparte Race Records als Schellack-Singles an die afroamerikanische Bevölkerung verkauft wurden. So entwickelte er seine eigene Bottlenecktechnik.

Erste Aufnahmen

Seine Brötchen verdiente er sich vorrangig in der Landwirtschaft. In der Zeit der Großen Depression war die gerade aufblühende junge Plattenindustrie ins Schlingern geraten, die Menschen hörten lieber Radio, das ebenfalls gerade nei aufgekommen war, weil es das umsonst gab. Darunter litt besonders die Nischenmusik, Race Music und Hillbilly. Während letztere jedoch im Radio ein neues Zuhause fand, mussten viele afroamerikanische Musiker zurück in die Felder und die lokalen Juke Joints. Auch im Krieg war Schellack rationiert und wenn Platten gepresst wurden, dann meistens Pop.

Eine Ausnahme war jedoch die Library of Congress in Washington unter der Leitung von Alan Lomax, die mit einem kleinen Budget weiter ihren Auftrag verfolgen konnte, die untergehende Folkmusik der Vereinigten Staaten aus der Zeit vor der mechanischen Reproduktion zu sammeln. Schon Lomax Vater John war durch die Gefängnisse der Südstaaten gereist und hatte die Spirituals, Field Hollers und den Blues der dort zahlreich inhaftierten Afroamerikaner aufgenommen und Bluesmusiker wie Leadbelly entdeckt. Muddy Waters, der zu dieser Zeit eine Kneipe betrieb, bekam so mitten im Krieg die Gelegenheit, seine erste Platte aufzunehmen. Diese Songs landeten jedoch zunächst im Archiv und wurden erst Ende der 60er kommerziell veröffentlicht. Muddy Waters war jedoch von der Erfahrung fasziniert, seine eigene Stimme aus der Jukebox zu hören.

Nach Chicago

Im Zuge der zweiten Great Migration, in der Millionen von Afroamerikaner/innn aus dem Süden ihr Glück in den großen Industriestädten des Nordens suchen, um schlechten ökonomischen Bedingungen und Rassismus zu entfliehen, ging auch Muddy Waters 1943 – der drei Jahre zuvor schon einen Anlauf genommen hatte – endgültig nach Chicago, mit dem Ziel, seine Musikerkarriere auszubauen. Zunächst arbeitete er als Fahrer und in einer Fabrik, spielte jedoch abends in den Blues Clubs der vorrangig von Afroamerikanern bewohnten South Side. In diesem von heftiger Konkurrenz geprägten Umfeld machte er sich, gefördert unter anderem von seinem Kollegen Big Bill Broonzy, schnell einen Namen. Da die Clubs sehr eng und laut waren, begann er 1945 zur neu aufkommenden elektrischen Gitarre zu greifen, um sich Gehör zu verschaffen. Damit – und auch den neuen Erfahrungen – änderte sich auch sein Stil. Mit seinen Begleitmusikern in der Band experimentierte er mit den neuen Möglichkeiten und entwickelte prototypische Elemente dessen, was bald Rock’n'Roll werden sollte.

König des Elektrischen Blues

Nach dem Krieg bekam er erste Möglichkeiten, Songs für kommerzielle Labels aufzunehmen, u.a. für Aristocat, aus dem später das legendäre Blues-Label Chess werden sollte. Nach ersten lokalen Erfolgen entwickelte Muddy Waters mit seiner Begleitband, zu der u.a. Gitarrist Jimmy Rogers, Mundharmonikaspieler Little Walter, Pianist Otis Spann und Bassist und Komponist Willie Dixon gehörten, seinen eigenen Erfolgs-Stil. Mitte des Jahrzehnts veröffentlichte er die Klassiker, für die er heute noch berühmt ist, wie Hoochie Coochie Man, Just Make Love und Mannish Boy. Der Musikexperte Robert Palmer merkte später an, dass die mangelnde Subtilität und das Machogehabe dieser Songs gar nicht typisch für Muddy Waters waren, ihn aber so auf dem hart umkämpften Markt etablierten. So stieg er zu einem der erfolgreichsten Bluesmusiker auf und tourte innerhalb und außerhalb der USA. Besonders seine Konzerte ab 1958 in England sollten entscheidende Auswirkungen haben, da er dort zum ersten Mal den elektrischen, wilden Chicago-Blues präsentierte und eine ganze junge Generation dort den Stil entdeckte.


Eine neue Generation übernimmt

Aber schon in den späten 50ern war der Rhythm & Blues bei Muddy Waters bisherigem Hauptpublikum, den Afroamerikanern, als populäre Musik durch neue Stile verdrängt worden – Doo Wop, Twist und Soul. Schwarze Rock’n'Roller wie Bo Diddley und Chuck Berry, die seit 1955 in den Fußstapfen von Muddy Waters folgen, erreichten zunehmend auch ein weißes Publikum. So musste er sich nach einem neuen Fans umschauen. Muddy Waters konnte sich 1960 beim Newport Jazz Festival zum ersten Mal in den USA einen vorrangig weißen Mittelklassepublikum präsentieren, und festigte mit der Liveaufnahme des Konzert seinen Ruf vor allem in Europa. 1963 versuchte das Chess Label seine Popularität auch in den USA, die gerade mitten im Folkrevival war, wieder zu erhöhen, in dem er sich auf seine akustischen Wurzeln besann und ein Album mit Country Blues einspielte. Damit tourte er auch in Europa, wo das Interesse an afroamerikanischem Blues inzwischen immens gewachsen war. Die Verkaufszahlen blieben schlecht und das Chess Label suchte weiter nach Möglichkeiten, Muddy Waters' Popularität bei einem potentiell interessierten Zielpublikum wieder zu erhöhen, indem sie verschiedene Besetzungen und stilistische Veränderungen testeten – mit durchwachsenem Erfolg.

Seit Mitte der 60er war Musik, die auf elektrischem Blues basierte, auch in den USA wieder populär geworden. Allerdings wurde sie jetzt von jungen weißen Männern gespielt. Durch die British Invasion war die afroamerikanische Musik, die vorher rassistisch geprägten Vorurteilen unterlag, durch junge Briten, allen voran die Muddy-Waters-Fans The Roling Stones, ins Bewusstsein der weißen Mittelschichtsjugend getragen worden – in einer Form, mit der sie sich identifizieren konnten. Sie griffen die Riffs auf, gründeten ihre eigenen neuen Blues Bands.


Supergroups der Alten, Väter und Söhne

Die alten schwarzen Recken der Musik wurden, um den Trend zu nutzen, zusammengetrommelt und spielten als “Supergroup” zwei erfolgreiche Alben ein, in der Besetzung Muddy Waters, Bo Diddley und Little Walter bzw. Howlin’ Wolf. Auf dem 69er Album Fathers and Sons spielte Muddy Waters mit jungen US-amerikanischen Verehrern – Mike Bloomfield, Paul Butterfield und Donald „Duck“ Dunn. In den 70ern machte er Aufnahmen mit britischen Musikern, Rory Gallagher, Steve Winwood, Georgie Fame und Mitch Mitchell, und trat später im Film The Last Waltz, dem aufgezeichneten Abschiedskonzert von Dylans einstiger Backing-Band The Band mit Butterfield auf. Ende des Jahrzehnts produzierte der weiße Bluesgirarrero Johnny Winter seine letzten vier Alben und spielte darauf auch. Sie wurden als qualitativ annehmbar akzeptiert und als Come-Back gehandelt. Mit von der Partie waren neben Muddy Waters aktueller Liveband auch immer alte Wegbegleiter wie Otis Spann und Jimmy Rogers.

Muddy Waters war nicht wirklich glücklich über die Zusammenarbeit mit den jungen weißen Musikern. Es half ihm ökonomisch und er blieb im Gespräch, aber er fühlte sich musikalisch zu fremd mit ihnen. Trotzdem sie gute Musiker waren, konnten sie seiner Version des elektrifizierten Deltablues und seiner Verwendung von mikrotonalen Intervallen nicht folgen. Seinen Ruf als exzellenter Livemusiker hielt er über die Jahre aufrecht, und war so auch häufig in der Welt unterwegs.

Die letzten Jahre

Ende der 70er ging es jedoch mit Muddy Waters Gesundheit bergab. Er konnte immer weniger Verpflichtungen annehmen und geriet in Streit mit seiner Band, die für die weniger werdenden Shows mehr Geld haben wollte. In Chicago erwiesen ihm 1981 Mick Jagger, Keith Richards und Ron Wood, die gerade dort auf einer Tour Halt machten, noch einmal die Ehre, als sie sich in einem Club zu ihm auf die Bühne gesellten. Gut vorbereitet, wurde diese Kollaboration mitgefilmt und später veröffentlicht. 1982 trat er das letzte Mal auf – als Ehrengast in einem Konzert von Eric Clapton, der ebenfalls stark von Muddy Waters Musik beeinflusst war.

Das Erbe

Vielleicht hat das “Übersehen” von Muddy Waters 100. Jubiläum auch damit zu tun, dass inzwischen auch die Musik von Muddy Waters Jüngern als Altherrenmusik gilt. Blues ist derzeit nicht angesagt, sondern wird zumeist nur von einem betagteren Nischenpublikum goutiert. Doch neben einigen schwarzen Musikern, vom spät entdeckten R.L. Burnside bis zur gerade aufstrebende Valerie June, die den in ihrer Community seit Jahrzehnten völlig unpopulären Sound wieder aufgriffen und modernisierten, beziehen sich auch einige immens populäre weiße Bands erfolgreich auf die Tradition und lassen sie in hippem Gewandt wieder auferstehen, namentlich The White Stripes und The Black Keys bzw. deren Mitglied Dan Auerbach. Aber nicht nur den Retrosound von heute hat Muddy Waters beeinflusst – er war eine wichtige Verbindung zwischen der ländlichen schwarzen Musik und dem Rock’n'Roll in einer Musikgeschichte, die ohne ihn anders verlaufen wäre. Jetzt wird er - und mit ihm symbolisch der afroamerikanische Blues - aus dem Kanon geschrieben - indem man ihn ignoriert.

Zuerst veröffentlicht auf Popkontext.de

13:28 08.04.2013
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Popkontext

Journalistin, Bloggerin, DJ, Fotografin - Kultur, Medien, Politik, Sprache // Websites: popkontext.de / wortbetrieb.de
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